ZIELLOS QUERFELDEIN, Kapitel 8: SOMMERENDE

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8. Sommerende

Unsere Mötörön-Sitzung geht mal wieder sehr sportlich und überhaupt nicht im Sitzen von stat­ten. Tanjas wippenden Korkenzieherlöckchen entströmt der vertraute Erdbeerveilchenduft, als sie ihr Sicherungsseil bei mir einhakt und sich wiederholt versichert, dass sie mir nicht zu schwer ist. In ihrem Kletteranzug mit den ganzen Seilen um den Brustkorb hat sie was von einer Superagentin. Apropos super, Maria arbeitet jetzt bei Audi und redet sogar wieder mit mir, auch wenn sie nun weit im Süden unseres Landes ist.

Neben mir erkundigt sich Anke differenziert bei Tanja, ob sie wirklich bis ganz oben klettern sollten, während Özlem, zu erkennen am weißen Basekap mit dem Firmenlogo von Mötörön auf der Stirnseite, bereits von dort ruft, ob sie jetzt könnte.

Darauf prüft Anke noch einmal den Karabinerhaken am Seil um ihre Taille und gibt ihr Okay. Wie eine Fliege an der Wand gleitet Özlem den hohen, grauen Natursteinfelsen hinunter, der allein zu diesem Zweck aus dem Harz geliefert wurde und nun unweit von Tor drei neben dem Parkur auf der Firmenanlage einge­graben steht. Der Gipfel wird von einem kranähnli­chen Aufbau verunstaltet, über dessen Rollen die Klet­terseile laufen. Konzentriert Seil gebend, starrt Anke in die Luft zu Özlem, bis sie, ohne einmal abzuruts­chen, den Boden erreicht.

Özlem ist immer noch mit Richard zusammen und ich bin überglücklich mit Da­niel, sogar zu meinen Großeltern hat er mich begleitet. Er studiert jetzt Architektur, was sein Traum war.


Unterdessen ist Tanja bestimmt schon anderthalb Me­ter hoch gekommen, bevor sie anfängt, den Felsen zu kritisieren. Der habe zu wenige Löcher und Vorsprün­ge und sei völlig ungeeignet. Deshalb tauschen wir und ich klettere nach oben, nicht weit von mir entfernt, versucht Anke ihr Glück, während Özlem sie absichert.

Unter mir liegt die Baustelle Bahnhof Ostkreuz und weiter hinten die des Ostbahnhofes, neben der S-Bahn fließt die Spree. Ein paar Kajakfahrer schießen zügig vorüber und im Park am ehemaligen Punkerhaus sit­zen Mütter mit ihren Kindern. Das Haus ist neu ge­deckt und die Loggien sind abgerissen worden. In ei­nigen Fenstern hängen Gardinen oder Fensterbilder, was auf neue und ganz andere Bewohner zurückzu­führen ist.

Anke baumelt inzwischen in der Luft an ihrem Seil und wird von Tanja und Özlem langsam zu Boden ge­lassen, dass neben mir der Kranarm ächzt. Solange mich niemand hält, will ich nicht absteigen, deshalb warte ich, bis Özlem neben mir auftaucht und gratu­liert, dass ich es geschafft habe.

Wür sollten gucken, ob wür uns gegenseitüsch ab­süscharn können, damüt nüsch ümma einar unten war­ten muss, Aldar.“ Obwohl ich das ziemlich riskant fin­de, stimme ich zu. Özlem hakt je ein Ende des in der stählernen Halterung eingefädelten Seiles an ihrer und an meiner Hüfte fest, bevor wir uns rück­wärts über die Kante lassen. Nachdem ich mit den Fü­ßen Halt gefunden habe, kraxele ich langsam abwärts.

Özlem ist wesentlich schneller als ich und zieht am Seil, weshalb ich versuche, mich zu beeilen. Auf der Mitte der Kletterwand; ich schwitze angestrengt; rut­sche ich ab und falle. Mit ratterndem Herz stoppe ich und pendele wie ein Sack an dem Seil. Obwohl sie mich wie sich vor Lachen kaum halten kann, habe ich Sekunden später festen Boden unter den Füßen und atme erleichtert und irgendwie erholt auf.

