ZIELLOS QUERFELDEIN Kapitel 7: HANDSCHELLEN

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7. Handschellen

Als ich gegen vier Uhr morgens, noch vor Sonnenaufgang aufgewacht bin, lag Richard zu meiner Verwunderung nicht neben mir. Vor dem Zelt war er auch nicht. Weil ich dachte, er könnte Angeln gegangen sein, bin ich ans Wasser gelaufen. Dort traf ich Philip an, der gerade seinen gesamten Fang wieder frei ließ.

Oh schade, dann gibt’s wohl keinen Fisch zum Frühstück?“, habe ich gesagt. Dann ist mir eingefallen, dass ich Philip heute nach Berlin bringen wollte und habe aufs Handy geschaut. Keine Meldung von Clarice. Darauf habe ich mich wieder hingelegt und da war kein Richard. Jetzt wache ich in Richards Armen auf und frage mich, wo er gewesen ist.

Richard und ich sind allein im Zelt. Eigentlich will ich ihn gleich zur Rede stellen, doch er albert übertrieben ausgelassen herum und kommentiert die warmen Temperaturen mit dem Spruch:

Das is ein Wetter zum Königskinder zeugen!“

Dar­aufhin fällt er über mich her und beraubt mich der we­nigen Sachen, die ich anhabe. Nach ein paar Sekunden gewinne ich die Oberhand und sitze rücklings auf sei­nem Schoß, als er mir ins Ohr haucht:

Dein Poloch sieht verführerisch aus.“, und mit sei­nem Finger zwischen meinen Pobacken verdeutlicht, was er sich vorstellt. Erschreckt rolle ich mich von ihm herunter und rufe wütend aus:

Was? Fühlt sich meine Muschi nicht gut genug an?“

Verletzend kommt mir ein alter Spruch von Jungs vom Schulhof in den Sinn, die davon sprachen, sich in aus­geleierten Löchern wie eine BIFI, die man in die Turnhalle wirft, zu fühlen und ich bekomme eine grauenvolle Angst, Richard nicht zu genügen, ob­gleich er sich inbrünstig entschuldigt, er habe gedacht, alle Mädchen würden darauf stehen, und mir versi­chert, alles würde sich traumhaft und perfekt an­fühlen.

Leider schaffen es diesmal seine Komplimente nicht, mir zu schmeicheln, denn ich habe ihn deutlich vor Augen, wie er gestern zu Alex gesagt hat, dass man Frauen erzählen muss, was sie hören wollen. Um nicht zu streiten, lächele ich und ziehe mich wieder an.

Aus seinen eisvogelblauen Augen blitzt die Ehrlich­keit, als er um Gnade ringend sagt:

Es tut mir wirklich Leid. Meine letzte Freundin fands geil; sie meinte, so kann sie wenigstens nicht schwanger werden. Ich hatte keine Ahnung, dass es nicht dein Ding ist.“

Mit dieser Aussage bessert sich mein Befinden nicht, weil ich irgendwie kein Bild da­von im Kopf haben wollte, wie sein Schwanz im Po einer anderen herumbohrt. Außerdem scheint es seine Vorliebe zu sein. Immerhin bin ich jetzt im Bilde. Ob er mich oft mit seiner Exfreundin vergleicht? War sie im Bett besser als ich? Ich frage mich, wieviele mei­ner Exfreunde mich wegen anderer sexueller Wünsche schon verlassen hatten, ohne es mir zu sagen.

Zum Zelt weht der Duft von knusprigen Crêpes her­ein, die Maria in mehreren kleinen Pfannen auf der letzten, von ihr ausgegrabenen Glut, gebacken hat.

Is nich schlimm. Lass uns frühstücken gehen.“, beende ich die unangenehme Situation und werfe ihm seine Hose zu.

Noch immer kein Wort von Clarice und auch der jetzige Versuch, sie anzurufen, bleibt unerhört.

In reiner Mädchenrunde sitzen wir um den verkohlten Aschehaufen unseres Feuers von letzter Nacht herum; die Pfannen stehen leer gegessen und fettig neben uns im Gras.

Rosalie bemuttert am Buick die krän­kelnde Lea, indem sie diese in Sonnenmilch einlegt.

Maria zimmert am Laptop die ersten Entwürfe für Anzeigen, die Mötörön prä­sentieren sollen, während ich mich frage, wann ich losfahren kann, wie ich Philip dazu bringen soll, ein­zusteigen und ob es überhaupt das Richtige ist, ihn nach Berlin zurück zu bringen. Schließlich vermisst er seinen Vater. Zum dritten Mal an diesem Morgen rufe ich Clarices Handynummer an, doch das Handy ist nun ganz aus und nur die automatische Mailbox geht ran.

Unerwartet werden wir in dieser Minute von einem sich nähernden ‚Tuck, tuck, tuck’ gestört.

Wer könnte das sein?“, fragt Maria besorgt. Ich hoffe, dass es nicht Viktor ist.

Dürfen wir hier denn offiziell campieren?“, weist Maria darauf hin, dass wir ein wenig aufräumen soll­ten.

Wir springen auf und werfen die so freigewordene Decke über unsere Lagerstatt, um diese zu verste­cken. Die Feuerstelle verscharren wir mit den Füßen. Anke reißt das Zelt ein, indem sie die Eckstangen umschubst, nachdem die Halteleinen ge­löst sind. Anschließend bedecken wir die Zeltplane mit Laub und Ästen.

Gespannt visieren wir die sandige Straße an, auf der ein voll bepackter LKW und ein dahinterher krie­chender PKW näher rollen.

Mehrere Kerle im besten Alter, springen aus den Fahrzeugen und stellen sich vor. Es sind vier ehemalige Klassenkameraden von Daniel, die zwar auch alle nicht mehr in Rostock woh­nen, aber hier ihren Urlaub verbringen. Sie haben trotz der frühen Stunde Werkzeuge in den Händen, was für mich nicht nach Erholung aussieht.

Maria, Anke und ich gucken uns an und fangen an, herzhaft zu lachen. Heiter deuten wir auf das versteck­te Zelt und auch die Neuankömmlinge belustigen sich köstlich über diese Aktion, bevor sie es innerhalb we­niger Minuten wieder aufgebaut haben.

Der Tages­ablauf verliefe zwischen essen und schlafen, wenn die Jungs vom Schlafen etwas hielten. Obwohl sie sich gerade mal zwei Stunden aufs Ohr gehauen haben, sind sie schon voller Elan mit dem Bootsgerüst be­schäftigt, was auch daran liegen könnte, dass die Vor­räte an Pott aufgebraucht sind. Sie werfen einen Gene­rator an und verteilen Kabeltrommeln auf dem Grund­stück.

Da ich die geplante Fahrt nach Berlin verworfen habe, weil Clarice nicht erreichbar ist, wäre ich gern mit meinen Freundin­nen und Philip nach Stralsund ans Meer gefahren, aber Philip spielt leidenschaft­lich mit einer Gruppe kreischender Mädchen, die alle vier die Töchter von einem der Kumpels von Daniel sind. Für Tanja, Anke und Maria sind zwei stattliche Männer zum An­schmachten darunter, die wohl in die Mucki-Bude gehen und mir zu muskulös sind, schließlich will ich nicht zerquetscht werden.

Die biegen soeben die Schiffsbohlen zwischen die Rippen, es fällt cremeweiße Hobelspäne zu Boden und auf das klackernde Geräusch des Hammers, der die Nagelköpfe trifft, antwortet die Werfthalle uner­müdlich mit ehernem Echo.

Richard und Hagen stehen mit nacktem Oberkörper im Schatten vor dem Bootsrumpf und streichen die Planken, während Özlem neben einer großen blauen Gasflasche auf einem rollenden Skeleton darunter liegt und mit einer hässlichen Schweißerbrille im Ge­sicht unter dem Basekap den Schlingerkiel mit dün­nem Stahl umhüllt. Vom Ufer herauf verläuft ein Gar­tenschlauch, mit dem sie ihr Werk zum Schluss ab­spritzt, bis die Pumpe prustend die weitere Wasser­zufuhr versagt.

Derb fluchend rennt Özlem zum Ufer und ich folge ihr.

Sie begutachtet die billige Pumpe und entdeckt einen Riss im Plastik, worauf sie noch gröber schimpft.

Kann ich irgendwie helfen?“, biete ich meine Unter­stützung an. Überrascht schaut sie auf und wendet die Augen wie schuldbewusst von mir ab.

Yo Aldar, beim Wasserholen.“, antwortet sie verle­gen, nimmt das Cap vom Kopf, schüttelt die dunklen Haare entlüftend und setzt die Mütze wieder auf.
Ihre seltsame Verlegenheit ignorierend, frage ich:

Und mit was?“, denn außer unseren Kaffeebechern haben wir keine Gefäße dabei. Doch sie scheint gar nicht mehr zu wissen, um was es geht. Stattdessen brüllt Özlem Daniels Namen über den Platz und er­kundigt sich nach einer Ersatzpumpe.

Daniel kommt tatsächlich mit einer zweiten Pumpe herbeigeeilt und verkündet, er wolle erstmal die Saug- und Druckventile überprüfen; er steht schon halb im Wasser. Ich bin beeindruckt, dass er wirklich al­les beherrscht, doch das Wasser erfüllt mich mit Skepsis.

Unter der schwarzen Oberfläche leben gefährli­che Tiere, zum Beispiel giftige Gelbbrandschwimm­käfer und Schwimmwanzen, die beißen.

Özlem watet dennoch hinein und macht einige Schwimmzüge. Plötzlich schreit sie in einer Tonlage, die vermittelt, dass etwas Furchtbares pas­siert sein muss. Hilf­los stehe ich neben ihr am flachen Ufer und sehe dem wildem Gestrampel zu, der sicheren Überzeu­gung verfallen, dass eins dieser an der Ostsee häufig vorkommenden Seeungeheuer angreifen würde. .

Da beginnt Özlem, verlegen zu lachen, stellt sich hin und steht nur noch bis zu den Knien im Wasser.

Hoppla, Alda ey, bin aufm Grund aufgekommen, hat sich angefühlt, wie ein Tier. Dachte, mich beißt was.“, erklärt sie, bevor sie sich mit Daniel gewissenhaft dem Aufbau der Flügelpumpe hingibt. Kurz darauf spru­delt das Wasser wieder und Özlem gönnt den Kindern eine erfrischende Dusche. Sie weicht mir aus mir aus, oder aber ich bilde mir das nur ein.

Lea ist nicht unter den Kindern. Sie hat vermutlich einen Sonnenstich abbekommen, weshalb sie in der Werfthalle im Sportbuggy sitzend schläft.

Rosalie kommt von dort auf mich zu und berichtet von ihrem Besuch bei der Rostocker Polizeidienststel­le, den sie gemacht hat.

Bei der Bürokratie isch es an Wunder, dass die über­haupt irgendwen fasse. Erschtma ham die mich ne Stunde warte lasse und denn wollte se mir nich ma sage, was se unternehmen werde, aba isch hab dene alles so erzählt, wie dus mir erzählt hascht, alla.“

Ich bin mit dieser Information zufrieden, weil ich an­nehme, dass Viktor dingfest gemacht wird und keine Hundertschaft hinter dem von ihm entführten Philip her stürmen muss. Rosalie für ihre Mühen dankend und damit sie ein bisschen Zeit für sich hat, verspre­che ich, ein Auge auf Lea zu haben, was bei einer Schlafenden nicht schwer ist.

Philip wird sehr enttäuscht sein, wenn sein Vater nicht kommt, denke ich schuldbewusst.

Zum Trocknen in der Sonne stehend, unterhält sich Daniel mit Hagen und dem Vater der vier Mädchen über das Gewicht des Schiffes, es scheint um die Überführung nach Berlin zu gehen. Wir nehmen es also wirklich mit.

Verschiedene Schleusen und Schiffshebewerke, bei denen mehrere Tonnen je nach Gegengewicht auf den großen Schiffswaagen gehoben werden, die Schiffseisenbahn zum Trockentransport oder nass der Trog bei der hydraulischen Variante, könnten unterwegs genutzt werden, doch dazu ist laut Daniel vielleicht ein Schiffsbrief über den Eintrag im Schiffsregister als Binnenschiff nötig. Eine Ausweichmöglichkeit wäre ein Container der Bahn, aber da streiken gerade die Lockführer.
Demnach bleibt nur der Transport auf einem richtigen Bootsanhänger, welcher erst beschafft werden will.

Hagen begleitet mich, um nach Lea zu sehen. Wir werden zu meinem Erstaunen nicht gebraucht, denn Rosalie hat sich mit freier Sicht auf ihre Tochter und einem Buch in der Hand an der Abrissbirne neben dem Eingang angelehnt. Ob Hagen aus echtem Interesse heraus oder aus Mitleid fragt, weiß ich nicht, aber er lässt sich geduldig von Rosalie die ausführliche Handlung des Lesestoffes erläutern. Lea schläft friedlich und über ihr fliegen die Schwalben ein und aus.

Als ich um die Scheune herum gehe, steht Alex am Buick. Hinter dem Buick steht der gefundene Stahlwagen als Gehhilfe, darauf die Vorderachse von Daniels Bus.

Kommst du mit nach Rostock?”, fragt Alex mich und ich erkundige mich freundlich, ob er nicht lieber Rosalie mitnehmen sollte.

Die will ein bisschen lesen. Da ist sie froh, wenn ich sie in Ruhe lasse.”

Etwas später fahre ich mit Alex nach Rostock, wo wir den Anhänger abholen wollen, so kann ich sicher gehen, dass er die Finger von Tanja lässt, die ohnehin beschlossen hat, einen der beiden Muskelprotze flachzulegen, während der Zweite von Anke reserviert ist. Richard und Özlem sitzen hinten in Daniels Bus, weil wir sie vorher beim TÜV absetzen wollen.

Schnell stellen wir fest, dass Rostock aus einem Gewirr von Einbahnstraßen besteht, weshalb wir mehrmals im Kreis fahren und schließlich beinahe einem der letzten Trabbis in den Kofferraum donnern, weil er mitten auf der Straße ohne Warnlicht steht.

Alex wirft mir einen seltsam vorsichtigen Blick zu, den er wohl gewohnt ist, in Richtung der Beifahrerseite zu werfen, wenn irgendetwas nicht nach Plan verläuft.

Um ihm Sicherheit zu geben, lächele ich und steige aus.

Noch bevor ich den hellblauen Trabant umrunden kann, werde ich von einem Urossi aufgehalten, indem er mir den Weg verstellt und in einem herzlichen Dialekt sich und seine Familie vorstellt, die im Trabbi schmort. Er rät mir vom Weitergehen ab, da das ‚dode Dier’ keinen schönen Anblick böte. In dem Moment tritt ein militärisch wirkender Jeepfahrer hinzu und verkündet:

Ich bin hier der zuständige Förster. Es geht gleich weiter, sobald der Kadaver beseitigt ist.“

Was ist passiert?“, will ich eindringlichst erfahren. Der Förster setzt eine routinierte Miene auf und meint beiläufig:

Mal wieder ein Reh überfahren… Das ist der Lauf der Natur.“

Am liebsten würde ich ihn an den Schultern packen, schütteln und anschreien, wie das der Lauf der Natur sein kann, wenn ein Unfalltod von einem Kraftfahrzeug verursacht wird, das nicht zu den natürlichen Feinden der Rehe zählt, aber ich steige wortlos wieder zu Alex ins Auto ein und knalle die Tür zu.

Meine Wut wird abrupt gestoppt, als Alex sich unerwartet über mich beugt, mit seinem Gesicht ein paar Sekunden vor meinem verweilt, wobei mich sein nach Mandelcreme duftender Atem streift, und nach dem Gurt greift, um mich anzuschnallen. Vor Verlegenheit errötet, richte ich meine Augen aus dem Fenster.

Endlich geht es weiter. Von dem Reh ist auf der Straße ein blutig brauner Fleck zurückgeblieben.

Bei der Zweigstelle der technischen Überwacher erhalten wir einen Anranzer wegen des unsachgemäßen Transports des Busses, doch wenig später klebt die neue Plakette auf dem Nummerschild.

Ich entdecke einen abschließbaren Duschraum bei den Toiletten, in welchem ich mich, ohne erwischt zu werden, fünf Minuten verbarrikadiere und frisch geduscht herauskomme.

Der angeforderte, zuständige Polizist entfernt in dem Moment die Radkralle vom vorderen Antriebsrad, worauf Özlem und Richard vom Hof fahren.

Abgesehen vom Zickzackkurs um den uralten Lindenpark herum, entpuppt sich die Besorgung des Anhängers als Kinderspiel, weshalb wir kurz darauf wieder an der Werfthalle ankommen. Alex geht sofort mit daran, unter Ächzen und Stöhnen das Schiff umzuladen und in die Werfthalle zu ziehen.

Mit weißen Augen, die sonst rot und viel kleiner sind, begrüßt uns Daniel, der von seiner Gelassenheit nichts eingebüßt hat, während Hagen arg mit den in Aggressivität umschlagenden Nebenwirkungen der unfreiwilligen Rauchpause zu kämpfen hat.

Eine von Daniels dicken Haarsträhnen hält als Haargummiersatz die anderen Dreadlocks zusammen wie ein Haarband, weshalb sein Pharaonenantlitz in voller Schönheit zu bewundern ist. Dies hat auch Maria bemerkt, die Daniel gerade ganz bezaubernd einen Tee anbietet. Warum mich das heute stört, weiß ich selber nicht. Maria wäre perfekt für Daniel und, bis Maria mit Olaf zusammen gekommen ist, hatte ich sogar versucht, die beiden zu verkuppeln.

Daniels Bus wird in dem Moment von Richard vor der Halle geparkt und Özlem steigt aus.

Nachdem sich mein Mitbewohner überschäumend bei ihr für das Instandsetzen seines Vehikels bedankt hat, verstrickt er sich in einer wilde Erklärung über die Funktion von Strecktau und Hangertau, schwenkt dann zu Vor- und Achterholer über, bleibt bei der Takelung hängen, um uns von Rahen, Bäumen und vom Gaffeln zu berichten, bis Özlem irgendwann lässig unterbricht:

Quatsch dür kein Zahn locker, Aldar!“

Schmunzelnd kontert der im Gegensatz zu Özlem blass wirkende Daniel:

Hey, hey, hey, Fräulein! Du brauchst gleich ’ne Anleitung für Essen ohne Unterkiefer, weist!“

Dann sollt üsch dür nüsch nur ein Maulkorb verpassen, sondern gleisch noch Handschelln.“, säuselt die Türkin ihm lächelnd zu und Maria, die wesentlich kleiner als Özlem ist, schiebt sich dazwischen. Daniel bemerkt es nicht einmal und schlendert gutgelaunt zu seinen alten Schulkameraden, die vor dem fast fertig eingeschalten Flussschiff stehen.

Zum Angriff übergehend zischt Maria kaum hörbar und doch flehentlich:

Lass die Finger von ihm!“, worauf Özlem kein bisschen freundschaftlich reagiert, als sie mit einem sich leicht hebenden Mundwinkel und überheblich erhobener rechter Augenbrauen gönnerhaft flüstert:

Ein blündes Huhn fündet auch ma ein Korn.“

Maria schüttelt unwillig den Kopf, doch da sie zu ihrer Sehschwäche steht, besinnt sie sich, grinst und sagt fest:
„Wir werden sehen, sprach die Blinde.“

Während sie sich um Daniel streiten, denke ich darüber nach, wie sehr er mir fehlen wird, weil er leider letztens angedeutet hat, dass er überlegt, ein Jobangebot weiter weg anzunehmen. Ich meine, er ist mein bester Freund und seit Dirk weg ist, auch noch der Einzige, wenn er mich jetzt auch noch verlässt, bin ich allein. Meine Freundinnen sind jede für sich toll, aber natürlich könnte keine Daniel ersetzen, der mir bisher mit jedem Problem geholfen hat, vom Computervirus bis zum kaputten Schrank.

Um die Diskussion zwischen Maria und Özlem zu beenden, werfe ich ein:

Der zieht eh bald weg.“, worauf die beiden Rivalinnen einen Blick wechseln, der Aufschluss gibt, dass eine von beiden diejenige sein wird, die ihm vorher noch zu einer Menge Spaß verhilft.

Plötzlich hören wir Rosalie ziemlich deutlich ihren Mann beschimpfen und in den Buick einsteigen.

Sie hat Lea auf dem Kindersitz festgeschnallt, legt den Gang ein und kommt mit durchdrehenden Reifen in Schwung, um den Hände ringenden Alex hilflos in einer dichten Staubwolke untergehen zu sehen. Es sieht nicht aus, als wolle sie zurück kommen und sie hat sich nicht einmal verabschiedet.

Verdammt!“, flucht er und streicht sich hektisch durch die Tolle, was ihm auch nicht weiterhilft, denn der Buick ist schon verschwunden. Daniel und seine Freunde lassen ihr Werkzeug fallen und bieten sofort an, die Verfolgung aufzunehmen, da sie sowieso zu ihren Frauen zurück müssen.

Nehmt mich einfach nur zum Bahnhof mit.“, verlangt Alex niedergeschlagen und sieht dadurch noch sexier aus.

Es folgt eine groß angelegter Abschied, besonders Philip trennt sich ungern von den vier Mädchen, nun hat er niemanden zum Spielen mehr. Solchen Qualen weichen Tanja und Anke aus, indem sie ihren Adonis-Verschnitten nicht von der Seite weichen. Bei Tanja bin ich mir nicht sicher, ob sie nicht doch wegen Alex mitfährt.

