ZIELLOS QUERFELDEIN, Kapitel 5, MISSISSIPPIDAMPFER

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5. Mississippidampfer

Der Sonnenaufgang an diesem herrlichen Morgen liegt schon einige Stunden zurück und wir sind noch nicht losgefahren. Dabei haben uns Rosalie und Alex bereits zehn nach sechs aus dem Bett geklingelt.

Hagen hat verschlafen, der Kaffee war alle und wir mussten auf Dirk und Tanja warten. Tanja kam vor ei­ner Weile, wirkte, wie auf der Flucht und drängte zum Aufbruch, obwohl Dirk noch nicht da ist.

Anke stand halb sieben auf der Matte, strahlend lächelnd, umrahmt von der Sonne, die durch das Fenster im Treppenhaus fiel, eine übergroße Reisetasche auf dem Boden vor den Füßen und über der Schulter einen Rucksack, aus dem ein rosa Panther heraushängt, der aussieht, als ob er mehrmals überfahren worden wäre und vorhin in die Dachbox gestopft wurde.
Philip, im Sommerkleidchen, stolz seine schriftliche Erlaubnis präsentierend, Maria und Özlem, kamen kurz nach Anke.

Ich hoffe, dass wir in dieser Konstellation unter­schiedlichster Weltanschauungen wirklich Spaß und keinen Streit haben werden. Zum Glück versteht sich Daniel mit jedem. Spannend wird es, wie Tanja wohl auf Rosalie reagiert, die mit Alex und Lea da ist und in diesem Augenblick die Heckscheibe des Buick Roadmasters durch Betätigen einer Kurbel schließt.

Zwischen den beiden Eheleuten werden lediglich un­terkühlte Worte gewechselt. Trotz des Schneewittchenlooks: Kohlrabenschwarzem Haar, dunkler als Ebenholz, Lippen so rot wie Blut und schneeweißer Haut, springt keine Wärme über, zumal sich Rosalie bei der Kontaktlinsenwahl für eine merkwürdig unna­türliche Farbe entschieden hat. Verglichen mit ihr, ist Tanja der reinste Sonnenschein, der Alex mit warmen Strahlen lächelnd schmeichelt, auch wenn sie sich heute nervös umsieht.

Die kleine Lea freut sich riesig, uns wieder zu sehen, wobei sie quasselnd jeden Wasserfall in den Schatten stellt. Inzwischen haben Richard und Hagen das ge­samte Gepäck verstaut, das sich auf dem Fußweg ge­stapelt hatte. Anbei hat sich herausgestellt, dass mein Freund zusammen mit seinem Kumpel Markus Stammkunden in Rosis Laden ist und schon diverse Konzerte besucht hat, woher er auch Alex kennt, die beiden schwimmen nicht nur äußerlich auf einer Wel­le. Seltsam, Richard meinen Freund zu nennen. Ir­gendwie fühlt es sich nicht richtig an, obwohl er mir gegenüber stets perfekt ist. Ich vermisse es, nach Se­bastian Ausschau halten zu können.

Philip, der mit seinen heute zusammengebundenen Haaren neben Hagen aussieht, wie dessen Sohn, hat alle Haustiere versorgt, damit wir unbesorgt fahren können. Der T2-Bus sticht wie ein Oldtimer aus den Reihen glänzend roter, silberner, asiatischer und fran­zösischer Autos hervor, die in unserer Straße parken. Richards Fahrrad hängt am Kofferraum an einem Me­tallträger, Daniels Surfbrett und mehrere Angelruten sind mit Zurrbändern an der Dachbox festgebunden, die kaum noch zu ging. Seit einer halben Stunde sitzt Daniel auf dem Fahrersitz und dreht Joints in neue durchsichtige Blättchen aus reiner Cellulose, die er dann in leere Kugelschreiber steckt, damit ihnen nichts passiert, wie er sagt.

Özlem, die als Einzige passend für eine Trekkingtour gekleidet ist, hält unterdessen einen Vortrag über den Gebrauch von Opium und anderen Drogen in ihrer Kultur, der wie ein wildes Rauschen im VW-Bus verhallt. Neben Daniel setzt sich Richard, nachdem er sich mit Kuss von mir verabschiedet hat, weil er unbedingt vorn sitzen will, dahinter nehmen Maria, Tanja und ich Platz, wobei ich nachgebe und mich in die Mitte setze. Ich will Tanja und Maria bei Laune halten.

Die stets fröhliche Anke, Özlem und Hagen lümmeln ganz hinten, zusammen mit diversem Gepäck. Letzterer fühlt sich sichtlich wohl zwischen den Frauen. Clarices Neffe bemüht sich um Lea, wobei er einem wirklich Leid tun kann, weil sie laut kreischt, wenn ihr etwas nicht passt und sich ihren Spaß daraus macht, Philip rätseln zu lassen, was sie jetzt wieder möchte. Ich bin etwas enttäuscht, dass Dirk sich nicht gemeldet hat und weder Tanja noch Richard wissen, was mit ihm sein könnte.

Alex fährt mit dumpf grollendem Motor vor, Rosalie, Philip und Lea mit im Wagen; er rast im Verhältnis zu Daniel, der den Bulli in Zeitlupe durch die Straßen lenkt. Kaum drei Ampeln weiter wird im Bus Essen und Trinken herumgereicht, so dass wir nach einer Stunde Fahrt geschlossen auf Toilette müssen. Aufgrund des Verkehrs, sind wir noch nicht einmal aus Berlin raus.

