ZIELLOS QUERFELDEIN Kapitel 6, Barfuß

im Roman zurückblättern

6. Barfuß

Entspannt lässt sich Maria ins Gras fallen und packt ihre Laptoptasche aus dem Rucksack.

Wenig später tippt sie summend und rasend schnell auf der kla­ckernden Tastatur herum, während Tanja darüber flucht, dass der Akku ihres Handys leer ist. Unwirsch werfe ich in die Landschaft:

Menschen, mit eingeschränktem Denken durch ge­sellschaftliche Zwänge und dem Glauben, nicht ohne Telefon leben zu können, nerven mich zu Tode.“

Ma­ria guckt erschrocken von ihren Laptop auf, dass ich ihr beschwichtigend zu lächle, und Tanja zischt:

Irgendwer könnte mich erreichen wollen. Das kann dir ja nicht passieren.“

Verständnislos starre ich sie an.

Was soll das denn heißen? Ich bin im Urlaub, genau wie du und niemand ist böse, wenn man im Urlaub nicht erreichbar ist.“ Tanja stemmt die Arme seitlich in die Hüften und sagt fest:

Das glaubst du. Von mir hängt Einiges ab, meine Kollegen könnten eine Frage haben und Karl ist sicher keine Hilfe.“ Ungläubig schüttele ich den Kopf.

Die werden schon ohne dich klar kommen, immerhin bist du nur Azubi und hast frei.“

In Wut zerfurcht eine V-förmige Falte Tanjas Stirn und sie stichelt laut und gehässig:

Dafür bist du nur Putze, dass ist jämmerlich. Weiß deine Oma schon, was für eine steile Karriere du machst?“

Hilfesuchend sehe ich zu Maria, doch sie weicht meinem Blick aus. Ruhig sage ich:

Hör bitte auf, Tanja. Ich hab es nicht böse gemeint und was du sagst, ist gemein. Außerdem fange ich bei Mötörön an.“

Ich bin nicht gemein, Linda. Ich versuche, dich wachzurütteln. Du hängst faul rum, statt dich zu bewerben und dein pissiger Job ist doch nur eine Ausrede! Mötörön, was können die dir schon zahlen? Wenn du richtig Geld verdienen willst, findest du auch was. Immerhin blüht der Tourismus in Deutschland!“

Getroffen belle ich:

Ja, toll, noch mehr Überstunden und noch hektischeres Arbeiten für weniger Geld, ich hasse das! Wusstest du, dass der Deutsche der Pole der Schweiz ist? Bald ist der Deutsche der Pole Deutschlands.“

Siehst du. Du bist faul.“, stellt Tanja böse lächelnd fest.

Okay, ich bin faul. Und sauer auf dich. Wie hilft dir das jetzt, dein Handy aufzuladen?“, entgegne ich beleidigt und denke, immerhin klaue ich nicht bei meinem Chef, um damit zusätzliches Geld zu machen.

Tanja wendet sich ab, um erhobenen Hauptes in ihren rosa Flipflops zum Bulli zu schlappen. Ich bin erleichtert, als sich mit einem lauten Rattern, gefolgt von einem Knall, die Schiebetür des Busses öffnet und Özlem verschlafen und nur mit einem T-Shirt bekleidet aussteigt.

Guten Morgen!“, rufe ich ihr zu, worauf sie irgendetwas in ihren unsichtbaren Bart murmelnd, aus dem Blickfeld verschwindet und sich zum Pinkeln hinter den Bus hockt. Irgendwie hatte ich mir das Zelten aufregender vorgestellt. Lustlos erreiche ich Özlems Schlafplatz in dem Moment, als Tanja Hagens Gepäck durchwühlt.

Was machst du denn da?“, erkundige ich mich überrascht und werfe meine Tasche auf die Rückbank.

Ich such gerade das Radio, was denn sonst?“, entgegnet sie schnippisch, Hagens Sachen wieder einpackend.

Vielleicht ist das Radio im Zelt?“, versuche ich, mich einzubringen. Tanja reagiert missmutig, macht sich aber schnurstracks auf den Weg zum Zelt.

Aldar, üsch könnt nen ganzen Bäären verschlüngn.“, ruft Özlem herein, als sie wieder am fahrbaren Schlafplatz auftaucht. Ja, Hunger könnte möglicherweise den Ausschlag zu dieser morgendlichen schlechten Laune geben. Keuchend und schwitzend rennt in diesem Moment Anke von der Straße her auf mich zu und bremst neben mir ab, worauf Tanja gehetzt aus dem Zelt stolpert.

Da seid ihr ja. Hattet ihr eine schöne Nacht?“, fragt Anke mich hechelnd. Sie präsentiert sich in Hotpants und bauchfreien Sporttop, um ihre knackige Figur zu betonen.

Ja, klar. Und du?“, sage ich und frage mich, während Anke von ihrer Nacht berichtet, wo um alles in der Welt Daniel und die anderen stecken. Richard hat mir vorher nie einfach den Rücken zugedreht und mich wortlos verlassen. Allerdings mussten wir vorher auch nie ein Zelt zusammen aufbauen. Ein Pop-up-Zelt wär ungefährlicher gewesen.

Anke winkt mich hinter sich her, wenigstens Eine, die mich nicht einfach stehen lässt, und ich folge ihr widerstandslos. Sie plappert, als ob wir in der Videothek und nicht mitten in der Pampa wären, und läuft gegen die Eingangsplane, welche nachgibt. Das mannshohe Zelt verschluckt Anke.

Ich musste erst mal eine Runde laufen, wenn ich nicht jeden Morgen Joggen gehe, werde ich gar nicht erst wach. Nachher könnten wir Badminton spielen, oder Volleyball, ich hab alles dabei!“, ruft sie aus dem Zelt, kurz bevor sie in Caprijeans und Shirt mit der Sonnencreme in der Hand wieder herauskommt und fortfährt:
„Jetzt sollten wir erst mal irgendwo ein bisschen was einkaufen gehen, mein Wasser ist alle und ich bin am Verdursten!“

Nachdem wir uns eingecremt haben, packt sie die leuchtgelbe Sonnencremepackung ein, spurtet mit ihrem Sportrucksack in der Armbeuge in die Wiese und ruft mir über die Schulter hinweg zu:

Komm schon, Linda! Der Supermarkt kommt nicht zu uns!“

Was“, schreie ich hinterher, „wollen wir nicht auf die Anderen warten? Wo sind die überhaupt?“ Was ist nur aus dem Zusammenhalt geworden, die ich aus Schulzeiten von Klassenfahrten kenne?

Warte!“, kann ich lediglich verzweifelt hinter meiner Kollegin her rufen, doch Anke wartet nicht. Eilig laufe ich zum Bulli und hole meine Kamera, Geld, eine Flasche Wasser und den letzten Apfel als Wegzehrung, dann haste ich bei Tanja und Maria vorbei, die mich mit ihren Bestellungen aufhalten.

Warum kommt ihr nicht mit?“, versuche ich mich um den anstrengenden Transport von vielen Litern Getränken herumzudrücken.

Is viel zu heiß und wenn du sowieso gehst, kannst du doch die paar Kleinigkeiten mitbringen.“, sagt Tanja nörgelnd. Fröhlich latscht Özlem in tief hängender weiter Jeans und klumpigen Turnschuhen auf uns zu und ich kann sie sofort überzeugen, mich zu begleiten. Also lasse ich Tanja und Maria missmutig zurück, werfe einen letzten erwartungsvollen Blick auf die hinter der Wiese vorbeiführende Straße, doch Alex’ Auto taucht nicht auf und Özlem drängt mich, hinter Anke her zu rennen, und das auf nüchternen Magen.

Als ich die Beine rascher hebe, mir Winde durch die Haare und die langen, dichten Gräser immer schneller an die Beine schlagen, durchströmen mich Endorphine, wow, ich bin schnell und frei und ziemlich früh aus der Puste. In Berlin renne ich ja maximal fünfzig Meter dem Bus hinterher und da steige ich schon keuchend ein. Als ich nun auch Özlem aus den Augen verliere, überlege ich, umzukehren, doch ich laufe weiter.

Die Heuschrecken und Grashüpfer retten sich vor mir mit weiten Sprüngen und eine Schlafgesellschaft von schwarzroten Widderchen mitten im niedrigen Klee auf dem schmalen Trampelpfad flattert aufgebracht über die Wiese. Glücklicherweise stolpere ich wenige Minuten später über Anke und Özlem, die hechelnd im Gras liegen.

Aldaar, Lünda, wür dachtn schon, du kommst nüsch mehr!“
„Sehr witzig, ihr zwei Sportskanonen. Ich hatte lange nicht mehr so einen großen Auslauf. Mein Gehege ist sonst viel kleiner.“ Özlem guckt mich ratlos an, nur Anke lacht und erinnert:

Wenn wir heute noch ankommen wollen, müssen wir aber weiter!“

Nach einer Weile ist es so heiß, dass sich unter dem leichten Gepäck dunkle Flecken auf unseren Shirts bilden. Außerdem tun mir die Füße weh und die Radfahrer, die uns ständig überholen, nerven. Wahrscheinlich ist es nur Neid, weil man mit einem Drahtesel viel schneller vorankommt, während einem ein frisches Lüftchen um die Nase weht.

Wir sprechen seit einer Weile kein Wort mehr. Rinnsale tropfen uns aus dem Gesicht, während wir von einem Schattenfleck zum Nächsten eilen, um der erbarmungslosen Sonne zu entkommen. Unterwegs passieren wir verschreckt mehrere Opfer der Hitze, mahnend liegen tote Vögel mit weit geöffneten Schnäbeln auf dem Weg und schillernd bunte, fingerdicke Raupen zeigen reglos an, dass für sie die Überquerung des Fußgängerweges eine zu große Hürde war. Ich kann mich nicht dagegen wehren, dass ich an Carmen denken muss, die bestimmt inzwischen von Würmern angefressen ist.

Wieder laufen wir an den geschlossenen und stillgelegten Fischfabriken, Bootsbaueranlagen und Verpackungsproduktionen vorbei. Verrostete Tore, die sich nicht mehr öffnen lassen, nur das Sonnenlicht fällt durch die Rostlöcher, bröckelnde Laderampen und zersplitterte Fenster geben den verlassenen Gebäuden ein wüstes Gesicht.

Ein aufgerissener Maschendrahtzaun, der noch unter Walter Ulbricht errichtet wurde, lädt zu einer Abkürzung durch schattiges Buschwerk von Geißblattgewächsen ein.

Längst erloschene Betonlaternen und alte Pfosten der Strom- und Telefonleitung verstecken sich im Unterholz. Der gärige Geruch von faulenden Pflanzenteilen steigt vom Boden auf, weshalb es trotz kühlerer Temperatur unter dem Blattwerk sehr stickig ist. Offensichtlich wird dieser Weg des Öfteren genutzt, weshalb wir gut vorankommen und nach wenigen Minuten am Ufer angelangen.