Der Platz lichtet sich, als die Kolonne in Richtung Rostock davonfährt. Mein Freund Richard, sowie meine Mitbewohner Daniel und Hagen, bleiben bei der Arbeit, zumal Özlem sie nicht entkommen lässt. Maria sagt:

Durch Daniel und das, was Tanja gesagt hat, ist mir klar geworden, dass ich Olaf verlassen muss. Ich kann nicht bei ihm bleiben und gleichzeitig nach meiner großen Liebe Ausschau halten.“

Ich nicke, bin aber nicht erleichtert, endlich den Beweis zu bekommen, dass ich nicht allein unter meinen Moralvorstellungen leide, da sie ihre Erleuchtung ausgerechnet einem Verliebtsein zu Daniel und Tanjas Jagdtrieb zu verdanken hat.

Es dauert keine zehn Minuten, da schleppt Philip eine stattliche, frisch gefangene Plötze heran.

Während das Gezänk von Richard und Hagen herüberweht, die sich ordentlich saftige Beleidigungen um die Ohren schlagen, kratze ich am Ufer die Schuppen ab, schneide den Bauch auf, hole die Innereien inklusive der Schwimmblase heraus und spieße den armen Fisch auf einen langen Stock.

Maria und ich drehen den Spieß gemeinsam an je einem Ende über dem spärlichen Feuer, wobei Philip uns mit meinem Fotoapparat ablichtet.

Özlem kommt hinzu und bemängelt entnervt:

Müt Küffan zu arbeiten, dü auf Entzug sün, üs kein Vergnügen!“

Sie begründet so, sich zu einem längeren Spaziergang zurückziehen zu wollen und geht.

Ich finde es toll, dass sich die Jungs aufgerappelt haben und das Schiff in neuem Glanz erstrahlen lassen.

Zu Richard wegen des Drogenverzichts etwas wie: ‚Siehste, geht doch!’ zu sagen, verkneife ich mir gerade so. Da fehlt nur noch das ‚Kindchen‘ am Ende. Ich bin die uncoolste Freundin auf dem Planeten. Hoffe, er merkt es nicht so schnell. Denn auch von Sebastian würde ich Richard in Zukunft gern fernhalten, weil der meiner Ansicht nach einen schlechten Einfluss hat. Kommt rüber wie: ‚Mein Junge darf nicht mit dem bösen Sebastian spielen gehen…’ , also mega uncool, wie ich seine und ich seine Mutter mime.

Essen is fertig!“, rufe ich in Richtung des Bootes, nachdem ich mit dem Kopf die Mittelgräte und den Schwanz entfernt habe.

Es gibt Rotauge.“, fügt Maria an, worauf Hagen eingeübt kommentiert:

Das ist ja obszön!“ und herüberkommt.

Und ob das schön ist.“, antwortet Maria. Richard ist nicht in Sicht.

Jeder ist friedlich mit den Gräten in seinem Fischstück beschäftigt und das laute Schmatzen bekundet, dass es schmeckt. Besonders geschmeichelt sind wir von Hagens Lob, schließlich weiß er als Koch, was gut ist.

Maria schafft es, den Menschen um sie herum immer genau das zu geben, was sie brauchen, wodurch sich in ihrer Gegenwart alles entspannt. Ich genieße Marias Freundschaft, jetzt, da es mit Tanja bröckelt, zu deren Lebensstil ich nicht passe und weil es bitter schmerzt, vergeblich hinter ihrem malerischem Antlitz, nach dem Mädchen zu suchen, das in Auerbach zurückgeblieben ist und weil Tanja es sicher Leid ist, statt Glückwünschen nur Vorwürfe zu hören, wenn sie den nächsten Typen rumgekriegt hat.
Als Hagen wenig begeistert an die Arbeit geht, wäscht Maria das Geschirr am Ufer mit einem feuchten Lappen ab, den sie in einer Ansammlung weiß blühender Pflanzen auswringt. Daniel fragt uns beschwingt:

Wusstest ihr, das diese Große Bibernelle auf Latein Pimpinella major heißt?“, und Maria reicht ihm den nächsten Teller zum Abtrocknen.

Wir schütteln kichernd die Köpfe. Da brüllt von hinten Hagen enthusiastisch und vermutlich auf Richard bezogen:

Wo bleibt dieser scheißfaule Pisser; mir platzt gleich der Kragen, die Kurbel für den Spindelantrieb soll noch angeschweißt werden oder wir brauchen ein gutes Schraubgewinde. Die ganze Inneneinrichtung muss fertig werden, außerdem sollten wir sicherheitshalber die Kastenschlösser gegen Einbruchsichere austauschen und mehrere Knaggen schnitzen und auswechseln, die sind durchgefault. Sollen wir das alles alleine schaffen?“

Daniel rät Hagen galant, dass er auf dem Teppich bleiben solle und Maria bietet unsere Hilfe an.

Aber ich hab vom Schweißen keine Ahnung!“, wende ich rasch ein. Überlegt klärt sie mich auf:

Aber vom Möbelbauen haben wir Ahnung!“

Woraus denn?“, erkundige ich mich ratlos. Hagen zeigt auf einen Haufen vom Holzverschnitt der neuen Plankengänge.

Wie soll es den später aussehen?“, will ich beschrieben bekommen. Abwinkend die Entscheidung auf mich abwälzend, erklärt Daniel:

Ganz, wie es dir gefällt.“

Ich nicke, während die ersten Einfälle mich bestürmen, und wenig später beginnen Maria und ich Schweiß treibend, gleichlange Bretter zuzuschneiden, die sichtbaren Kanten zu pfeilen und zu schleifen. Der Holzstaub riecht harzig nach Wald und kitzelt in der Nase, wodurch ich des Öfteren niesen muss. Außerdem zieht der Staub jegliche Feuchtigkeit aus den Händen, die spröde und rissig werden.

Wie bei einem Puzzle sägen wir Löcher und Ecken hinein, damit sich alles zusammenstecken lässt.

Es ist seltsam still, kein Vogel zwitschert und die Warnow plätschert so seicht ans Ufer, als gäbe sie sich Mühe, nicht aufzufallen.

Daniel und Hagen verpassen dem Steven den letzten Schutzanstrich, Maria und ich ölen die Scharniere der Türen, Luken und Bullaugen, bis das hübsche Schiff äußerlich wie neu erstrahlt.

Von Richard und Özlem ist keine Spur zu sehen, dafür braut sich am Himmel gelblich grau etwas zusammen und wir stellen unsere neuen Schränke in der Halle unter. Der anscheinend kinderliebe Hagen ist noch mit Philip auf dem Boot und nimmt die letzten Maße für die Einrichtung, wobei ich hoffe, dass er seine Songtexte von wandelnden Krebspatienten, die die Maden aus den Augenhöhlen der Toten essen, für sich behält.

Auf der Suche nach Richard, stoße ich auf Anke und Tanja, die erklären, solange gebraucht zu haben, weil der Interconnex nur zweimal am Tag fahre, weshalb sie lange warten mussten, bis Alex einsteigen konnte. Ich will die beiden nicht stören, denn sie glucken ki­chernd zusammen, dass ich mir alsbald Sorgen mache, sie könnten sich gegen mich verschwören, dabei dach­te ich, Anke halte nichts von Tussis.

Weil ich keine Lust mehr habe, nach Richard zu su­chen und um überhaupt irgendetwas zu erfahren, frage ich Daniel, warum Alex unbedingt heute schon abrei­sen musste und er antwortet ohne Überlegung:
„So endet jeder Urlaub mit den Beiden. Das ist Rosal­ies Taktik, ihren Mann an der kurzen Leine zu halten.“

Da ich weiß, dass ich an ihrer Stelle ähnlich reagiert hätte, fühle ich mich von Daniels Antwort persönlich angegriffen und argumentiere verbissen:

Ist es nicht eher so, dass Alex den Bogen überspannt und Rosalies Vertrauen missbraucht?“

Daniel schüttelt mit dem Kopf und erklärt mir leise, damit es die ande­ren nicht verstehen:

Andersrum. Erst seit Alex weiß, dass Lea nicht seine Tochter ist, lässt er sich von Rosi nicht mehr alles ge­fallen. Davor war er ihr wirklich absolut hörig. Jetzt nutzt er jede Gelegenheit, um Rosi zu zeigen, wie es sich anfühlt, betrogen zu werden und versaut ihr und sich damit jeden Urlaub.“ Das arme Kind. Wie es im­mer so ahnungslos nach seinem Papa ruft, ohne an ihm zu Zweifeln…

Warum trennt er sich nicht einfach von ihr?“

Er kann nicht ohne sie. Aber ich schätze, da er ihr den Kanadier nicht verzeiht und sie endlos daran erin­nert, wird sie sich bald scheiden lassen. Rosalie brauchte noch nie einen Mann, sie ist eine sehr starke Frau.“

Er spricht voller Bewunderung und ich denke: Das will ich auch, dass man mich als starke Frau sieht. Oder will ich, dass Daniel mich so bewundert?

Donnergrollen rollt näher und ich bin er­leichtert, als Özlem auftaucht, auch wenn sie mich nicht ansieht. Mit vereinten Kräften decken wir das Boot mit einer Plane ab, weil es kein Tor zum Schlie­ßen gibt, und allmählich verdunkelt sich vom Westen her das Himmelszelt. Der Generator auf dem Platz rö­chelt auf der Suche nach Treibstoff in seinem Tank. Özlem rennt hinaus, schaltet ihn ab und wirft eine kleine Plane darüber.

Unzählige, gespenstisch lautlose Blitze zucken am Horizont aus den Wolken und der kurz darauf folgen­de Donner klingt so unnatürlich, dass mir Wilhelms Theorie in den Sinn kommt, dass heimlich mit dem Wetter oder Raketen herumexperimentiert werde.

Doch in dem Moment frischt der Wind auf und die Abdeckung vom Genarator hebt sich flüchtend. Özlem sammelt fluchend Steine auf und läuft der Plane nach.

Die Wolkenmasse verdichtet sich zu einem schwarzen Brei, woraus wie auf Knopf­druck aus einer Klospülung, kräftig Wasser strömt.

Erfolgreich hat Özlem den Stromspender abgedeckt. Sie kommt durch das Tor zu uns herein, immer noch fluchend.

In Sekundenschnelle ist der Vorplatz durchweicht. Wir stehen neben dem Boot in der Halle und starren fassungslos in die Urgewalt dieses Regens.

Allmählich läuft die sich vor der Schwelle ansammelnde Brühe herein, weshalb Hagen und Daniel das Zelt und den Bulli, die dieser flüssigen Masse vielleicht nicht standhalten werden, ebenfalls in die Halle verfrachten.

Es fröstelt mich, obgleich Richard endlich zurück ist und seine starken Arme um mich geschlossen hat. Ihn könnte ich nie betrügen und trotzdem befürchte ich, dass es zwischen uns eines Tages so furchtbar sein könnte, wie zwischen Rosi und Alex. Zärtlich küsst er meinen Hals, es hört sich an, als ob er leise schluchzt, dann flüstert er mir ins Ohr, dass er Daniel helfen müsse.

Widerwillig lasse ich meine Wärmflasche gehen.

Philip ist begeistert vom Regen.

Da wir leider keine Sandsäcke haben, sichern Özlem, Maria und ich das Eingangstor mit Bauschutt, der in großen Mengen an der Seite der Halle aufgetürmt ist und sicher selbst mal ein Gebäude war.

Kein Boot oder Auto fährt, keine Bahn, nichts rührt sich, bis auf den Regen, der auf das Dach trommelt, auf die Straße prasselt und nur im Schein des aus dem Eingang fallenden Lichtes zu sehen ist.

Während meine beiden Mitbewohner und Richard das Zelt in der geräumigen Halle aufstellen, spielen wir fünf Mädels mit Philip Hackysack und versuchen akrobatisch die Könner zu imitieren. Wir reißen die Knie hoch, um den kleinen Ball zu treffen, lassen ihn über den Rücken kullern und schießen über den Kopf in die Runde, wobei wir eine Menge Spaß haben. Philip ist am wendigsten; der Ball fällt ihm kein einziges Mal herunter und Tanja braucht bei jeder Ballabgabe etwas länger, weil sie unter verlegenem Gekicher selbst bei diesen albernen Verrenkungen gut aussehen will.

Da ich ihr grolle, wegen der Abreise der jungen Familie und weil sie mich für faul hält, kommentiere ich ihre Unsportlichkeit mit spöttischem Blick. Özlem und Anke nutzen die Gelegenheit für einen Flirt, von dem schwer zu sagen ist, ob sie ihn zum Scherz vortäuschen oder es Ernst meinen, wenn sie sich zuzwinkern oder Küsschen zu werfen.

Als Daniel und Hagen, dem der Ball gehört, sich in die Runde einreihen, erkennen wir an ihren Kunststücken zu deutlich, was für blutige Anfänger wir sind und auch Richard, der sich mit dem Ball üben will, gibt alsbald auf, vielleicht auch, weil es mit seiner Geduld momentan nicht zum Besten steht.

Ich brauch was zu Rauchen.“, stellt er zu meiner Enttäuschung fest, nachdem ihm der Ball zum wiederholten Mal nicht gehorcht. Daniel und Hagen pflichten ihm augenblicklich bei; wenig später fährt der Bus über unseren Wall aus der Halle und entrückt schäumend im Regendickicht.

Da des Busses Scheinwerfer als Beleuchtung dienten, werden wir nun von schwarzer Nacht verschluckt.

Ein Windstoß wirft klappernd das Zelt um und die Stahlträger der Halle ächzen unheimlich. Es riecht nach altem Gemäuer und die Kellerasseln rennen über den Boden. Außerdem teilen wir den Unterschlupf mit etlichen Pelzbienen, die in den Mauerspalten verschwinden.

In der Laterne, die Maria angezündet hat, flackert ein spärliches Licht, über das hinaus wir nichts sehen können. Weder das Ufer, noch die Umrisse der Bäume sind zu erkennen. Philip steuert ein Grablicht bei, wodurch unsere Gesichter rot leuchten. Eine ganze Weile sitzen wir schweigend auf alten Holzbohlen, denn für eine Unterhaltung tobt das Unwetter zu laut.

Endlich zieht der Donnerhall davon, doch der Regen lässt nicht nach. Uns fröstelt. Vom Bauschutt sind wir nass und dreckig, nur das Hackysackspiel hatte warm gehalten. Mit der Dunkelheit kriecht die Müdigkeit aus der undurchblickbaren Regenwand zu uns herein und von oben tröpfelt es stetig zunehmend.

Maria hat tatsächlich einen Schirm dabei und von den Restaurierungsarbeiten ist eine meterlange Malerplane übrig geblieben, die wir über uns ausbreiten, um uns vor dem durch die Decke sickerndem Nass zu schützen.

Ich fürchte, so Manche wünscht sich in dieser Minute, sie wäre nicht mitgefahren, dann läge sie jetzt trocken und warm in ihrem Bett.

Der Wind frischt auf. In plötzlichen Böen fegt der Sturm herein und zerrt an der raschelnden Folie.

Tanja zündet ein Räucherstäbchen an, welches Atmosphäre schaffen soll, doch es büßt bei dem Wind an Effekt ein. Allmählich frieren wir nicht bloß, weil es kalt ist und wir müde sind, sondern weil wir hungrig sind.

Untätig mit knurrenden Bäuchen harren wir unter dem aufgespannten Regenschirm, der die Malerplane stützt, der Dinge aus, die da kommen mögen, wie Junggemüse in Frischhaltefolie.

Zu meinem Erstaunen fragt Tanja Anke, obwohl sie sich gerade mal zwei Tage kennen, ob sie mit ihr in eine größere Wohnung einziehen würde und Anke steigt sofort bei einer engagierten Ausmalung der neuen Bleibe ein. Dass Tanja eine Fremde vorzieht, trifft mich. Aber vielleicht hatte ich ihr gar nicht erzählt, dass ich auch eine Wohnung suche.

Bevor sie zum Schlafen unter die eingefallene Zeltplane kriechen, teilen sich Tanja und Anke eine aufgeweichte Zigarette. Das Räucherstäbchen hinterlässt ein Brandloch in Marias Regenschirm und Tanjas Zigarette markiert ein Zweites in der Abdeckfolie.

Geschafft von ihrem fleißigen Tag, liegt Özlem lang gestreckt mit ihren Füßen auf dem Boden, während Philip in Marias Armen eingenickt ist.

Das tosende Wassergeräusch wirkt hypnotisierend und macht taub. Irgendwann beschränkt sich der ganze Raum auf ein rotes Windlicht und mein eigenes Herz, wie es laut klopft. In diesen gleichmäßigen Takt hinein erörtert Maria im Dunkel:

Werden Wassertiere bei so einem starken Regen eigentlich erschlagen?“

Nachdenklich langsam gestehe ich:
„Weiß nich. Wäre das denn schlimm? Ich meine, spüren die Schmerzen?“

Bin überfragt, aber ich werde es nachschlagen, sobald ich an meinen Laptop rankomme.“, verspricht meine Freundin mit wissbegierigem Gesichtausdruck.
Ihre Leidenschaft hat mir gefehlt.

Für was hast du dich beworben?“, bekunde ich mein Interesse an ihren Plänen und Maria antwortet äußert gelangweilt:
„In einer Sanitärfirma; die suchen jemanden für das Konstruieren von Abflussschläuchen. Etwas höher gesteckt hatte ich meine Ziele eigentlich schon, ist halt mal wieder anders gekommen, als gedacht. Ich hätt gern Autos designt, aber da ist schwer ranzukommen. Wahrscheinlich bräuchte ich sogar ein Zusatzstudium, was ich nicht finanzieren kann. Was ist mit dir?“, horcht sie mich aus und ich erzähle ihr von meinen Fotos, von Mötörön und dass ich sowas wie eine Initiative zum Schutz des Waldes gründen will.

Verstehe. Du willst also immer noch die Welt retten. Das klingt toll. Und wie willst du das finanzieren? Ist sicher ein weiter Weg, bis zum Erfolg- also, bis man von Fotos leben kann.“, meint Maria.

Naja, es ist eben ein Traum. Allein mit Fotos klappt es wahrscheinlich nicht, aber mit irgendwas muss man ja anfangen. Auch wenn es eine Blödsinnsidee ist, ausreden kannst du es mir sowieso nicht.“ bekräftige ich mein Vorhaben.

Auch wenn ich es nicht so zeigen kann, ich stehe voll hinter dir. Was meinst du, wollen wir es noch einmal mit einer gemeinsamen Wohnung probieren?“, schlägt Maria unverhofft vor.

Wahnsinnig gern, aber nur, wenn du dir sicher bist, in nächster Zeit nicht mit dem erstbesten Typen einen neuen Hausstand gründen zu wollen. “, sage ich zaudernd.

Ganz bestimmt nicht.“, versichert sie mir und ich beschließe freudig, nach der Rückkehr die Suche in Berlin ohne Verzögerung aufzunehmen.

Hätte nicht gedacht, dass du dich nochmal dafür begeistern würdest, Chamäleon.“ Maria versteht den Insider und rezitiert, obgleich sie weiß, dass ich sie fast nicht verstehe:
„I’m happy as chameleon, having lots of friends, there sometime blue and sometimes red, but I will always fit the trend. I like all chameleons I know, but one there is I hate and no chameleon does show. It lies deep in my dreams, not to be defined, in lonley hours it breaks through and I break down to cry, oder so ähnlich. Das Gedicht habe ich vor Jahren für meinen Englischkurs verfasst. Hat sich nicht viel dran geändert. Ich passe mich den Menschen in meiner Umgebung an, damit sie sich wohl fühlen. Aber inzwischen quält es mich nicht mehr; jetzt weiß ich, wer ich bin und was ich wirklich will.”

Ich sage nichts, wobei mir durch den Kopf geht, ob ich Maria ihre Freundschaft zu mir glauben kann, oder ob sie sich in ihrer Mimese an mich angepasst hat, wie diese Falter, die aussehen, wie Borke oder Steine. Ich, die sich für super ehrlich hält, erwähne meine Zweifel nicht. Ich bin wohl doch nicht so ehrlich. Es ist schwer, sich treu zu bleiben und offen zu sagen, was man denkt, bei zu vielen unangenehmen Konsequenzen. Zum Beispiel miese Stimmung. Für die ist niemand gern verantwortlich. Maria bricht das Schweigen:

Warum habe ich damals ausgerechnet ein Chamäleon als Vergleich genommen? Das ist doch total ausgelutscht. Nicht mal ein Gedicht konnte ich schreiben, ohne zu beweisen, wie angepasst ich bin.“

Warum ist es schlecht, angepasst zu sein, ist denn das nicht die einzige Chance, zu überleben?

Wusstest du, dass es Dutzende von Tieren gibt, die ihre Hautfarbe wechseln können oder sogar die Oberflächenstruktur? Vielleicht habe ich die Echse nur genommen, weil ich nicht wusste, was Krötenfisch auf Englisch heißt. Dabei wäre der viel cooler gewesen, weil er zusätzlich mit seinem Fühler die Beute anlockt. Genau wie ein Mensch, das sind ja alles nur Wölfe im Schafspelz.“

Meinst du den Angler, mit dieser Laterne und den grottentief hässlichen Zähnen?“

Nee, das ist der Seeteufel oder Forellenstör. Ich meine den Antennenfisch, der sich zum Beispiel in einen Schwamm verwandeln kann.“ Angel oder Antenne? Verwandeln? Klingt für mich nach Märchen, aber ich wackele mit dem Kopf auf und ab. Nachsinnend artikuliert sie:

Vielleicht ist es das Einfachste, einen gut bezahlten Job zu suchen und sich in einem Verein zu engagieren, um, was weiß ich, ölverklebte Vögel aus dem Watt zu retten, oder so.“

Das wäre ein Anfang. Aber als Ingenieurin kannste voll viel machen, viel mehr als ich. Konstruier doch Schiffe und Behältnisse, die nicht auslaufen, egal, was mit ihnen passiert. Einer der toten Wale im Atlantik könnte wegen den Benzinkanistern in der Warnow verendet sein. Ich habe gehört, wenn bei so starkem Regen das Grundwasser steigt, werden Fäkalien und anderer Dreck in die Fließgewässer gespült und bis zum Meer verteilt, das muss man verhindern.“

Maria nickt, wobei sie verträumt Philips neue Frisur streichelt.
Ich lausche in die Nacht hinaus. Zwar quatschen jetzt alle über diese schlimme Verschmutzung, die Überfischung der Meere und die Bedrohung durch die Erderwärmung, denn es ist keine Fortpflanzung im zu warmen, verseuchten Ozean drin, aber das ändert nichts. Roter Thunfisch ist weg, der Kabeljau aus Kanada ist weg, der aus der Nordsee auch und die Scholle ist fast verschwunden. Wenn sie nicht gestorben sind, dann sind die Fische auf einer Wanderung in kältere Gewässer, wie vor Urzeiten auch die Saurier wandern mussten und wir wissen ja, was aus denen geworden ist.