Alex und Daniel verständigen sich über CB-Funk und es dauert eine Weile, bis Alex verstanden hat, dass wir anhalten wollen. Irgendwo in Weißensee parken wir vor der dunklen Kneipe „Zum deutschen Wirt“ und stürmen als Gruppe hinein. Aus einer Nische hört man Gelächter und Männergrölen, doch ansonsten ist die Kneipe leergefegt. Die Toilettentür ist neben dem Tresen, der unbesetzt ist. Nacheinander gehen Rosalie mit Lea, dann Philip, Tanja, Maria, Özlem und Anke auf die dreckige Toilette, wobei jeder mit einem anderen angewiderten Gesichtsausdruck wieder herauskommt.
Als ich fertig bin, sind alle weg. Ich stehe neben dem staubigklebrigen Tresen in der muffigen Kneipe und bin verwirrt. Zielsicher gehe ich auf die Tür zu, doch aus einer Nische dröhnt eine Bassstimme:

Wohin so eilig, Kleine? Bestell was zu Trinken, sonst zahl fünf Euro fürs Klo.“

Verzweifelt ziehe ich an der Tür und als ich drücke, springt sie auf; ich stolpere hinaus auf den klein gepflasterten Weg. Schon ist der Kneipenwirt hinter mir, doch an der Hausfassade lenkt ein feuchter Fleck seinen misstrauischen Blick auf sich.

Als ich mich zwischen zwei parkenden Autos hindurchzwänge, sieht mich durch die Frontscheibe von einem der Autos hindurch ein Mann an und ich erschrecke mich. Vielleicht liegt es an der Spiegelung der Scheibe, aber sein Gesicht scheint sehr vernarbt zu sein und er guckt, als ob er nur auf mich gewartet hätte.
Ein quietschiges Hupen ertönt; es ist Daniels Bus, der auf der anderen Straßenseite parkt. Ich renne hinüber. Maria hält mir die Tür an der Seite auf und schiebt sie mit einem kräftigen Ruck zu, nachdem ich eingestiegen bin.

Was sollte das denn?“, erkundige ich mich in Bezug darauf, dass man mich in der Kneipe bei einem ekligem Wirt zurückgelassen hat. Daniel dreht sich mit sich verheddernden Dreadlocks nach hinten um und erklärt lachend:

Der hat uns rausgeschmissen, weiste. Fünf Euro für’n Stuhlgang, der spinnt. Aber keine Sorge: Wir haben ihm an die Hauswand gepisst.“

Äh, wie eklig ist das denn?“, gebe ich mit gespielt zweifelnd erhobenen Brauen zurück, wobei mein Grinsen bestätigt, wie gut ich die Aktion fand. Der bunte VW-Bulli ordnet sich in den Verkehr ein, während rechts und links die fünfstöckigen Häuser vorbeiziehen.

Wir haben einen Laptop mit Internetzugang dabei, denn Maria hat inzwischen ihre sehr gute Diplomarbeit zurückbekommen und will nun Bewerbungen schreiben.

Seit der Computer wieder in Ordnung ist und ich mit dem Studium fertig bin, geht mir Olaf total auf die Nerven. Nie lässt er mich in Ruhe. Glaub mir, Linda, da kann sich kein Mensch konzentrieren!“, versichert sie mir und klackert weiter auf der Tastatur herum. In ihrem blaugeblümten Leinenkleid mit Stehkragen, mit den im Nacken hochgesteckten, blondierten Haare und dem Computer auf den Beinen, sieht Maria ehrgeizig flott aus, als ob wir ein Team Meteorologen auf dem Weg in einen Tornado wären.

Anke freut sich still, vielleicht wegen Daniels Joint, jedenfalls lächelt sie mit halb geschlossenen Augen, locker im Sitz hängend, aus dem Fenster.

Tanja hält mir von rechts mit klimpernden Armreifen das Handy unter die Nase und berichtet empört:

Dirk ist gerade auf dem Weg in die Schweiz und das mit einem blauen Auge, was er sich bei einer echten Schlägerei mit Maik geholt hat, weil er Susi abholen wollte; mein Bruder, kannst du dir das vorstellen? Na ja, egal. Er hat sich ein Auto gekauft und einen Job als Hauswirtschafter da unten bekommen. Ist das zu fassen?“

Ich schüttele mit dem Kopf und bin verletzt sprachlos darüber, dass Dirk mir nicht Bescheid gegeben hat. Hagen beugt sich nach vorn, steckt seinen Kopf zwischen Tanja und mir hindurch und fragt neugierig:
„Wo denn da genau?“

Tanja zuckt mit den Schultern, worauf er sich zurück zieht, nur eins seiner langen dunklen Haare bleibt an der Kopflehne hängen.

Als ich das nächste mal vorn aus dem Fenster gucke, ist Alex’ PKW verschwunden. Der CB-Funk rauscht leise; wir brettern über eine staubigen Feldweg und einen Bahnübergang. Daniel will zur Autobahn abkürzen. Währendessen zeigt Hagen mit leuchtend saphirgrünen Augen ein kastenförmiges Radio, das, wie er mehrmals wiederholt, ohne Batterien und Strom funktioniert. Jungenhaft grinsend betätigt er die Plastikkurbel am Radio und legt den Schalter um.

Tatsächlich empfangen wir einen Berliner Sender und Hagen erklärt enthusiastisch:

Damit kann man auch alles Mögliche aufladen. Ich habe extra verschiedene Netzstecker dabei. Eine Taschenlampe ist auch integriert. Hier.“

Weil es zu hell ist, kann man kein Licht sehen. Hagen stört das nicht; er knipst voller Bewunderung für den eigenen Besitz die Lampe an und aus und ich staune nachdrücklich.