Der Pfad verjüngt sich zu einer urwaldähnlichen Fährte und ein paar Meter weiter versperrt uns eine mehrfach eingezäunte Kläranlage den Durchgang. Die Einzäunung wurde weit ins Wasser verlängert, so dass es wirklich nicht möglich ist, drum herum zu laufen und so müssen wir einen Umweg nehmen.

Der Betriebshof der Kläranlage endet an einer schattenlosen Asphaltstraße, auf der sich die flimmernde Hitze täuschend in Pfützen verwandelt, die verschwinden, je näher man herankommt.

Wir spazieren durch eine Geisterstadt und ich bin sicher, wenn hier Dornbüsche wüchsen, würden die vom Wind getrieben raschelnd an uns vorbei kullern und in den einsamen Zufahrtsstraßen der Fabriken verschwinden.

Also ich weiß nich, wenn das so weiter geht, kippe ich gleich um.“, jammere ich leidvoll. Unter dem Schutz meiner flachen Hand spähe ich die Straße in gleißender Sonne voraus. Es ist nicht eine Menschenseele zu sehen, geschweige denn ein Lebensmittelladen. Seufzend lasse ich mich gegen eine Plakatwand sinken. Ich reiche meine Wasserflasche herum, während wir schweigend darüber grübeln, wie wir in diesem Wüstenklima lebendig von der Nahrungssuche zurückkehren sollen.

Wollen wir da nich einfach rüber klettern?“, fragt Anke auf die Holzbalustrade der Plakatwand deutend, in deren schmalen Schatten wir im Moment Zuflucht gefunden haben. Nickend gibt Özlem ihre Einverständnis preis, bevor sie mir mit beiden Händen eine Räuberleiter macht und ich auf die Umzäunung steige, auf der ich sitzen bleibe. Überraschenderweise liegt auf der anderen Seite mehrere Meter tiefer ein Schuttberg unter mir.

Stopp! Warte!“, schreie ich, als Anke losrennt. Sie tritt aus dem Laufen heraus auf halber Höhe gegen den Zaun und schwingt sich mit beiden Händen im seitlichen Hocksprung über die Kante, auf der ich sitze. Rechtzeitig registriert Anke den unerwarteten Höhenunterschied und lässt nicht los. Mit ihrer gesamten Körperlänge schlägt sie gegen die wacklige Bretterwand. Ich falle und kann mich kopfüber geradeso noch mit einem angewinkelten Bein an der Balustradenkante festklemmen. Weil ich mich in dieser Fledermaushaltung ausgesprochen ungelenk fühle, versuche ich mich an Anke hochzuziehen, die belustigt neben mir hängt.

Özlem auf der anderen Seite beginnt zu singen, irgendein Lied aus den Popcharts, und Anke summt fröhlich mit, als ob nichts wäre.

Oh Mann…“, ächze ich bei meinem Kampf. Kurz unterbricht sich Özlem und fragt, bevor sie weitersingt:

Kommt ühr Beide klar?“

Anke streckt mir eine Hand entgegen, doch als ich zugreife, verliert sie den Halt und zieht mich mit, so dass wir kreischend und Händchen haltend wenige Sekunden darauf in einem elastischen Müllhaufen landen.

Für die Landung war es zwar praktisch, dass der Haufen unter uns nachgibt, aber aus der Nähe betrachtet ist der erschreckend eklig, denn unter jedem Schritt, den wir machen, um hinunter zu kommen, scheuchen wir Millionen von Fliegen auf, außerdem riecht es, wie bei den Mülltonnen von Reichelt. Und es erinnert mich an Carmens Wohnung, als ich sie das erste Mal betreten habe.

Schreiend und lachend retten wir uns auf eine Fahrstraße, die über die Deponie führt. Ich frage mich, was man mit Verpackungen und Beipackzetteln anfangen könnte. Und mir fällt ein, dass ich bei Carmen und sogar in meinem Haus die Verpackungen gesehen habe. Ob Tanja die Wahrheit sagte? Davon gehe ich mal aus, denn warum sollte sie lügen…

Meine Kamera scheint nichts ab bekommen zu haben, allerdings trennt uns eine Mauer von sehr hohen vier Metern von Özlem.

Tja, hier ist es zwar schattig, aber es stinkt.“, meine ich amüsiert über unsere Lage und Anke gibt zu meinem Verdruss zurück:

Wenigstens sind wir die Türkin los.“

Was hast du gegen Özlem?“, frage ich erstaunt und fest entschlossen, was immer es sei, es ihr auszureden. Die rechte Schulter lässig hebend und wieder fallen lassend antwortet sie:

Nichts. Ich steh nur nich auf Lesben.“ Schlagartig und unbeabsichtigt sinkt Ankes Ansehen bei mir und ich nehme mir vor, in Zukunft selbst mehr darauf zu achten, was ich im Einzelnen in Gegenwart von Leuten so von mir gebe, die mich mögen sollen. Obwohl, genau das habe ich an Maria nie gemocht; dieses Angleichen an die Meinungen aller Bekannten und das ständige hinter dem Zaun halten der eigenen Ansicht, nur um den Anderen in den Kram zu passen, kann auch nicht die Lösung sein. Anke wird ihre Gründe haben. Deshalb frage ich:

Wie kommst du darauf?“ Mit aufgerissenen Augen und einem Zungenschnalzer erklärt sie:

Na, so, wie die einen angeiert…“

Ist mir nich aufgefallen.“, beende ich das Thema und wir wenden uns zielsicher dem Ausfahrtstor am Ende der Straße zu, zumal das laute Magenknurren auf einen wirklich großen Hohlraum schließen lässt. Spontan schlage ich vor:

Lass uns auf dem Rückweg eine nette Kulisse für ein paar erotische Fotos suchen gehen, dann wird sich zeigen, wer wen angeiert.“, worauf Anke das Gesicht zusammenzieht in der Bedeutung eines „Ohne mich.“, was mich Scham erfüllt der Peinlichkeit meiner Frage bewusst werden lässt.

Auf dem Betriebsgelände der Müllkippe ist keine Menschenseele zu sehen, weshalb wir ungestört über das mit Stacheldraht abgesicherte Tor klettern, indem wir von der obersten Kante mit einem großen Schritt im Stand über die Drahtrollen steigen und abspringen. Unten erwartet uns Özlem bereits strahlend und enthüllt sofort:

Üsch hab ein Ladn gefundn, ey!“

Tatsächlich erreichen wir kurz darauf unter ihrer Führung eine alte Tankstelle, unter deren wellenförmigem Dach statt der Zapfsäulen Drehständer mit Postkarten und Gartensamen stehen. Der Tante-Emma-Laden ist gut bestückt, weshalb ich abgesehen von der obligatorischen Postkarte für Oma auch eine Sonnenbrille mit UV-Schutz und einen Regenschirm kaufen kann. Die Butter und die Milch kosten ein halbes Vermögen, weil uns die Chinesen alles wegessen, was ich ja vorausgesehen habe. Bald geht er los, der Krieg um das letzte Stück Land mit dem besten Boden und dem angenehmsten Klima, deshalb vermerke ich, dass ich in Zukunft nicht nur einen eigenen Brunnen, sondern auch eine Kuh brauche, was die Inder schon immer wissen.

Mehrere Taschen mit Proviant und Getränken vor dem Markt auf der Straße aufbauend, hoffen wir auf ein Taxi. Wahrscheinlich aus Protest, kommt in diesem Moment kein einziges Auto vorbei, weshalb wir uns doch auf die Socken machen.

Hinter der Tankstelle führt ein rostiges Stahlgleis an den verfallenen Fabriken entlang, das sich von den zu wei­cher Holzspäne verrotteten Balken löst. Im Gänsemarsch trotten wir in diesem gelb blü­henden Gleisbett entlang und auch diesmal werfen den einzigen Schatten die Mauern, denn kein einziger hoher Baum hat dem Industriegebiet getrotzt. Mir brennt der eigene Schweiß an den Beinen, weil sie völlig zerkratzt sind. Ein Sonnenbrand hat sich auf meinen Schultern ausgebreitet, die Träger der Ein­kaufstaschen schneiden genau da hinein. Bei je­dem Schritt wird das Gepäck schwerer.

Ich bin es, die unaufhörlich herumnörgelt, wenngleich sich dadurch nicht das Geringste ändert, während Anke und Özlem schweigend der Straße über das längst verlassenen Gelände folgen. Der blaue Kran­turm ist in der Ferne zu sehen und weist uns die Rich­tung.

An einem buchtartigen Ausläufer des Flusses fallen wir erschöpft auf die warmen Steine am Ufer, neben einem verwahrlosten Schrebergarten, der von Him­beeren überwachsen ist.

Der stickige Geruch von Fischen, die ihre weißen Bäuche in die Sonne halten, bereitet mir Übelkeit. Am schaumigen Gewässerrand schwappen Kanister und Plastikmüll mit den seichten Wellen auf und ab.

Ein rötliches Abflussrohr tropft braun auf den Beton, bis wohin der Wasserstand einmal reichte, und rinnt auf einer grünen Spur stetig ins Wasser. Zum Glück haben wir an der Werft einen so schönen Platz zum Bleiben gefunden und müssen nicht auf einer ständigen Suche nach Schlafplatz und frischem Trinkwasser durch die verseuchte Umwelt stapfen. Ähnliches denkt auch Özlem und sie sagt:

Ürgendwü schade, dass alles so drecküsch üs unn dü Füsche tot sünn.“

Wir könnten was dagegen tun.“, schlage ich vor, wobei ich glückliche Fische und Seevögel vor Augen habe. Anke zerschmettert mein Grinsen mit der Frage:

Brauchen wir dafür nich Geld?“ Eine Weile überlegend, erkläre ich kurz darauf:

Vielleicht geht es, wenn man einen Verein gründet und so Geld sammelt. “

Dafür sind bestimmt viele Sponsoren und Spendenaktionen nötig.“, meint Anke und wir nicken versonnen. Nachdem wir uns mit Joghurt aus einem Bauernhofglas und frischen Tomaten auf ebenso frischem Brot gestärkt haben, beenden wir unsere Pause und schreiten auf der Gleisanlage über die Weichen durchs knirschende Kiesbett.

Was ist mit den Fotos, die du machen wolltest?“, fragt mich Anke, die vor mir läuft, den Kopf leicht zur Seite gedreht.

Ach, war nicht so wichtig.“, sage ich, worauf Anke stehen bleibt.