Wäre es nicht schön, Mutter zu sein?“, platzt Maria mir in die Gedanken, aus deren Ursprung heraus ich heftig widerspreche:

Bestimmt. Aber ich bin dafür, dass der Mensch anfängt seinen eigenen Bestand besser zu kontrollieren. Es sind nicht zu wenig Fische, sondern zu viele Menschen. Wir essen jedem Bären, Fischadler, allen Robben und Pinguinen die Nahrung weg, wie eine Heuschreckenarmee. Dazu roden und brandschatzen wir, die hilflosen Bäume, Schutzengel des Planeten, haben keine Zeit mehr nachzuwachsen. Deutschland braucht nicht mehr Kinder. So wie es ist, ist es zeitgemäß, irgendwer muss ja als Ausgleich herhalten für die Übervölkerung in den anderen Regionen. Das muss man gegen die eigene Eitelkeit global betrachten.“

Philip nicht aus den Augen lassend, entgegnet sie rationell:

Eine Adoption fände ich auch in Ordnung. Ich dachte nur daran, wie leid mir in der zweiten Klasse die Kinder taten, deren Eltern schon fünfzig waren, weil sie mit denen fast nichts unternehmen konnten. Ich will keine alte Mutti sein.“

Ich weiß genau, was du meinst.“, erwidere ich weichlich.

Ein deutlich hörbares Knirschen vom Eingang her lässt mich zusammenzucken und auch Maria hat es gehört. Angstvoll observieren wir das Eingangstor, doch nichts rührt sich, abgesehen vom Plätschern des kostbaren Süßwassers vom grauverhangenen Himmel.

Mach dir keine Sorgen. Unsere Zeit ist noch nicht gekommen. Gott passt auf uns auf.“, verkündete Maria überzeugt und ich gebe ein ironisches ‚Soso’ von mir. Sicherheitshalber lege ich ein Küchenmesser bereit, und so sitzen wir leise plaudernd Nachtwache bis zur Morgendämmerung, die uns jäh überrascht.

Verschlafen spähe ich in die neblige, vernieselte Morgendämmerung. Es hat die ganze Nacht durchgeregnet, die Halle steht knöcheltief unter Wasser, noch etwas mehr und das Boot hätte seine Jungfernfahrt gehabt.

Wir sind nass und unsere müden, steifen Glieder könnten selbst in einer Disco seelenruhig einschlafen. Kälte und Müdigkeit machen mich gleichgültig, weshalb ich es kaum schaffe, mich um Richard und die anderen Beiden ernsthaft zu sorgen.

Maria und Philip kuscheln sich etwas tiefer in ihre Wolldecken, bevor die Auglider zuklappen.

Unser Feuerchen brennt nur leidlich, weswegen die lauwarme, schlabbrige Mehlsuppe, die ich in der Pfanne zusammengepanscht habe, einfach kein Eierkuchen werden und das Teewasser nicht kochen will.

Diese Qual dauert nicht lange an, denn der Bulli hält vor dem Tor. Beine landen matschig klatschend im aufgeweichten Wiesenboden und betreten gutgelaunt die Halle. In den Händen halten Daniel und Hagen Styroporbecher mit Cappuccino und mehrere Papiertüten von McDonalds, wodurch sie gekonnt unserem Zorn entgehen, obwohl sie rücksichtslos mit all unserem Besitz an Bord das Weite gesucht haben. Richard ist nicht bei ihnen.

Nun erheben sich auch Tanja, Anke und Maria, nur Philip bleibt träge liegen.

Anke lässt es sich trotz des traurigen, tief hängendem Himmels nicht entgehen, durch den Schlamm zu joggen und ich bitte sie, nach Richard Ausschau zu halten.

Sanft wärmt der Kaffee im Magen, aber die Füße bleiben kalt.

Sieht aus, als war’s das mit dem Sommer.“, meint Daniel blasiert, worauf Hagen widerspricht:

Alter, sag nich so was. Wir wollen doch noch surfen gehn, sobald Lindas Behausung fertig ist.“

Mit dieser Bemerkung lenkt er mich herrlich von der Frage ab, wo Richard steckt.

Meine Behausung?“, forsche ich hellhörig nach und er sieht mich gefühlvoll an.

Hast du geglaubt, wir lassen dich obdachlos werden, ey? Alter, das wird ne hübsche, schwimmende siebzig Quadratmeter Wohnung.“, sagt er und Daniel nickt bestätigend, wobei er ergänzt:

Einen Anlegeplatz mit eigenem Briefkasten haben wir schon klar gemacht.“

Ich bin unschlüssig, ob das ernst gemeint ist und ich mich freuen soll. Auf einem Hausboot zu leben, kann ich mir kaum vorstellen. Andererseits steht nicht viel zur Wahl und wenn Maria nichts dagegen hat, mit mir auf einem Floß zu wohnen, soll es so sein. Folglich falle ich nacheinander den Bauherren um den Hals und bedanke mich exorbitant.

Jetzt sehe ich das Schiff mit ganz anderen Augen und überlege, ob die Schränke wirklich ausreichen.

Und wo bitte sind Küche und Bad?“, erkundige ich mich zweifelnd.

Das kommt alles noch.“, versucht Daniel mich zu beruhigen, denn bis wir von dannen ziehen, ist es nicht mehr weit hin, aber ich habe noch soviel zu erledigen!

Dazu kommt noch, dass ich mit der Entscheidung, ob ich Philip auf eigenen Wunsch seinem Vater überlassen sollte, völlig überfordert bin und die einzige Person, die eingeweiht war, abgereist ist. In Mutmaßungen vertieft, starre ich den kleinen Jungen an, bis er mir den Zauberlehrlingsroman unter die Nase hält und will, dass ich ihm vorlese, obwohl der diesige Morgen kaum Licht spendet. Zu meiner Erlösung bietet Maria sich als Vorleserin an, sie kann das sowieso mit mehr Hingabe, indem sie für verschiedene Personen sogar die Stimme verstellt.

Daniel setzt sich neben sie und schaut ihr über die Schulter. Anke, die Hagens abgefahrenen Ohrschmuck bewundert, hilft ihm, mehrere Eisenketten mit Schäkeln zu verbinden, mit deren Hilfe er über einen Flaschenzug am Backspier die Möbel, deren Flächen ich mit fein gekörntem Papier den Endschliff verpasse, nach oben ziehen will. Nachdem die Ketten auf den Rollen verlaufend eingefädelt sind, ruft Hagen stolz beim Hochziehen des ersten Schränkchens:

Vorwärts, es geht zurück!“, und Anke nimmt es oben entgegen, wodurch die schwere Kette herunterrasselt und dem reaktionsträgen Hagen auf den Kopf fällt. Von oben entschuldigt sich Anke in einem Ton, als könnte sie damit einer eventuellen Verletzung Hagens vorbeugen.

Doch nachdem er sich aufgerappelt hat, reißt er lediglich Witze über die wachsende Beule auf seiner Schädelplatte.

Wenn ich die Haare drüber kämme, seh ich aus wie Marche Simpson!“

Maria legt das Buch weg und holt eine Pfanne, mit der sie auf Hagen zu läuft.

Willst du mir noch eine überbraten?“, erkundigt er sich misstrauisch.

Nee, ich dachte, zum Kühlen… Drück sie auf die Beule.“, kümmert sie sich um den Patienten.

Richard umarmt mich von hinten, das ich das Gefühl habe in seinem Körper zu verschwinden, und haucht:
„Können wir nicht irgendwo hingehen, wo wir ungestört sind? Ich hab uns eine Flasche Rum und Cola gemischt.“
Ich denke, ich weiß was er will, doch als ich ihn ansehe, ist sein Blick merkwürdig verschlossen und seine Augen werden feucht. Er zieht mich hinter die Scheune und drückt mir das Getränk in die Hand. Ich habe den Verschluss noch nicht mal aufgeschraubt, da bemerke ich, dass Richard weint.

Ich habe, glaube ich, noch nie vorher einen Mann weinen sehen. Außerdem kann ich mir nicht erklären, was los ist und als ich ganz lieb frage, mache ich es damit noch schlimmer.

Völlig aufgelöst schluchzt Richard und als ich ihn in den Arm nehmen will, stößt er mich fort.

Es tut mir so leid, Linda, ich wollte das nicht, es tut mir wirklich so leid!” Er wiederholt es mehrmals, ohne aufzuhören, zu schluchzen. Ich bin mir schon sicher, dass er jemand umgebracht hat oder sowas, doch er gesteht nur, dass er sich in Özlem verliebt hat.

Obwohl ein Stich mein Herz und dann meinen Magen trifft, bin ich ihm fast nicht böse. Er kann ja nichts dafür. Eher in meinem Stolz verletzt, weil ich offenbar leicht austauschbar bin. Gestern wollte er mit mir noch Königskinder zeugen. Aus irgendweinem Grund ist es ihm unheimlich wichtig, dass ich ihm verzeihe. Obwohl ich nicht weiß, wie genau sich Verzeihen bewerkstelligen lässt, sage ich ihm, das alles klar ist und wir vereinbaren, Freunde zu bleiben. Langsam beruhigt Richard sich. Nachdem seine Tränen versiegt sind, sagt er erleichtert:

Ich bin so froh, dass du kein Problem damit hast. Wir überlegen schon seit gestern, wie wir es dir sagen.”

Wir? Seit gestern überlegen sie schon?

Bis eben dachte ich, Özlem wüsste noch gar nichts von seiner Schwärmerei. Begreifend, dass er und Özlem mich die ganze Zeit betrogen haben, sage ich nichts dazu. Wäre auch zuviel, zusammen zu fassen, was Richard damit alles falsch gemacht hat. Dann drücke ich ihm grob die Flasche entgegen, dass er nach hinten taumelt und werfe ihm wütend den Flaschendeckel an den Kopf, dabei hätte ich nie gedacht, dass ich sowas mal machen würde. Nachdem ich ihn getroffen habe und Richard es auch noch wagt, mich daraufhin verdutzt anzusehen, entreiße ich ihm die Colaflasche und gehe wutentbrannt los. Obwohl ich nicht will, heule ich tief schluchzend, überfallen vom Selbstmitleid. Blind vor Tränen renne ich in das wässrig verschwommene Grünschwarz vor mir. Ich will weg.

Weit komme ich nicht, da ich Daniel in die Arme laufe, der offensichtlich alles mitbekommen hat. Doch das letzte, was ich möchte, ist sein Mitleid.

Wenn er dich nicht will, nehme ich dich.”, versucht er mich zu trösten. Dadurch wird mir überhaupt erst klar, dass Richard mich nicht mehr will. Hat er mich überhaupt geliebt? Und was wird jetzt aus meinem Job bei Mötörön? Ich wische die Tränen weg, sehe zur Scheune nach ihm, doch Richard ist weg, wahrscheinlich bei Özlem und ein neuer Tränenschleiher behindert die Sicht.

Behutsam schlägt Daniel vor, zu den anderen zu gehen, was ich nicht will; ich sehe bestimmt furchtbar aus und will allein sein, also laufe ich in die entgegengesetzte Richtung los. Mit drei langen Schritten ist Daniel neben mir und ich bleibe stehen. Er sieht mich seltsam an und sagt laut:

Ich meine das ernst. Wie wär’s: Du und ich zusammen auf dem Boot, ohne Hagen…”

Irgendwie ist es nicht möglich, in Daniels Gegenwart traurig zu sein. Ich kichere, auch wenn ich bereits Maria als Mitbewohnerin vorgesehen hatte. Sein Aufmunterungsversuch funktioniert und ich sage fröhlicher:

Wenn du mit mir zusammen wohnen willst, musst du aufhören, zu kiffen!“ Ich erwarte ein sofortiges, höhnisches ‚Nee, nix da!‘, aber Daniel überlegt lange.
„Wird gemacht.“, antwortet er mit einem strahlendem Grinsen.

Wirklich?“, hake ich ungläubig nach und er beteuert:

Ich hab ja dann dich, warum sollte ich weiterhin Gras brauchen? Für dich mach ich das.“

In mir beginnt es zu kribbeln. Er macht nur Spaß, um mich zu trösten, sage ich mir.

Wunderbar. Und wo wollen wir bei dem Wetter hingehen?“, kokettiere ich.

Wir machen einen Spaziergang und werden sehen, wohin er uns führt.“, verspricht er und reicht mir seine Hand. Zögernd und etwas nervös reiche ich ihm meine. Seine Hand legt sich warm um meine Finger und ein heißer Schauer rinnt mir den Rücken hinunter. Zum Hautkontakt hinzu schaffe ich es nicht mehr, Augenkontakt herzustellen, das erste Mal, dass ich Daniel nicht ansehen kann. Er will mich bloß trösten. Außerdem mag Maria ihn. Und ich bin gar nicht sein Typ.

Unsere Finger ineinander verschränkt, schlagen wir den an Pfützen reichen Weg in Richtung des alten Kranturms ein. Daniel erzählt zu meiner Unterhaltung von seinen Jugendstreichen; bei den meisten denke ich nur: Die arme Mama. Die hat es sicher schwer mit ihm gehabt.

Es tröpfelt melodisch aus den Kronen der Apfelbäume und blechern im phallusförmigen Kranturm, als wir dort ankommen. Galant hält Daniel mir die stählerne Tür auf und ich trete lächelnd hindurch. Nacheinander erklimmen wir die Stufen zur Plattform hinauf und ich lasse mir den Wind durch die Haare fegen. Der Ausblick beschränkt sich auf die tief hängende Stratuswolke, weder das hohe Förderrad in der einen noch die große Werfthalle in der anderen Richtung ist zu sehen.

Unter dem kuppelartigen Turmdach tummeln sich Schnaaken und Goldaugenfliegen, weshalb Daniel mir erzählt, wie er als kleiner Junge den Weberknechten die Beine ausgerissen hat.

Werden Kinder, die Tiere quälen später nicht zu Psychopathen?“, frage ich. Gruselig verzieht Daniel sein Gesicht zu einer grotesken Grimasse und tut mit erhoben Dreadlocks zu Monsterarmen so, als ob er mich angreifen will, bis ich lache und er einfällt.

Als wir uns atemlos beruhigt habe, vor allem weil der Turm beängstigend schwankt, erklärt Daniel sanft:

Würd ich ja jetz nich mehr machen, weist. Es gibt so coole Insekten. Glühkäfer und Würmchen die von selbst leuchten, Musikanten und du kennst bestimmt die Spanische Fliege, das is dieser grün glänzende Käfer in diesen Schnapsflaschen, der Cantharidin absondert, aber er ist nicht der Einzige. Der Maiwurm macht das auch.”

War ja klar, dass du dich mit Drogenkäfern auskennst.”, werfe ich grinsend ein und füge hinzu:

Der coolste Krabbelfreund, ist der Große Bombardierkäfer, der kann seine eigene Bombe aus einem Gasgemisch basteln und wie einen Chinaböller zünden. Peng!“ Daniel lacht und ich reiche ihm das Cola-Rum-Gemisch.
Nachdem wir die halbe Flasche im Nieselregen stehend geleert haben, gehen wir kichernd in den Turm zurück. Daniel sieht mir tief in die Augen und winzige Wassertröpfchen perlen auf seinen Dreadlocks hinunter. Als das Feuer in meinen Adern mir zu glühenden Wangen verhilft, lehnt er sich an die kalte Wand und zieht mich an sich. Ist das real?

Seine Küsse bedecken mein Gesicht, während seine großen Hände unter dem Oberteil über meinen Rücken streicheln. Funken fliegen durch meinen Körper. Zu meinem Erschrecken genieße ich es, wie seine Hände immer tiefer in meine Hose wandern und er mir knisternd in den Gehörgang raunt, wie verführerisch er mich fände, worauf ich von unbändigem Verlangen erfüllt beteuere, seinen Schwanz in mir spüren zu wollen.

Als hätte er einen Schlag bekommen, zieht Daniel seine Hand zurück.

Vielleicht geht das ein bisschen schnell. Ich will nicht, dass du Richard in mir siehst.”, haucht er ernst und ich werde mir im Sturzflug der Wirklichkeit unseres Handelns bewusst.

Es ist echt und ich will jetzt auf keinen Fall mehr damit aufhören.

Das kannst du noch nicht mit mir machen!”, sage ich empört und drücke mich an ihn, er kann nicht weg, weil er an der Wand steht. Richtig überzeugt sieht er nicht aus und ich bekräftige, bis er ihn erwähnt hat, nicht mal mehr an Richard gedacht zu haben.

Eben. Ich bin dein Trostpflaster. Damit du ihn schnell vergisst. Aber ich könnte vielmehr sein als das.”

Erstaunt weiche ich ein wenig zurück, doch er zieht mich wieder zu sich heran. Ich sehe zu ihm auf in sein vertrautes Gesicht und will ehrlich sagen: Du bist kein Trostpflaster und irgendwas davon, dass es Timing ist, dass Richard mich gerade verlassen hat. Doch selbst für mich hört sich das nicht gut an und Daniel kommt mir mit den reizenden Worten:

Scheiß drauf.”, zuvor und entkleidet mich umschweiflos.
Langsam widmet er sich jeder nackten Körperpartie einzeln und reibt punktgenau mit seinen Fingern meine empfindlichste Stelle, bis ich willig mein Bein hebe und er meinen Oberschenkel packt. Mit einer Hand halte ich mich an seinem Nacken und mehreren Dreadlocks fest, wobei ich ihn stürmisch küsse und mit der freien Hand seine Hose öffne. Die Shorts ziehe ich mit beiden vor Erregung zitternden Händen herunter, um über die mächtige Schwellung zu kommen, dann hebt mich Daniel mit beiden Armen an, sieht mir mit um Erlaubnis bittenden Blick in die Augen und schiebt sich langsam in mich. Ein sich unerträglich steigerndes Kribbeln zwischen den Beine zieht mich zu ihm, während er mich im Stehen nimmt, unser Stöhnen die Stahlwände des Turmes vibrieren lässt und die locker hängende Treppe im Takt schwingt. Die Spannung in meinem Inneren schwillt ekstatisch bis zum Maximum an und löst in weichen Wellen für ein paar Sekunden meinen ganzen Körper auf.

Dann höre ich ein Motorengeräusch näher kommen. Das stört Daniel nicht, doch exakt vor dem Turm geht der Motor aus und ein lautes Ratschen deutet die gezogene Handbremse an.

Ach du scheiße.“, sagt Daniel diesbezüglich, wobei wir uns hektisch ankleiden. Mir fällt Maria ein und ich denke ebenfalls: Ach du scheiße. Wie kann ich so egoistisch sein? Das wird sie mir nie verzeihen.
Da öffnet sich auch schon die Tür und im zartesten Goldton fällt die Sonne trapezförmig herein.

Hallo, was machen Sie denn hier?“, fragt uns ein Polizist und ich befürchte im ersten Moment, er will uns gleich verhaften, weshalb mir vor Nervosität ganz schlecht wird.

Wir folgen dem dicken Uniformierten nach draußen, wo der Himmel aufgerissen ist und die ersten blauen Flecken zu sehen sind.

Ein zweiter Polizist erwartet uns bereits und nebeneinander sehen sie aus, wie der Dicke und der Belgier, mit dem Unterschied, dass ihnen jegliche Art von Humor fehlt. „Personenkontrolle“, sagt der große, dünne Mann schlicht und wir gucken ihn fragend an.

Es duftet atemberaubend nach frisch gewaschener Welt und trotz der bizarren Situation überkommen mich Glücksgefühle, weshalb ich Daniel verliebt anschmachte. Maria findet bestimmt einen Anderen, hoffe ich egoistisch. Er legt seinen Arm um meine Taille und wir warten in Einigkeit unsere Verurteilung ab. Verständnislos und unfreundlich fordert der Ordnungshüter:

Na los, Ihre Papiere bitte.“

Die haben wir leider nicht dabei.“, gesteht Daniel tapfer.

Sofort wollen uns die ernsten Beamten mit aufs Revier zur Identifizierung nehmen und wir können das gerade noch abwenden, indem wir uns von ihnen im grünsilbernen Polizeiwagen zur Werfthalle fahren lassen.
Natürlich hält uns der Dicke, der wohl der Gesprächigere von beiden ist, pflichtbewusst einen Vortrag über das unerlaubte Zelten, als er die Lagerstatt zu Gesicht bekommt, will uns jedoch großzügig mit einer Verwarnung davon kommen lassen. Unsere Mitreisenden wirken wenig begeistert über die unerwünschten Gäste und jeder kramt verzweifelt in seinen Taschen nach dem Personalausweis.

Die Wirkung des anhaltenden Glücksgefühls ausnutzend, will Maria gleich von meiner Greueltat berichten, doch noch ist sie beschäftigt.

Das Polizeiauto wirkt fehl am Platz, daneben warten zwei grüne Männchen und steh’n im Walde. Im Anschluss an die Abgabe aller Personalausweise, kommunizieren sie großspurig über Funk mit der Zentrale, wovon wir nur verunsicherndes Stirnrunzeln und seltsame Blicke mitbekommen.