Allmählich wird es stickig und einen Tick zu warm im Bus, die Sonne ist in den Zenit gekraxelt, weil es so lange gedauert hat, sich durch den Stadtverkehr zu kämpfen. Glücklicherweise tauchen wir alsbald unter ein kühles Dach schattigen Grüns. Die Abkürzung führt auf einen Waldweg, der schmaler wird.
„Wir sind hier garantiert nicht richtig!“, wagt Richard es als Erster auszusprechen.

Geduld, wir sind echt gleich an der Autobahn!“, verteidigt Daniel seine Route bestimmt.

Als er vor einem heruntergelassenen Schlagbaum abbremst, wird Richards Vermutung bestätigt. Daniel bleibt bei seiner Meinung:

Hoppla. Ich bin mir sicher, dass das der richtige Weg ist, wir müssen nur die Schranke öffnen.“
Mein zweifelnder Blick kreuzt Tanjas im Rückspiegel. Maria ist zu sehr in ihren Schreibkram vertieft, um etwas von unserem Abenteuer mitzubekommen.

Richard springt aus der Beifahrertür auf den von trockenen, orange-braunen Blättern vom letzten Herbst bedeckten Waldboden. Hinter mir drängelt Hagen, dass er an die Luft will, deshalb steigen Tanja und ich ebenfalls aus.

Den gelben Schlagbaum hebt Richard allein in die Höhe; knarrend und quietschend wehrt sich die Absperrung, bis sie senkrecht in den Himmel zeigt und einrastet. Während Daniel den Bulli vorsichtig zwischen den beiden Aufhängungspfosten der Schranke hindurchlenkt, spazieren Tanja und ich hinter dem Fahrrad an der Kofferraumklappe, dem Surfbrett und der Dachbox her; der Bus ist kaum zu erkennen. Auch wegen seiner guten Tarnung: Inzwischen vom Kotflügel bis zur Schiebetür, alles einmal ausgetauscht wurde und der Bulli dadurch achtfarbig ist. Erstaunlicherweise wirkt er nicht farbig, sondern eher wie ein vergilbtes Foto, denn alle Teile sind in unauffälligsten Braun, Ocker- und Grüntönen lackiert, als hätte jemand dem Stahl Baumrinde übergezogen.

Der Weg unter meinen Füßen ist mit saftigem Gras bewachsen und die Baumkronen haben sich zu einem dichten Dach verflochten. Tanja sieht sich wiederholt nach hinten um und ich frage zum Spaß:

Werden wir verfolgt?“

Sie guckt erst mich erschrocken an, dann nochmal auf den Weg zurück und sagt:

Hoffe nicht.“, aber es klingt fast fragend und nun sehe auch ich mich nocheinmal um. Es ist nichts Auffälliges zu entdecken und ich frage mich, was mit Tanja los ist. Sonst wirkt sie so unzerstörbar und ich kenne keine Angst von ihr. Ob Paul ihr von Carmen erzählt hat?
Es piekst im Nacken, am Hals und auf den Armen ein Mückenschwarm hat sich über mich gesenkt, um mich auszusaugen. Deshalb steigen wir eilig, uns wie wild selbst schlagend, um die Blutsauger zu stoppen, wieder in den rollenden Bus ein.

Nach wenigen Metern kommen Richard und Hagen zurück, die voraus gelaufen sind, und berichten, dass wir direkt in ein Sumpfgebiet fahren, während sie eilig in den Bus streben. Sicher haben sie ebenfalls mit den Mücken Bekanntschaft geschlossen.

Daniel guckt irritiert und öffnet, seitlich über die Gangschaltung und den Beifahrersitz gelehnt, das Handschuhfach. Raschelnd wühlt er darin herum; irgendetwas purzelt klackernd in den Fußraum und Daniel zieht einen Faltplan heraus, der aussieht, als wäre er mehrere Male gewaschen worden.

Sicher sind wir hier“, er deutet mit dem Zeigefinger auf die verblasste Karte: „am Toten See…“. Daniel schaut schweifenden Blickes aus dem Fenster. Neben dem zugewachsenen Weg erstreckt sich eine sonnenüberflutete Lichtung im Wald, junge Birken und Haselbüsche wachsen aus einer weichen, dichten Wolke leuchtend pink, gelb und weiß blühender Gräser hervor. Grinsend umfasst Daniel die Wiese mit einer schwingenden Armbewegung und verkündet:

Mit tot meinen die sicher, dass der See ausgetrocknet ist. Das Moor ist auch eingezeichnet, hier, wo diese kleinen Wellenlinien im Grün zu erkennen sind, weiste.“, zeigt er es auf dem Plan seinem Beifahrer. Ich hänge mich, einen Arm auf dem rechten, den anderen auf dem linken Vordersitz gestützt, nach vorn und erkundige mich ungeduldig:

Und wo ist nun die Autobahn?“

Über sein gesamtes Pharaonengesicht strahlend, gibt Daniel zurück:

Gleich da vorn.“, legt den ersten Gang ein und tuckert im Schritttempo tiefer in das vertrocknete Dickicht, das den Weg überdeckt.

Als wir über einen dünnen Baumstamm holpern, der quer auf dem Weg liegt, guckt Maria flüchtig auf, um sich gleich darauf wieder in ihre Arbeit zu vertiefen. Der Untergrund gibt dem Gewicht des Busses federnd nach, Äste knacken unter den langsam voran rollenden Reifen und das Gummi ploppt in hohen Tönen, wenn runde Kienäpfel davon springen. Rechts von uns erhebt sich steil ein Hügel oder fast ein Berg, zumindest für Brandenburger Verhältnisse.