Hier ist es so was von abgelegen und ich hätte doch gern so ein Foto von mir. Vielleicht habe ich jemanden, dem ich eins schenken will, damit er mich bei der Bundeswehr nicht vergisst.“, meint Anke und fügt an: „Wenn sie richtig gut werden, verkaufen wir sie für unseren Verein, den wir gründen.“

Wirklich? Ich meine, ich weiß nicht, ob die was werden, ich mache das zum ersten Mal.“, beginne ich, zu zweifeln.

Gerade dann brauchst du Übung und wer mag es nicht, mal ein bisschen Aufmerksamkeit von einem Fotografen zu erhalten?“ Ich zum Beispiel mag das nicht. Dennoch bewege ich den Kopf auf und ab, während ich den Einkauf an der kühlen Mauer im Schatten abstelle. Zudem erwähne ich:

Muss auch nicht wirklich nackt sein, Özlem wird sich auch nicht ganz ausziehen.“ Verschmitzte Grübchen in die Wangen zaubernd, flüstert Anke:

Zu dumm, dass ich ausgerechnet heute nichts drunter habe…“, und schreit noch im selben Atemzug:

Özlem!“, bis die Angesprochene sich umdreht und zu uns zurückkommt.

Aldar, wür ham doch krade erst Pause gemacht!“ echauffiert sie sich bei ihrer Ankunft. Nachdem sie aufgeklärt ist, dass eine Fotosession ansteht, zeigt sie auf einen bedrohlichen Förderturm, dessen Laufrad sich als dunkle Silhouette gegen den weißblauen Himmel abhebt, und erklärt lässig, dass sie diesen erklimmen wolle.

Aber fall ja nicht runter.“, stimmt Anke dem Vorschlag zu und unterbreitet nun ihren eigenen:

Ich will lieber auf den Gleisen fotografiert werden. Aber nicht meine Beine; ich hab hässliche Knie.“

Wird gemacht.“, gestehe ich ihr zu.

Auf Ankes Shirt, welches sie mir lachend zu geworfen hat, breite ich die verschiedenen Filter meiner Spiegelreflexkamera aus, denn ich will mit System herangehen, damit ich nach der Entwicklung der Bilder noch weiß, welches wie zu Stande gekommen ist, sonst lerne ich nichts dazu. Aus Erfahrung mit Urlaubsfotos am Strand weiß ich, dass direktes Licht ungünstig sein kann für Nacktfotos, bei denen man nicht jede Hautunreinheit oder Delle, wenn vorhanden, sehen will.

Während Özlem versucht, auf dem Laufband des zehn Meter hohen Förderturmes hinaufzukraxeln, obgleich eine Treppe existiert, suche ich zwischen all dem oxidierten Stahlgestänge einen optimal zerstreuten Lichteinfall, um Nackedei Anke erotisch in Szene setzen zu können.

Sie probiert verschiedene Posen aus, streicht sich die brünetten Haare mal links mal rechts auf die Schulter, und erkundigt sich bei jeder neuen Idee, wie es aussieht.

Und so?“, sie dreht mir den Rücken zu und streckt den sportlich flachen Hintern zu einer hübschen Wölbung heraus. In der Hoffnung alle Einstellungen berücksichtigt zu haben, steige ich auf einen Betonsockel und suche den richtigen Blickwinkel, bevor ich das erste Mal auf den Auslöser drücke und den Film weiterspule.

Das Schattenmuster auf Ankes Haut als Rahmen nutzend, fange ich ihre Schönheit für ein kleines bisschen Ewigkeit ein. Vielleicht würde sie aufgrund abweichender Proportionen keinen der heutigen Schönheitswettbewerbe gewinnen, aber im Detail ist alles stimmig und verführerisch, dass kein Kerl sie von der Bettkante stoßen würde. Ich jedenfalls kann keinen Makel entdecken, zumal ich alles im Objektiv rein wissenschaftlich betrachte. Wahrscheinlich deshalb bleibe ich vom Brustneid (dem Pandon zum Penisneid) verschont, als sich Anke umdreht und die, durch das Stahlskelett des Förderturmes fallenden Sonnenstrahlen, sich auf ihren weißen Apfelbrüsten spiegeln. Anke räkelt sich trotz der spitzen Steine auf dem alten Gleisbett, wobei wir uns recht unprofessionell kaputt lachen und ich befürchte, dass jedes Bild verwackelt ist.

Seitlich ausgestreckt liegend, versucht sie krampfhaft ihre Mimik zu wahren, obwohl eine Herde Ameisen ihren Rücken hinauf marschiert.

Nimm den Arm vors Gesicht.“, weise ich sie an, worauf Anke gewissenhaft versucht, meinen Wünschen gerecht zu werden.

Nee, weiter runter, dass ich deine Augen sehen kann. Ja, genau. Jetzt drück deine Brüste etwas zusammen…“ In dem Moment senkt sich ein orangener Distelfalter herab, setzt sich genau auf Ankes rechte, rosa Brustwarze und klappt die Flügel auseinander, um sich zu sonnen.

Halt still!“, flüstere ich aufgeregt und warte die Sekunden der Belichtungszeit ab, bevor das Foto im Kasten ist und Anke sich kichernd von dem Schmetterling befreit, der ahnungslos davon flattert.

Als wir der Meinung sind, etliche großartige Bilder fabriziert zu haben, erklimmen wir den Förderturm, Anke lediglich bekleidet mit Schuhen und Slip, wobei wir die Treppe nehmen. Özlem ist inzwischen ganz nach oben auf die breitgedrückte Zwiebelhaube des mannshohen Förderrades gestiegen, wo sie trotz erschreckender Schräge knapp an der Kante entspannt in der Sonne liegt, was ich sofort fotografisch festhalte.

Von Stufe zu Stufe der schwingenden Stahltreppe wird es heißer und die schwitzigen Hände verlieren an Grip, weshalb ich auf der Hälfte des Turmes nicht mal mehr meine Wasserflasche aufbekomme. Als wir endlich oben sind, ist Özlem bereits vom Dach zurück und erwartet uns im dreckigen Tanktop und der zu weiten Jeans an das Förderrad gelehnt. Staunend gucken Anke und ich über das Geländer und genießen den Ausblick auf vorbeigleitende Schiffe.

Weil ich einen Satz wie: ‚Zieh dich aus!’ nicht so einfach über die Lippen kriege, fotografiere ich einfach drauf los und überlasse es Özlem, wie viel sie zeigen möchte.

Die Sonne steht genau über uns, weshalb es ziemlich dunkel unter der Überdachung ist, nur vereinzelt fällt Licht durch die Rost durchsiebte Kuppel. Während ich mich auf das Geländer stelle, um mit Özlem auf Augenhöhe zu sein, hält mich Anke fest und wir kichern nervös, als sich das Geländer knirschend lockert und ich die Position aufgeben muss.

Ein paar richtig gute Fotos gelingen mir auf der Metalltreppe mit diffusem Seitenlicht. Özlem hat eine beinahe aristokratische Kontur. Erst legt sie das Top und die Hose ab. Bemerkenswert wohlgeformte Füße in moccabraun aus den Schuhen hervorziehend, besteigt Özlem das Rad in der Mitte der Plattform, welches sich kein Stück bewegen lässt. Mit dem Focus von ihren Füßen hinauf zu dem sandfarbenen Tanga drücke ich ab und konzentriere mich dann auf Özlems Tätowierungen am Oberarm, wobei sie sich nun obenrum komplett entblößt.

Bekommst du Ärger, wenn die Bilder in falsche Hände geraten?“, erkundige ich mich sicherheitshalber, bevor ich weitermache. Sie guckt mich verständnislos an und will wissen, weshalb ich das glaube. Hasplig schraube ich den Grauverlaufsfilter ab und den Warmtonfilter auf das Objektiv, wofür ich mehrere Anläufe brauche, bis das Gewinde akkurat sitzt.

Na ja, ich dachte, wegen eurer Kultur…“, ringe ich mir ab, zuzugeben und ernte einen Lacher.

Aldar, stimmt, aber solln meine Onkels doch nen Herzünfarkt krügn, üs mür egal. Üsch bün ün Berlün geborn unn man lebt nur einmal. Scheiße üs, wenn müsch keiner anguckt. Wetten meine Brüder krügn das Maul nüsch zu, wenn sü das sehn?“ Anke und ich nicken lächelnd und ich fülle den Film weiter. Jetzt kapiere ich den Spruch der Kerle: ‚Hast du schöne Augen!’, bei dem sie einem in den Ausschnitt stieren, denn irgendwie gucken Özlems braune Nippel einen an. Ein kleiner Leberfleck zwischen ihren, aufgrund des Volumens, baumelnden Brüsten hat es mir besonders angetan und als ein leichter Wind ihren Bauch umschmeichelt, stellen sich die Brüste auf, was unbeschreiblich fotogen aussieht.

Nachdem ich den Film zurückgespult und gewechselt habe, sitzen Anke und Özlem nebeneinander auf Özlems Klamotten an das große, solide Förderrad gelehnt und unterhalten sich über Klettern als Sportart, was Anke sehr zu interessieren scheint, denn sie ignoriert souverän, dass ihre Gesprächspartnerin nackt ist.

Ohne die Beiden darauf hinzuweisen, suche ich ein Motiv nach dem nächsten und schieße Fotos von ihrem Gespräch mit verschiedener Gestik und Mimik.

Als Anke bemerkt, dass ich fotografiere, zieht sie ihr Oberteil aus und lehnt sich an Özlem an. Özlem beugt ihren Kopf zur Seite, ihr fließendes schwarzes Haar wabert über Ankes hellen Nacken und Brust, bevor sie ihre hellroten Lippen auf Ankes legt. Ohne einen Millimeter zurückzuweichen lässt Anke sich weich küssen und wehrt auch Özlems sonnengebräunte Hand nicht ab, als diese ihre milchfarbene Brust umschließt.

Ich komme mit dem Scharfstellen und Aufziehen kaum hinterher, wodurch ich mich nach einer automatischen Kamera sehne und mich frage, ob Philip etwas dagegen hätte, wenn ich von seinem Geld ein solches Gerät beschaffen würde. Philip! Ich muss zurück. Seit gestern Abend habe ich ihn nicht mehr gesehen und ich trage doch die Verantwortung für ihn! Siedend heiß wird mir bewusst, dass wir schon verdammt lange unterwegs sind und die anderen auf das Essen und Trinken warten. Im selben Augenblick, als ich darauf hinweisen möchte, ziehen mich meine Freundinnen nach unten hinter das Geländer, wobei mir beinahe die Kamera entgleitet.

Da sind Alex und Richard!“, wispert Anke entsetzt und zeigt mit dem Finger nach unten. Tatsächlich rollt langsam der Buick zwischen den Gleisen durch den Sand und wirbelt eine braungelbe Wolke auf. Dahinter sehe ich eine zweite Wolke zwischen den Bäumen, kann aber das andere Fahrzeug noch nicht sehen.
Kichernd schlüpfen die Fotomodelle in ihre Sachen, bevor wir die Treppenstufen hinunter rennen, damit wir die Jungs nicht verpassen. Witzigerweise haben sie den Einkauf bereits gefunden und sind mit dem Einladen beschäftigt.