In gewichtigen Situationen muss ich generell lachen, also stehen Maria, die sich rasch anstecken lässt, gewohnt schwanken und irrsinnig kichern herum. Ich frage sie, natürlich in der Hoffnung, sie würde antworten: ‘Ach, lass ma, der is nett, aber gar nicht mein Fall.’, wie sie Daniel nach dieser gemeinsamen Reiseerfahrung findet und sie gerät sehr ins Schwärmen, dass mir vom schlechten Gewissen flauer wird, als von der Polizeikontrolle.

Daniel wird vom Dicken verwarnt, weil sein Personalausweis vor zwei Monaten abgelaufen ist. Er beeidigt, dieses Versäumnis in Berlin sofort zu beheben und darf gehen. Mit einer markant nach oben gezogenen Augenbraue beäugt der dünne Polizist uns und brummt dann ungeduldig:

Frau Liebknecht, wir müssen Sie zu einer Befragung mitnehmen. Das kann länger dauern, also nehmen Sie sich mit, was Sie brauchen.“

Abrupt hört Maria auf zu lachen, nur ich brauche noch einen Moment, bis ich begreife, was man von mir will. Was hatte Rosalie denen denn bloß erzählt? Oder hatte es vielleicht gar nichts mit Philip zu tun, sondern…Stechend rasend lichtet sich die Vermutung: Sie haben Carmens Leiche gefunden.

Meine Gliedmaßen werden taub und ich schätze, dass ich kalkweiß geworden bin. Der Beamte verdeutlich meine Befürchtungen:

Gegen Sie läuft ein Ermittlungsverfahren. Sie müssen eine Aussage machen.“ Verzweifelte Angst packt mich und schnürt mir die Kehle zu.

Und um was geht es?“, presse ich hervor und suche die Wiese mit hektischem Blick nach Philip ab, doch er scheint sich versteckt zu haben.

Mit erhobenen, schwarzen Augenbrauen erwidert der Polizist:

Das erfahren bei der Befragung. Deshalb bitte ich Sie, einzusteigen.“ Kopflos hole ich meine Tasche, die mir der Streifenbeamten vorsorglich abnimmt und in den Kofferraum verfrachtet. Ich will wissen, wie Daniel und ich zueinander stehen, bevor ich mitfahren muss. Er öffnet die hintere Tür des Autos und legt mir erniedrigend seine große Hand auf die Haare, um mich in den Streifenwagen zu drücken.

Unbehaglich sitze ich auf der weichen Rückbank und habe ein schwarzes, grobmaschiges Gitter vor der Nase. Durch das Fenster sehe ich Maria und Daniel, wie sie mich in fragend ansehen. Meine Haare sind ungewaschen, die Klamotten dreckig, liebend gern hätte ich jetzt eine Dusche, und zu allem Überfluss fragt mich der jüngere, rundliche Beamte vorwurfsvoll:

Haben sie getrunken?“, was ich nicht mal bestreiten kann. Dann höre ich, wie der lange Fahrer per Funk durchsagt:

Haben sie angetrunken bei Rostock aufgegriffen. Sind gleich da.“ Ich hoffe, dass die Polizisten auch mal jung waren und Verständnis für meine Partylaune aufbringen können, aber irgendwie ist das jetzt auch egal.

Bald halten wir vor einem hässlichen Haus, einer kleinen Polizeiwache in Rostock, und ich werde über bauzeitliches Linoleum in ein Büro geführt, wo ich mich auf einem unbequemen Plastikstuhl einem Kaffee trinkenden Beamten im schweißdunklen Hemd gegenüber wieder finde.

Am Fenster hängen vergilbte Gardinen und eine deformierte Topfpflanze verkriecht sich dahinter. Die Büromöbilierung erinnert mich an meine alte Grundschule und der Flachbildschirm auf dem ostgelben Schreibtisch wirkt hier wie ein Requisit aus einem Sience-Fiction-Film. Der billige Geruch von löslichem Kaffee wird von einem erstickenden Männerschweiß-Aftershave-Gestank überlagert.

Offensichtlich hält es niemand für nötig, mich aufzuklären und als ich mich räuspere, erhebt sich der am Schreibtisch sitzende Fremde mürrisch, zottelt ein überdimensionales Schlüsselbund aus einer Schublade und greift meinen Ellenbogen, um mich aus dem Raum heraus neben sich her zu lenken.

Am Ende des Ganges schließt er eine Tür mit der Aufschrift: Erste Hilfe auf, in dem kahlen Zimmer dahinter steht eine graue Pritsche unter einem vergitterten Fenster mit den gleichen alten Gardinen, wie im Büro.

Warten Sie, was soll denn das!?“, rufe ich ängstlich, als er gehen will, höre ihm aber nurnoch halbherzig zu, denn entwürdigenderweise drückt der Rum auf die Blase.
„Sie bleiben in Verwahrung, bis die Kollegen aus Berlin Sie abholen.“ Bevor er die Tür schließt, besinnt er sich und sagt:

Wenn Sie irgendwas brauchen, rufen Sie einfach. Ich lass meine Bürotür offen.“ Dann rasselt der Schlüssel im Loch und die Schritte des Polizisten verhallen auf dem Gang.

Am liebsten würde ich mich in Luft auflösen. Im hereinfallenden Tageslicht tanzen die Staubflöckchen und die Gitterstäbe werfen lange Schatten auf den abgenutzten Bodenbelag, das vom vielen Möbelrücken schwarze Striemen hat.

Selten stand ich so wenigen Beschäftigungsmöglichkeiten gegenüber, abgesehen vom Arbeitsmarkt. Neben einem winzigen Handwaschbecken, welches gut in ein U-Boot passt, hängt ein verschlossenes Erste-Hilfe-Schränkchen. Hellere Flächen und kleine, schwarze Löcher in der Tapete verraten, dass Bilder einst das Zimmer schmückten. Unter der Pritsche hat sich ein flauschiger, grauer Haufen gesammelt und an der Decke erstreckt sich eine Lampenschiene, in der die Neonröhre fehlt. Kein Klo. Was täte ich jetzt nicht alles für so einen blöden Cappuccinobecher! Klar könnte ich einfach rufen, dass ich mal muss. Nun will ich aber die unfreundlichen Polizisten gar nicht darüber informieren… Dass ich auf Toilette muss, vertuscht gut meinen Hunger, jedoch nicht die zähfließenden Wartezeit. Hinsetzen kann ich mich umständehalber momentan nicht, weshalb ich die zehn Quadratmeter ununterbrochen ablaufe. Und was ist eigentlich mit dem Telefonat, welches die in Filmen immer tätigen dürfen?

Sorgenvolle Gedanken versuchen mich zu bestürmen.

Was Daniel jetzt wohl von mir denkt? Ich lenke mich mit zählen ab: Das Fenstergitter hat acht Gitterstäbe, der Boden sechzehn schwarze Streifen, an der Wand sind neun Löcher von Nägeln und hinter dem Waschbecken kleben drei mal zwei, also sechs Fliesen. Eine Steckdose. Kein Lichtschalter.

Hoffentlich weiß Maria noch nichts von Daniel und mir, das möchte ich ihr lieber selbst sagen.

Und wie soll ich von hier aus verhindern, dass Viktor Philip mitnimmt?

Zu dumm, dass ich keine Uhr um habe. Wie viel Zeit wohl schon vergangen ist?

Auf jeden Fall bin ich wieder nüchtern.

Die Sonne hat sich keinen Zentimeter weiter bewegt, also wahrscheinlich bin ich erst seit zehn Minuten hier. Kommt mir vor, wie drei Stunden. Fühlen sich zehn Jahre Knast dann an, wie Hundertachtzig? Ich brauche dringend einen Anwalt. Der Frauenknast soll härter sein, als der der Männer. Scheißegal, ich will überhaupt nicht hinter schwedische Gardinen. Aber so hoch wird die Strafe für ein illegales Begräbnis doch wohl nichts sein, hoffe ich. Es wird sich schon alles aufklären.

Ob das Waschbecken mein Gewicht aushält? Kurz bevor ich die Hose herunterlassen will, um irgendwie auf das Porzellanbecken zu klettern, höre ich Schritte vom Gang näher kommen. Als hätte ich die ganze Zeit nichts anderes getan, sitze ich auf der Pritsche, als aufgeschlossen wird. Der Polizist winkt mich heran und ich folge ihm den gleichen Gang hinunter, den ich gekommen bin, vorbei an Türen mit ausgeblichenen Namensschildern hinter zerkratztem Plexiglas.

Wollen Sie vielleicht noch ein Glas Wasser haben, bevor es losgeht? Die Fahrt dauert bestimmt drei, vier Stunden.“, bietet er mir mit matrosenähnlichem Dialekt an. Doppelt schockiert gucke ich ihn an. Was soll ich mit Wasser, ich kann hier gleich mal Wasser lassen, am Besten auf seine braunen, geschmacklosen, unechten Flechtlederslipper!

Welche Fahrt?“, frage ich schnippisch, weil ich mir vollkommen sicher bin, dass es nicht gesetzmäßig sein kann, mich einfach zu deportieren. Mich hinaus führend, ohne mir vorher hellseherisch einen Toilettengang zu offerieren, lässt sich der Seebär widerwillig herab, angestrengt stöhnend zu antworten:
„Sie werden nach Berlin überführt.“

Ah ja, richtig, er hatte erwähnt, dass mich irgendwelche Kollegen aus Berlin abholen.

Was? Warum das denn?”, frage ich ihn rebellisch und bleibe stehen. Das gefällt ihm gar nicht und statt einer Antwort bekommen ich einen Schubser in Richtung des einzigen Polizeiautos vor der Wache.

Nun erscheint es mir zu spät, nach dem Klo zu fragen, deshalb steige ich wortlos in den Berliner Polizeiwagen auf die Rückbank, während mich zwei junge Polizisten von vorne begrüßen. Sie sind dermaßen heiter, dass man meinen könnte, wir wären eine begeisterte Dreierfahrgemeinschaft, die sich das Benzingeld teilt. Offensichtlich genießen sie ihren Ausflug sehr.

Dummerweise bin ich nicht freiwillig hier und daher schweige ich trotzig, obwohl die Beamten sich Mühe geben, die Stimmung zu lockern. Rostock rauscht am Fenster vorbei.

Gefällt Ihnen die Musik? Wir können den Sender auch wechseln.“, versichert der Beifahrer, wobei er sich konzentriert eine Banane schält, die ihren Duft verströmt, und sein Kollege beäugt mich kurz im Rückspiegel.
„Ehrlich gesagt, muss ich schon seit Stunden auf Toilette.“, gestehe ich aus meiner Not heraus ganz selbstverständlich.
„Gleich kommt eine Tankstelle.“, werde ich beruhigt.
Im Supermarkt der Tankstation bin ich nervöser, als die beiden Beamten, weil ich unentwegt befürchte, sie könnten glauben, dass ich fliehen will, schließlich fliehen alle Verbrecher in Filmen von Toiletten. Vermutlich ist es ein gutes Zeichen, dass ich keine Handschellen tragen muss, aber wenn sie meine Sportnote kennen, wissen sie wohl, dass keine Fluchtgefahr besteht.
Endlich reicht mir der Kassenangestellte mit interessierter Mimik den Kloschlüssel, der an einem leeren Ölkanister angebunden ist. Die Theke quillt vor Süßigkeiten über. Beim Anblick der Verkaufswaren, die meinen Durst und meinen Hunger stillen könnten, fällt mir aufgeregt meine Tasche mit all meinen Wertsachen ein, inklusive dem Wohnungsschlüssel, aber selbst wenn sie noch in Rostock auf der Wache liegen sollte oder gar im Kofferraum der dortigen Beamten, werden meine beiden Entführer sicher nicht umkehren, um sie zu holen. Die Polizisten begleiten mich nicht einmal bis zur Toilettentür und wenn ich nicht so nötig pinkeln müsste, dass ich das Schloss wegen dem unhandlichen Kanister kaum treffe, wäre das die Gelegenheit, davonzurennen.

Als ich erlöst herauskomme, stehen sie dann doch Beide vor der Tür, einer nimmt den Ölkanister entgegen, der andere begleitet mich zum Polizeikombi.

Die restliche Strecke legen wir ohne Unterbrechung durchs Urstromtal zurück und irgendwo in Brandenburg wird das Funkgerät gesprächig, was mich bis zur Polizeistation in Friedrichshain so spannend unterhält, dass ich fast vergessen habe, in welcher Lage ich mich befinde.

In einem marxistisch eingerichtetem Großraumbüro werde ich nach Beschlagnahmung meiner Schuhe barfuß an einen unbesetzten Schreibtisch gebeten, der von einer gigantischen Monstera überdacht wird. Die Blätter der Palme haben eine unangenehme Ähnlichkeit zu greifenden Händen, weshalb ich nervös unter ihr auf meinem Polsterstuhl herum rutsche. Na wenigstens wurde ich nicht in so einen neutralen Verhörraum mit verspiegeltem Sichtfenster gebracht. Dann scheint es ja nichts Ernstes zu sein.

Mir werden von einer untersetzten Mannsweib die Fingerabdrücke abgenommen und sie hilft brutal nach, in dem sie angespannt auf meinen Fingern herumquetscht, wodurch mir gleich klar gemacht wird, dass ich kein respektierter Mensch mehr bin, zumal ich mir anschließend nicht einmal die Hände waschen gehen darf.

In dem Büro herrscht ein geschäftiges Kommen und Gehen. Am Nebentisch macht eine hochgestylte Frau gerade eine Anzeige, bezüglich eines Taschendiebes und einen Tisch weiter telefoniert eine zerknittert aussehende Beamtin und ich erfahre, dass irgendein Opfer, welches vor einer Weile ausgesagt hat, mit einem Messer angegriffen worden zu sein, nun tot aufgefunden worden ist. Interessiert spitze ich die Ohren. Dummerweise werde ich in dem Moment von meinem Gegenüber beim Lauschen ertappt, als er mich zum wiederholten Male ansprechen muss.

Ich habe nicht einmal bemerkt, wann er sich gesetzt hat. Der Polizist sieht aus, wie ein typischer Familienvater; die kahle Stelle auf dem Kopf wird durch höher steigende Geheimratsecken verstärkt und sein Bierbauch bringt mich zu der Annahme, dass er Fußballfan ist.

Er zeigt auf einen weiteren Gesprächspartner neben mir und sagt:

Frau Liebknecht, das ist Ihr Rechtsanwalt, Herr Augustin, er steht Ihnen beratend zur Seite.“

Klingt, als wäre er mein Trainer, der mir Tipps geben soll, wie ich am Besten den Gegner austrickse.

Der Anwalt, den man mir stellt, ist alterslos, klein und hager, außerdem scheint er kein besonderes Interesse an meinem Fall zu haben. Wie ein schlaffer Mehlsack hängt er neben mir auf seinem herbeigeholten Klappstuhl und gähnt gelegentlich, ohne sich die Hand vor den Mund zu halten, wobei ihm fast die Brille von der Nase rutscht.

Verzeihen Sie bitte die Umstände.“, beginnt der ermittlungsführende Polizist auf der anderen Seite des aufgeräumten Schreibtisches, bietet mir einen Kaffe an und leitet mit Small Talk das Gespräch ein. Nachdem der Kaffee vor mir steht, fragt er unerwartet:

Arbeiten Sie schwarz im Pflegebereich?“

Was? Nein! Wie kommen Sie darauf?Worum geht es hier denn bitte?”

Das kann doch alles nur ein Missverständnis sein! Meine Gegenfragen beantwortet der Polizeibeamte nicht sehr überzeugend mit:

Keine Sorge, das erfahren Sie, wenn es nötig wird. Bis hierher ist das nur eine Routinevernehmung in einem Vermisstenfall. Haben Sie denn zu befürchten, dass es zur Anklage kommt?”

Nervös sehe ich auf meine farbverschmierten Hände. Die Stempelfarbe hat sich gut verteilt. Ich verneine.

Er lächelt, verschränkt seine Hände auf dem Bierbauch und stellt fragend fest:

Sie kennen Herrn Müller?“, als ob er das nicht selbst wüsste. Die Bekanntschaft abstreiten geht nicht, es wäre zu leicht nachzuprüfen. Ich schlucke schwer und antworte wahrheitsgetreu:

Er ist ein ehemaliger Nachbar.“

Der Polizist nickt zufrieden.

Ihr ehemaliger Nachbar hat uns berichtet, dass Sie sich ab und zu um seine Freundin gekümmert hätten. Das haben Sie also ohne Bezahlung getan?“

Ich nicke. Meine Hände sind feucht und die Nervosität rumort in der Bauchgegend; nun werde ich auch noch gefragt, ob ich wisse, wo Carmen sich aufhalte.

Ich denke, Herr Müller wird das wissen.”, entscheide ich mich, die Wahrheit und die damit verbundenen Konsequenzen noch ein wenig aufzuschieben. Offensichtlich haben die Carmens Leiche nicht gefunden, denn meine Antwort scheint kein Misstrauen zu verursachen. Aber weshalb bin ich dann überhaupt hier?

Nein, er weiß es nicht, sonst hätte er seine Lebensgefährtin ja kaum als vermisst gemeldet. Den Ermittlungen zufolge, pflegten die Beiden eine sehr harmonische Beziehung zueinander. Ohne Streit und Schläge. Oder haben Sie etwas anderes beobachtet?“

Nein.“, sage ich fest.

Dass Müller Carmen vermisst meldet, habe ich nicht erwartet. Nun bereue ich sehr, dass ich mich nicht vor der Fahrt nach Rostock durchringen konnte, ihm zu sagen, was passiert war und ihm nicht wenigstens das Grab gezeigt habe. Als Mörder kann ich ihn nach seiner Vermisstenanzeige wohl ausschließen, es sei denn, er hätte Carmen im Suff erschlagen und erinnert sich nun nicht mehr daran. Aber vielleicht war es ja auch einfach nur ein Unfall.

Während mein Anwalt desinteressiert eine Fliege auf dem Schreibtisch beobachtet, knetet der Ermittler seine Fingerknöchel und notiert sich anschließend etwas. Ein muffiger Geruch von Industriereiniger schwebt vom Treppenhaus herein. Ich denke an Daniel und wünschte, er wäre in der Nähe.

Erst jetzt fällt mir auf, dass auf dem Schreibtisch ein Diktiergerät liegt, dass ver­mutlich jede meiner Falschaussagen aufnimmt. Die Furcht zittert mir bis in die kalten Hände.

Der Beamte erkundigt sich, wann ich Carmen das letzte Mal gesehen habe. Ich werfe einen Seitenblick zu meinem Anwalt, irgendwie in der Hoffnung, er würde mir helfen, aber das krabbelnde Insekt auf der Tischplatte scheint spannender zu sein. Mein Magen knurrt. Der Beamte blinzelt nicht und starrt mich erwartungsvoll an, während sich ein Schatten vom Blatt der Monsterapalme über seine Stirn zieht.

Die Wahrheit kann ich nicht sagen und so stelle ich mir ganz fest vor, ich wäre gefragt worden, wann ich Carmen zuletzt lebend gesehen habe, obgleich in meinem Innersten eine schwer zu unterdrückende Traurigkeit aufkeimt.

Das war der gleiche Tag, an dem sie ihre Therapie angefangen hat.“, versichere ich unruhig. Ich kann mir nicht verkneifen, nervös an meinen Haaren zu spielen, obwohl ich weiß, wie das wirkt, aber ich bin nicht mehr Herrin meiner Hände.

Der vor mir sitzende Polizist seufzt und knallt mit siegessicherem Gesichtsausdruck eine Plastiktüte auf den Tisch, in welcher ein Schlüssel liegt, worauf die Fliege flüchtet.

Sie haben einen Wohnungsschlüssel, mit dem Sie jederzeit ein und aus gehen konnten. Warum waren Sie auch nach Therapiebeginn in der Wohnung der Vermissten?“

Mein Anwalt klammert sich wörtlich und geistig an eine große Papiertüte mit geschälten Kürbiskernen, in der er raschelnd herumwühlt und deren Duft mir den Mund wässrig macht. Ich erkläre wahrheitsgetreu, lediglich nach dem Rechten geschaut zu haben. Nachdem der Beamte mich weiterhin misstrauisch beäugt, füge ich rasch hinzu:

Ich war nicht sicher, wann sie nach Hause kommt. Wir sind eher lockere Bekannte, wissen Sie. Ich hab sogar in der Klinik angerufen und nach ihr gefragt.“

Ich hätte sie besuchen sollen. Und die Polizei hätte ihr mal zu Lebzeiten so viel Aufmerksamkeit schenken sollen, dann wäre es gar nicht soweit gekommen.

Er schiebt mir ein Foto von einem Korb Miesmuscheln über den Tisch zu. Ich erkenne meine Notiz mit der Telefonnummer der Klinik.

Das habe ich mir bereitsgedacht. Außerdem haben Sie sich nach einer Bezahlung für all Ihre Arbeit bei der Vermissten umgesehen. Vielleicht wurden Sie nicht gleich fündig und haben in der Klinik angerufen, um einen Tipp zu erhalten, wo Ihre Bekannte ihr Erspartes aufbewahrt.“

Nein, habe ich nicht.“, sage ich empört.