Etliche hellgelbe Baumstümpfe hinterlassen Löcher im Blätterdach, unter denen der Waldboden staubig und tot in der Sonne schmort. Ein größeres Fahrzeug hat breite, tiefe Fahrspuren in den Boden gegraben und alles umgewühlt. Riesige Äste mit vertrocknetem Laub liegen wahllos zwischen den Bäumen und weiße Holzspäne bedeckt lückenlos den Boden, als ob eine Horde Spechte am Werk gewesen wäre. Hoffentlich entdeckt der Förster den Diebstahl schnell und zeigt diese Verbrecher sofort an. Was wäre, wenn jeder Einwohner Berlins nur einen einzigen Baum klauen würde? Ich versuche erfolglos, mir drei Millionen Bäume vorzustellen. Die Fahrspuren sehen nicht mehr frisch aus, stelle ich zu meiner Erleichterung fest, denn dank Tanja suche ich den Wald nun wirklich nach einem Verfolger ab.

Linda?“ Sie zupft an meinem Ärmel.

Kommst du nun mit?“ Verunsichert frage ich Tanja:
„Wohin?“, während ich mich selbst auf einen bevorstehenden Hitzeschlag diagnostiziere.

Zum See. Komm schon.“, auch Özlem hinter mir drängelt, während Anke und Hagen vor sich hin dösen. Tanja springt auf flauschiges Moos und ich folge ihr. Sogar Maria fährt ihren heißgelaufenen Laptop herunter, um frische Luft zu schnappen. Es riecht nach Pilzen und Fisch.

Bis zum Kern zurückgezogen liegt der Teich als ebener, glitzernder Spiegel in einer sandigen Senke. Der Strand erstreckt sich viel zu weit bis zum Ufer, wo eine Schwanenfamilie im letzten Wasser sitzt.

Schade. Hier können wir auf keinen Fall baden.“, stelle ich aus dem Schatten einer mächtigen Kiefer heraus fest. Braune Nadeln rieseln mir auf den Kopf und bleiben in meinen Haaren hängen, die zu einem lockeren Zopf geflochten sind.

Bäh, voll crrass drecküsch hür!“, ruft Özlem uns entgegen, die einem weißen Tanktop und mit hochgekrempelter Jeans über den Strand watet. Daniel und Richard hocken sammelnd abseits im Sand zwischen trockenen Ästen und gen Mekka gebeugten Schilfkolonien, die wie riesige Stachelschweine vereinzelt außerhalb des Wassers vor sich hinmodern.

Unzählige Muschelschalen zerbersten knackend unter unseren Füßen, ein Massengrab. Als Tanja sich dem Rand des Sees nähert, um den großen Zeh ins Wasser halten zu können, erheben sich die Eltern der grauen Jungschwäne majestätisch und fauchen sie bedrohlich an. Sofort hüpft Tanja eingeschüchtert rückwärts auf mich zu, während sie mit fuchtelnden Armen die Schwäne zu vertreiben versucht und hysterisch schreit: Die wollen mich beißen!“

Augenblicklich kommt Özlem ihr mit einem schweren Stock zu Hilfe und rennt auf die Schwäne zu. Bestürzt rufe ich ihr mehrmals hinterher:

Özlem, lass das! Lasst uns einfach gehen!“, bis sie, die den Stock Sand spritzend vor die erschreckten Schwäne auf den Boden knallen lässt, sich umdreht und zurückkommt.

Üs okay.“, sagt sie abwinkend und wirft ihr Hilfsmittel mitten in den blühenden See. Verschnörkelt ziehen sich grüne Streifen über die Wasseroberfläche, die vom spritzend landenden Stock zerstört werden, um sich zu neuen, faszinierenden Mustern zu ordnen.

Richard eilt auf mich zu, drückt mir einen Kuss auf den Mund und präsentiert breit lächelnd eine handgroße Muschelhälfte, deren Perlmuttseite silbrig und zart violett schimmert. Er hat gleich ein halbes Dutzend davon in der anderen Hand. Ich will gar nicht erst wissen, was er damit anzufangen gedenkt, ich will nur heute noch in Rostock ankommen.

Hübsch. Und so groß. Toll. Können wir jetzt gehen?“, versuche ich aus der brennenden Sonne zu entkommen. Er legt lächelnd seinen Arm um mich, doch Daniel stößt hinzu und zwar in Boxershorts. Auch wenn ich mit ihm zusammen wohne, war mir bisher entgangen, dass Daniel absolut traumhaft gebaut ist und auf Tweety steht, den kleinen gelben Vogel von den Tiny Toons, der in unterschiedlichen Posen auf seiner Unterwäsche abgebildet ist.

Ich nehm noch fix ne Abkühlung.“

Ungläubig starren wir ihn an.

Was habt ihr denn? Ihr seid echt pingelig!“, sagt er lachend und rennt über den knirschenden Untergrund auf den See zu, seine Dreadlocks hüpfen ihm hinterher. Gespannt sehen wir ihm zu. Unvermittelt bremst sich Daniel am Ufer ab und kehrt etwas niedergeschlagen um.

Mir is grad eingefallen, dass ich das letzte Mal, als ich in so einer grünen Brühe gebadet hab, einen hässlichen Ausschlag bekommen habe, der echt eine ganze Woche nich wieder wegging…“, erklärt er, bevor jemand fragen kann.

Geschlossen schreiten wir zum VW-Bus zurück und setzen unsere Fahrt fort. Anke und Hagen gucken etwas verschlafen über die Lehne der Rückbank und wollen wissen, ob wir schon da sind. Özlem stößt Hagen ihren Ellenbogen scherzhaft in die Seite.

Schwachsinn, Aldar, wür sün man krade aus Barlün rraus.“

Na dann…“, antwortet Hagen, dem die langen Haare am Hals und im Gesicht kleben. Mir tut es nur ein wenig leid, dass wir Özlems Brüdern die ganze Arbeit hinterlassen haben.