Wollten wir nicht ein bisschen quatschen?“, fragt Anke und erinnert somit an den eigentlichen Zweck unseres Treffens. Auch Özlem zieht ihre Kletterweste aus und meint:

Varschüben wür dü nächste Runde auf morgen. Üsch wüll es mal ohne Hülfe probürn. Üsch hab ein ganzes Set sone Haken zum Schüßen besorgt, dü haben Nylonseile dran, die hunderdzwanzüsch Külo tragen.“

Bei kühlem Mineralwasser nehmen wir auf den Stühlen unter dem Sonnenschirm Platz. Wir beglückwünschen uns gegenseitig zum Erfolg unseres ersten Mötörön-Kalenders, der ziemlich klischeehaft aus zwölf hinreißend kreierten Erotikfotos besteht. Natürlich gebührt der Haupteil der Anerkennung Özlem und Anke, während Tanja das Binden übernommen hatte.

Öner hatte große Bedenken, ob wir nicht die Kundschaft verlieren werden, wenn wir die Preise um zwei Prozent erhöhen, um diese zwei Prozent in Baumpflanzungen zu stecken. Wir haben sogar einige Kunden dazu gewonnen, vorzugsweise Ökopapas, die bei uns ihren Fahrradhelm aus erdölfreiem Plastik oder einen neuen Sattel mit Hanfpolsterung kaufen und nach Erscheinen des Kalenders, von dessen Umsatz zwanzig Prozent in mein Baumprojekt fließen, haben wir die Preise wieder runtergesetzt.

Die Mutter eines der Kindergartenkinder, die ich dank Gabriels Vorschlag gefahren habe, meinte, was ich mit den Kleinen mache, sei ‚Gehirnwäsche’, was mich schwer getroffen hat, vor allem, weil sich einen Tag zuvor ein Vater beschwert hat, dass sein Sohn meinetwegen jetzt ein Fahrrad haben will und er sich das nicht leisten könnte.

Deshalb wollte ich die Touren sein lassen, aber Rosalie überzeugte mich, mir wegen ein paar Gegnern nichts ausreden zu lassen, weil Lea seitdem viel ruhiger geworden sei.

Am besten kommt bei den Kindern an, wenn ich die Lupen austeile und sie kleine Tiere auf morschen Baumstämmen ausfindig machen dürfen, aber auch Pilze und Pflanzen, die wir dann bestimmen, während die Rentner sich eher für die Fernglasbeobachtung der Vögel begeistern.

Sie erzählen den Kleinen von ihrer Jugend und wie schön es damals überall gewesen wäre, als es noch nicht soviel Müll gab. Dafür erfahren die Alten von den Kindern, was es in der heutigen Zeit bedeutet, das Leben noch vor sich zu haben und welche Erfindungen an ihnen vorübergegangen sind.

Erst zeige ich ihnen den intakten Teil der Natur, wo die Mädchen Blumen und Schmetterlinge bestaunen, die Jungs ungeheuerliche Libellenlarven aus den Wasserstellen fischen und dann erkläre ich an irgendeiner Baustelle, wovon immer eine auf dem Weg liegt, was das Bäumefällen für die Vögel und den Menschen bedeutet, dass es keine Libellen und Frösche mehr geben wird, wenn wir das Wasser weiterhin verplempern und bald keiner mehr Luft bekommt, wegen der Verschmutzung.

Das Nette an Kindern ist, dass sie zuhören, ohne die Gegenargumente der Wirtschaft aufzuführen oder schockiert über das Gehörte zu sein. Jedes Mal sind zwei, drei Asthmatiker oder anderweitig allergische Kinder dabei sind, von denen ich gut (und etwas fies) sagen kann: ‚So könnte es uns allen gehen.’ Bei den unter Zehnjährigen löst dieser Satz jede Menge Neugier und Anteilnahme aus, die Rentner jedoch winken nur ab und erklären, was sie schon alles ‚Schlimmeres’ durchgemacht haben.

Zum Abschluss der Rundfahrt, bei der auch jeder, der möchte, selbst in die Pedale treten darf, erläutere ich immer kurz, wie wichtig Bewegung ist, das Fahrradfahren und zu Fuß gehen also nicht nur der Luft und dem Wasser hilft, sondern auch der eigenen Gesundheit. Um den Zeitgeist zu treffen, umschreibe ich das mit Fitness und gutem Aussehen.