Der Polizist formuliert bedächtig:

Ich denke nicht, dass wir Frau Brandenburg lebend finden werden. Es liegt kein sinnvolles Motiv für eine Entführung oder ein Weglaufen vor. Sehen Sie, Frau Liebknecht, meiner Ansicht nach, ist der Täter derselbe, der das gesamte Schlafzimmer auf den Kopf gestellt hat. Vermutlich, um sich Frau Brandenburgs Erspartes zu holen. Ich denke, diejenige waren Sie. Sie hatten Motiv und Gelegenheit.“

Das war schon so, als ich es betreten habe!“, verteidige ich mich heiser und schockiert darüber, wie nah er an der Wahrheit ist. Der Polizist fährt pedantisch fort:
„Wie unsere Nachforschungen ergeben haben, konnten Sie Geld aufgrund Ihrer Arbeitslosigkeit gut gebrauchen. Wenn Sie es weiterhin abstreiten wollen, erklären Sie mir doch mal, was das für ein Haufen Bargeld in ihrer Tasche ist.“

Mein Herz hat einen Aussetzer und ich habe nicht das Gefühl, als ob es wieder zu schlagen anfinge. Der vollständige Vorrat an Adrenalin scheint aufgebraucht zu sein. Dabei hätte ich genau jetzt einen Schub zum schnelleren Überlegen nötig. Irgendwie kann ich nur erleichtert denken: Gut, dass meine Tasche hier ist und mein Wohnungsschlüssel nicht in Rostock liegt.

Vielleicht sage ich einfach die Wahrheit, woher ich das Geld habe, da wäre ja nichts dabei. Doch irgendwie bringe ich die Erklärung nicht über die Lippen, ein kleiner Junge, der als Mädchen verkleidet war und bei seiner Tante im Bordell wohnt, hat mir das Geld gegeben, das aus einer Bierbüchse in einem Schornsteinschacht ist.

Ich bete mit eiskalten Fingerspitzen, dass meine Kontobewegungen nicht schon gefilzt wurden und erkläre überzeugt, indem ich mir meine Lüge selbst fest einrede, das Geld sei mein eigenes Erspartes.

Sie wurden an den Mülltonnen beobachtet. Was haben Sie da entsorgt?“, erkundigt er sich in einem Tonfall, als wäre Entsorgen das Verwerflichste, was man machen kann. Nachdem ich die stinkende Ladung beschrieben habe, weist er mich darauf hin, dass der Versuch, eine Straftat zu verschleiern, ebenfalls strafbar ist. Ich beteuere, dass ich beim Müll rausbringen ganz sicher keine Straftat verschleiern wollte.

Von Denkfalten überdeckt, massiert sich der Polizist die Schläfen, was den schlaffen Mehlsack neben mir inspiriert, seine Brille abzusetzen und sich den Nasenrücken zu reiben.

Ist Ihnen in etwas Ungewöhnliches an ihrer Freundin aufgefallen, eine Änderung des Verhaltens oder ihrer Gewohnheiten?“, versucht der väterliche Beamte es mit einer neuen Richtung.

Soll das ein Scherz sein? Sie war auf einer Entzugskur. Das kann man als Änderung des Verhaltens betrachten.“

Seelenruhig rollt der Beamte zwei Phantombilder auseinander, schiebt meinen unberührten Kaffee zur Seite und legt sie mir vor.

Kommen Ihnen diese Männer bekannt vor?“

Die ziemlich präzisen Skizzen zeigen Sebastians Lockenkopf und Richards Tolle. Na super. Ich kann die Beiden doch nicht in die Pfanne hauen, dafür, dass sie geholfen haben, Carmen nach Hause zu bringen. Besonders für Sebastian wäre eine polizeiliche Durchsuchung wegen seiner Plantage eine Katastrophe. Oder könnte er wirklich etwas mit Carmens Tod zu tun haben? Einen Mörder decken, will ich auch nicht. Richard kann es jedenfalls nicht gewesen sein, der war mit mir unterwegs und dann mit dem Trockenlegen des Kellers befasst. Ein ausgebreitetes Prickeln auf dem Kopf sagt mir, dass sich meine Haarwurzel versuchen, aufzustellen und hätte ich kürzere Haare, ständen sie mir zu Berge.

Ich schüttele mit dem Kopf. Wieder macht er sich eine Notiz und verkündet beinahe mitleidig:

Wir haben einen Augenzeugen, der sie mit diesen beiden Männern und der Gesuchten gesehen hat. Vielleicht wissen diese beiden Bekannten der Vermissten, wo sie sich aufhält. Wenn Sie uns helfen, die Beiden zu finden, wird Ihnen das zu Gute gehalten, verstehen Sie?“

Bleibe ich dabei, Sebastian und Richard nicht zu kennen? Bei Richard scheint die Polizei keine Anhaltspunkte zu haben, sonst hätten sie ihn in Rostock schon mitgenommen. Dort scheint er ihnen nicht aufgefallen zu sein. Dieser Zeuge kann ja nur jemand sein, der Carmen und mich kennt, Sebastian und Richard aber nicht. Das trifft auf die vier immer betrunkenen Punkerfreunde aus Fidels Haus zu, deren Glaubwürdigkeit sich durch ihren Alkohol- und Drogenkonsum bestimmt untergraben lässt. Ich schweige mit fest entschlossener Miene, hinter der die Angst tobt.

Sich weit nach vorne lehnend, als ob es nun um etwas Privates ginge, wispert er:

Sie müssen uns nicht sagen, wo die Beiden stecken, die Fahndung ist eh raus und wir finden sie schon, verstehen Sie? Wir wissen von Herrn Müller, dass dieser junge Mann Ihr Freund ist. ”

Wieder legt er mir Richards Phantombild vor, der nicht mehr mein Freund ist. Anscheinend wollte auch Müller Sebastian nicht verpfeifen und hat ihn nicht identifiziert. Und Richards Namen hat er auch nicht verraten. Aber warum deckt Müller Clarice? Es kann ihm doch nicht entgangen sein, dass sie Carmen besuchte. Und war Clarice nicht auch an dem Abend mit Sebastian und Richard dabei? Vielleicht war „der Augenzeuge“ doch keiner der Punks, sondern Clarice selbst, die mich da mit den beiden Männern und der gesuchten Carmen gesehen haben will. Ich schweige verzweifelt.

In der Wohnung der Vermissten sind wir auf diese Nachricht gestoßen. Habe Sie eine Idee, von wem diese Nachricht stammen könnte? ?”

Er schiebt eine Kopie über den Tisch.

Übergabe am alten Ort, aber eine Stunde früher, als sonst. Wir müssen vorsichtiger werden.

Ich kenne die Nachricht aus Carmens Wohnung, aber sagen kann ich dazu nichts. Ich schüttele den Kopf.

Sie wollen mir also nichts verraten. Ihnen ist bewusst, dass Sie damit die Ermittlungen behindern?“

Meine Mundmuskulatur entzieht sich meiner Kontrolle, weshalb die Kinnlade offen steht. Nun erwacht der fahle Untote neben mir doch noch und mischt sich mit dünner Stimme ein:

Würden Sie auf den Punkt kommen? Offenbar haben Sie gegen meine Mandantin nichts in der Hand und sie kann Ihre Fragen nicht beantworten. Sie verschwenden Ihre und unsere Zeit.“, versucht mein Anwalt überlegen zu wirken.

Der Polizist grinst und selbst ich bin eher belustigt.

Der Spaß ist vorbei, als in diesem Moment ein weiterer, großer Uniformierter hinzukommt, der sich zackig als Herr Rösner vom Bundeskriminalamt vorstellt. Polizei hört sich schon gruselig an, aber Bundeskriminalamt klingt echt böse.

Herr Rösner spricht sehr laut, andere sind vielleicht so laut, wenn sie schreien. Das Großraumbüro verfällt in ehrfürchtige Stille, nur das Telefon klingelt unbeeindruckt weiter. Er informiert den Polizisten am Tisch, dass ich jetzt seine Zeugin wäre und will wissen, was er bisher von mir erfahren hat, worauf der sitzende Beamte missmutig seine Stichpunkte vorliest.

Dann wendet sich Herr Rösner an mich:

Fühlen Sie sich gut? Ich meine, sind Sie gesund?”, und ich bestätige verwirrt von seiner Besorgnis, dass ich kerngesund bin, aber langsam kalte Füße bekomme.

Sie nehmen weder Schmerztabletten, noch Blutdruck- oder Cholesterinsenker ein?” Ich schüttele vehement und deutlich irritiert mit dem Kopf. Was soll das; ist das hier ‘ne Arztpraxis oder ‘ne Polizeiwache? Zumal er das mit den kalten Füßen falsch verstanden haben wird; ich hätte wirklich gern meine Schuhe zurück.

Auch keine Schlaf- oder Schlankheitsmittel oder vielleicht Wachstumshormone? Nach Steroiden oder Antihistaminen sehen Sie mir eh nicht aus.”

Ich verstehe kein Wort mehr und antworte ungehalten:

Nichts von alldem. Warum fragen Sie?”

Ohne auf meine Frage einzugehen, teilt er bedrohlich mit: „ Also können wir Eigenbedarf schon mal ausschließen. Nun gut, Frau Liebknecht. Momentan ist es bloß Urheberrechtsverletzung, solange, bis weitere Laborergebnisse kommen und wir genauer wissen, wieviele Menschenleben sie gefährdet oder gar auf dem Gewissen haben.”, wobei er ganz ruhig am Fenster steht und dem Büro das letzte Licht nimmt. Urheberrechtsverletzung? Menschenleben auf dem Gewissen? Ich bin mir keiner Schuld bewusst, dieser Irrtum wird sich sicher gleich aufklären.

Herr Rösner scheint sogar die Monstera-Palme zu überragen. Sein glattrasiertes Gesicht zeigt keine Mi­mik. Ich traue mich nicht, zu fragen, von was er über­haupt spricht. Er fährt fort:

Wenn bei der SORS rauskommt, was ich vermute, erwarten Sie mindestens zehn Jahre wegen fahrlässiger Tötung infolge Ihres Betruges, wer weiß, in wievielen Fällen. Und falls Ihre Kom­plizen nicht allmählich bei bester Gesundheit auftau­chen, droht Ihnen eine lebenslängliche Haftstrafe. Wenn Sie nicht mit uns zusammen arbeiten, werde ich mich persönlich dafür einsetzen, dass Sie in jedem Fall die Höchststrafe bekommen. Es liegt an Ihnen. Schildern Sie, welche Stoffe Sie ver­wendet haben, an wen verkauft wurde und wer ihre Komplizen sind.“

Ungeduldig klopft der Polizist mit seinem Stift auf den Notizblock. Stoffe? Was denn für Stoffe? Und was ist eine SORS?

Sie können die Aussage verweigern.“, flüstert mir Herr Augustin zu, so nah herangebeugt, dass ich sein Aftershave riechen kann. Weitere Ratschläge hat er anscheinend nicht. Also sage ich nichts. Mir ist schwindelig und mein Puls galoppiert in den Adern.

Gefasst legt der Polizist hinter dem Schreibtisch den Kugelschreiber beiseite und wechselt einen abstimmenden Blick mit Herrn Rösner. Tatsächlich schaut der Bundeskriminalbeamte Rösner auf mich herab, als hätte er mich in der Falle. Ich habe richtig Angst. Der Polizist meint:

In Anbetracht dieser neuen Erkenntnisse wirkt das Aufräumen in der Wohnung der Vermissten noch verdächtiger, als vorher. Was haben Sie wirklich im Schlafzimmer der Vermissten gesucht?“

Ich antworte trotzig: „Die Katze.“

Der Bundeskriminalbeamte erklärt lautstark:

Die Katze? Also wirklich, Frau Liebknecht… Sie sind die Letzte, die Frau Brandenburg gesehen hat, bevor sie abgetaucht ist. Frau Brandenburg ist vermutlich der Kopf eurer Bande. Wenn Sie die Sache nicht allein ausbaden wollen, sollten Sie aufhören, die Anderen zu decken.“

Carmen der Kopf einer Bande? Sogar Herr Augustin guckt erschrocken und rutscht auf seinem Klappstuhl herum. Über Carmen zu reden, schmerzt mich, weil ich anscheinend allein mit meinem Wissen über ihren Tod bin. Vielleicht wäre es das Beste, sie hätten sie gefunden. Abgesehen davon, dass er mit Carmen mit Sicherheit die Falsche verdächtigt, frage ich mich, ob er sich ihres Lebenslaufs überhaupt bewusst ist. Stotternd bringe ich heraus:

Ich weiß wirklich nicht, wovon Sie reden. Ich hab Hunger und Durst und will langsam echt gehen.”

Immerhin der Polizist scheint mir glauben zu wollen, während mich der neben ihm stehende Bundeskriminalmann weiterhin verurteilend ansieht. Gehen darf ich daher nicht, aber ich bekomme ein Wasser und eine mit Wurst belegte Brötchenhälfte. Irgendwie habe ich in diese Gesellschaft keinen Appetit, egal, ob das Brummen aus dem Bauch inzwischen deutlich hörbar ist. Nach ein paar Kürbiskernen wäre mir eher, als nach ekliger Wurst.

Leidvoll frage ich den gelangweilten Anwalt neben mir:

Würden Sie mir bitte die Tüte reichen?“

Ist Ihnen schlecht?“, bemüht sich Herr Augustin mit seiner Fistelstimme, besorgt zu klingen und reicht sie mir. Damit trifft er den Nagel auf den Kopf, aber ich entgegne lächelnd:

Nein, ich wollte sie mir über den Kopf ziehen.“, wobei ich mir ein paar Kerne heraushole.

Es ist ja gleich überstanden.“, wirft der väterliche Polizeibeamte ein, da kommt ein haspliger Polizeifrischling herbei gerannt, der begeistert ruft:

Die Fingerabdrücke sind abgeglichen!“

Von hinten reicht er eifrig die Papiere mit den Ergebnissen zwischen meinem Anwalt und mir hindurch, wobei kaum zu sagen ist, wer von uns Beiden ängstlicher guckt. Oh Gott, es ist soweit, sie haben mich! Wie hoch ist wohl die Strafe für eine unerlaubte Beerdigung?

Unser Gegenüber runzelt mit erhobenen Augenbrauen die Stirn und sein Glaube an mich schrumpft zusehends. Er nennt ein paar Daten und will wissen, wann ich wo war und was ich da gemacht habe. Ich antworte ehrlich, sofern ich mich an die Tage erinnern kann. Dann legt er mir wieder die Kopie der seltsamen Nachricht aus Carmens Wohnung vor die Nase und sagt äußerst vorwurfsvoll:

Ihre Fingerabdrücke sind auf dem Original gefunden worden.“

Ich unterbreche ihn genervt: „Ich hab den Zettel beim Aufräumen angefasst, mehr nicht. Ist doch überhaupt nicht meine Handschrift.“

Jetzt schaltet sich mit seiner dröhnend Lautstärke Herr Rösner ein und verkündet siegessicher:

Tja, Frau Liebknecht. Anscheinend haben Sie schon vor ein paar Wochen versucht, die ersten Zeugen aus dem Weg zu räumen… Oder wie sind ihre Fingerabdrücke an die Tatwaffe gekommen?“

Der Schock lässt sich kaum steigern, aber es geht, wie ich schwitzend bemerke, als die Polizistin, die bei meiner Ankunft telefoniert hatte, von ihrem Schreibtisch aufspringt und ruft:

Ihre Fingerabdrücke stimmen auch mit denen von meinem Tatort überein!”

Sie kommt zu uns herüber, bevor sie resolut die Arme vor der Brust verschränkt, womit wir zu Sechst wären und ein gewisses Talkshowflair aufkommt, da die Augen der restlichen Bürobesatzung ebenfalls auf mir weilen.

Triumphierend legt sie das Foto einer Blutlache auf den Tisch und fragt mich:

Waren Sie auf dem Dach dieses Rohbaus?”

Da sie dort offenbar meine Fingerabdrücke gefunden hatte, ist es unsinnig, es abzustreiten, doch bevor ich antworten kann, unterbricht ihr Kollege mich:

Eins nach dem Anderen. Haben Sie versucht, ihren Komplizen mit einem Schraubenzieher zu erstechen?“

Was? Nein, natürlich nicht.”

Mein Anwalt starrt erleichtert auf den Papierstoß auf seinem Schoß, anscheinend war die Antwort richtig. Er wirkt nicht sonderlich bewandert im juristischen Vertreten von Verdächtigen, die Überforderung ist ihm anzusehen und ich beginne mich um meine Freiheit zu sorgen.

Herr Rösner setzt die Fragerunde fort:

Sie haben also auch nicht Herrn Müller manipuliert, den Sohn der Vermissten aus dem Weg zu räumen?”

So ein Quatsch. Ich kenne Carmens Sohn überhaupt nicht! Ich habe Müller und Carmen verkuppelt, mehr nicht. Ich hab gar keinen Grund, irgendwen aus dem Weg zu schaffen! Meine Fingerabdrücke sind auf dem Schraubenzieher, weil ich ihn Carmen einen Abend wegnehmen musste. Sie war so betrunken, dass sie sich damit hätte verletzen können. Ich hab ihn ins Gebüsch geworfen. Er diente Carmen als Schlüsselersatz für ihre Wohnung.”, nehme ich meine Verteidigung selbst in die Hand.

Die Polizistin bleibt beharrlich und kombiniert:

Ich wette die Blutlache, zu der mir das Opfer fehlt, gehört zu eurer vermissten Carmen und sie ist die Täterin.”

Dabei zeigt sie auf mich.

Oder wie erklärt ihr euch ihre Fingerabdrücke an der Luke? Und ihre Fußabdrücke auf der Treppe? Wahrscheinlich wollten sie den Gewinn nicht länger mit Carmen teilen oder sie wollten sie zum Schweigen bringen.”

Rasend grübele ich, wie ich mich da herauswinden könnte. Auf jeden Fall darf ich nicht verraten, dass da wirklich Carmens Leiche gelegen hat.

Ich hab überhaupt nichts getan. Die Spurensuche kann bestimmt beweisen, dass ich auf dem Dach war, um ein paar Fotos von der Aussicht zu schießen und die Blutlache schon vorher da war.“, wehre ich ab. So erfahre ich, dass inzwischen die Bauarbeiten wieder eingesetzt haben, weshalb die Blutlache überhaupt bemerkt wurde. Weiß ich wie viel Jahre steht dieser Rohbau da herum und jetzt auf einmal gehen die Bauarbeiten weiter?

Ich würde am liebsten im Erdboden versinken oder mich in Luft auflösen, nur, um weiteren Verdächtigungen, denen ich trotz meiner Unschuld nichts entgegen zu setzen habe, aus dem Weg zu gehen.

Unnötig sortiert mein Anwalt mit ruckartigen Bewegungen einen Stapel Papiere vorwärts und rückwärts, der auf seinem Schoß liegt.

Zeigen Sie die Fotos, die sie an dem Tag gemacht haben.”, hofft er mir helfen zu können, doch an dem Tag habe ich keine Gelegenheit gehabt, welche zu machen und schüttele mit dem Kopf.

Die sind nichts geworden.”, behaupte ich.

Schulter zuckend widmet sich mein Anwalt wieder seinem Papierhaufen. Der Polizist von der anderen Seite des Schreibtisches sieht mich zweifelnd an und seine Arbeitsgenossin macht mit der Zunge ein Geräusch, wie eine aufgeschraubte Colaflasche, bevor sie sagt.

Meinen Kollegen hier können Sie vielleicht weismachen, dass der Kopf dieses Fälscherrings eine alte Alkoholikerin ist, aber mich führen Sie nicht so leicht hinters Licht. Sie haben sie getötet, da bin ich mir sicher. In ein paar Stunden werde ich genügend Beweise gegen Sie und Ihr schmutziges Geschäft in der Hand haben!“

Was denn für ein Fälscherring?“, frage ich verdattert, während hinter den bewegten Mienen abgewogen wird, ob ich das Zeug zu einer Mörderin habe.

Verhaften wir sie nun?“, erkundigt sich die Polizistin ungehalten und flüstert zu meinem Entsetzen ihrem Kollegen zu: „Wir haben genügend Indizien, sie in Untersuchungshaft zu nehmen!“ Ich will nicht ins Gefängnis! Ich bin unschuldig! Zwar nickt der Ermittler am Tisch, meint dann aber kapitulierend:

Ich werd das erstmal überprüfen. Momentan haben wir kein Opfer und somit nicht ausreichend Beweise. Die Dünnschicht Chromatografie der sichergestellten Medikamente hat lediglich bewiesen, dass der angebene Wirkstoff nicht enthalten ist. Warten wir die Erbnisse der SORS(Spatially Offset RamanSpektroskopie) ab und was die Durchsuchung von Frau Liebknechts Wohnung ergibt.“

Ich bin fassungslos darüber, dass meine Wohnung durchsucht wird. Dürfen die das? Andererseits wird mich das entlasten und die werden ihren Irrtum einsehen. Mit irgendwelchen Medikamenten habe ich nun wirklich nichts zu tun und Carmen habe ich auch nicht getötet. Allerdings weiß ich von Tanja, dass Clarice Verpackungen für Medikamente besorgt hat und erinnere mich auch, in Sebastians Wohnung solche gesehen zu haben. Also kann ich mir denken, wer dahinter steckt.

Die Polizistin stöhnt:

Na toll, wären die im Labor schneller, hätten wir ja vielleicht auch mal eine reelle Chance, einen Fall aufzuklären.“

Endlich nutzt mir mein Anwalt etwas, er bestätigt, dass bei mir keine Fluchtgefahr bestehe.
Zu meiner unendlichen Erleichterung sagt Herr Rösner:

Sie können dann erstmal gehen. Unterschreiben Sie das. Bleiben Sie in der Stadt, wir melden uns, wenn wir noch Fragen haben. Sollten Ihnen die Namen Ihrer Gehilfen noch einfallen, oder Sie was richtig stellen wollen, Sie wissen, was zu tun ist.“

Ich unterschreibe, ohne zu Lesen was, ich will weg hier. Endlich erhalte ich meine Schuhe zurück. Während ich meine Tasche ausgehändigt bekomme, diskutiert die Polizistin weiter mit ihrem Rivalen darüber, dass ich besser gleich hierbleiben sollte. Ohne Nachzusehen, ob Philips Geld den Weg zurück in meinen Besitz gefunden hat, verlasse ich die Polizeiwache und haste wegen der Mordanschuldigungen unter Verfolgungswahn in Richtung meiner Wohnung.