Maria hat den Computer zusammengeklappt auf dem Schoß und guckt verträumt aus dem Fenster. Ein Lächeln, das mir bekannt vorkommt, umspielt ihre Lippen. Die alte Maria schimmert durch die neue Fassade. Anke kichert, weil Hagen ihr mit vorgehaltener Hand etwas zuflüstert. So niedlich kenne ich ihn gar nicht.

Plötzlich sackt der Bus vorne rechts weg, Richard rutscht gegen die Tür und lacht. Wir stecken fest.

Nachdem Daniel den Motor abgeschaltet hat, zieht Tanja die Tür neben sich auf und guckt hinaus, worauf wir einige Grad mehr in Schieflage geraten, was von allen Insassen mit überraschtem Kreischen zur Kenntnis genommen wird. Ich lache grundlos in einem Gemisch aus Begeisterung und Hysterie, Tanja hängt bebend am Türgriff, während Maria schützend ihren silbernen Laptop und Daniel das flauschige Lenkrad umklammert.

Wir sind in einen Bach gefahren.“, teilt Goldlocke Tanja mit, nachdem sie sich gefangen hat. Inzwischen ist Richard vom Beifahrersitz ausgestiegen und steht nun laut fluchend auf einer sich aus dem Morast erhebenden Wurzel. Es scheint ihm um seine Schuhe zu gehen, rote Slipper mit schwarzem Totenkopf, denn er tupft sie mit einem Taschentuch sauber. Irgendwie peinlich.

Mit einem wackligen Sprung rettet sich Tanja über die Wurzel knapp ans andere Ufer des von grünem Tausendblatt und herausstehenden Tannenwedel überzogenen Wassers. Da ich nicht versinken will, tue ich es ihr gleich, wobei ich mir einen nassen Schuh zuziehe, als ich mit der Wurzel in der Wasserminze versinke.
Daniel steigt trockenen Fußes auf der anderen Seite des Bachlaufes aus, klappt den Fahrersitz nach vorne und bietet Maria die Hand als Ausstiegshilfe an. Etwas bedauernd sehen Richard, Tanja und ich zu, wie sich der Bulli durch die Fahrertür leert, während wir nicht noch mal durch den sumpfigen Bach waten wollen. Gemächlich sinkt der Bus weiter mit dem Vorderrad der Beifahrerseite in das schlammige Ufer.

„Los, Hagen, pack mit an! Die Dachbox muss runter, sonst kommen wir rückwärts nicht unter den Ästen durch!“ Hagen wirkt unschlüssig, weshalb Daniel sich allein an den Gurten der Dachbox zu schaffen macht.

Komm rüber Richard, wir brauchen dich hier, Alter!“, ruft Hagen endlich tatbereit meinem Freund zu. Sofort verschwindet Richard wortlos rechts von mir im Gebüsch.

Der Wald wirkt wie verwunschen, Bäume und Äste liegen kreuz und quer herum, nichts deutet auf einen Weg oder den Einfluss von Menschen hin. Vom dichten Geäst hängen Lianen von Waldrebe und Efeu herunte. Moos und Farne bilden Inseln im Morast und die vereinzelt hereinfallenden Sonnenstrahlen zaubern goldene Lichter ins dunkle Grün. Irgendwo hier ist bestimmt Morla, die Sumpfschildkröte aus der unendlichen Geschichte zu Hause.

Wollen wir hier Wurzeln schlagen?“, beendet Tanja meine Beobachtungen, während sie die Hosenbeine ihrer Leggins umschlägt. Da winkt schon Richard vom gegenüberliegenden Ufer und ruft, als ob wir nicht einen Männerweitsprung weit weg stehen würden, sondern an einem rauschenden Fluss:

Ein paar Meter weiter kommt eine Brücke!“, während er die Richtung mit fuchtelnder Armbewegung anzeigt.

Ich mache es von Tanja abhängig, ob wir uns lieber in die zerkratzenden Büsche stürzen oder durch die schleimige Entengrütze waten wollen. Der spannende Moment der Entscheidung folgt, als sie probehalber ihren Fuß ins Wasser hält und grün gefärbt wieder heraus zieht.

Igitt!“, schreit sie aus Leibeskräften, dass sich Anke und Maria vom anderen Ufer aus sofort erkundigen, ob wir noch leben.

Ja, gerade so!“, beantwortet Tanja die Frage nach ihrem Überleben ernst.

Lautes Unken ist zu hören und mir fällt ein, dass ich ein paar Frösche fotografieren müsste, die Kamera aber auf der anderen Seite ist. Die Dachbox schwebt über den Köpfen der drei Jungs und Özlem auf den Waldboden, bevor sich die Vier daran machen, den Volksbus aus dem Wasser zu ziehen. Lautlos schlängelt sich eine gelbgefleckte Wasserschlange durch die Grütze vor uns.

Das treibt uns schließlich doch zum Gehen.

Über den Waldboden kriechen stachelige Brombeersträucher, in denen wir ständig hängen bleiben. Es herrscht geschäftiger Flugverkehr von Insekten, dass es besser ist, den Mund geschlossen zu halten.

Wer verfolgt dich denn?“, frage ich Tanja, die mich überrascht anschaut.

Oder kannst du mir das auch nicht sagen?“, füge ich in Anbetracht an ihren Tanz bei Clarice hinzu, weil sie nicht antwortet.

Vor deiner irren Clarice, Slash Anuschka, aber vergiss es einfach.“

Was… wie meinst du das?“, frage ich zweifelnd und Tanja seufzt, was ich nicht deuten kann, und ihr ‚Vergiss es einfach.‚, macht es nicht eindeutiger. Warum sollte Clarice Tanja verfolgen wollen? Gebückt tasten wir uns unter Weidensträuchern und Faulbäumen hindurch und bemerken bei genauerer Betrachtung des Bodens unter unseren Füßen, dass er in Bewegung zu sein scheint. Unzählbar viele schwarzbraune Babykröten entsteigen dem Gewässer und hüpfen auf schwarzbraunem Untergrund in den Wald. Nachdem ich Tanja auf die possierlichen Tierchen hingewiesen, gehen wir sehr vorsichtig weiter.