Wir sollten Kinderfahrräder kostenlos verleihen.“, schlage ich den Mädels vor und erhalte keine Gegenstimmen. Anke kramt einen großen, braunen Umschlag aus ihrer Umhängetasche und erklärt:

Unsere Boden- und Gewässerproben wurden ausgewertet und sehen nich gut aus. Der Boden ist zu sauer und das Wasser enthält Spuren von Teer, wahrscheinlich von den Holzwegen, die über das Moor führen.“ Weil ich das gerade im Zusammenhang mit Froschlaich gelesen habe, berichte ich:

Wir könnten durch Kalkanreicherung versuchen, den pH-Wert hinzubiegen.“ Die Achseln vorübergehend hebend, sagt Anke:

Gute Idee. Aber ich wollte vorschlagen, dass wir das Land kaufen und den Baumbestand sichern, da wird wie wild Holz geklaut.“

Irgendwann werden sich die Meisten ein Stück Land aneignen, um irgendetwas anzubauen und nicht zu verhungern, wenn die Lebensmittelpreise weiter steigen, da ist es bestimmt gefährlich, Landbesitzer zu sein.

Wir sollten einen Zaun drumherum bauen.“, empfehle ich. Özlem sieht auf und antwortet:
„Abar süschar, Aldar! Sobald wür jeden Wald unn jeden See gekauft haben!“

Cool. Gründen wir jetzt ein Königreich?“, will Tanja lächelnd wissen und Özlem nickt.

Lass uns die Weltherrschaft an uns reißen!“, lacht Anke und wir singen alle vier zeitgleich die Melodie einer Zeichentrickserie über zwei Mäuse:

The Pinky, the Pinky, the Pinky and the Brain, Brain, Brain…“ Nachdem wir geklärt haben, wie viel das Land kosten wird, beschließen wir, noch mehr Kalender mit erotischem Schmetterling zu drucken und weitere Verkaufsstellen für die Postkarten an Land zu ziehen, dann verabschiede ich mich und eile nach Treptow in mein neues Zuhause.

Unter der S-Bahnbrücke hindurch, in den Treptower Park, nach links, in Richtung der Spree und mitten in diesem Grün, wo Morgens um sechs die ersten Hunde kläffen, wohnen wir jetzt. Sollte ich versehentlich rechts abbiegen, gelange ich an eine hohe Statue eines russischen Soldaten mit überdimensionalen Schwert, einem Kind auf dem Arm und dem zerschlagenem Hakenkreuz darunter, die auf fünftausend Gebeinen stehend, fast zwölf Meter hoch, aus dem Wald ragt. Wie der Volkspark Friedrichshain, wurde die Parkanlage von Gustav Meyer angelegt, mit denselben Rundwegen, die die Fläche optimal ausnutzen sollen, daher für mich bekanntes Terrain.

Am Steg muss ich durch eine grüne Stahltür eintreten, an zwei anderen Hausbooten, unseren Nachbarn, vorbeilaufen und dann an Deck gehen.

In der Küche brodeln Töpfe auf dem Herd unter dem geöffneten Bullauge. Daniel hat die dunkle Lackierung unserer alten Einrichtung abgeschliffen, dann die Türen der Schränke, den Tisch und die Sitzbank grün lasiert. Ansonsten ist alles aus hellem Ahornholz und unter den Hängeschränken bilden Mosaikfliesen zwei große gelbe Sonnenblumenköpfe, der Zwischenraum ist lindgrün gefliest. Zu jeder Klappe und Schublade gehört ein Verschlussriegel, um im Notfall alles sichern zu können.

An die freundliche Küche schließt das Wohnzimmer an, durch welches man ins Bad gelangt. Hinter der rechten Seitenwand dieser beiden Räume befindet sich das Schaufelrad, welches auf Grund des lauten Rauschens nur zur Fortbewegung dient und doch nicht als Stromerzeuger genutzt wird. Dafür haben wir eine Solaranlage auf dem Dach installieren lassen und eine Wasseraufbereitungsanlage, die wir mit einem zweiarmigen Hebel bedienen können.