Da seid ihr ja.“, werden wir müde begrüßt und Richard, von dem ich heute noch keinen einzigen Kuss erhalten habe, guckt lediglich kurz aus dem Kofferraumscheibe, um uns zu winken.

Mir grummelt ein ungutes Gefühl in der Magengrube herum. Die bis eben heitere Stimmung unter uns Weibern ist verflogen und wir nehmen wortlos auf der Rückbank Platz, jeder in seine Gedanken versunken. Ob sie ihre Freizügigkeit schon bereuen? Richard darf fahren und Alex platziert sich auf der Beifahrerseite. Ein zweites Auto ist nicht in Sicht und ich blicke unsicher zurück.

Nach nur wenige Minuten Fahrt, erreichen wir die alte Werft, vor welcher neben der Abrissbirne, das Zelt und der Bus stehen.

Vom Boot, welches inzwischen auf einem passenden Schlitten, der praktischerweise vom letzten Stapellauf hier zurückgeblieben sein muss, postiert wurde, sind nur das Gerippe und das wie neu aussehende Schaufelrad übrig; ein spielplatzgroßer Haufen Bretter stapelt sich unweit der Restaurationsstätte und Hagen legt damit soeben ein beachtliches Feuer in einer weiten Kuhle, die er wohl extra dafür ausgehoben hat.

Auf der Wiese liegt eine ausgebreitete Wolldecke, auf welcher Lea spielt, aber von Philip ist keine Spur zu sehen. Bevor ich in Panik verfalle, werde ich erst jeden Einzelnen befragen. Deshalb steuere ich zielstrebig auf Richard und Alex zu, die den Einkauf versuchen, vor der Hitze zu retten, indem sie alles in Tüten packen und ins Wasser hängen. Sie haben mich noch nicht bemerkt und ich höre, wie Alex zu Richard sagt:

Es ist das Beste für Lea, auch wenn Rosalie eher ein dicker Kumpel als meine Traumfrau is, trotzdem: Ich bin irgendwie zufrieden damit. Das war ein einmaliger Ausrutscher, glaub mir.“

Richard antwortet, ohne dass ich sein Gesicht sehen kann:

Lass ma, vor mir brauchste dich nich rechtfertigen, das heb dir mal für die stressigen Weiber auf. Denen muss man immer alles begründen und wehe du sagst, was du wirklich denkst.“

Bezieht er sich auf mich? Schluckend taste ich mich vorsichtig rückwärts und schleiche davon.

Man, also Frau, sollte nicht zuviel Zeit mit ihrem Kerl verbringen, denn er wird ihr erst Jahre später gestehen, wie genervt er von ihr ist und schon immer war, was im Rückblick auf die gemeinsame Zeit, die Frau bis dahin wunderbar romantisch gefunden hat, sehr schmerzhaft sein kann, besonders wenn sie dem Mann auch noch Nachwuchs beschert hat, wie Rosalie. Ehe ich mich in Mitleid mit allen alleinerziehenden Müttern verliere, konzentriere ich mich lieber auf Philips Verschwinden und eile auf Daniel zu. Er steht bei Anke und Özlem und präsentiert Werkzeug.

Stolz berichtet er in Zeitlupe, dass er den ganzen Vormittag damit zugebracht hätte, das Notwendigste aufzutreiben. Sofort betonen wir, ebenfalls den gesamten Vormittag mit Besorgungen beschäftigt gewesen zu sein und Daniel zollt uns gebührenden Dank, im Gegensatz zu den anderen Reisegefährten, die unsere Tat nicht zu schätzen wissen, weil Alex mit seinem Einkauf und viel Bier schneller zur Stelle war.

Leider weiß Daniel nichts über Philips Verbleib; vielleicht hat er es auch vergessen; aber Hagen, der in dem Moment hinzustößt um Anke zu fragen, ob sie mit ihm das frisch abgeschliffene Wasserrad versiegeln wolle, teilt mit, dass er Philip heute morgen am Fluss beim Regenwürmer sammeln angetroffen hätte.

Anscheinend hat Daniel schon jedem erzählt, dass Veronika in Wirklichkeit Philip heißt, denn keiner meiner Freunde schaut überrascht, als ich nach ihm frage und vor lauter Sorge glatt vergesse, ihn Veronika zu nennen.

Ich wende mich dem Ufer zu, welches ich ergebnislos absuche. Allmählich wird es Zeit für echte Panik. Merkwürdigerweise bin ich die Einzige, die das so sieht. Von Anke und Hagen, die ich hinter dem Boot beim Knutschen störe, bekomme ich ein phlegmatisches Schulterzucken, Özlem hängt in der Motorhaube des Busses und meint nur:

Der kommt wüda.“, und Daniel, den ich in den Tiefen der kalten Werfthalle antreffe, schlägt vor, mit der Suche bis zum Abend zu warten, wenn es kühler ist. Aber Philip hat weder Trinken noch Essen bei sich.
Überraschend stoße ich auf Tanja, die im hohen Gras allein in der Sonne liegt.

Und, amüsierst du dich?“, erkundige ich mich bei ihr und komme gleich darauf auf Philip zu sprechen.

Keine Ahnung, hab ihn nicht gesehen.“, antwortet sie unbekümmert und schließt die Augen.

Ist Alex zurück?“, fragt sie, als ich mich schon zum Gehen gewandt habe.

Ja. Warum fragst du?“

Ach, nur so.“, erwidert sie teilnahmslos und ich gehe, aber ich vermute, grundlos wird sie nicht gefragt haben. Mit jemandem wie Alex könnte ich mein Leben nicht teilen, nicht mal einen Abschnitt davon, sprunghaft wie er ist. Ich verstehe nicht, warum Rosalie seine Untreue duldet. Genauso wenig kann ich verstehen, wie Tanja Rosalies Gefühle egal sein können. Ihr Verhalten verdeutlicht mir, dass ich auf Richard besser aufpassen muss, damit er mir nicht weggeschnappt wird. Dummerweise habe ich genau für solche anstrengenden Eifersüchteleien überhaupt keinen Platz in meinem Leben. Vielleicht ist man ohne Freund doch besser dran, zumindest, was Verlustängste angeht. Was man nicht hat, kann man nicht verlieren. So, wie ich anscheinend hier irgendwo Philip verloren habe.

Zügigen Schrittes überquere ich unseren Zeltplatz bis zum Buick und Rosalie. Mich zur Ankündigung räuspernd, trage ich meine Bitte vor: „Könntest du mich ein bisschen rumfahren? Ich kann Philip nicht finden.“

Isch er nich angeln? Sein Angelzeug isch weg und de ganze Eimer Boilis.“

Am Fluss habe ich nachgesehen, er ist nicht dort.“, gebe ich aufgebracht zurück und komme mir ziemlich blöd vor, als just in der Sekunde Philip vom Ufer herauf schlendert. Rosalie guckt mich kopfschüttelnd an und ich lache unbeholfen vor Verlegenheit, bevor ich mich Philip zuwende, der mich herzhaft gähnend willkommen heißt.

Wo warst du denn solange?“, will ich einigermaßen vorwurfsvoll, wenngleich erleichtert, vom ihm wissen. Arglos verkündet mein kleiner Freund:

Fliegenfischen mit meinem Papa.“

Jetzt ist der Moment für die Panikattacke gekommen. Meine Stimme erreicht eine höhere Tonlage, als ich frage:

Meinst du diesen Viktor, vor dem du dich verstecken sollst?“ Mit seinem niedlichen Lächeln um die Stupsnase herum, bis zu den hellen Augen hinauf, antworte Philip:

Papa meint, ich muss nie wieder als Mädchen herumlaufen. Er will sich um mich kümmern, weil ich sein Ein und Alles bin.“ Für einen Moment setzt mein Gehirn aus, bevor ich verzweifelt überlege, wie man einem Achtjährigen am Besten sagt, dass der Vater vermutlich kein guter Genosse ist und aus meinem Mund purzelt plump:

Aber dein Vater ist gefährlich.“

Entgegen meiner Erwartung ist er nicht schockiert, sondern winkt mit der Hand ab, wie ein Erwachsener und meint:

Nee, das glaub ich nicht. Ich gehe mit ihm nach Hause zurück.“ Das will ich auf keinen Fall und rufe:

Was? Aber du gehst doch ab September hier zur Schule!“, in der Hoffnung, dieses Argument würde einen Sohn, der bei seinem Papa sein möchte, dazu bringen, bei mir zu bleiben. Unerwartet spricht Rosalie uns an:

Das Essen isch fertig, alla. Kommt mit ans Feuer.“

Als sie wieder außer Hörweite ist, nuschelt Philip, die kleinen Hände zu einer Flüstertüte geformt:

Am Wochenende holt er mich ab!“, und rennt heiter fröhlich auf die Gruppe, die sich trotz der noch über dem Horizont hängenden Sonne langsam ums Feuer versammelt, auf dem Hagen mit Rosalies Unterstützung unser Essen gekocht hat.

Ich habe überhaupt keinen Hunger mehr. Was soll ich denn Clarice sagen, wenn ich ohne Philip nach Berlin zurückkehre? Und wie hat dieser Viktor uns hier bloß gefunden? Vielleicht sollte ich ihm einfach sagen, dass Philip einen Schulplatz hat. Die Bildung seines Kindes wird ihm am Herzen liegen. Er könnte bewaffnet sein und sofern ich es richtig verstanden habe, hat er Übung darin, Mädchen einfach verschwinden zu lassen. Und so eine Gewaltveranlagung kann man nicht innerhalb weniger Jahren absitzen, denke ich, da ich annehme, er wird wohl die letzten Jahre im Gefängnis gewesen sein, sonst wäre er bestimmt früher aufgetaucht. Zur Polizei zu gehen, kommt mir in den Sinn, aber was genau soll ich denen erzählen, da noch gar nichts passiert ist? Verdacht auf bevorstehende Kindesentführung zieht sicher nicht, wenn der Verdächtige der Vater des Kindes ist und das Kind mit von der Tante gefälschten Papieren herumläuft. Wahrscheinlich wird dann eher Clarice für die Entführerin gehalten.

Erstarrt vor Hilflosigkeit stehe ich neben dem maismehlfarbenen Buick, da trifft mich ein Geistesblitz. Philip muss noch morgen nach Berlin zu Clarice zurück; ich werde mich selbst hinters Steuer schwingen, sobald ich Rosalie und Alex überzeugt habe, mir ihr Auto zu überlassen. Ich versuche Clarice anzurufen und schreibe ihr eine Nachricht, als sie nicht rangeht.