Mit uns schleicht noch jemand durch das Unterholz, es raschelt. Tanja bleibt ruckartig stehen und krallt sich in meinen Arm.

Ich bezweifele, dass Clarice in ihren High Heels hier hinter uns her ist.“, sage ich trocken, aber Tanja wirkt nicht beruhigt.

Vielleicht ist es Paul.“, flüstert sie unbehaglich, doch dann fällt ihr erleichtert ein, er läge gerade im Krankenhaus. Warum sie von Paul etwas zu befürchten hätte, frage ich sie und Tanja sieht mich rätselhaft an, bevor sie sagt:

Erzähl ich dir in Rostock, jetzt lass uns erstmal zu den anderen gehen.“, wobei sie sich unsicher nach dem Rascheln umdreht und mich mit ihrer Angst ansteckt. Jäh trompetet der Unbekannte und erhebt sich mit einem kraftvollen Flügelschlag vor uns aus dem Busch. Wir zucken gemeinsam zusammen.

Einen so großen Vogel habe ich noch nie gesehen, er sieht ein bisschen aus, wie ein Storch, aber viel majestätischer und grau mit rotem Kopf.

Wow, was war das denn?“, fragt Tanja, etwas beruhigter. Ich hebe ahnungslos die Schultern und ärgere mich, den Fotoapparat nicht zur Hand zu haben, wobei ich tippe:

Vielleicht ein Reiher.“ Ein paar Schritte weiter stoßen wir auf das leere Nest des Vogels, welches uns eine Weile aufhält.

Nach wenigen Minuten gelangen wir an eine Brücke, oder das, was davon übrig ist. Der morsche, glitschige Steg zeichnet sich durch mehr Löcher als Bohlen aus, eigentlich besteht er nur aus einem mit Seil gebundenem Stockgeländer.

Da gehe ich nicht rüber.“, sagt Tanja. Mit gleichgültiger Miene gebe ich zur Antwort:

Dann bleiben wir eben hier.“ Das will sie nun auch nicht. Deshalb zerre ich einen weit verzweigten Ast heran, an dem Schlammbatzen und braune Blätter halbverrottet herabhängen. Gemeinsam schieben wir das Astwerk auf den Steg, bis der Übergang komplett abgedeckt ist.

Albern kichernd kraxeln wir über den Bach, ganz ohne nass zu werden, dafür sind wir umso schmutziger. Wir klauben uns gegenseitig das Laub aus den Haaren, doch der Erfolg ist eher mäßig die haarigen Blätter sind hartnäckig. Als Tanja und ich am Bus ankommen, ernten wir Gelächter für unsere Dekoration und werden von zahlreichen Händen abgeklopft, wie zwei alte Teppiche.

Habt ihr den Kranich eben gesehen?“, will Daniel wissen. Aha, ein Kranich also, kein Reiher. Nickend listen wir unsere Entdeckungen auf.

Die Dachbox wurde inzwischen wieder aufgeladen und festgezurrt. Im Rückwärtsgang schiebt sich der Bus zwischen den Bäumen entlang, wobei Daniel über den Mittelspiegel navigiert. An der nächsten Weggabelung biegen wir so rasant ab, dass das Getriebe ratscht, bevor wir mit dem Fahrer voran weiterfahren. Ein Blick auf die Uhr bewegt Daniel, zwischen dessen Zöpfen bereits kleine Schweißtröpfchen auf der Kopfhaut glitzern, aus dem Bulli das Äußerste herauszuholen, was uns zum hektischen Anschnallen zwingt.

Fliegend peitscht der Bus über den Feldweg aus dem Wald heraus, springt in seiner großen, gelben Staubwolke über Stock und Stein, dass man hört, wie das Benzin im Tank auf und ab schwappt.

Wenig später erreichen wir die Autobahn. Sie befindet sich direkt- unter uns. Blitzschnell flitzen niedliche Fahrzeuge wie bunte eifrige Käfer unter der Brücke hindurch, auf der wir stehen.

Nun, Meister?“, fragt Richard den Expeditionsführer. Daniel grinst kopfschüttelnd.

Das gibt’s ja gar nicht. Auf der Karte sieht das aus, als ob…“ Sicherheitshalber breitet er die Karte aus und versucht uns zu zeigen, was er meint, als wir durch heftiges Hupen auf ein auffällig langes Kraftfahrzeug aufmerksam werden, dass auf der Autobahn unterwegs ist.

Alex und Rosalie. Sie haben den Bus entdeckt. Abgehackt dröhnt aus dem CB-Funk:

Auf was wartet ihr denn da oben?“ und Daniel antwortet nach Knopfdruck freudig:

Hab mich ’n bisschen vertan… Wartet auf uns.“

Alex lacht höhnisch in sein Mikro, doch nicht mal das bringt Daniels Gemüt in Wallung. Seelenruhig wendet er mit mehreren kräftigen Drehungen des Lenkrades und holpert in den Wald zurück.