Hagen hat im erdfarbenen Wohnzimmer einen Ofen eingebaut, den man mit neutralverbrennenden Presspfirpfeln beheizen kann. Momentan fehlen uns noch ein paar Möbel, aber wir wollen auf eine braune Glattledercouch sparen, die würde gut ins Zimmer vor den Kamin und zur Sandsteintapete passen. In der hinteren Ecke führt eine nachträglich hinein gezimmerte Wendeltreppe nach oben ins Schlafzimmer. An das Wohnzimmer schließt unser zweigeteiltes Badezimmer an. Neben einer ovalen Badewanne unter dem Fenster zur offenen Spree, funkelt ein hübsches, gelbes Waschbecken unter den Spiegelfliesen, ansonsten ist Platz, um sich anzuziehen oder Einzucremen, ohne irgendwo anzuecken.
Im Toilettenraum wartet die Waschmaschine, die durch Druckbedampfung mit nur zwanzig Prozent der normalen Wassermenge auskommen soll.

Gelegentlich kreischt eine Möwe vor dem Fenster und perfektioniert das Idyll. Daniel hat schon Kataloge für eine Weltreise besorgt. Inzwischen sind wir beide selbstständig gemeldet, wofür ich einen Gründerzuschuss erhalten habe, und verdiene momentan über dem Satz für Hartz vier, aber ich befürchte, es wird nicht immer so rosig aussehen. Für die Internetseite von Mötörön fotografiere ich die Kollektion, damit man sie gleich ins Netz stellen kann. Özlem bezahlt mich dafür nicht schlecht, weil der Web-Verkauf sehr gut läuft und Rosalie hat sich der Website angeschlossen, weshalb ich auch ihre abgefahrene Kollektion fotografieren durfte. Unser Internetanschluss, von dem wir den Webverkauf dann von überall aus durchführen können, ist bereits freigeschaltet. Daniel entwirft weiterhin Silos als freischaffender Bauzeichner und erstellt nebenbei Websites für seinen Homepage-Provider.
In zwei Stunden wollen wir am Rosenthaler Platz sein, weil ich Rosalie Lea abnehmen soll, bis Alex sie abholt, damit Rosi sich um die Gäste kümmern kann, weshalb ich jetzt unter die Dusche hüpfe.

Werde ich in zwanzig Jahren noch auf unserem Hausboot wohnen, wenn die Spreequelle ausgetrocknet ist und der Fluss von der Ostsee abwärts fließt? Oder werde ich im ausgetrockneten Flussbett auf auf Rollen Windsurfen, während langsam die Dünen von der Ostsee nach Berlin wandern? Wie groß wird meine Freiheit in dieser Zukunft sein, wenn dazu der Ozean an allen Küsten knabbert?

Wird das Hausboot sinken? Machen Gezeitenkraftwerke, und Wasserkraftwerke Sinn, ohne berechenbare Flüsse und Meere? Werden die Windkraftwerke den Stürmen der Zukunft stand halten können? Bei der Vergrößerung des Ozonlochs wird die Solarkonstante steigen, wir gewinnen sicher viel mehr solarthermische Wärme und photovoltaische Energie, wenn nicht die Herstellung von Fotoelementen bis dahin ein Problem darstellt. Aber wie heiß wird es dann sein?

Wenn alle ihren Luxus erhalten wollen, wird es nicht für jeden reichen. Ich hoffe, bis dahin habe ich ein eigenes Fischbecken, denn Fische sind Mangelware. Zum Glück habe ich eigene Tomatenstauden und den Zitronenbaum.
Wahrscheinlich gibt es keine Landwirtschaft mehr, wie ich sie kenne, wegen der anhaltenden Trockenheit, monsunartigen Regengüssen und übermäßigen Schädlingsbefall, denn die Insekten werden die Welt erobern, wie Gabriel sagt. Dann wird vom Getreide bis zum Gemüse alles in Hochhäusern untergebracht sein, wo man es schön unter Kontrolle hat und wächst nicht mehr unter unseren Füßen sondern aus Platzgründen über den Köpfen.

Ich besorge uns ein paar Moskitonetze und wenn die Flut kommt, lichten wir den Anker. Was den Rest angeht, klammere ich mich an meine Bilder. Auf denen bleibt der Schnee für immer liegen.

Seit einer halben Stunde ist Alex überfällig, weshalb Daniel und ich mit Lea vor dem vom Bass laut dröhnenden ‚Rosalies Rock Rub A Dub’ stehe. Der Krach stört kaum jemanden, denn die umliegenden Clubs und Bars sind ebenfalls deutlich zu hören. Abgesehen von Rockern, Motorradfahrern und modebewussten Geschäftsleuten, ist die gesamte Besetzerszene der Oranienstraße gekommen.