Auf dem Weg checke ich mein Telefon, es sind mehrere Nachrichten eingegangen. Maria und Tanja fragen, was los ist und wann ich wiederkomme, das Gleiche will Daniel wissen und er schreibt, dass er mich vermisst, was mich ein wenig aufmuntert.

Von Richard ist keine SMS dabei. Seltsam, wie schnell ein Mensch, mit dem man eben noch alles geteilt hat und dem man sich so sicher war, von einer Minute auf die Andere verschwinden kann, als wäre nie was gewesen.

Als ich gerade die Antwort eintippe, quatscht mich ein nach Student aussehender Typ an, ob ich schon mal Sex vor der Kamera hatte und versucht mich, dafür zu begeistern. Ich bin völlig fertig und will ihn einfach loswerden. Er lässt sich nur schwer davon überzeugen, dass ich seine Visitenkarte wirklich nicht haben will. Philips Geld ist auch weg. Was ist heute bloß los?

Ich bin heilfroh, zu Hause anzukommen, wenngleich dieses wie ein fremdes Gebäude aussieht; ich erkenne nichts daran wieder, bis auf die Kastanie davor. Die kleinen Außentoiletten zwischen den Etagen im Treppenhaus wurden abgebrochen, weshalb die Medikamentenverpackungen, nach denen ich Ausschau halte, weg sind.

Als ich die Wohnungstür hinter mir schließe, in einer Hand einen beträchtlichen Stapel Post haltend, und ganz allein im stillen, kühlen Flur stehe, wünschte ich wieder, Daniel wäre hier und würde mich in den Arm nehmen.

Damit die Einsamkeit sich nicht allzu sehr bemerkbar macht, schalte ich das Radio in der Küche und in meinem Zimmer ein, worauf in Dolby-Surround-Qualität das Duett von Bela B. und Lee Hazelwood aus den Boxen schallt. Meinem Zimmer sieht man die polizeiliche Durchsuchung an und es schaudert mich, fühle mich irgendwie bedrohlich beobachtet. Zögerlich erforsche ich, was sie gefunden haben. Offensichtlich wurden alle meine Schuhe beschlagnahmt. Ein paar Fotos fehlen auch. Sogar meinen Ofen haben sie ausgekehrt, was ich wirklich lustig finde.

In der Küche versorge ich mit Hingabe die Pflanzen mit Wasser; der Hopfen trägt lustige hellgrüne Bommeln, aber die Walderdbeeren wurden von den Vögeln verspeist.
Ich nehme einen Regenwurm für Ulrike aus dem Glas, die in ihren Panzer zurückgezogen auf dem Stein im Becken in der Küche liegt, und einen für die in einem alten Brotkasten einquartierte Socke, während ich in die von rotbraunen Flecken übersähte Kastanie starre.

Im Gefängnis werde ich keinem Baum mehr so nahe sein. Seit der Ast weg ist, kann man den Blick bis zum Stamm hineinbohren. Es ist, als ob man in der Krone hausen würde, wenn man die Kohl- und Blaumeisen beobachtet, wie sie kopfüber von Blatt zu Blatt hüpfen; erlebt, wie aus klebrig glänzenden Knospen erst weiße Blüten, dann grüne, stachelige Kugeln werden und die Ringeltauben, die eben noch kleine fiepende Küken waren, nun selbst ihr Nest in den Zweigen bauen oder einfach davonfliegen und nie wieder kehren.
Zunächst öffne ich die Post. Meine Oma schreibt vom Waldsterben und Opas schlimmen Rücken; bezüglich meines letzten Briefes erklärt sie, meinen Freund unbedingt kennen lernen zu wollen und lädt ihn bei der Gelegenheit zu Weihnachten ein. Na klasse, warum hatte ich im letzten Brief Richard erwähnt? Ich ärgere mich über mich selbst. Und statt Liebeskummer verspüre ich nur Wut. Ich bin wirklich sauer auf ihn, dass er mich so hintergangen hat und selbst den einen Morgen im Zelt, als ihm das mit Özlem längst klar gewesen sein muss, noch so dreist war, sich an meinem Arsch vergehen zu wollen, worauf nur jemand Besonderes ein Anrecht hat. Im Nachhinein bin ich froh, wenigstens eine Flasche nach ihm geworfen zu haben.

Die bunte Postkarte darunter kommt von Dirk. Eingehend studiere ich die sonderbare Briefmarke und bin mir auch bei der braunen Steinwüste auf der Vorderseite sicher, dass das unmöglich die Schweiz sein kann; vielleicht könnte sie so in ein paar Jahrzehnten aussehen. In der krakeligen Schrift eines ungeübten Schreibers berichtet Dirk auf der Rückseite aus Iquique in Chile.

Ich bin völlig perplex. Dirk hat nie erwähnt, dass es ihn nach Südamerika zieht. Er schreibt, wie toll es sei, dass es in der Stadt Internet gäbe, wo er spielen könnte, weil bei den Aymara-Indianern im Lager auf dem Hochplateau, wo er lebe, nichts wäre, außer Alpakas fürs Schlachtfest und neun Meter hohe Kakteen, aus denen sie ihre Häuser bauen. Bäume wüchsen keine, weshalb weit und breit nichts anderes zu finden sei, als Steine, was blöd ist, wenn man Brennholz brauche, denn Nachts wären Minusgrade. Zum Schluss erklärt er in einem Satz, dass er in der Schweiz einen Sedimentologen kennen gelernt habe, der ihm die einmalige Gelegenheit geboten hat, seine Exkursion in die Hochanden zu begleiten und er sowieso nach einer Fluchtmöglichkeit vor Clarice gesucht hätte. Er wünscht mir alles Gute und Tschüss.

Eine Fluchtmöglichkeit vor Clarice? Woher kennt Dirk sie? Nach kurzer Überlegung fällt mir ein, dass Clarice Tanja nach unserem Besuch in ihrem Bordell und bei Carmen zu Dirk begleitet hatte. Dass Clarice und Dirk zusammen in die Schweiz gefahren sind, ohne Bescheid zu sagen, verbuche ich unter spontanem Liebesglück, auch wenn Dirk Clarice in der Schweiz wohl schnell überdrüssig geworden ist. Oder steckt er in der Sache tiefer drin? Nichtmal Philip hat etwas verraten, vielleicht weiß er nichts davon.

Ich versuche sofort, Tanja zu erreichen, weil ich dringend mit ihr reden muss, aber dann bilde ich mir aufgrund zuvieler Krimiserien ein, dass mein Telefon abgehört wird und lege schnell wieder auf. Sicherheitshalber schalte ich mein Handy aus, da Tanja mich sonst zurückruft.

Gegen Chile wirkt Rostock wirklich lächerlich. Kann man mit einem Hausboot über den Atlantik bis zum Pazifik schippern? Dank Dirk packt mich gnadenlos das Fernweh. Außerdem bin ich sauer auf ihn, weil er sich ohne mich in dieses Abenteuer gestürzt hat. Bisher sind wir überall zusammen hingezogen. Nicht mal ein Absender ist auf der Postkarte zu finden. Aber er hatte es mir früher selbst einmal prophezeit, als er darüber gesprochen hatte, dass seine alten Kumpels nichts mehr von ihm wissen wollen und seine Ex Susi ihn nicht richtig liebe: ‘Jeder lebt seine eigene Melodie; Freunde kommen, Freunde gehen.’
Um meiner Lage Herr zu werden, recherchiere ich im Internet, wie hoch die Strafe für eine illegale Beerdigung ist, habe jedoch kaum einen sinngemäßen Treffer, da in letzter Zeit soviele Bestattungsunternehmen wegen illegaler Beerdigungen aufgeflogen sind. Die Fälle sind kaum mit meinem zu vergleichen, da es dabei meist um Geld geht. Also lese ich mich durch die Gesetzestexte, bis ich überzeugt bin, dass es besser ist, dass alles nicht zu wissen, was da in den Bestattungs- und Leichengesetzen steht. Das wird entweder sehr teuer oder einengend. Selbst wenn der Richter irgendein Verständnis für unsere Beweggründe aufbringen könnte, definitiv haben wir gegen zuviele Gesetze verstoßen. Möglicherweise bin ich sogar wegen Gefährdung der Öffentlichkeit dran, sollte eine Seuche ausbrechen, weil wir Carmen vielleicht aus Versehen in der Nähe eines Trinkwasserbrunnens beerdigt haben. Was Clarice’ Beweggründe angeht, bin ich mir sowieso nicht mehr sicher.

Da mein Urlaub unbeabsichtigt verkürzt wurde, überlege ich, Özlems Brüder in der Werkstatt zu besuchen. Allerdings würden die gleich vermuten, dass etwas nicht stimmt, und ich habe kein Bedürfnis, irgendwem meine verfrühte Rückreise zu erklären. Es ist mir unangenehm genug, meinen Reisegefährten alles begründen zu müssen, auch wenn zwei von ihnen da vielleicht mehr drüber wissen, als ich. Daher laufe ich ohne Plan in die Abenddämmerung.


Seit einer halben Stunde klemme ich auf einer Parkbank zwischen der siebzigjährigen, rundlichen Irmgard, deren Mann noch lebt, und der noch mal zehn Jahre älteren, ausgemergelten Ulrike, die mit ihrem spitzen, faltigen Gesichtchen fassbare Ähnlichkeiten zu unsere Schildkröte aufweist. Zunächst meckert Ulrike über den Altersheim-Alltag, sie müsse sich immer so zum Abendbrot um siebzehn Uhr beeilen, warum das so zeitig sei, die faulen Pfleger wollen doch nur früh Feierabend machen und sowieso schmecke es furchtbar. Nachdem Irmgard, deren weißes Haar von einer dieser lila Strähnen geziert wird, bei denen ich mich immer frage, welcher Punk die Omas da geritten hat oder ob sich der Friseur einen Scherz erlauben wollte, mir erzählt hat, wie sie ihren zweiten Mann vor drei Jahren auf einem Kurztrip nach Kassel für sich erobern konnte, wirft Ulrike Kommentare ein, wie:
„Nich schon wieder die alte Leier!“, wovon sich Irmgard nicht beirren lässt. Gabriel bringt gerade die Gießkannen zurück, mit denen ich die Gräber der drei Rentner hilfsbereit gewässert habe.

Irgendwie bin ich bei meinem ziellosen Spaziergang ungewollt auf dem gewohnten Weg in den Friedhof eingebogen. Die Stellen, an denen ich mit Dirk war, habe ich ganz leicht wiedergefunden, aber nicht Carmens Grab. Durch jeden weißen Busch bin ich gekrochen, doch ohne Erfolg. Vielleicht wollte ich es im Unterbewussten nicht finden oder die weiße Pracht bei der gesuchten Stelle ist verblüht.

Irmgard schwatzt von ihren wilden Rendezvous mit Gabriel, einem leicht gebeugt gehenden, klein geschrumpften Greis, der sein jungenhaft charmantes Grinsen dank glänzender Prothese nicht verlernt hat und unentwegt Komplimente macht. Meinen Blick zur Uhr bemerkend, unterbricht Gabriel Irmgard mit knatternder Stimme:

Kind, die Zeit rennt dir nicht weg, nur dein Leben, wenn du die Zeit nicht genießt.“

Augenblicklich wirft Irmgard ein:

Apropos, lass dir nur immer Zeit, es wird schnell genug öde. Hat man irgendwann alles gesehen, jedes Leid, jeden Krieg, jedes Glück, viel echte Liebe, aber auch Betrug und Verderben, dann hat man fertig gelebt, von da an wird’s langweilig und man kann gehen und sterben. Mehr kommt nicht, glaub mir, ich muss es wissen.“

Pergamenthaft brüchig nuschelt Ulrike:
„Deshalb sollte man nicht so viel fernsehen, das lässt schneller altern.“ Casanova Gabriel schielt mit seinen wässrigen, munteren Äuglein von einer Frau zur Nächsten und sinniert:

Altsein bedeutet Gemütlichkeit; all die Grausamkeiten des Lebens sind dann nur noch blasse Erinnerungen, verblasst ist auch die Jugend und Schönheit, damit alle Oberflächlichkeiten, gut, selbst der Geist lässt einen gelegentlich im Stich, so genießt sich der Lebensabend noch besser, weil man jedes Ärgernis vergisst. Frei von allen Sorgen kann man sich getrost einem zweiten Frühling hingeben.“

Lachend klappst Ulrike sich mit ihren weißen kleinen Händen auf ihre Oberschenkelknochen und fragt:

Frei von was für Sorgen? Hast du schon vergessen, dass du wegen deinem Kniegelenk, dass dir diese Schlamperheinis falsch eingesetzt haben, noch eine OP diesen Monat hast?“ Irmgard schüttelt mitleidig den Kopf.

Natürlich nicht.“, seufzt Gabriel betreten und ich gebe irgendwie Ulrike Schuld an seinem Stimmungswechsel.

Der hält bei Gabriel nicht lange an, er erzählt ungetrübt, als Junge habe er sich überhaupt nicht für Pflanzen interessiert, aber je mehr er selbst verwelke, desto ergötzlicher fände er das ‚Grünzeug’. Dabei recht er zum zigten Mal den Weg um die Grabstätte vor uns. Das macht er schon seit den Achtzigern, da ist seine Mutter gestorben und liegt seither hier.

Du kennst den Friedhof wohl ziemlich gut?”, sage ich zu ihm, worauf ich eine zehnminütige Geschichtslektion erhalte. Endlich schaffe ich es, ihn nach der steinernen Sargplatte zu fragen und er kennt sie. Ich folge ihm zügig, aber er ist kleiner und dünner als ich, was seinen Vorsprung ausbaut.

Flugs ist Irmgards Mann im Dickicht verschollen. Große eiserne Kreuze, steinerne Obelisken mit Alpha- und Omega-Zeichen darauf und begehbare Grabstätten sind im Gebüsch hinter rostigen Zierzäunen versteckt. Aneinander reihen sich im Wald aus dicken Eichen, schlanken Kiefern, buschigen Tannen und Zedern, hohen Birken und Ahornbäumen riesige Steine aus allen Marmorsorten und Sandstein, verfallen und vergessen. Gefallene Engel neben dunklen Kreuzen stehen schaurig im Efeu, das in dunkelgrünen Wellen über den Boden und die Bäume schwappt.

Steinbrocken, kaputte Säulen und Urnen liegen verwahrlost herum und werden vom dichten Gras verschlungen, die alten Baumstämme sind über und über von Zunderschwämmen und Pflaumenflechte bedeckt. Es sieht aus, als hätte jemand randaliert. Es ist die Kraft der Bäume, deren Wurzeln die Mauern auseinander brechen, deren Äste die pompösen Gedenkstätten in fester Umarmung verschieben und zerdrücken. In den Durchgängen zwischen den niedrigen Umzäunungen sprießt neues Leben. Die niedlichen Türchen zu den Gräbern hängen schief in den Angeln, sperrangelweit offen oder zugerostet. Ein dicker Baum wird auf halber Höhe von einem schweren Zaunstück umschnürt, durch das er hindurch gewachsen ist; das Zaunstück wird langsam von der Baumrinde verschluckt. Vereinzelt fällt ein Sonnenstrahl durch das Laubdach und lässt den glatt geschliffenen Marmor glitzern.

Gabriel klopft rhythmisch mit dem hölzernen Spazierstock auf den Boden, wodurch die Ameisen einen Zahn zulegen. Er hält mich mit aufgerissenen Augen fest, wodurch seine Wangen seltsam straff wirken.
„Jetzt kommt ein schwieriges Stück, das wird ein bisschen stressig.“

Er riecht nach Kampfer und Menthol, ein bisschen auch nach Rasierwasser, das mich an meinen Opa erinnert. Der geht allerdings mit Vorliebe den ganzen Tag wandern und würde nie auf die Idee kommen, so was als ‚stressig’ zu bezeichnen. Trotzdem hat Gabriel bestimmt Recht und ich folge ihm umsichtig.

Während unseres Unterholzausflugs an diesem sich abkühlendem Sommerabend, erzähle ich ihm von Mötörön, wobei ich die privaten Unstimmigkeiten verschweige und er schlägt vor, wenn ich Zeit und Lust hätte, könnte ich für ihn und seine Freunden eine kleine Stadtrundfahrt mit einem der Gefährte organisieren, das käme sicher gut an und etwas Geld ließe sich damit auch machen. Anscheinend hat er die Idee mit dem Ausflug schon länger, er zählt von Insektenspray bis zu Toiletten alles auf, an was ich denke müsse.

Zu Zweit oder zu Dritt wärst du eh besser dran. Wir Rentner machen genauso viel Arbeit, wie eine Kindergartengruppe.“ „Perfekt, dann kann ich das ja gleich vereinen. Oder mögen deine Kumpels keine Kinder?“

Oh doch, unfertige Menschlein sind nur manchmal schrecklich laut. Wenn man dem Tod näher ist, als der Geburt, kann zuviel Lebendigkeit einen ganz schön anstrengen, aber auch aufmuntern. Versuch es; ich helf dir, wo ich kann.“, bietet er freundlich an.

Wir kommen an einer im Torfmoos festgewachsenen Plastikbank mit der Aufschrift: ‚Bitte stehen lassen’ vorbei und nach einer Weile, die wir von schwärmenden Würfeldickköpfe mit rotbraun gemusterten Flügeln am pelzigen Körper, sowie zahlreiche orangene Feuerfalter umflattert wurden, und ich Gabriel ordentlich mit Mötörön-Informationen und meinem Umweltschutzgedanken überhäuft habe, vermutet er:

Wenn es nach dir ginge, stünden wohl noch mehr Autos in Flammen, hä?“

Seine hohe, von Altersflecken übersähte Stirn glänzt unter grauem Flaum in der Sonne. Lachend gebe ich zurück, während ich im Gehen die Schuhe ausziehe:

Nee, nee, das verpestet ja die Luft, wenn Lack und Plastik verbrennen. So radikal würde ich da nicht rangehen. Was würde denn passieren, wenn man alle Auspuffrohre mit Kartoffeln ausstopft?“ Nach ein paar Sekunden sagt er:

Ich glaub, dann explodiert der Motor.“ Hoppla. Meine nackten Füße in das flauschige Weißmoos eingrabend, beschreibe ich melancholisch:

Es gibt anscheinend weder eine Möglichkeit, alle Menschen zu überzeugen, noch die Gelegenheit, heimlich alle Verbrennungsmaschinen verschwinden zu lassen und endlich dazu aufzurufen, sich etwas Neues einfallen zu lassen.“, worauf Gabriel erwidert:
„Ich habe meine Jugend in einem Braunkohletagebau verbracht und hätte nie gedacht, dass ich mit meinem Schweiß der Umwelt schade. Sonst hätte ich sofort die Spitzhacke hingeworfen und mir etwas anderes gesucht. Doch das erfordert Mut. Ein Fehler muss erst gemacht werden, damit ein man daraus lernen kann. Dabei haben schon damals alle von der Klimaerwärmung und der Wasserverschmutzung geredet, aber es war so unbegreiflich. Es wird stets ein paar Köpfe geben, die das Unheil vorhersehen, aber egal, was sie sich Großartiges ausdenken, wenn es zu Lebzeiten nicht rentabel ist, wird es nicht umgesetzt. Unsere Vorfahren haben nicht so gedacht, gäbe sonst vieles gar nicht. Bauwerke, die über Generationen gebaut wurde, ohne dem, der die Idee hatte, noch nützlich zu sein. Der den Baum säht, wird nicht der sein, der die Früchte erntet. Deshalb bleiben Erfinder meist arm. Der Kerl, der die Nähmaschine und die Sicherheitsnadel erfunden hat, nagte bis zum Ende am Hungertuch.”

Es gibt also Ausnahmen, die hoffen lassen.

Ich nicke mitleidig und begreife, dass mein Leben wohl wirklich zu kurz ist, um den Bäumen, die ich in der Sahara pflanzen wollte, beim Wachsen zuzusehen, zumal ich wegen Dirks Mitteilung, wo er da in Chile ist, gäbe es kaum Bäume, schon den nächsten Ort im Kopf habe, der Vegetation nötig hat. Mit blasser, weicher Hand abwinkend, wie, um sich selbst zu beschwichtigen, bedenkt mein Gesprächspartner:

Erst gestern habe ich eine Reportage gesehen, bei der es hieß, dass alle zwei Minuten dreihundertdreißig Menschen geboren werden, ein Quadratkilometer Regenwald zerstört wird, zweitausend Tonnen Pestizide versprüht werden, soundso viele Tonnen Erdöl ins Meer auslaufen und eine Tierart ausgerottet wird. Das scheint doch hoffnungslos. Vielleicht zerstört ein Supervulkan oder ein Kometeneinschlag den ganzen Planeten innerhalb von fünf Minuten. Dann fliegen die Sporen von Pilzen und Bakterien durchs All und begründen irgendwo einen Neuanfang. Flugs werden es möglicherweise Mauerbienen oder Köcherfliegen sein, die Städte errichten. Wer weiß, wie weit die wären, wenn es uns nicht gäbe.“

Er spitzt die faltenumsähten Lippen und beginnt zu pfeifen, bis sich die Vögel mit ihm unterhalten. Auf der feuchten Wiese rund um den Wasserhahn staken buntschimmernde Stare durch das Gras und zotteln Gewürm aus dem Boden hervor, pechschwarze Amselmännchen trällern der untergehenden Sonne ein Abschiedslied, während die braunen Weibchen im Gebüsch rascheln, und irgendwo klopft ein Specht.

Rätst du uns, die Finger von solchen verrückten Projekten zu lassen, damit wir nicht verhungern und weil der Weltuntergang so oder so kommen wird?“, frage ich in einem Tonfall, der kein ‚ja’ erlaubt. Abwinkend meint der alte Mann:

Ach was, ich rate dir nur, deine Erfindungen nicht zu schnell aus der Hand zu geben, sonst frisst sich ein anderer den Wanst rund.“

Genau genommen, sind es Özlems Erfindungen, aber ich werde acht geben.“, stelle ich klar.