Zwischen den nestartigen Wipfeln der Kiefern gucken Dick und Doof als Bäume hervor: Eine schmale, lange Baumsäule und eine kugelrunde, bräunliche Baumkrone. Hagen bemerkt hinter mir mit grollender Stimme: Alter, bei dem Tempo hätte ich ja nebenbei Pilze sammeln können!“

Vor uns endet der sandige Weg in einer Wendeschleife zwischen zwei blendend weißen, im Fachwerkstil erbauten Häusern, die von den beiden merkwürdig geformten Kastanien flankiert werden. Vom ziegelroten Dach bis hin zu einem Swimmingpool ohne Wasser sähe alles sehr neu aus, wäre es nicht von Wiesenschwingel, Lolch, Gänsedistel und gewöhnlichem Pastinak überwachsen.

Der Bulli schiebt sich gegen einen großen Widerstand weiter, denn Schwingel und Disteln verhaken sich mit unserer Ladung. Irgendwo zwischen dem munteren Gezwitscher der Meisen, dem Geschwätz der Schwalben und den meckernden Rufen einer hübsch gezeichneten, langschnabligen Bekassine, singt eine Drossel.


Das Hotel am See schmücken niedliche Details, wie kleine Giebeldächer über den Fenstern, sonnige Balkons und die dunklen Balken des Fachwerks ergeben ein stimmiges Muster. Schade, dass es nie in Betrieb gegangen ist. Die Fenster sind mit Spanplatten versiegelt, doch auch die Versiegelung ist dabei, zu verrotten.

Hinter einer umgefallenen Regentonne liegt ein großer, eingeschweißter Quader. Nichts deutet darauf hin, dass sich noch jemand für das eingewachsene, im Wald herumliegende Material interessiert.

Sieh mal Özlem, Dachziegel!“; begeistere ich mich für diese Entdeckung und Özlem legt die Hand an die Scheibe, um besser etwas erkennen zu können. Kurz darauf begutachten wir den Fund genauer. Die Ziegel sind dreckig, aber unversehrt und könnten zum Decken der gesamten Werkstatt von Mötörön reichen. Wir finden außerdem eine Betonwendeltreppe unter dem Unkraut, die ich für ein schönes Fotomotiv halte.
Hagen hat sich zu uns gesellt, kann aber unser entrücktes Gekicher nicht nachvollziehen, bis wir ihm von Mötörön und dem kaputten Dach erzählen. Er will sich den Laden gleich ansehen, wenn wir wieder in Berlin sind. Sich für das alte Hotel erwärmend sagt er:

Alter, cooler Spot; in dem Pool könnte man gut carven und die Handrail dort ist perfekt für einen Backside Lipslide!“

Özlem reagiert überhaupt nicht, weil sie mit ihrem Handy beschäftigt ist und so sehe ich mich genötigt, zu nicken. Schon zieht er einen Kugellagerdrücker mit integriertem Inbus aus der Tasche und erklärt mir die Montage von neuen Achsen; ich merke schnell: Hagen würde sich prächtig mit dem Team von Mötörön verstehen.

Üsch hab mein Brüdar angerufn, dü holn alles ab!“, berichtet Özlem in dem Moment und wir steigen zu den ungeduldig Wartenden in den Bus ein.
Zwanzig Minuten später erreichen wir die richtige Auffahrt und setzten dank Alex unsere Reise ohne weitere Umwege fort. Wir passieren verwaiste Dörfer und den ein oder anderen Hof, vor dem ein einsamer Korb Äpfel zum Verkauf steht oder eine verrückt gewordene Bäuerin, die ihre Dienste anbietet. Zurückgezogenen zu leben, muss nicht eigene Entscheidung sein, manchmal zieht sich die Welt zurück.

Es sind inzwischen knapp vierzig Grad im Schatten, weshalb uns die Silhouette Rostocks wie eine Fata Morgana entgegen flimmert.

Einstimmig haben wir beschlossen, ein Eis zu essen und danach noch ins Strandbad zu gehen, bevor wir einen Platz für die Nacht suchen. Daniel tritt auf das Gaspedal, dass der Bus jault und Alex aus dem CB-Funk grölt:

Zeig mal, was deine alte Schüssel noch drauf hat!“ Darauf gibt Daniel lachend zurück:

Pass auf, dass ich nicht noch vor dir in Rostock bin!“ Schon setzt er zum Überholen an.

Kurz hinter der Brücke auf dem Mühlendamm werden wir allerdings von einer Polizeistreife angehalten. Ich sitze schwitzender, als die anderen auf meinem Platz und überlege mir Ausreden für das viele Geld in meinem Gepäck. Es als ein Erbe auszugeben, scheint mir am Besten. Aber was ist, wenn der Polizist Daniels Kugelschreibersammlung findet? Wie viel Gramm von dem Zeug darf man ungestraft bei sich haben?

Der Polizeibeamte tritt ans Fahrerfenster, lässt sich den Fahrzeugbrief und Daniels Führerschein zeigen, reicht Beides zurück durch die heruntergekurbelte Scheibe und verzieht sein sowieso schon breites Gesicht zu einem hämischen Grinsen, bevor er im Rostocker Platt zu verstehen gibt, dass die Fahrt für uns auf dem nächsten Parkplatz um die Ecke endet. An einer Durchsuchung des Fahrzeugs ist er nicht interessiert. Die erhöhte Geschwindigkeit ist mit dreißig Euro Bußgeld abgetan und, dass Daniels Warnlicht nicht funktioniert, scheint anstößig zu sein. Bei einer weiteren Überprüfung unseres Fahrzeugs findet der untersetzte Beamte noch mehr Mängel und kratzt auf besagtem Parkplatz die abgelaufene Plakette vom Nummernschild.