An der Fassade haben wir Luftschlangen, Lampions und silbernen Luftballons angebracht, obwohl es in Mitte harte Bestimmungen für den Fußweg gibt und wir im Falle einer Kontrolle schnell alles abnehmen müssen, weil wir keine Genehmigung bekommen haben. Auf dem Schild über dem Laden ist der Name in hawaiibunten Lettern angeschlagen und in den Schaufenstern warten ausgefallene Strumpfhosen, Haarreifen mit Katzenohren, Gürtelschnallen als Rosenblüten und glitzernde Ballarinaröckchen aus Tüll. Ein bisschen, wie ein Kinderladen.

Weil ich so ein buntes Volk wie bei dieser Eröffnungsfeier selbst in Friedrichshain oder Prenzlauer Berg nicht alle Tage zu Gesicht bekommen, halte ich den Fotoapparat griffbereit.

Endlich taucht Alex auf; ich hätte ihn fast nicht erkannt. Seine Haare sind viel kürzer und in der Mitte auf dem Scheitel hat er sich eine penisförmige Glatze ausrasiert. Zudem trägt er eine seltsame Lederkluft mit Schulwappen irgendeiner Highschool, weshalb ich ihm Lea eigentlich gar nicht geben möchte.

Sie macht mir einen Strich durch die Rechnung, indem sie schrill kreischend und mit wippender rötlicher Lockenpracht auf ihren Vater zu läuft. Daniel fragt mich:
„Darf ich reingehen? Ich will das krasse Tiki-Wettessen nicht verpassen!“, was ich ihm lächelnd gestatte, und mich geschmeichelt fühle, dass er fragt.

Wie geht’s dir?“, will ich von Alex wissen, der sich sehr in den Bootsbau reingehangen hatte. Er streicht sich durch seine Frisur und guckt kurz nachsinnend, vielleicht überlegt er, wo seine Haare sind. Langsam sagt er:

Ging schon besser. Is nich leicht, von vorne anzufangen. Ich muss mich erstmal selbst finden. Die letzten Jahre habe ich nur nach Rosalies Wünschen gelebt, dass ich meine gar nicht mehr weiß.“

Erst will ich ihm aufzeigen, weil ich die Sache mit Tanja gut im Gedächtnis behalten habe, dass er an der Situation selbst Schuld ist, doch er sieht so mitgenommen aus und Rosalie flirtet rücksichtlos mit ihrem Mitarbeiter Markus, dass ich nur frage:

Und dazu gehört die neue Frisur?“, worauf Alex grinsend nickt und meint:

Is’n Psychoflat. Der wächst schnell wieder raus. Ich will spontaner sein und mich nich von der Meinung anderer leiten lassen. Nächste Woche fliege ich nach Auckland, vom Funkturm jumpen, weiß gar nicht genau, wie hoch der is, aber zum ordentlich Schiss kriegen wird’s reichen. Dann geht’s an die Küste zum Surfen. Ich schreib dir ne Karte. Wär auch lieb, wenn du nach meinem Anteil vom Haus sehen könntest. Rosalie lässt sich ja gar nich mehr blicken, seit sie über dem Laden wohnt. Der Garten sieht aus, wie ein Dschungel. Aber ich mach für die Hütte keinen Finger mehr krumm, Rosalie wollte das unbedingt kaufen.“

Ich merke, dass da noch Einiges unausgesprochen ist, zwischen den Beiden, aber in Liebesdinge mische ich mich sicher nicht mehr ein, ich hab ja bei Carmen und Müller gesehen, wo sowas hinführt.

Schöne Reise. Meld dich nochmal, bevor du fliegst.“, sage ich voll Sehnsucht nach der Ferne.

Dann winken Vater und Tochter, bevor sie in die Straße entlang verschwinden. Gerade als ich hineingehen will, kommt ein schwankender Geselle mit Schlapphut den Bürgersteig entlang, der einen riesigen Buckel zu haben scheint. Es ist Müller, der ein neues Saxophon auf dem Rücken trägt.

Müller!“, rufe ich höchst überrascht aus. Er legt ein zahnloses Grinsen auf und schlägt mit flacher Hand auf meine ein, bevor er uns die klingelnde Tür aufhält. „Hereinspaziert!“, sagt er im Tonfall eines Zirkusdirektors, lüpft den Hut und ich lache. Ein schwerer, schwarzer Ledervorhang dämpft die Geräusche aus dem Laden solange, bis ich ihn zurückziehe, worauf mir gleich eine Ladung Zigarettenqualm ins Gesicht schlägt.