Mein Metier sind eher Fotos, das mache ich schon seit frühester Kindheit am Liebsten. Allerdings ist es wohl eine Ersatzlösung dafür, die Natur zu erhalten. Wenn ich alles ablichte, kann ich es mir noch ansehen, wenn es längst verloren ist.“ Verständnisvoll tätschelt mir Gabriel mit seinen zerbrechlichen Fingern den Arm.
„Ach ja, das hat mich auch immer begeistert. Schließlich habe ich nach dem Tagebau und dem Tod meiner Frau bei Zeiss in der Linsenproduktion gearbeitet. Zweiundachtzig habe ich meinen ersten Fotoapparat erhalten, der bis heute ein treuer Begleiter ist. Der kann mit den heutigen Digitalkameras locker mithalten. Wenn du möchtest, machen wir zusammen mal einen Ausflug in den Spreewald, da bekommt man noch das ein oder andere Wunder vors Objektiv.“ Außerdem will er die Mötörön-Werkstatt sehen. Ohne zu wissen, ob ich dann noch auf freiem Fuß bin, stimme ich zu und erzähle ihm von meiner noch älteren Kamera.

Elstern und Eichhörnchen streiten sich um die besten Bäume, eine schwarzgraue Krähe fliegt vorüber und wirft ihren großen Schatten auf die Wasserstelle, so dass die badende Amsel aufgebracht gackernd und mit hängenden Flügeln ins Gebüsch hüpft, bevor die Krähe majestätisch landet, sich langsam, mit ihren schlauen Augen umguckt und aus der Pfütze trinkt.

Vor uns zirpt und hüpft das Volk der Schrecken und Gabriel informiert mich:

Einer von diesen Grashüpfern könnte ein Warzenbeißer sein, mit dessen Magensaft man diese Furunkel einfach weg ätzen kann.“, wobei ich nicht wissen will, ob er das so praktiziert.

Begeistert zeigt Gabriel mit seinem Stock in die Richtung eines von Gelbflechte und blaugrauer Schüsselflechte überzogenen Steines, welcher ziemlich verloren im Schatten dicker Bäume auf eine neue Inschrift wartet. Von Einstigen sind lediglich kleine Nagellöcher im Stein zurückgeblieben, wo Ziffern und Buchstaben fehlen.

Da möchte ich mit meiner Irmgard begraben werden. Diese Stelle ist so romantisch, wie der Park um den Herkules in Kassel, wo wir als junge Leute waren.“ Ich erkenne die Stelle wieder und sage lieber nichts zum Thema Romantik.

Gegenüber von Gabriels Wunschgrab entdecke ich die verwilderte Steinplatte. Der Sommer hat sie zugedeckt. Niemand scheint hier gewesen zu sein und ein polizeiliches Absperrband flattert auch nicht rundherum. Irmgards zartes Stimmchen ruft nach Gabriel, weshalb er sich verabschiedend auf den Rückweg macht.

Als ich an der Straßenbahnhaltestelle die Schuhe anziehe, hält die Straßenbahn nach Prenzlauer Berg vor meiner Nase. Spontan nehme ich sie und fahre in Richtung des alten Wasserturms. Unweit von Clarices Haus steige ich aus und schlendere unter schwachem Sternenhimmel die Schönhauser Allee entlang. Schon zwei Hauseingänge früher erkenne ich eine große bunte Plastikplane, die das Gartentor schmückt. Als ich nahe genug heran bin, kann ich lesen: ‚Zu verkaufen’ und eine Telefonnummer.

Ich steige die Stufen zum Eingang nach oben, um zu prüfen, ob jemand da ist. Selbst nach einem zweiminütigen Festhalten des Klingelknopfes kommt niemand, um zu öffnen. Eine Verkehrsflaute ausnutzend, klettere ich schnell über das Einfahrtstor auf den Hof. Die Wäscheleine ist verschwunden und gewährt freien Blick auf grauen Beton und auf mich. Dummerweise ist jede Tür abgeschlossen und bestimmt falle ich langsam auf. Aber ich will da rein. Wenn Clarice auch nur den winzigstens Schnipsel eines Indizes liegen gelassen hatte, werde ich ihn finden. Nichts lässt sich ohne Weiteres aufhebeln, da ich kein Werkzeug dabei habe. Mir fällt in der Nähe nur der Vans-Store ein, vielleicht hat Markus etwas Hilfreiches.

Markus steht tatsächlich hinter dem Tresen und ist heute sehr gesprächig. Er sagt, er mache sich Sorgen um seinen Job, weil er nicht mehr der Jüngste ist und das Gehalt sowieso ziemlich am Limit sei. Ich realisiere, dass nichts auf Dauer ist, da er erwähnt, wie erfolgreich er als Bühnenbauer war.

Mach das, was dir Spaß macht und fang bloß nicht an, zu denken, du müsstest einen Job finden, mit dem du es Jahrzehnte lang aushältst. Die Jobs finden dich und du kannst nur zugreifen, wenn du flexibel bleibst. Versteif dich nicht auf eine Sache.“, rät er mir aus seiner Erfahrung heraus, aber ich muss an meine Oma denken, die immer gesagt hat: ‚Du musst nicht alles können, aber eine Sache richtig gut, möglichst besser, als die anderen.’ Die Unterschiedlichkeit der Ratschläge verunsichert seh, besser man hätte nie einen Verhaltenshinweis bekommen.

Die Wehmut des silberhaarigen Rock’n Rollers wirkt ansteckend und so sinniere ich schwermütig:

Es war ein Fehler, damals nach einer Ausbildung zu jagen, bloß um irgendeine zu haben. Ich habe das Flugbegleiterseminar plus Rettungsschein gemacht, ohne zu berücksichtigen, wie ungern ich nun einmal Kaffee ausschenke. Ich hab geglaubt, danach nie arbeitslos zu sein, das war die Hauptsache.”

Es braucht eben Mut, loszulassen, um sich einer neuen Gelegenheit zu öffnen.“ stimmt Markus verständnisvoll zu und wir verabreden uns zu seinem und Rosalies Eröffnungskonzert. Dann sucht er mir einen Dietrich und einen Schraubenzieher aus dem Werkzeugkoffer im Lagerraum, ohne zu fragen, wofür ich das Werkzeug brauche.

Wieder an der Kellertür von Clarices Bordell habe ich Zweifel an meinem Vorhaben. Drinnen ist es ziemlich dunkel und ich habe keine Lampe dabei. Unverrichteter Dinge und mit dem schweren Dietrich in der Handtasche, suche ich das Altersheim auf. Reingelassen werde ich aufgrund der Uhrzeit nicht mehr, doch zufällig steht Gabriel auf dem Gang und sieht mich, als ich an der Rezeption bin.

Als hätte er sich in einem Schulinternat eingemietet, guckt er sich immer wieder nervös um, wegen der Befürchtung, er könnte beim Verlassen des Hauses erwischt werden. Glücklicherweise ist das Foyer fast menschenleer und wir gelangen unentdeckt zum Frankfurter Tor, wo wir in einer Parallelstraße in die Straßenbahn einsteigen und die Boxhagener Straße hinunterfahren. Ich bin froh, das Gabriel mich begleitet; für den Fall, dass ich von der Polizei überwacht werde, sehe ich so weniger verdächtig aus. Nachdem wir den kurzen Sandweg erreicht haben, bestaunt mein Begleiter gebührend das angesprühte Pin-up-Girl am Tor.

Die Pforte im Tor steht offen, der Hof ist von zahlreichen Laternen hell erleuchtet und eine Tafel preist extrem günstige Lacksprays an. Wir sind keineswegs die einzigen Besucher, die sich um diese Uhrzeit noch hierher verlaufen haben.

Das gelegentlich laute Knallen eines landenden Skateboards kommt von einem der zahlreichen Übenden. Es liegen etliche Gründe auf der Hand, stolz darauf zu sein, hier arbeiten zu dürfen, denn das Dach glänzt in frischem Ziegelrot und die Hausfassade inklusive aller Tore ist fertig und produktbezogen angesprüht. Die Mauer wurde reihum von trockenem Gestrüpp befreit und weiß gestrichen, damit die Kundschaft neue Düsen und Farben testen kann.

Zur Begrüßung erhalte ich grölende Yo-Lünda-Rufe und bin überrascht, als sich der alte Mann in diese Jugendgruppe stürzt und sich selbst vorstellt. Gabriel erstaunt Öner und seinen Bruder, als er unbedingt ein Longboard ausprobieren will, das sich durch leichtes Wippen des langen Bretts in Schwung bringen lässt.

Passt ja auf ihn auf!“, verlange ich besorgt von meinen türkischen Kollegen, weil ich informiert bin, wie leicht sich Menschen älteren Kalibers die Knochen brechen und wie schwer das wieder zusammen wächst. Ömer hat gleich zwei fünfzehnjährige Mädchen aufgegabelt, die ihn bewundern. Wegen ihres jungen Alters braucht er sich nicht sehr ins Zeug zu schmeißen.

Nachdem sich nun sämtliche Kerle auf dem Platz um den toughen Rentner versammelt haben und ihn mit allerlei Tipps bombardieren, fragt Öner mich nach Özlem und ich gestehe, dass ich allein zurückgefahren bin. Meine Gründe will er offensichtlich nicht ausforschen, dabei hatte ich mich schon gefreut, den beiden Brüdern endlich eine Polizeigeschichte aus erster Hand vortragen zu können.

Fast ängstlich sehe ich zu Sebastians Tor hinüber. Wie befürchtet, steht Sebastian davor und nickt mir zu. Es kostet mich zu meiner eigenen Verärgerung noch Mühe, ihn nicht anzuschmachten, wobei er nicht mal als Schönheit zu bezeichnen ist, aber dieser Flair von Verdorbenheit wirkt trotz besseren Wissens immer wieder anziehend.

Ich folge ihm in sein Hallengewächshaus, wo er mir freundschaftlich eine kugelige, lila Glasbong hinstellt. Nachdem ich mit dem Zeigefinger der haltenden Hand am verdrehten Arm das Kickloch komplett verschließe, zünde ich mit der anderen Hand die Mischung im metallisch-violettem Chillum an und ziehe, bis der luftige Rauch sich versehentlich zu meinen Nasenlöchern herausdrückt, als ob ich ein Drache wäre.

Augenblicklich fühlen sich meine Beine leichter an und die Gedanken schweben nicht länger als dunkle Wolken über mir, sondern eher als weißer Nebel. Die Gelegenheit beim Schopfe packend, quassele ich trotz meines ausgetrockneten Mundraumes von meiner Verhaftung, worauf Sebastian mich unterbricht und über seine Geschäfte philosophiert.

Letzte Woche ham die zwei von meinen Homies hochgenommen, bin deshalb total froh, wenn ich alles profitmäßig super und schnell loswerde.“

Gespannt höre ich ihm zu. Spricht er von den gefälschten Medikamenten? Nach einem kräftigen Blubbern fährt er fort:

Ich muss heut noch Brötchenrunde machen, meine Kunden sind nur geduldig, solange sie Stoff im Haus haben. Diesmal reicht mein Anbau sicher über den Winter. Ich werde die Pflanzen noch bis September stehen lassen und dann beim ersten Vollmond abschneiden und an die Balken oben zum Trocknen hängen, damit alles Harz in die Pollen fließt.“ Bedächtig grinsend nicke ich, obgleich mir das alles sehr mystisch vorkommt. Er spricht also nicht von den blöden Medikamenten.

Hat Clarice Carmen getötet?“ frage ich ihn unvermittelt.

Glaube nicht.“, pafft er.

Warst du es?“ Er schüttelt den Kopf und meint: „Warum hätte ich das denn tun sollen?

Warum ist Clarice dann in die Schweiz abgehauen? Und dann auch noch ohne Philip?“, erkundige ich mich ungeduldig in der Gesprächspause.

Ach, die hat den Nächsten um den Finger gewickelt und is untergetaucht. Sie meinte, Viktor habe sie gefunden. Und ohne Philip is sie bestimmt weggerannt, weil Clarice einfach nichts von Kindern versteht. War ja auch kein Leben für ein Kind.“

Und was soll aus ihm nun werden? Dieser Viktor will ihn abholen, vielleicht hat er ihn sogar schon gefunden. Sie hat mir erzählt, wie gefährlich Viktor ist, ich mach mir wirklich Sorgen!“, mache ich ihn aufmerksam auf die Problematik. Er lacht. Dabei klingt er nicht, als ob er etwas lustig fände.

Hat Cla- Clarice dir gesagt, dass Veronika Philip heißt und nicht ihre Nichte, sondern ihre Tochter ist, oder hast du es selbst rausgefunden?” Er wartet meine Antwort nicht ab und spricht leise weiter:

Ich erzähl dir mal was über Clarice, da zweifelt man, was überhaupt noch wahr ist. Ich hab sie auf ‘ner Silvesterparty kennengelernt, dachte, das wäre ein Zufall, aber sie hat mich völlig berechnend ausgesucht. Übern Winter waren mir ziemlich viele Pflanzen eingegangen und ich brauchte Geld. Denk bitte nicht von mir, ich wär einer, der nur wegen Geld heiratet. Sie hat sich echt überzeugend verkauft und an meine Hilfsbereitschaft appeliert.” Er pausiert kurz und ich habe Clarice vor Augen, wie sie sich knutschend Sebastian an den Hals wirft, eben sehr überzeugend.
Er hustet und fährt fort:

Sie brauche einen neuen Namen, um sich zu verstecken und ihre Nichte zu schützen, Viktor wolle sie umbringen, blabla, alles Lügen. Zuerst hab ich entdeckt, das ihre angebliche Nichte in Wirklichkeit ihr Sohn ist, weil Phi- Philip sich verraten hat. Das brachte mich auf die Idee, dass ihre Schwester Elena auch bloß ausgedacht ist und ich habe wirklich kein Indiz gefunden, das ihre Existenz beweist. Unsere Ehe sollte nur so lange andauern, bis sie genug Ge- Geld hat, aus Europa auszuwandern. Da war mir nicht klar, dass sie erstens nie genug kriegen kann und zweitens, wie sie ihr Geld macht. Sie wusste genau, dass ich ihre illegalen Geschäfte nicht verraten kann, ohne mich selbst ans Messer zu liefern. Trott- Trotzdem war sie sich wohl nicht sicher, wie lange ich noch schweigen würde und es wurde lebensgefährlich mit ihr. Also hab ich meine Sachen gepackt und bin hierher verschwunden. Aber anscheinend hat es Paul erwischt, er liegt im Krankenhaus.”

Oh.”, sage ich besorgt, doch dann fällt mir ein:
„Clarice hat Paul sicher nichts getan, sie ist ja in der Schweiz.” Sebastian nickt nachdenklich. Meine Verhaftung schätzt er nicht als dramatisch ein.

Ein blechernes Klopfen am Tor kündigt Gabriel an, bevor er eintritt und die Botanik bestaunt.

Zu meiner Zeit roch das irgendwie kräftiger.“, verunsichert der Rentner den Plantagenbesitzer und gibt Sebastian den Tipp, nicht nur zu düngen, sondern die Erde zu lockern oder Regenwürmer hineinzusetzen, damit die Pflanzen mehr Blüten ausschlagen. Während die beiden Gärtner beschäftigt sind, geselle ich mich ein Tor weiter in die Werkstatt zu Öner, der einem Kunden erst ein Kardangelenk aus Gabel und Ring zeigt, doch als dieser den Verwendungszweck offenbart, empfiehlt der Mechaniker, ein Kugelgelenk aus Pfanne und Kugel zu nutzen. Ich kenne die nationalen Flugbestimmungen, die Normunterschiede zwischen Trinkwasser, Quellwasser, Tafelwasser und Mineralwasser, weiß, was auf dem Etikett nicht fehlen darf, das gilt auch für Weine und Spirituosen, ich habe gelernt, bei wie viel Grad Celsius welches Lebensmittel zu lagern oder zu braten ist und vieles mehr, aber nichts davon kommt mir wirklich Sinnvoll vor. Kaum einer fragt die Kellnerin, welche Anbausorte der Kaffee ist oder wie genau Cognac hergestellt wird. Jeder will nur, dass der Kaffee heiß und der Cognacschwenker glänzend poliert ist. Ich beneide die Jungs hier um ihr Wissen, das mir viel Nützlicher erscheint, als mein Eigenes.

Erst in dem Moment bemerke ich, dass ich in Gedanken fest gehangen habe, statt Öner zuzuhören, der in seinem lockeren Slang von der neuen Regenrinne schwärmt. Dann erzählt er von einem Kletterfelsen, den sie aufstellen wollen, bis Özlem zurück ist.

Äh, ja, toll.“, gähne ich, weil ich schlagartig so müde bin, dass ich mir kaum vorstellen kann, noch nach Hause zu gehen. War echt ein anstrengender Tag.

Öner bekommt es nicht einmal mit; ich sehe seinen schwarz glänzenden Haarschopf von hinten, weil er nebenbei an einem großen Metallklotz bastelt. Die Gelegenheit beim Schopfe packend, verabschiede ich mich.

Auf dem Hof unter den sonnengebräunten Skatern kann ich Gabriel nicht finden, aber hinter dem vordersten Tor höre ich seine alten Stimmbänder knarren.

Die weißen Wände des fertigen Geschäftes stehen im Kontrast zu den schwarzen Möbeln. Von der Decke wogt ein Berg roter Luftballons herunter, gerahmte Graffito und Schwarz-Weiß-Fotografien von Skatern füllen die kahlen Stellen zwischen den hohen Regalen. Gabriel flirtet in dem geschmackvoll eingerichteten Laden mit der Mutter einer Kundin meines Alters, die soeben aus der voll verspiegelten Umkleide tritt.

Och nö, das sitzt scheiße.“, meckert die Akne-geplagte Tochter ohne Rücksicht auf die Unterhaltung der Älteren.

Sieht doch schick aus.“, meint die Mutter aus Westberlin schmeichelnd, aber die Tochter entschwindet bereits mit weiteren Kleidungsstücken der neuen Skaterkollektion in der Kabine. Erwägend nach oben guckend, fährt Gabriels Gesprächspartnerin fort:

Wo war ich? Ach ja, der Unfall auf der Zonenautobahn, damals. Da lagen wir also mit dem Mercedes im Straßengraben und haben stundenlang gewartet, bis die Zonenpolizei kam, das war furchtbar. Seitdem war ich nicht mehr drüben, meine Tochter hat mich überredet. Sie geht so gern mit mir shoppen.“ Wahrscheinlich weil Frau Mama alles bezahlt.

Aber die Straßenverhältnisse hier sind noch genauso katastrophal, wie damals. Wo kommen Sie her?“ Gabriel antwortet stolz:

Aus der Zone, gute Frau.“, dreht sich um und kommt auf mich zu.

Gehen wir.“, sagt er forsch und dennoch lächelnd, bevor wir das Tor durchschreiten. Ungeachtet seines eigenen beträchtlichen Alters spottet er:

Die Alte hat ja keine Ahnung. Wahrscheinlich liegt das am früheren, maroden Schulsystem im Westen. Die ham lieber Autobahnen gebaut, als Geld in die Schulen zu investieren. Daher muss man es dieser Generation nachsehen, dass sie völlig ungebildet ist. Und grade die westdeutschen Frauen habe ja nicht mal ’ne Lehre gemacht.“

Wirklich?“, frage ich interessiert.

Aber klar, die hatten uralte Bücher und einen Lehrer für drei Klassen.“

Gabriel vertieft sich auf dem Rückweg in eine Aufzählung Ostdeutscher Erfindungen, ohne die die Welt viel ärmer dran wäre. Außerdem betont er:

Made in GDR, sage ich nur. Der Ossi hatte die Fähigkeit, sich etwas einfallen zu lassen, wenn es irgendetwas nicht gab, und er war nur halb so anspruchsvoll. Das wäre ja heutzutage mal wieder nötig.“

Stimmt.“, sage ich auf Höhe der Finowstraße.

Da vorne wohnt Carmen- hat Carmen gewohnt. Ich werde Carmen nie wieder sehen.

Nachdem Gabriel und ich gegenüber eines herrlich blühenden Rosengartens die Frankfurter Allee überquert haben, biegen wir in den Säulengang zwischen den Häusern ein, unter einer Uhr hindurch, die seit Ewigkeiten auf halb vier steht, und erreichen das Altersheim, in das er sich spitzbübisch hineinschleicht.

Vor dem Hauseingang erwartet mich als dunkler Berg im Schatten zwischen den Lichtkegeln der Laternen eine schöne Überraschung: Daniels Bus.

Eilends schließe ich die Haustür auf, die jetzt nicht mehr jedem offen steht, durchschreite den weißen, nach Lack riechenden Hausflur des Vorderhauses, stürme durch die neu gezimmerte Pforte und erklimme die Treppenstufen im Seitenflügel, wobei ich feststelle, dass die Wohnungen von Müller und Brandenburg neu vermietet zu sein scheinen, weil andere Namensschilder an den Klingeln eingefasst sind.

In der Küche steht Daniel am Herd, sieht mich und ruft freudig:

Du bist da! Ich hätte dich sofort aus dem Knast geholt, glaub mir, wenn’s sein muss, mit Gewalt!“

Er schlenkert mich geschickt herum, ohne dass ich an den Möbeln anstoße, während wir uns küssen. Daniel schmeckt nach Sonne und sein stoppelweicher Sechs-Tage-Bart kitzelt mich. Ich bin unendlich erleichtert, dass er da ist.

Mich umsehend frage ich: „Sind die anderen auch mitgekommen?“

Nee, bis auf Hagen und Richard, die mit mir mit sin, sin alle nach Warnemünde in eine Pension gezogen und bleiben noch bis Sonntag. Die Bahnfahrt von Rostock nach Berlin kostet im Interconnex nur zwölf Euro, weist.“ Völlig außer mir entgegne ich:

Ihr habt Philip in Rostock gelassen?“ Hagen kommt aus seinem Zimmer, schüttelt sein Haar, vermutlich um es auszukosten, bis es abgeschnitten wird.