Beschwingt von meiner Lösung, begebe ich mich lächelnd zu Rosalie, die ich flugs nach dem Buick frage und überrede, Philip die Haare zu schneiden. Wegen ihres Ponys, welches sie einmal wöchentlich korrigiert, hat sie eine geeignete Schere dabei.

Sie will das mit dem Buick noch mit Alex absprechen, sagt mir aber schon mal zu.

Mitten auf der Wiese sitzt der begeisterte Philip zwischen Zittergras und Flaumhafer, während seine Haare infolge des knirschenden Scherengeräuschs weich zu Boden fallen. Rosalie gibt sich große Mühe die hohen Ansprüche des kleinen Herrn zu erfüllen, weshalb es einen Augenblick länger dauert, bis wir uns zu den Anderen auf den Platz vor der Werft begeben.

Um das Feuer herum sind Decken ausgebreitet. Ich setze mich zwischen Richard und Tanja, die neben Alex und Rosalie hockt. Von Letzterer lassen sich die Kinder bedienen.

Mir gegenüber liegen Daniel und Hagen, der soeben eine lange Glasbong an Richard weiterreicht. Dann geht Hagen zu Anke. Das braungelbe Wasser in dem Zylinder stinkt so deutlich, dass ich mich ernsthaft frage, wie Richard seine Lippen zum Zug noch auf die Öffnung drücken kann.

Özlem und Anke sitzen mit bei Maria auf ihrem bunten Plaid, wobei sich Anke an Hagens Schulter anlehnt und Özlem beobachtet. Ich folge ihrem Blick zu Özlem, die gerade einen einen Ast mit Teig bestückt. Es gibt am Stock gebratene Mehlfladen, süß oder salzig, dazu sehr saure Äpfel von den Bäumen am Kranturm, nicht ganz reife Brombeeren, etliche madige Himbeeren und als Hauptgang ein Tütennudelgericht mit undefinierbarer Soße.

Was stundenlang gesammelt und zubereitet wurde, ist innerhalb weniger Minuten verspeist. Hagen versichert, dass es morgen frischen Fisch geben wird. Hoffentlich ist der Fisch nicht in der deutschen Elbe an diesen radioaktiven Kügelchen vom letzten Atomkraftwerksunfall oder an irgendwelchen Atombombentestfeldern der Amis im Atlantik vorbeigeschwommen. Und hoffentlich ist er nicht mit Schwermetallen belastet.

Außer dem Mineralwasser, welches Özlem, Anke und ich herangeschleppt haben, gibt es nur Bier und Leas Möhrensaft, ansonsten Teebeutel und eklige Brausetabletten mit Calcium, die sich nach dem schäumenden Auflösen im Mund sandig anfühlen. Deshalb sitzen wir mit je einem Bier in der Hand um die Feuerstelle, bis auf Daniel, der zu seinem Joint bei Tee bleibt und Philip, welcher tatsächlich den Karottensaft genießt.

Das Gespräch schwappt von Thema zu Thema und Özlem beschreibt, wie sie im T2 einen Bautenzug wechseln musste, die Lichtmaschine repariert und den Auspuff gereinigt hat, wodurch das Gefährt wieder verkehrstauglich sein soll, dann fällt ihr ein:

Tretautos sin lahm aba umweldfreundlisch.“

Rosalie entgegnet amüsiert:

Dat stell isch mir ehrlisch luschtig vor, alla, wie so ’ne schicke Geschäftsfrau auf der Audobahn so richtig Vollgas gibt unn der Schweiß tropft…“

Schweigend denke ich, dass wir öfter mal ins Schwitzen kommen sollten, bevor wir schwabbelige, schlaffe Sitzsäcke sind, die ihre kürbisgroßen Köpfe in Stützapparate einspannen müssen, um nicht umzukippen.

Alex sagt:

Solarautos, Hybridfahrzeuge oder Windsurfer haben aber noch lange nicht den Sound eines Cadillacs.“

Da er meinen bösen Blick erntet, hängt er an:

Ich hätte trotzdem nichts gegen eine saubere Umwelt einzuwenden. Wenn das Tretauto so schnell ist, wie mein Auto, nehm ich es.“

Hagen hebt mit filigraner Hand, die gut einem Pianisten gehören könnte, seine Flasche an und sagt nach einem kräftigen Schluck:

Alter, scheiß auf saubere Umwelt, das ist reine Abzocke. Seit die Dreckssäcke von sonem Umweltschutzverein mich gecatcht haben, zocken die trotz Kündigung meiner Mitgliedschaft ständig Geld von meinem Konto!“ Daniel grinst und berichtet:

Das habe ich mal mit dem Deutschen Videoring erlebt, weist. Drücker sind echt solche Betrüger!“

Irgendwie erinnert mich das an Dirk und ich frage mich, ob ich ihn wieder sehen werde, wenn er mir nicht einmal Tschüs gesagt hat. Ich sehe Tanja von der Seite an und kreuze ihren Blick. Vermutlich hat sie auch gerade an ihren Bruder gedacht, der damals in so einer Kolonne festhing, die gezielt arbeitslose Ossis zum Arbeiten in Westdeutschland rekrutierte.

Obwohl ich mir Alex’ Auto borgen will, rutscht mir die Frage heraus, warum die beiden Autohalter sich trotz einer gewissen Naturverbundenheit ausgerechnet für solche Dreckschleudern entschieden haben. Alex meint grinsend:

Kannst gerne zu Fuß nach Berlin zurücklaufen.“, worauf ich beschwichtigend lache und sein Auto mit Komplimenten überschütte. Alex hat nichts dagegen, dass ich sein Auto morgen spazieren fahre, wenn ich am Nachmittag zurück bin.

Weil Daniel seine Gitarre herbeiträgt, gehe ich die Zither holen und lege sie zu Tanjas Füßen ab.

Wo hast du den Schlagring gelassen?“, fragt sie mich, aber ich muss ihr gestehen, dass ich keine Ahnung habe, was sie meint. Meine Freundin stöhnt über meine Unzulänglichkeit und lässt sich von Daniel ein metallisches Plektron geben.

Lasziv hat Tanja die ersten Saiten angeschlagen und spielerisch etwas an den Begleitsaiten herumgezupft, da beginnt Rosalie zu summen und lächelt Tanja wohlwollend an, welche unschuldig den Blick erwidert. Doch kaum wendet Rosalie sich Richard zu, der mit ihr ein Duett anstimmt, schwenken Tanjas Pupillen auf den Mundharmonika blasenden Alex, der sie mit unwiderstehlichem Mienenspiel auffängt.

Maria, Anke und ich schweigen gebannt. Tanja gewinnt mit ihrem preziösem Spiel unsere Achtung, wobei Özlem anerkennend mit der Zunge schnalzt und mit den Fingern den Takt schnippst, der den Rhythmus ergänzt, den Hagen auf seiner kleinen Bongo klopft. Je kräftiger Daniel in die Saiten haut, desto ausgelassener tanzen seine Dreadlocks und die Stimmung. Schräg singend fallen Anke und Özlem ein, wodurch Richard seinen Part aufgibt und sich zu mir setzt, um mich im Arm zu halten.

Maria zeigt nun, dass sie das Zeug zur Popqueen hätte und Alex läuft quietschend zu Hochtouren auf, um Tanja zu beeindrucken. Philip und Lea hüpfen vor dem Feuer herum, bis die Musik verklingt und Philip sich der Aufgabe hingibt, Piratenbraut Lea zu retten.

In dem Moment dröhnt ein Knattern durch die Runde, worauf Richard neben meinem Ohr ruft:

Holla die Waldfee!“ und Hagen lauthals eine weitere Plattitüde zum Besten gibt:

Alter, riecht, wie mein Mann seiner, würde meine Frau jetzt sagen!“ Rosalie guckt strafend ihren Mann an, der stolz in die Runde grinst, als ob er für seine Gasausdünstungen einen Orden verdient hätte; während die Jungs darüber lachen, verziehen wir Frauen angewidert die Mienen.

Mir wird von dem Bier etwas schwummrig und ich starre verträumt in den Funkenregen des knackenden Feuers, der wie eine Leuchtsäule empor steigt. Wir hängen an Özlems Lippen, als sie von dem Tretauto berichtet, welches sie gebaut hat. Jeder versucht seinen technischen Beitrag zu leisten, bis wir beratschlagen, ob aus der Schiffsmühle ein Tretboot zu machen wäre. Maria grinst mich an und meint:

Sieht aus, als ob du Anhänger gefunden hättest. Glückwunsch. Wenn du Hilfe bei der Konstruktion von irgendwas brauchst; ich bin für dich da.“ Entzückt über ihr Angebot versuche ich mich zu revanchieren und sage überzeugt:

Danke. Ich bin für dich da, egal, für was du mich brauchst.“

Marias Augenlider senken sich zu Boden und sie nickt langsam. Sie scheint über irgendetwas nachzugrübeln, doch als sie den Kopf hebt, erkundigt sie sich leise bei Anke, ob sie heute wieder im Zelt bei Hagen übernachten wird. Sacht wackelt das brünette Haarbüschel in Ankes Nacken zur Verneinung und sie haucht, damit Hagen es nicht hören kann:

Ich will keine Beziehung mit ihm und er nimmt die Sache schon zu ernst. Ich muss auf Abstand gehen.“

Ich kann kaum an mich halten, mich einzumischen, denn ich möchte nicht, dass sie Hagen verletzt, doch den Moralapostel will ich auch nicht spielen. Hagen wird schon klar kommen. Dann zwinkert Özlem Anke verschwörerisch zu, welche zuckersüß nickt und mir nachfolgend einen besserwisserischen Blick zu wirft. Eine Gänsehaut verknotet mein Gedärm und ich schlucke schwer. Wird sie nun Özlem verführen, weil sie beweisen will, dass diese lesbisch ist?