Die Mischung aus Rockern, Punks, Skatern und irgendwelchen mir unbekannten Glaubensrichtungen macht einen Heidenlärm, als der Saxophonist den Raum betritt. Die Verkaufsfläche wurde frei geräumt, nur die Seitenregale sind bunt bestückt und mit Taschen und Ketten behangen. In der Mitte hat Rosalie einen alten Stammtisch aufstellen lassen, auf dem sonst die Unterwäsche aufgebahrt ist und heute die Bandmitglieder anstoßen, ansonsten gibt es eine lange Tafel für die restlichen Besucher.

Zum Sitzen hat sie alte Kirchenbänke heranorganisiert, das sieht man hier in mehreren Läden, genau wie große, lederne Ohrensessel auf flauschigem Teppich vor einem Kamin; vermutlich sind die für die gelangweilten Ehemänner der Kundinnen. Die Gäste, die keinen Sitzplatz ergattern konnten, stehen zum Tanz bereit oder mir Gläsern in der Hand unter den Warenregalen. Dank etlicher Bühnenbauer im Bekanntenkreis konnte aus einzelnen Platten ein Podest, unter dem ein Berg von bunten Kabel versteckt liegt, für die Musiker errichtet werden. Müller legt sein Instrument auf die Bühne und gönnt sich zunächst ein Bier am Stammtisch.

Benjamin aus dem ‚Abgedreht’ ist da, mit derselben zersausten Mäcke und den klobigen DocMartens-Schuhen, was für Tanja und Anke irgendwie anziehend zu sein scheint, da sie ihn von beiden Seiten belagern.

Auch Richards ehemaliger Chef Wilhelm ist mit seiner Lebensgefährtin anwesend, dazu liegt die vollschlanke Fee zu ihren Füßen und sabbert auf den dunklen Dielenfußboden. Ihr Frauchen und deren Freundin sind nicht in Sicht, dafür wird soeben unter großem Radau die Tafel von beinahe leer gegessenen kalten und warmen Platten befreit, die paar übrig geblieben Häppchen darauf verschwinden beim Durchreichen.

Richard jammert Sebastian, Paul und Karl die Ohren über seinen Eierhobel voll, womit er sein Rennrad meint, wobei sich Özlem und ihre Brüder desinteressiert zurückziehen und lieber Gabriel lauschen, der in einer Runde Alternativer vergessene Geschichte über die Tunnel unter Berlin erzählt. Während Tanja die Zither erklingen lässt, wozu sie sich erotisch tänzelnd bewegt, und die ersten Models, welche Rosalies farbintensive Kollektion in eher ungewöhnlichen Posen auf der Holztafel vorstellen und auch sonst nicht das Klischee der Catwalks erfüllen, versuche ich, Müllers Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.

Sag mal, hast du wirklich versucht, Paul umzubringen?“, gebe ich mir lauthals Mühe, die Umstehenden zu übertönen, damit er mich hört. Belustigt schwenken seine wässrigen Äuglein unter den faltigen Lidern zu mir herüber.

Wie kommst de denn da druff? Soweit ick weeß, wurde die janze Jeschichte fallen jelassen, wejen ‚mangels Beweise’.“

Plötzlich pfeift er mordsmäßig laut, denn Mechthild betritt den Tisch: In Lackstiefeln, schwarzer Leopardenstrumpfhose, einem durchsichtigen, abstehenden Tüllröckchen und einer Cowboybluse ohne Knöpfe, zum Zusammenknoten vor dem Bauch. Sie schwingt die Hüften, kreist mit den feisten Pobacken und zeigt ohne Hemmungen, was sie hat, bis auch die hinterste Reihe ihre Achselhaare entdeckt hat.