Nee, natürlich haben wir den kleinen Mann dabei, Alter. Die müssten gleich hier sein, denke ich. Sein oder ihr Vater hat ihn abgeholt. Was ist Philip eigentlich? Mädchen oder Junge?“

Ohne ihm zu antworten, renne ich die Treppe hinunter und observiere unten vorm Vorderhaus die Straße in beide Richtungen. Angstvoll registriere ich, dass nichts zu sehen ist. Was ist, wenn Viktor ihn entführt hatte?

Neben mir tauchen Hagen und Daniel auf. Daniel nimmt mich in den Arm und Hagen bemerkt grinsend mit Blick auf uns:

Wurde ja auch Zeit.” In dem Moment kommt ein Autoscheinwerfer die Straße herunter und nähert sich suchend langsam unserem Eingang. Hinter Daniels Bus parkt er ein und zu meiner unendlichen Erleichterung springt Philip heraus.

Überschwenglich und ziemlich übertrieben, für nicht mal einen Tag Trennung, fallen wir uns um den Hals. Hinter ihm baut sich ein Schatten auf, der Viktor gehören muss. Neugierig hebe ich den Blick um ihn gleich darauf abzuwenden. Viktors Gesicht ist von verstümmelter Haut verzerrt. Ich habe ihn zu Beginn unserer Rostockreise vor der Kneipe gesehen, in der wir auf Toilette waren. Wie lange war er uns gefolgt? Laut Sebastian ist er vermutlich nicht gefährlich, weil Clarice die eigentliche Gefahr sein soll, aber woher soll ich wissen, ob Sebastian die Wahrheit gesagt hat?

Misstrauisch mustere ich Philips Vater von oben bis unten. Er ist gekleidet, wie der Mann von nebenan, gepflegt und unauffällig.

Philip wollte sich verabschieden und Socke abholen.”, erklärt Viktor freundlich. Dann bedankt er sich ausschweifend dafür, dass wir uns um Philip gekümmert haben, ehe ich ihn unterbreche:

Philip kann auch hier bei uns bleiben. Er hätte hier ab September einen Schulplatz. Er könnte es bis an die Uni schaffen.“ Etwas von dem, was ich gesagt habe, lag wohl daneben, denn Viktors russische Züge unter der zerfurchten Haut zwischen den abstehenden Ohren verfinstern sich.

Er wird es bis an die Uni schaffen!“

Eingeschüchtert stimme ich zu, doch mein Blick verrät wohl den Gedanken, gleich die Polizei zu rufen. Viktor erklärt mir milder und mit Rachen zerreißendem Ch und rollendem R:

Wie fliegen nur auf einen Besuch seiner Großeltern nach Hause. Die haben ihn lange nicht gesehen. Ansonsten wohnen wir in Frankfurt, da arbeite ich seit einer Weile. Ihr könnt euch bestimmt in den Ferien sehen.“, schließt er gedankenverloren ab. Allmählich wird er mir sympathisch, aber zu leicht falle ich nicht auf ihn herein. Daniel und Hagen verabschieden sich von Philip und Viktor und betreten das Haus.

Vorsichtig erwähne ich gegenüber Viktor das Gerücht, er hätte Waisenkinder zur Prostitution gezwungen, in Mietwohnungen eingesperrt, unter Drogen gesetzt und wenn sie ‚verbraucht’ waren, umgebracht. Er reagiert, als hätte er damit gerechnet, so etwas von mir zu hören. Kopfschüttelnd erzählt er:

Ja, habe ich in Uvarovo oft gehört, aber ich hab mit sowas nichts zu tun.“ Ohne zu wissen, wem und was ich glauben soll, setze ich mich auf die Bordsteinkante, die Schultern fallen lassend. Hagen und Daniel sind nach oben gegangen, nur Philip ist hellwach dabei, unser Gespräch zu verfolgen.

Wie haben Sie Philip gefunden?“, forsche ich nach und er zuckt kurz mit dem Augenlid, bevor er sich entschuldigt und versichert, er sei kein Stalker und Anuschka habe ihm keine Wahl gelassen.

Anuschka?”, sage ich mehr zu mir selbst und Viktor erzählt:

Welchen Namen diese Schlange dir auch immer genannt hat, ich habe sie rasch gefunden, weil sie ihren echten Namen als Stagenamen in ihrem angeblichen Bordell verwendet hat. So schlau sie ist, ihre Eitelkeit ist größer.”

Warum ist sie Ihnen denn überhaupt weggelaufen?”, will ich wissen. Viktor lacht freudlos trocken, oder es war ein Husten. Jetzt mustert er mich und Philip versichert ihm, mir könne er alles anvertrauen. Er glaubt seinem Sohn und erzählt mir flüssig und teilnahmelos:
„Anuschka ist vor ihrer Strafe weggelaufen, nicht vor mir. Sie wird wegen dreifachen Mordes gesucht. In meinem Fall hat sie wohl eher angenommen, ich wäre ihrem letzten Versuch, mich aus dem Weg zu räumen, zum Opfer gefallen. Deshalb wartet auf Philip außer den Großeltern in Uvarovo nichts mehr: Seine Mutter hat das Haus niedergebrannt. Die Brandnarben habe ich ihr zu verdanken. Ich war bewusstlos, als sie mit Philip das Weite gesucht und das Feuer gelegt hat. Im Krankenhaus habe ich erfahren, dass ich bereits ihr vierter Mann bin und meine drei Vorgänger die Ehe nicht überlebt haben. Sie hat sie vergiftet.”

Mit einem Seitenblick zu Philip, der durch Viktors Auto turnt, senkt er die Stimme:

Sie ist eine Ehebetrügerin und Hochstaplerin. Ihr würde ich am Ehesten zutrauen, sich Zwangsprostituierte zu halten, geldgierig, wie sie ist. Erstaunlich, dass sie etwas Wunderbares wie Philip hervorgebracht hat. Und noch erstaunlicher ist, dass sie ihn wirklich zu lieben scheint. Ich dachte, zu so etwas wäre sie gar nicht fähig.”

Er seufzt. Wahrscheinlich hat er Anuschka einst aus Liebe geheiratet. Etwas stolz berichtet Viktor, wie er seine hinterhältige Frau wieder gefunden hat:

Mir war klar, dass sie bei ihrer Masche bleiben wird, sich irgendeinen Mann im heiratsfähigen Alter zu suchen, nur diesmal nicht, um ihn seines Vermögens zu erleichtern, sondern eventuell als Sündenbock oder aber zur Tarnung. Vermutlich einen Mann, der kein Geld hat, um ihre Spur reicher, toter Ehemänner zu verwischen und vom Radar zu verschwinden. Außerdem weiß ich, dass sie ohne ihr Geld nicht leben kann und sich irgendein Etablissement suchen wird, bei dem es nicht weiter auffällt, wenn sie etwas mehr verdient. Das konnte alles Mögliche sein und es hat ein wenig gebraucht, bis ich auf das Bordell gekommen bin, mit Geldwäsche kennt sie sich aus. Weil sie sich sonst in der High Society bewegt hat, konnte sie nicht vollständig auf Luxus verzichten. Sie muss Geschäfte machen, sonst kann sie nicht ruhig schlafen. Mit falschen Papieren konnte das nichts Offizielles sein, aber womit sie dieses Mal ihre Geldgier gestillt hat, war für mich nicht relevant.

Da ich am Flughafen ein paar Bekannte habe und Anuschka ihnen bekannt ist, wusste ich bald, dass sie irgendwo in Berlin sein muss. Zunächst habe ich alle kürzlich geschlossenen Ehen überprüft und gleich die Elfte war ein Treffer. Ein paar Tage später hatte ich sie gefunden, aber sie ist mir gleich wieder entwischt. Diesmal zum Glück ohne Philip.” Wir unterhalten uns noch eine ganze Weile, ich erzähle ihm, dass Anuschka Medikamente fälscht, was ihn nicht beeindruckt. Der Mond steht hoch im Blauschwarzen, als Viktor zum Aufbruch drängt.

Einsichtig und unter Tränen lasse ich meinen kleinen Philip trotz Viktors Angebot, sich in den Ferien zu treffen, mit einem schmerzhaften Gefühl der Entgültigkeit ziehen. Ein letztes Mal schlingen sich seine Ärmchen um meinen Hals, als ich vor ihm hocke und er seine Kullertränen in meine Haare drückt. Dann sehe ich den roten Rücklichtern nach, bis sie um die Kurve verschwinden und das Motorengeräusch mitnehmen. Ich bleibe abwartend stehen.

Die Bäume rascheln, doch sonst bleibt es still.

Unglaublich, wie schamlos mir Clarice die Geschichte von Elena aufgetischt hatte. Oder? Sie hat so verletzt und traurig darüber gesprochen. Immer ist sie so mütterlich zu Carmen und mir gewesen, so freundlich, dass mir schwer fällt zu glauben, was Viktor über sie sagt. Es könnte auch Sebastian der Fadenzieher und Viktor ein großer Lügner sein. Gegen Clarice auszusagen, hätte ich trotz der Zweifel kein Problem, aber ich will auf keinen Fall Tanja schaden und ich weiß wirklich nicht, ob sie mir die ganze Wahrheit gesagt, als sie meinte, dass sie für Clarice irgendwelche Verpackungen geklaut hat. Carmen wusste bestimmt nicht, bei was sie da mitmacht. Irgendwie scheint Richard da mit drin zu hängen, zumindest glaubt die Polizei das, und auch wenn ich gegen Richard noch einen kleinen Groll hege, hinter Gittern will ich ihn nicht sehen. Zu gern würde ich noch mit Daniel darüber reden, aber er ist schon schlafen gegangen.

Tastend schleiche ich mich in Daniels Zimmer und bin nicht sicher, was er davon halten wird, bis er mich in der Dunkelheit schwungvoll zu sich unter die Bettdecke zieht. Ich versinke in seiner Geborgenheit, er umhüllt mich, sein Duft nach Wald und Wiese lullt mich ein und mir schwinden die Sinne.

Ich weiß nicht was los ist, aber ich werde unsanft ab­rupt von lauten Stimmen und Gepolter irgendwo in der Nähe geweckt. Beruhigend versichere ich mich, dass Daniel noch neben mir liegt und kuschele mich näher an ihn, um weiter zu schlafen. Plötzlich wird die Zimmertür aufgerissen. Daniel grummelt:

Ey Hagen, haste du sie noch alle?”, doch ich ahne, dass es nicht Hagen ist, der so ungalant ins Zimmer gestürmt ist. Augen öffnend überzeuge ich mich, dass wirklich die Polizei im Zimmer steht und zwar in vol­ler Montur, ziemlich beängstigend. Wir sind sofort hellwach. Daniel muss sich ausweisen und ich bekomme Handschellen angelegt, nachdem ich mich im Bad frisch gemacht und angezo­gen habe, während ein kompletter Zug vor der Tür wartet. Ich schäme mich, in ihren Augen ein Ver­brecher zu sein. Bevor ich gehe, versichere ich Daniel, dass ich völlig unschuldig bin; dass er das weiß, ist mir sehr wichtig.

Diesmal werde ich in einem Einsatzbus durch Fried­richshain gefahren und auf dem Hof rausgelassen. Da­nach folgt ein amüsanter Check mit dem Metalldedek­tor, als ob ich bewaffnet wäre. Bin grad erst aufge­standen.

Wieder in dem Großraumbüro am gleichen Schreibtisch treffe ich auf Herrn Rösner und seinen Kollegen, die aussehen, als hätten sie die Nacht durch­gemacht. Herr Rösner steht, vermutlich, um mich in seiner ganzen Größe ordentlich einzuschüchtern. Ein paar Russen und Türken werden an den anderen Schreibtischen vernommen.

Mein Anwalt, Herr Augustin, ist auch da; ich hätte ihn fast übersehen. Kaum sitze ich und bin die Handschellen los, werde ich auch schon des Mordes an Frau Carmen Brandenburg und mehrfacher fahrlässiger Tötung infolge des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz bezichtigt, außerdem wirft der sitzende Kollege mir vor, dass ich telefonisch nicht erreichbar bin.

Geht das jetzt richtig vor Gericht?”, frage ich Herrn Augustin. Er ist ganz blass. Für ihn antwortet der Poli­zist über den Schreibtisch hinweg:

Ja, so wird es laufen, sobald die Anklage steht.”

Ich mache mir mehr Sorgen um die Kosten, meinen Ruf und darüber, was Daniel davon hält, dass ich zum zweiten Mal verhaften worden bin, als über eine Ver­urteilung. Schließlich bin ich in beiden Fällen un­schuldig.

Ich werde gefragt, ob ich ein Geständnis ablegen möchte. Als ich verneine, meint Herr Rösner von weit oben herab:

Hab ich mir gedacht, dass Sie nicht reden werden. Macht nichts, wir haben auch so genügend Beweise gegen Sie in der Hand.”

Frech und siegessicher erwidere ich:

Sammeln Sie besser Beweise gegen Clarice!”

Der Polizist mischt sich ein:

Gegen wen?” und ich versuche, eine genauere Beschreibung abzuliefern.

Ihr richtiger Name ist Anuschka, weiter weiß ich leider nicht. Sie ist eine Ehebetrügerin und hat die Medikamente gefälscht und vielleicht hat sie sogar Carmen getötet.” Herr Rösner horcht auf, als hätte ich mich in der Schlinge verfangen. Kurz frage ich mich, wie komme ich hier wieder raus, wenn die Beamten auf Clarices Seite stehen? Ist Korruption in Deutschland ein Thema?

Bedrohlich flüsternd, wodurch Herr Rösner normale Zimmerlautstärke erreicht, beugt er sich zu mir herunter.
„Sie ist also tot?” Er macht eine Pause, damit ich Zeit habe, Angst zu bekommen.

Er richtet sich auf und spricht zu der Monstera-Palme:
„Geschickt, wie sie das in Berlin aufgezogen haben, schön unter dem Radar des Zolls, der nur die Einfuhr aus dem Osten überwacht. Dass Sie unter dem Namen eines international bekannten Lieferanten Ihre Kunden mit den gefälschten Waren beliefert haben, hat es uns erschwert, aber wie der Zufall es wollte ist Ihr Komplize Johnson ins Krankenhaus katapultiert worden und hat uns die Adressen verraten.”

Nervös plappere ich los:

Ich hab damit nichts zu tun. Wirklich: Clarice hat ihre letzten drei Ehemänner getötet. Sie wird deswegen gesucht. Das weiß ich von ihrem vierten Mann Viktor aus Uvarovo, hat er mir erzählt, als er seinen Sohn Philip abgeholt hat. Dann hat sie hier ein Bordell aufgemacht, zum Geld waschen. Das Geld, was Sie bei mir gefunden haben, gehört nicht mir, sondern Philip.”
„Jetzt ist aber Schluss mit Ihren Geschichten! Sagen sofort, wo Frau Brandenburg ist!”, fährt mich Herr Rösner im Bundeskriminalbeamtenton an. Sein Kollege bremst ihn von der Seite und fragt mich:

Dieser Philip hat also das Geld aus dem Schlafzimmer geholt und Frau Brandenburg beseitigt?”

Ich weiß nichts von irgendwelchem Geld im Schlafzimmer, Philip hat es mir im Schlachthof gegeben.”, erkläre ich zögerlich, weil ich bei jedem Wort befürchte, etwas zu meinem Nachteil zu sagen.

Warum sagen Sie nicht endlich die Wahrheit? Sie versuchen uns hier an der Nase herumzuführen, indem Sie ablenken. Und Sie wissen genau, dass der Schlachthof gerade abgerissen wird. Sie waren am Tatort und wenn Sie nicht auspacken, wird es in diesem Moment sicher einer Ihrer Verbündeten tun.”, setzt mich Herr Rösner bedrohlich unter Druck und zischt triumphierend:

Es war Ihr Fehler, Frau Brandenburg für den letzten Diebstahl von Medikamentenverpackungen ins Theodor-Wenzel-Werk zu schicken und sie danach zu beseitigen. Vieleicht war es auch Frau Brandenburgs Fehler, weil sie ihren Lebenspartner nicht eingeweiht hatte. Er hat sie zwar nicht gleich vermisst gemeldet, ist aber ihrem Verschwinden soweit auf den Grund gegangen, ihren Sohn ausfindig zu machen und ihn zur Rede zu stellen. Was dann eben in in schwerer Körperverletzung endete.”

Ich bin von Kopf bis Fuß verwundert. Wie hat Müller bitte schön Paul ins Krankenhaus befördern können? Bis Herr Rösner es erwähnt hat, wusste ich nicht einmal, dass der Schlachthof abgerissen wird und Paul Carmens Sohn ist. Das rückt seine Teilnahme an ihrer wilden Beerdigung in ein ganz anderes Licht. Paul hat die anderen und seine Mutter da bestimmt mit hineingezogen. Jetzt bemerke ich, dass Herr Rösner noch redet.

Wir haben das Labor gefunden und auch dort Ihre Fuß und Fingerabdrücke gesichert, genau, wie an der Stelle, an der vermutlich Frau Brandenburg getötet wurde.“ Labor? Das war der seltsame Geruch in Clarice‘ Bordell gewesen!

Ihre Komplizen werden auch gerade verhört, bis auf Frau Brandenburg, die Tote, wie wir nach Auswertung der Daten des kriminaltechnischen Labors bestätigt haben. Inzwischen wissen wir von Herrn Müller, dass Sie mit dem Schraubenzieher- Überfall nichts zu tun hatten. Sagen Sie uns, wo die Leiche ist, Frau Liebknecht, sie ist das letzte Beweisstück, um die Sache aufzuklären. Wir wissen, dass ihr sie weggetragen habt, es ist vorbei. ”

Da ich nichts sage, werde ich von Herrn Rösner gebeten, ihm zu folgen. Verunsichert gehorche ich und die sich mit mir verbündenden Blicke der anderen an den Schreibtischen sitzenden Zeugen anderer Fälle folgen mir mitfühlend, sie halten mich für einen von ihnen. Für jemanden, der Dreck am Stecken hat. Ich denke an die zugewachsene Steinplatte und muss eingestehen, dass ihre Blicke recht haben. Ich werde in eine kleine Betonedelstahlzelle geführt. Kriechend keimt der Verdacht in mir auf, dass Viktor richtig lag, mit dem Sündenbock, nur ist das nicht Sebastian, sondern ich bin es.

Glauben Sie mir doch bitte! Anuschka steckt hinter der ganzen Sache!”, bettele ich ihn an, von seinem Standpunkt abzuweichen. Der Bundeskriminalbeamte wirkt nicht überzeugt. Langsam sagt er:

Ach kommen Sie, wahrscheinlich ist das eine weitere Komplizin. Als Stewardess kommen Sie überall hin. Wer weiß schon, wie weit Ihr Netzwerk inzwischen reicht. Mit einem Vornamen allein kann ich sowieso nichts anfangen.”

Er schließt die Tür von außen, bevor ich ihn berichtigen kann, dass ich momentan nicht als Flugbegleiterin arbeite, und lässt mich allein.


Die Raumausstattung bedrückt mich und das an der Wand hängende Stahlbett erinnert mich an Leichenschauräume. Eine kleine vergitterte Fensterscharte zeigt graue Hausmauer. Ein Vorgeschmack auf die nächsten zehn Jahre. Bis zu diesem Moment bin ich völlig sicher gewesen, dass ich nicht noch einmal in einer Zelle lande. Ich kann niemanden anrufen, dabei wäre es hilfreich, sich Viktor und Philip mit ins Boot zu holen.

Nach der gefühlten Dauer eines Schultags öffnet sich die Tür wieder und der Polizeibeamte bittet mich heraus. Bei ihm sind zwei weitere uniformierte Männer, die mir nicht vorgestellt werden und die mich beim Weiterlaufen rechts und links flankieren.

Gerade, als ich denke, das war’s, setzen sie mich vor dem Haupteingang ab und überreichen mir meine Sachen. Sie wollen mich einfach stehen lassen, da rufe ich dem bierbäuchigen Polizisten zu:

Warten Sie, was ist denn nun? Bin ich frei?”

Grinsend kommt er zurück und teilt mir mit, sich nach anderen Mithörern umschauend:

Sie sind entlastet. Es wurde tatsächlich eine Anuschka mit ihrem Mann Viktor gesucht, und zwar wegen so allerhand illegaler Aktivitäten, da passt Medikamentenfälschung gut rein. Jetzt wird die Familie international gesucht. Die haben sich öfter über die Mutter soziabel gezeigt, während ihr Mann im Hintergrund die Fäden gezogen hat. Inzwischen hat Herr Johnson gestanden, dass er die Leiche von Frau Brandenburg zusammen mit Anuschka weggetragen hat und Frau Brandenburg wird noch exhumiert. Die Abdrücke der High Heels hatten wir fast übersehen. Sie können jetzt aufatmen und nach Hause gehen.”

Eine Mischung aus Verwunderung, Dankbarkeit und Erleichterung durchflutet mich. Paul hatte Sebastian und mich gedeckt. Die Rostocker Polizei hat Rosalies Anzeige gegen Viktor und Clarice alias Anuschka anscheinend nicht sehr ernst genommen. Die bewachen da lieber verlassene Krantürme, oder so. In Sorge um Philip frage ich mich: Hat Viktor mich angelogen oder irrt sich die Polizei, dass er mit Clarice gemeinsame Sache macht? Falls es so ist, hoffe ich, dass Vater und Sohn beschlossen haben, auszusteigen. Und ich hoffe, dass keiner von den Beiden Carmen auf dem Gewissen hat. weiterlesen

ZIELLOS QUERFELDEIN, Kapitel 8: SOMMERENDE