Währenddessen erkundigt Maria sich bei Tanja, die immer wieder zu Alex hinüber schielt, wo sie zu nächtigen gedenkt und die Befragte deutet mit beiden Händen in die Leere. Vorsichtig sage ich zu Tanja:

Mach bitte nichts Dummes!“

Als hätte ich etwas unglaublich Blödes gesagt, schüttelt sie ihre Lockenmähne und fragt:

Weißt du, was ich in meinem Job für ein Gehalt erwarten kann?“ Ohne mich sprechen zu lassen, fährt sie fort:

Tausendsechshundert, wenn ich Glück habe. Damit kann ich mir nie ein eigenes Grundstück leisten. Ich will auch jemanden, mit dem ich was erreichen kann, weil er mich unterstützt, der mit mir durch dick und dünn geht, aus freien Stücken für mich da ist und für mich sorgen würde, ohne mir vorzuhalten, was ich ihn koste.“

Ich rate, wer ihr vorhalten könnte, was sie kostet:
„Sprichst du von Paul?“

Nein, von dem doch nicht. Er ist großzügig, liebevoll und auf seine Art ganz witzig, mehr aber auch nicht. Da lag es an mir. Wenn ich es mir aussuchen könnte, hätte ich ihn geliebt; das wäre bequemer gewesen. Er hat mich mit dem Beziehungsversuch irgendwie überrumpelt. Ich dachte, das mit der Liebe kommt noch, aber ich hab mich in einen anderen verliebt. Es war gut für Paul, einen Schlussstrich zu ziehen; er ist mir nur zuvor gekommen. Naja, außerdem ist er ganz schön unreif für sein Alter. Ich glaub’, er liegt schon wieder im Krankenhaus. Wieder ein Skateunfall oder eine Schlägerei, langweilig war es mit ihm nicht. “

Ich erinnere mich an den unerwarteten Startschuss meiner Beziehung und dass ich mir über meine Gefühle nicht im Klaren war und bin. Vielleicht ist man manchmal mehrfach verliebt, aber irgendwann muss man sich entscheiden, wenn man der monogame Typ ist.

Bei Sebastian hatte ich das Gefühl, Alkohol und Konzertbesuch wären seine Masche, zumal es ihm gleichgültig zu sein schien, mit welcher Braut er letztlich aufläuft, während Richard mein Glück im Sinn hat. Rein logisch betrachtet, ist er die bessere Wahl.

Ich beobachte Richard, der mit ausgestreckten Beinen im Schein des Lagerfeuers sitzt, den Rücken an einen alten Autoreifen gelehnt, wie er mit beiden Händen Alex’ Mundharmonika vor dem Mund quietschend hin und her schiebt, als ob er einsam in der Steppe Arizonas schlafen und sein Pferd hinter ihm stehen würde. Er blinzelt mir zu und ich lächele zurück. Ich bin froh, dass er mich überrumpelt hat und überzeugt, dass sich Liebe entwickeln kann.

Inzwischen hat sich Maria bei Tanja erkundigt, wer dann derjenige war, der sie so enttäuscht hat, wenn es nicht Paul war. Die Augen verdrehend gibt sie zurück:
„Kein Kerl. Ich rede von meiner Mutter.“ Kichernd widerspreche ich:

Das kann nicht dein Ernst sein.“, und zu Maria sage ich:

Tanjas Mama ist eine tolle Frau.“ Tanja winkt lässig ab, trinkt aus ihrer Bierflasche und raunt noch beim Schlucken:

Du kennst nur ihre Fassade. Glaub mir, wenn sie von einem stressigen Schultag kam, war nichts mehr mit ihr anzufangen. Auf mich wartete zu Hause nur jeden Tag der Aufgabenzettel. Was meinst du, wie lange es dauert, für elf Leute Wäsche aufzuhängen?

Ich hab ihr vorhin gesagt, dass Dirk weg ist, aber es interessiert sie gar nicht. Manchmal will ich lieber eine ihrer Schülerinnen sein und nicht ihre eigene Tochter, dann würde sie mir zuhören und helfen.“

Aufmunternd und voller Verständnis klopft Maria ihr auf den Rücken und empfiehlt:

Schwamm drüber. Jetzt sind wir erwachsen. Mach dich frei, denk nicht mehr dran und bring deine Wäsche einfach in die Reinigung, um dich zu entschädigen. Deinem Bruder geht es ganz bestimmt gut.“

Aufgemuntert guckt Tanja sie an und stellt fest:

Du bist wirklich reizend.“

Ich werfe einen prüfenden Blick auf Philip, der trotz aufkommender Frische in Unterhose hinter uns Pirat spielt.

Schulterzuckend und mit einem schiefen Lächeln erwidert Maria:

Hab ich von meiner Mum, wie du deine charmante Art sicher von deiner Mutter hast. Meine Kindheit hatte auch ihre Schattenseiten, aber sind wir ehrlich: Was auch immer unsere Mütter falsch gemacht haben, aus uns ist was geworden und das ist die Hauptsache.

Meine Freizeit bestand daraus, meiner Mutter hinterher zu räumen und mich um alles zu kümmern. Ihre Wohnung sieht aus, wie ein Schlachtfeld; alles ist zugestellt und nichts findet man in dem Chaos von Stapeln und Haufen.

Ich hatte nicht mal Platz, mein Spielzeug auszubreiten, deshalb war es mein innigster Wunsch, wenn ich groß bin, in einer hellen, großen, sauberen Wohnung zu wohnen und ich habe mir vorgenommen, niemals etwas aufzuheben, was ich nicht wirklich brauche. Sobald ich Kinder habe, werde ich weder Zigaretten noch Alkohol anrühren, weil ich es gehasst habe, wie es in unserer Wohnung immer gestunken hat. Außerdem fange ich nie etwas an, was ich nicht vorher genau durchgeplant habe, damit ich nicht mit einem Insolvenzverfahren am Hals ende. Somit hatten ihre Fehler wirklich ihr Gutes.“

Daniel unterbricht sie mit der Frage, wer von uns mit zum Nachtangeln kommen möchte, worauf Tanja nur wissen will, ob wir dann im Zelt schlafen können. Zustimmend verabschiedet er sich, als Philip mich anfleht, zum Angeln mitgehen zu dürfen, wovon er anscheinend nicht genug bekommen kann.

Wenn du nicht zu müde bist.“, erlaube ich es, bestehe aber darauf, dass er Leas Schwimmflügel anlegt, nur zur Sicherheit.

Maria fährt an Tanja gerichtet fort:

Du wirst vielleicht später auf eine total autonome Erziehung setzen, bei der das Kind gar nicht im Haushalt helfen muss und Linda würde ihren Beruf vermutlich niemals über ihr Kind stellen und es irgendwo abladen.“ Tanja schmunzelt wohlwollend und streicht sich die Locken aus dem Gesicht.

Während ich Philip mit Insektenspray einsprühe, ihm ein T-Shirt und die Schwimmflügel überziehe, worauf er den Pfad entlang davon läuft, auf dem Daniel mit Hagen verschwunden ist, antworte ich:

Sehr witzig. Ich habe ja auch niemanden zu bieten, bei dem ich das Kind abgeben könnte. Lassen wir dieses Muttergequatsche sein. Da fühl ich mich irgendwie verloren. Außerdem verkraften die Wenigsten zu viele schlechte Erlebnisse, sonst würden ja nicht soundsoviele misshandelte Kinder später selbst gewalttätig werden. Im Gegensatz zu deren Eltern, sind unsere Familien reine Engel.“

Dabei denke ich nicht an meine Mutter, sondern an die grausame Geschichte in Uravovo, die Clarice, Elena und Philip dank Viktor durchgemacht hatten.

Klar.“, kommt es einstimmig und eine nachdenkliche Ruhe senkt sich herab.

Das Platschen eines springenden Fisches ist neben dem rhythmischen Zirpen der Grillen zu hören.

Is es nich der pure Horror, in Berlin umzuziehen?“, stellt Tanja eine Frage in den Raum. Maria und ich nicken belehrt. Tanja erzählt, dass sie, seit sich Paul von ihr getrennt hat, mit zwei Mädchen zusammen wohnt und sich einen Hund gekauft hat.

Ich halte es in meiner WG nicht mehr aus, die fragen mich ständig, ob ich nen flotten Dreier mit ihnen will und meinen Hund haben sie geschwängert, deshalb musste ich ihn abgeben, könnt ihr euch das vorstellen? Die beiden Lesben sind die ganze Zeit besoffen und quatschen perverses Zeug, dass sie sich gegenseitig den Unterarm reinschieben und so.“, jammert sie. Maria lacht lauthals und ich schmunzele kopfschüttelnd.

Deshalb bin ich aus dem Sportverein ausgetreten. Erstens dachte jeder Kerl, ich hätte ständig Sex mit Frauen und zweitens fand ich es total abstoßend, dass unsere Mannschaft schon fast einem Swingerclub glich, da poppt jede mit jeder; viel schlimmer als Heteros.“, informiert Maria uns und hängt an, wahrscheinlich in Gedanken beim tristen Olaf:

Andererseits sind sie niemals langweilig.“

Leise sagt Tanja:

Mit Paul war es auch nie langweilig, zum Ende hin eher ein bisschen zu aufregend.” Kichernd fragt Maria sie:

Was hat dich denn aufgeregt?” Tanja scheint zu überlegen und antwortet dann mit einem unsicherem Blick zu mir:

Man sollte seine Liebe eben nie mit Geschäftlichem vermischen. Wir hatten ein paar Meinungsverschiedenheiten.”

Und ich dachte schon, er hätte sie beim Fremdgehen erwischt.

Wegen Clarice?”, frage ich, aber Tanja überhört es und kommt auf Alex zu sprechen. Ich fahre ihr über den Mund, dass sie ihn bitte vergessen soll. Trotzig flehend verlangt sie:

Gönn ihn mir. Du bekommst doch jeden Mann, den du haben willst! Ich muss die nehmen, die mich haben wollen und dann sind es irgendwelche Kerle, die mich abservieren, sobald sie meine Dehnungsstreifen und die Zellulitis sehen!“ Nachdrücklich gebe ich zurück:

Red keinen Blödsinn. Du bist ein Männertraum, bei dem sogar verheiratete Männer den Verstand verlieren. So was würde mir nie passieren.“

Ach du bist nur zu blöd, es zu merken.“, erwidert sie abfällig, erhebt sich mit grimmigem Gesicht und geht in Richtung der Werfthalle davon. Als ich ihr nachlaufen will, hält mich Özlem fest.

Aldar, lass sie. Üs besser.“, sagt sie ganz ruhig und wir setzen uns zu den anderen. Die Hitze des Feuers drückt ins Gesicht und der Alkohol des Bieres im Kopf. In Plauderlaune berichte ich über meine Fortschritte mit dem Verkauf der Fotos, wozu mir aufrichtig gratuliert wird und ich mich irgendwie wichtig fühle.

Als Rosalie sich entschuldigen lässt, um Lea ins Bett, beziehungsweise auf die Rückbank zu bringen, späht Alex sehnsüchtig nach seiner Angelrute, die angelehnt am Bootsrumpf wartet und wechselt einen vielsagen­den Blick mit Richard. Doch Rosalie verliert ihren Mann nicht aus den Augen und bleibt in Sichtweite, bis sie zurückkehrt, weshalb Alex sich in unser Ge­spräch einklinkt und von seiner Dunkelkammer be­richtet.