Meine Neugier bezüglich Paul ist längst nicht gestillt, weshalb ich Müller weiterhin bedränge:

Also was nun, haste oder haste nich?“

Hab ick wat?“, fragt Müller perplex zurück. Ich gucke ihn an, als ob er nicht alle Latten am Zaun hätte.Weil ich eine Nervensäge bin, löchere ich Müller weiter:

Ob du Paul ausfindig gemacht und versucht hast, Carmens Tod zu rächen?“, worauf sämtliche Punks im Umkreis zu uns, mit allerlei Gestik und verzerrten Gesichtern, aus Leibeskräften brüllen,:
„Rache!“

Müller hebt die Achseln und lässt sie fallen, bevor er meint:

Vielleicht war ick’s, vielleicht nich, so jenau weeß dat keener.“

Nun grölt der erste Krebspatient:

Vielleicht war icke dat!“, worauf Mechthild krächzt:

Nee, icke war’s!“, bis jeder Gast sich mindestens einmal bekannt hat, es gewesen zu sein. Es könnte am Alkoholspiegel liegen, daran, dass keiner eine Ahnung hat, worum es eigentlich ging oder aus echter Kameradschaft.

Lass uns kurz ins Lajer jehen.“, flüstert er laut, dass es der ein oder Andere mitbekommt und anzügliche Sprüche abgibt. Mit gesenktem Kopf folge ich dem alten Kauz in den Lagerraum hinter dem Tresen und er sieht hinter jeden Karton, ob sich irgendwer versteckt hält. Eine Sekunde lang überlege ich, ob er mich jetzt beseitigen wird, aber bei seinen knochigen Armen erscheint es mir unwahrscheinlich.

Dat war en Missverständnis jewesen: Ick dachte, Carmen, Jott hab meene Perle seelich, ihr Sohn mit seene Kumpels hat se erschlachen, wejen den Samstach, wo se mich ihrem Sohnemann vorstellen wollt. Da sin mer zum Boxi jekutscht, hatte mich extra schick jemacht un so.

Hab mich mit ihm jestritten un seen Kompagnon Karl hat denn versucht, mich niederzuschlagen. Damit hatte icke überhaupt nich jerechnet, aber meene Carmen hat reajiert, schnell wie de Blitz un mit den Schraubenzieher den Uuffständichen zu Boden jestreckt, dann sin mer in entjejenjesetzte Richtung uff un davon. In die Nacht hab ick die Tür janz jemacht und allet uffjeräumt, so war dat ja keen Zustand. War hatten abjesprochen, dat ick zu ihr ziehe. Se hat mir erzählt, dat se och nich weeß, wat dat mit ihrm Sohn is.

Und als se en paar Wochen druff verschwunden is, hab ick se jesucht. Hab ihrn Sohnemann nur deshalb ordentlich in die Mangel jenommen. Vielleicht warn wer leicht in die Überzahl… Paul hat’s jedenfalls überlebt und er hat die Anzeeje jegen mich zurückjenommen, dufter Junge. Er hat och mildernde Umstände jekriecht, wejen der Sache mit de Beerdijung. Mehr gibt’s nich zu sagen, gloob mir, Linda. Eins viellecht noch: Der Mord an meene Perle war ’ne Beziehungstat. Die dachten erst, icke wärs jewesen, aber denn kam raus, ihr Ex, der Heinz, wars. Hat sich gleich danach selbst uffjehangen.“, sagt er abschließend und ich bewundere, wie gut er damit umgeht.

Akzeptierend erkundige ich mich:

Was ist mit ihrer richtigen Beerdigung?“

Schon erledigt. Mein Familiengrab schien mir gemütlich für sie.“ Darauf dreht er sich beschwingt um, klopft mir auf die Schulter und meint:

Nix wie wieder rein, dat Bier wird warm.“, worauf wir die brodelnde und tropenmäßig temperierte Halle betreten.
Die Band betritt gemächlich die Bühne. Mechthild und die schwer einschätzbare Mieze um die fünfzig mit den kurzen feuerroten Haaren und den Katzenohren samt Schnurrhaaren werfen eifrig, wie zwei Kinder bei der Erstkommunion, Konfetti über unsere Köpfe, das hartnäckig überall hängen bleibt. Daniel zupft an meinem Kleid, dass ich schon befürchte, gleich oben ohne dazustehen, und bettelt:

Lass uns auch Konfetti werfen!“ Hoffnungsvoll blicke ich zu Mechthild hinüber, die soeben Fee abklopft, weil diese eingeschneit ist, und Mechthild versorgt uns mit Papierflocken. Dann muss Daniel auf die Bühne.

Irgendwie bin ich froh, dass Müller nicht in den Bau gehen musste; sein Saxophon würde fehlen. Paul hat sich inzwischen ja erholt und nachtragend scheint er nicht zu sein.

Bemerkenswerterweise hat sich jedes Bandmitglied zu Ehren der Sängerin und Ladenbesitzerin in eine noble schwarze, ungarische Tracht aus Brokat und Seide im Schnitt des siebzehnten Jahrhunderts geschmissen.
Neben Daniel steht Mechthild, die das Scheinwerfer­licht sichtlich genießt. Sie spielt Klarinette, nennt sie aber Schalmei, Paul bläst Trompete, Richard die Mundharmonika, die Zither schlägt Tanja und gibt der Band ein noch abgefahreneres Aussehen. Langsam be­tritt Rosalie die Bühne und lässt ihre rauchige Stimme ertönen. Über den großen schwarzen Kontrabass, an dessen Griffbrett eine schwarze Plastikfledermaus baumelt, beugt sich Benjamin, dessen Gesicht man wegen der davor hängenden Haare nicht sehen kann.

Der Schweiß des Bassisten Benjamin spritzt bei seiner wilden Spielart und auch Rosi ist inzwischen hochrot im Gesicht. Die Stimmung erreicht ihren ausgelasse­nen Höhepunkt, als Özlem sich in den Rock’n Roll einreiht und die Beine in die Luft wirft. Die Gläser klirren, Hände klatschen rhythmisch und Rosalie geht mit dem Mikrofon in der Hand auf Daniel zu. Er legt seine Gitarre aus der Hand und sieht mir tief in die Au­gen. Dann beginnt er, zu singen. Ich bin so versun­ken in seine tiefe, schöne Stimme, dass ich nichts um mich herum mehr mitbekomme. Er singt durch die Rauchschwaden hindurch etwas, dass er selbst ge­schrieben hat und vom Reisen zu Zweit und für immer handelt.

Erst als er von der Bühne steigt, bemerke ich zu mei­ner Verwunderung, dass alle Blicke auf mich, statt auf ihn gerichtet sind, während die Band schwungvoll weiter musiziert. Daniel legt das Mikrofon ab, greift meine Hände, dreht mich taktvoll im Kreise, dass mir mein Kleid um die Hüften flattert, bis die Band ver­stummt und er vor mir auf die Kniee geht. Nun habe ich eine Vermutung, was er vorhaben könnte und mein Herz schlägt schneller. Aber er wird das doch nicht wirklich machen? Ich sehe mich unsicher um und dann ihn erwartungsvoll an. Er lächelt.

Linda?”,

Ja?” Die Leute um uns herum werden unruhig.
„Hat sie nich grad ja gesagt?”, flüstert einer und der neben ihm tuschelt:

Junge, mach hinne, sonst wird die alt, bevors vorn Altar geht.”

Daniel holt Luft und ein Samtbeutelchen aus der Hosentasche.

Tja, ich hab das noch nie gemacht… Ich liebe dich, Linda. Mit dir will ich mich in jedes Abenteuer stürzen und für den Rest meines Lebens mit dir durch Dick und Dünn gehen.”

Özlem treibt Daniel mit ihrem üblichen Spruch, er solle sich keinen Zahn lockerquatschen, dazu an, sich kurz zu fassen, und Mechthild wirft ein, wie schlecht das Getrödel für seine Kniee sei.

In dem Augenblick ist der Ring aus dem Säckchen befreit Ich erwache wie aus einer Trance, als er ihn mir an den Finger steckt und flüstert:

Willst du meine Frau werden?” Eine angenehm erregende Gänsehaut rieselt an mir herab.

Der Ring ist wunderschön.

Oh Gott, na endlich, das hat ja ewig gedauert!”, ertönt da wieder aus der Reihe vor uns Mechthild. Müller unterbricht den Störenfried:

Nun seit doch mal leise, verdammt, sie hat doch noch jar nich ja jesagt!”

Da daraufhin eine wilde Wettdebatte ausbricht, ob ich sowieso ja sage oder ein Nein wahrscheinlich ist, ziehe ich lächelnd Daniel hinter mir her vor die Tür.

In Daniels Armen riecht die Nacht mild und sehr nach Glück, als ich ihm:

JA, ICH WILL! Ich will dich für den Rest meines Lebens bei mir haben!”, ins Ohr hauche; den Geruch werde ich mir für immer merken.

-ENDE-