Der Raum ist schon lange fertig, aber viel hab ich noch nicht selbst entwickelt, weil es halt preiswerter ist, den Film im Laden abzugeben. Die Emulsion und die Platten sind ziemlich teuer; Bromsilber kann ich nicht selbst herstellen, nur das Fotopapier für die Posi­tive hab ich total günstig über einen Kumpel aus Ka­nada bekommen.“

Ich kann mir natürlich wieder nicht verkneifen, auf die umweltschädli­che Unverträglichkeit der Entwicklungslösungen hin­zuweisen, worauf Alex beteuert, er lasse alles natur­schonend entsorgen. Mit steiler Stirnfalte weist Maria darauf hin, dass nicht nur das Verfahren der Fotografie mit Schadstoffen behaftet sei, sondern auch die Her­stellung von Filmen, Papier und Tinte für das Ausdru­cken digitaler Aufnahmen. Rosalie erwähnt träume­risch, dass sie jemanden in Kanada kennt, der mir bio­logisch abbaubare Tinte und Umweltfotopapier zu­kommen lassen könnte. Ich dachte, ich müsste das erst erfinden.

Seit Daniel zum Angeln weg ist, bauen sich die beiden Rock’n Roller schon den dritten Kopf und ich versuche mit einem Kommentar bezüglich ihrer Gesundheit zur Mäßigung zu treiben. Doch Richard grölt:

Stirb jung, dann bist du länger tot!” Sie grinsen sich gegenseitig wagemutig an, als ob sie vorhätten, eine Revolte anzuzetteln. Trotz ihres züchtigenden Kopf­schüttelns grinst Anke, als sie zu mir sagt:

Ich bin dafür, dass wir dagegen sind.“ Mit den Wor­ten:
„Jeder Mensch hat seinen Glauben. Ich glaub, ich trink noch einen.“ greift Richard zur nächsten Bierfla­sche. Unwillig lache ich darüber und meine Freundin­nen kichern ausgelassen. Die beiden verbliebenen Männer zappeln, als säßen sie im Feuer und nicht da­vor, weshalb ich Richard die Erlaubnis gebe, Daniel, Hagen und Philip zu folgen. Wie ein übermütiger Wel­pe springt er auf und sucht mit Alex das Weite. Bis zu diesem Moment war mir gar nicht klar, dass Richard auf meine Zustimmung gewartet hatte und ich fühle mich vertrauensvoll umschmeichelt, weil ihm meine Ansicht wichtig zu sein schien.

Während sich Maria und Özlem über sämtliche Berli­ner Frauenfußballvereine unterhalten, lauschen Anke und ich Rosis Bericht über ihren Laden, den sie nächs­te Woche an einem neuen Standpunkt in Mitte eröff­nen will. Zu diesem Anlass lädt sie den Weiberhaufen ein, denn ein Konzert wird es auch geben. Schließlich wendet sich die Unterhaltung unseren Erfahrungen mit Exfreunden zu, was einerseits ermutigend ist, weil ich offensichtlich viele Malheure mit meinen Freundinnen teile, andererseits schockiert es mich, was mir alles noch passieren könnte. Rosalie fragt Anke:

Was isch das mit dir un Hage, alla?“ Erwartungsvoll starren im rotgelben Widerschein der Flammen vier Augenpaare nun die Angesprochene an. Sie lässt die Schultern nach vorne hängen und zerpflückt zwischen den Fingern einen unschuldigen Grashalm. Geistesabwesend und mit verklärtem Blick auf ihre Hände, versucht sie ihre Beweggründe in Worte zu fassen:

Heute ist mir klar geworden, dass ich meine Freiheit noch ein bisschen genießen will. Es gibt noch soviel auszuprobieren. Aber wieder von einem Kerl beschissen zu werden, gehört nicht dazu. Ich bin für Hagen nicht die Richtige. Ich esse am liebsten Tiefkühlpizza und er mag gedünsteten Fisch mit Zitronengras, was ich beides hasse.“ Da sie unsere verwunderten Blicke auffängt, versucht sie es mit einem neuen Ansatz.

Ich will jemanden, der mir vertrauen kann und an echte Liebe glaubt. Hagen braucht eine Frau, die alles etwas lockerer sieht. Er nimmt es mit der Treue nicht so genau, glaubt mir. Gucken ist für ihn normal und wenn er in der Disco versehentlich die Falsche küsst, erwartet er Toleranz. Ich finde, das geht zu weit.“
Eifriges Murmeln von Lauten der Zustimmung bestätigt Anke, weshalb sie weiter auspackt.

Er hat mir erzählt, dass er Frauen wegen seiner letzten Ex nur sehr schwer trauen kann, weil er fast schon mal Vater geworden wäre, aber dann ist er für ein halbes Jahr nach Österreich gegangen und als er wiederkam, hatte sie abgetrieben, worauf er mit ihrer Freundin in der Kiste gelandet ist. Das Krasse daran ist, dass er sich keiner Schuld bewusst ist! Dabei lässt man ein schwangeres Mädchen ja auch nicht einfach auf sich allein gestellt zurück; wahrscheinlich wäre ihm an ihrer Stelle auch nichts Besseres eingefallen, als die Sorge schnell loszuwerden. Wie kann man nur so herzlos sein, und einfach die beste Freundin verführen? Er ist völlig verantwortungslos, aber noch viel störender als das, finde ich seine Planlosigkeit. Ich meine, der Junge hat null Ehrgeiz, etwas aus sich zu machen. Er könnte ja wenigstens versuchen, einen Stern zu bekommen!“ Özlem tätschelt ihr beschwichtigend den Unterarm und ich kann nicht umhin, festzustellen:

Köche haben echt ein völlig gestörtes Verhältnis zu Frauen. Das muss am Beruf liegen.“ Rosi nuschelt sarkastisch:

Nich bloß Köche.“, und Maria meint grinsend: „Vielleicht haben die Mütter da was falsch gemacht.“, worauf nur ich lache.

Seltsamerweise kommt der Vorschlag, zur Sicherheit lesbisch zu werden, von Anke. Überzeugt versucht Maria ihr diesen Beschluss auszureden, in Hinblick auf die Tatsache, dass ihrer Meinung nach, Frauen untereinander noch viel gewissenhafter im gegenseitigen Betrügen zur Sache kommen. Vor meinem inneren Auge taucht Tanjas Bild auf, wie sie zu Rosalie bei jedem Zusammentreffen ekelhaft freundlich ist, während sie ihr den Mann hinterrücks ausspannt. Die Rockabella sieht so glücklich aus, wenn sie mit leicht lächelndem Mund und aufgerissenen Augen enthusiastisch von ihrer Selbstständigkeit spricht, zudem ihr Lebensmut schlicht sympathisch ist und diesen Verrat umso verwerflicher wirken lässt. Sollte ich sie irgendwie warnen? Aber Tanja zu verpfeifen, wäre ebenso gemein.

Zu meiner Verblüffung und Ankes Bestätigung outet sich Özlem tatsächlich, auf Frauen abzufahren, wenngleich sie gegen einen stattlichen Kerl auch nichts einzuwenden hätte.

Geht mir genauso! Womit ich bei dem Punkt wäre, dass Hagen einfach nicht den nötigen Bizeps hat, um mich anzutörnen!“, ruft Anke heiter aus. Im weiteren Gesprächsverlauf werden wir uns einig, dass Rosi es mit ihrem Mann am Besten getroffen hatte, was den Körper angeht.

Tja, wäre nur schön, wenn ich diesen Körper nicht mit einem ganzen Haufen zwanzigjähriger Groupies teilen müsste und dazu auch ein Kopf gehören würde, der sich vorher Gedanken über die Konsequenzen bevorstehender Vaterschaftsklagen macht.“, erwidert Rosalie ohne Selbstmitleid oder Bedauern, eher abgeklärt und nachsichtig.

Mein schwabbliger Kerl hat mir zu viel im Kopf und zu wenig in der Hose. Olaf würde im Traum nicht darauf kommen, mal eine andere Stellung auszuprobieren und von Verführung hat er so wenig Ahnung, dass ich mir nie Sorgen machen muss, dass er eine Andere rumkriegt. Aber sein durchweg anspruchsvolles Gequatsche und dass er überhaupt alles vorher schon durchdacht hat, geht mir gewaltig auf die Nerven. Ich will auch mal spontan zum Essen ausgeführt werden.“, berichtet Maria uns und wir nicken verständnisvoll.

Über uns zieht windstill die Nacht herauf und rotviolette Schäfchenwolken besiedeln den Horizont, während Anke meint:

Tja, wir lieben und wir hassen sie, die Überraschungen.“ Maria nickt und zitiert belustigt:

Wir wissen nicht, was wir wollen, aber das mit ganzer Kraft!“

Apropos, ganze Kraft. Noch einen Lachanfall übersteh ich nicht, ich muss erstmal das Bier loswerden.“, verkündet Anke, worauf jede von uns feststellt, dieselbe Bürde zu tragen.

Albern waten wir in die morastige Wiese am Ufer und befreien uns in der Stille der Dämmerung vom unerwünschten Druck.

Lasst alles raus, was keine Miete zahlt!“, ruft Daniel vom Fluss herüber und stürzt uns in einen Anflug von Peinlichkeit, der jedoch dank des Alkoholspiegels schnell verfliegt.

Bis auf Rosalie, die nach Lea sehen will, gesellen wir uns darauf neugierig zu den Nachtanglern, um nachzusehen, was sie schon gefangen haben. Zu Daniels Füßen steht ein Eimer für die Beute. Darin ist ein riesiger Flusskrebs, den Philip mit der Hand gefangen hat, indem er das schlafende Tier aus seiner Felsspalte gezogen habe, wie Daniel berichtet.

Der junge Jäger verharrt zusammen mit Hagen unweit des Ufers im Wasser; die beiden gleichen zum Verwechseln den Holzpflöcken, welche aus dem Schilf ragen. Vor ihnen auf der spiegelglatten Oberfläche treiben leuchtende Schwimmer, auf deren Zucken zu reagieren die Jungs bereit sind. Richard erhält einen Kuss zur Aufmunterung, was er wieder einmal zum Anlass nimmt, mehr zu wollen und meine Pobacken packt. Schmunzelnd befreie ich mich von seinem verlangenden Griff. Weder im Wasser noch am Ufer ist Alex zu sehen. Als ich Richard beiläufig nach ihm frage, antwortet er:

Der is sicher pissen. Wenn man bis zu den Knien im Wasser steht, kann das auf die Blase schlagen.“

Weil es mir unangenehm wäre, Alex tatsächlich beim Pinkeln anzutreffen, beschließe ich, Tanja zu suchen.

Unser Lagerplatz ist leicht überschaubar. Vom Bootsskelett auf dem Schlitten zeichnet sich ein schwarzer Umriss gegen den grauen Hintergrund ab. Die Werfthalle hat ihr Tor aufgerissen, wie einen schwarzen, hungrigen Schlund, wogegen das Lagerfeuer, welches bis auf einige Flämmchen, die ab und zu aus der rot glühenden Asche lodern, heruntergebrannt ist, fantastisch einladen aussieht.

Im Buick brennt ein kleines, gelbes Licht und ich schleiche darauf zu, um nachzusehen, ob der Ehemann inzwischen bei seiner Familie angekommen ist. Doch lediglich Lea liegt ohne Decke und dennoch mit verschwitzt an den Schläfen klebenden roten Locken auf den Polstern.

Suchschte mich?“, spricht mich Rosalie von hinten an. Ertappt fahre ich herum und nicke.

Ich wollte nur schon mal wissen, wann ich morgen früh das Auto haben kann.“, sage ich hastig, um meine Verlegenheit zu überspielen.

Rosalie fragt, was ich so eilig in Berlin zu erledigen hätte. Eigentlich will ich ihr eine Lüge auftischen, doch vielleicht hatte ich ein Bier zu viel oder ich habe es einfach satt, allein mit meiner Kenntnis umgehen zu müssen.

Das könnte etwas länger dauern.“, warne ich sie vor, worauf sie leicht meinen Ellenbogen umfasst und mich zum Lagerfeuer schiebt.

Die Sterne über uns leuchten so zahlreich dicht gedrängt, als ob es nicht der gleiche Himmel, wie in Berlin wäre. In ein paar Stunden geht die Sonne wieder auf und lässt sie alle verschwinden.

Von meiner ersten Begegnung mit Philip und dass ich ihn für ein obdachloses, vergessenes Kind gehalten habe, berichte ich, bis zum heutigen Tag, an dem er seinen Vater getroffen hat. Aufmerksam hört mir Rosalie zu und bescheinigt mir zunächst ein zu großes Herz. Dann empfiehlt sie mir unbeschwert, die Polizei aufzusuchen und Clarice anzuzeigen. Mich missverstanden fühlend, frage ich:

Wieso Clarice?“, worauf Rosalie erläutert, dass es doch offensichtlich Clarice gewesen sei, die Philip seiner Mutter beraubt hatte.

Egal, was dieser Viktor getan hat, für mich klingt es, als hätte die gute Clarice ihre Schweschter kalt gemacht, um an das Geld ranzukomme. Unn ihrn Sohn wird sie mitgenomm habe, um ein Druckmittel gegen Viktor in da Hand zu habe, alla. Am Beschte gibscht du dem Vater sein Kind, der Rescht wird sich von allei kläre.“, führt Rosi ihre Vermutung aus.

Wenig überzeugt flüstere ich sorgenvoll:

Was ist, wenn alles ganz anders ist? Vielleicht ist Viktor gar nicht der Vater. Er könnte genauso gut der Kopf eines Petophilenrings sein.“

Rosalie hält sich die Hand vor den Mund, der zu dieser späten Stunde nicht mehr kirschrot glänzt.

Du hascht Recht. Weischt du, ich mach dir einen Vorschlag. Der Junge scheint dir nahe zu gehen, weshalb es wohl das Beschte isch, wenn ich zur Polizei geh. So kann dir keina böse sein. Ich glaube, ich hab Philips Vater heute gesehn. Gleich morge kümmer ich mich drum, verlass dich drauf.“

Wie ein Mann schlägt sie mir im Aufstehen auf die Schulter und wünscht mir eine gute Nacht, bevor sie zu ihrem Auto läuft und ich ihr Danke sagen kann. Sie hat keine Ahnung, was sie mir für eine Riesenlast abnimmt.

Ich möchte mich irgendwie dafür erkenntlich zeigen und das Erste, was mir dazu einfällt, ist es, Tanja ganz schnell von Alex runterzuholen. So lange, wie ich mich aufgehalten habe, komme ich sowieso zu spät, aber vielleicht noch früh genug, um die Beiden miteinander zu erwischen, damit sie Scham erfüllt begreifen, dass ihr Geheimnis längst keins mehr ist. Die Zwei könnten überall sein, aber ich steuere zielsicher auf das am weitesten entfernte, dennoch von diesem Gelände aus begehbare, romantische Plätzchen zu, obgleich es stockfinster unter dem Laubdach wird.

Deshalb bemerke ich Tanja erst, als ich in sie hineinlaufe. Wir kreischen beide gleichermaßen erschrocken, bis wir über uns lachen müssen.

Was machst du denn hier?“, will sie von mir erfahren.

Ich suche dich. Was machst du denn die ganze Zeit?“ Im Dunkeln sehe ich nur das Glänzen ihrer Augen, als sie antwortet:

Ich wollte mal ein bisschen für mich sein. Über was nachdenken.“

Mmh. Ich hoffe, du bist zu einem Ergebnis gekommen.“, erwidere ich spitz.

Bin ich. Bis dann.“, bestätigt Tanja und ich höre sie gehen.

Bitte bleib stehen, ich muss dir etwas sagen!“, rufe ich mit gedämpfter Stimme in das Astwerk. Tanja bleibt wirklich stehen und dreht sich um.

Okay, sag schon. Alex ist zu alt für mich, er ist verheiratet, er ist Vater, passt er einfach nur nicht zu mir oder ich nicht zu ihm?“, ereifert sie sich. Vorsichtig rücke ich mit der Sprache heraus.

Ich habe gehört, wie er zu Richard gesagt hat, dass er bei Rosalie bleiben wird.“ Obwohl ich ihre Mimik nicht erkennen kann, deutet eine kurze Pause darauf hin, dass sie diese Möglichkeit nicht in Erwägung gezogen hat.

Na und. Er liebt mich und er schläft schon lange nicht mehr mit ihr. Sollen sie doch zusammen unter einem Dach wohnen, das macht mir nichts aus.“, flüstert meine früher so sündenlose Freundin mit neuer Logik.

Rosalie macht es sicher was aus. Wenn es dein Ehemann und Vater deines Kindes wäre, fändest du es in Ordnung, dass er dir eine funktionierende Ehe vorgaukelt und hinter deinem Rücken eine andere liebt?“

Ich würde ihn verlassen.“, kontert sie, grinsend ihre weißen Zähne wie Reflektoren bleckend, und lässt mich stehen. Von mir lässt sie sich nicht überzeugen.

Am Feuer sitzt Özlem, sie erzählt Daniel etwas von Steuerspannung und Fotodioden und ich platze ungalant mit meiner Frage dazwischen:

Habt ihr Richard gesehen?“

Am Wasser.“, murmelt da die Wolldecke neben mir und ich erkenne Anke darin.

Bist du schon müde?“, scherze ich und sie murmelt:

Ich glaube nicht, dass ich heute Nacht ein Auge zudrücke, bei den tausend Mückenstichen, die ich jetzt schon habe.“

Deshalb hab ich das Angeln grad aufgegeben.“, meint Daniel und wendet sich im selben Atemzug Özlem mit dem Vorschlag zu, einen Wankelmotor zu entwerfen, bei dem sich die Kolben von Hand bewegen lassen. Aufhorchend erkundige ich mich:

Wieso braucht das Boot einen Motor? Kann man nicht was anderes als Antrieb benutzen?“

Daniel und seine türkische Verbündete wechseln einen Blick und loten nun aus, ob man mit verschiebbaren Gewichten und einer Art Zahnradsystem, wie in einer Pendeluhr, das Boot vorwärts treiben könnte. Eine eigene schwimmende Rettungsinsel zu besitzen, muss toll sein, weil der steigende Wasserstand so kein Hindernis darstellt, aber was ist bei einer Dürreperiode?

Sollte es bei der bevorstehenden Witterung nicht vor allem ein Amphibienfahrzeug werden?“, werfe ich daher ein und Daniel lacht widerhallend.

Schön eins nach dem anderen.“, antwortet er und ich stimme fröhlich zu.

Dass Daniel und Özlem ihre Fähigkeiten vereinen, finde ich bemerkenswert, nur leider fällt mir einmal öfter auf, dass ich nichts Beeindruckendes beherrsche, was ich beitragen könnte. Seufzend wende ich mich von der verglühenden Feuerstelle ab, dem rauschenden Wasser zu, wo ich nach kurzer Zeit auf Alex und Richard treffe.

Hier steckt ihr.“, bemerke ich stupide.

Wo sonst?“, bekomme ich die Antwort von meinem Freund, doch etwas in Alex Blick im Halbdunkel verrät mir, dass er ahnt, weshalb ich ihn verfolge. Es ärgert mich, dass Richard ihn beschützt und somit zu meinem Gegner wird. Weder Rosalie noch ich haben so ein hinterhältiges Verhalten verdient, schließlich wünschen wir uns einen Partner der uns Stärke gibt und nicht einen der uns schwach macht.

Für heute Nacht habe ich genug und so wünsche ich den Anglern noch viel Vergnügen, bevor ich mir Philip, der gähnend behauptet, überhaupt nicht müde zu sein, unter den Arm klemme und zum Zelt stapfe.

Daniel und Maria sitzen an der Feuerstelle, vor welcher Hagen schläft, eingehüllt in Ankes Wolldecke.

Als ich ihn vor dem Zelt abstelle, weil er doch sehr schwer ist und ich den Eingang öffnen will, nuschelt Philip:

Ich freu mich so, dass Papa wieder da ist. Aber Mama freut sich bestimmt nicht.” Nach einer kleinen Pause fügt er besorgt hinzu:

Mama, äh, Tante Clarice, wird meine neue Frisur nicht mögen…”

Damit könnte er Recht haben, aber, überzeugt, dass sich alles zum Guten wenden wird, versuche ich, ihm die Sorge zu nehmen:

Ach Quatsch, du siehst so toll aus, das kann ihr gar nicht nicht gefallen.” Nicht besonders überzeugt, nickt er.

Vermisst du deine Mama?”, frage ich ihn und Philip reißt seine Äuglein zu Augen auf. Gerade, als ich meine Frage anfange, zu bereuen, antwortet Philip fest:

Nein.”, und Tränen kullern ihm nun über die Wangen. Bereitwillig lässt er sich von mir in die Arme schließen und über seinen neuen Haarschnitt streicheln.

Offenbar haben sich Anke und Özlem bei Hagens Ankunft in den Bus zurückgezogen, der dunkel neben der Werfthalle parkt.

Im geräumigen Zelt hat Tanja sich bereits einen Schlafplatz gesichert und atmet geräuschvoll, unterbrochen von gelegentlichen Schmatzlauten. Philip hängt in meinen Armen, wie ein lascher Dudelsack, weil ihm die Sinne entschwunden sind. Ich lege ihn neben Tanja, die wie ein goldgelockter Engel aussieht. Dann putze ich mir neben dem Zelt die Zähne und spüle mit Mineralwasser, was wegen der Kohlensäure fontänenartig aus meinem Mund in das Gras schießt. Aus dem Zelt kommt Philips leises Schnarchen. weiterlesen

ZIELLOS QUERFELDEIN Kapitel 7: HANDSCHELLEN