Um sicher zu gehen, dass wir nicht trotzdem weiterfahren, wird uns vom Staat eine Radkralle zur Verfügung gestellt, die Daniel mit dem Argument, wie er so zum TÜV kommen soll, versucht, abzuwenden. Der Polizist überreicht die Visitekarte einer Werkstatt mit Abschleppdienst und verabschiedet sich. Ich bin erleichtert. Aber nur einen Moment, bis mir einleuchtet, dass wir nun nicht mehr weiterfahren können.
Alex, der ein paar Meter weiter angehalten hat, kommt bei uns an und erkundigt sich ungeduldig nach dem Grund für die Verzögerung. Nachdem er aufgeklärt ist, bietet er zwei Mitfahrgelegenheiten an, die augenblicklich von Maria, die Philip auf den Schoß zu nehmen will, und Tanja besetzt werden. Ich habe das Gefühl, dass Tanja ihre versprochene Erklärung hinausschiebt.

Wir treffen uns an der Universität. Die kann man nicht verfehlen.“, vereinbart Daniel mit Alex, bevor dieser uns stehen lässt, um sich mit dem Auto aus dem Staub zu machen. Ich nehme meine Spiegelreflexkamera und die Filter mit; das Stativ bedeutet mir zuviel Gewicht.

Der Weg führt uns Sechs am künstlichen Ufer der Warnow entlang. Weil sich zwischen unseren verschränkten Händen schnell ein äquatoriales Klima entwickelt, hake ich mich locker mit dem Arm bei Richard ein. Anke versteht sich mit Hagen bereits gut genug, um mich vollständig zu ignorieren.

Verlockend glitzert es unter uns, erst ein genauerer Blick zeigt, wie viel Dreck im Gewässer herumschwimmt und verdirbt die Lust, hineinzuspringen. Das mit dem Strandbad wird sowieso nichts mehr; Daniel meinte vorhin, da müssen wir mit der Bahn hinfahren und ein Bahnhof ist noch lange nicht in Sicht.

Brav schlendern wir hinter wippenden Dreadlocks und seinen schlappenden Badelatschen drein, während Özlem ihm und seinen Ausführungen von den Fortschritten der Website ihr Ohr leiht. Nachdem wir vor Schweiß triefend eine endlose Asphaltstraße entlang gelaufen sind, gelangen wir an eine hohe, alte Stadtmauer aus Backstein.

Kühl und mit blumigem Duft heißt uns eine dahinter beginnende Waldparkanlage willkommen. Prächtige Rosenbüsche lassen ihre schwere Blütenpracht zur Erde hängen und ein Bächlein schlängelt sich unter uns durch den Wald. Der Kiesweg knirscht musikalisch, während wir ihm durch den Park folgen. Inzwischen habe ich ein halbes Dutzend Male gefragt, wie weit es noch bis zur Universität sei, was nicht geholfen hat, diese schneller zu erreichen. Immerhin kann man das Dach des Gebäudes in einiger Entfernung schon durch die Bäume schimmern sehen.

Gerade als wir einen kleinen See umrunden, fällt Richard ein:

Hey, ich muss dringend ‘nen Strahl in die Ecke stellen, bin gleich wieder da!“, und weg ist er. Zeitgleich sagen Hagen und Daniel:

Da muss ich auch hin!“ Ehe wir etwas erwidern können, sind sie in die Büsche verstreut und verschwunden.


„Kommt, gehen wir an den See runter!“, schlage ich Özlem und Anke vor. Sie liefern sich sofort ein Stechen im Hang hinunter rennen, worauf mehrere Wasserfrösche von den Teichrosenblättern springen.

Erster!“, brüllt Anke, ehe Özlem gegen sie stößt und sie kreischend ins Wasser plumpst.

Lachend renne ich den Abhang hinunter und helfe Özlem, Anke aus dem Teich zu ziehen.

Das hast du mit Absicht gemacht!“, beschuldigt Anke die Türkin scherzhaft, bevor sie Özlem mit einem sanften Schubser aus dem Gleichgewicht bringt und jene ein überraschendes Bad nimmt.

Obwohl ich mich hilfsbereit gezeigt habe, versuchen jetzt Anke und Özlem, mich ins Wasser zu werfen. Schreiend renne ich am Ufer auf und ab, während die klatschnasse Anke und die triefende Özlem mich lachend verfolgen, bis Hagen und Daniel vor mir stehen.
„Um was geht’s grade?“, erkundigt sich Hagen trocken, während sich seine schwach gebogene Augenbraue nach oben schiebt. Kichernd stürzen wir Mädels uns auf die Ahnungslosen und befördern sie mit vereinten Kräften in den See. Nachdem ich jedem Reingefallenen einmal aus dem Wasser geholfen habe, bin ich ebenfalls nicht mehr trocken.

Aus dem Wasser ragen Bierflaschenhälse, um die eine einsame Stockente ihre Bahnen zieht. Die zurückgekehrten Frösche stimmen ihr Konzert an, es klinkt, als ob das Quaken ein Echo hätte. In der Sonne stehe ich neben Daniel auf einem Holzplateau am Ufer. Er berichtet, was er zuvor mit Özlem in puncto Website für Mötörön besprochen hat und ich fühle mich großartig, weil ich von ihm einbezogen werde. Sein Pharaonenprofil bildet einen perfekten Schattenriss gegen die Sonne. Ich frage mich, wie es mit Daniel wäre, wenn wir zusammen wären. Dann frage ich mich, warum ich darüber überhaupt Gedanken mache. In den letzten Jahren habe ich viele seiner Freundinnen in unserer Wohnung getroffen. Karrierefrauen und erfolgreiche Künstlerinnen waren das; sie sind alle um sovieles witziger und charmanter als ich gewesen, dass ich sicher sein kann, sein Desinteresse an mir auf dieser Ebene ist nicht gespielt. Richard trägt eine fette Erdkröte heran.

Ich hätte fast drauf gepisst!“, berichtet er belustigt. Kaum hat er die Kröte abgesetzt, rennt eine Ratte aus dem Gebüsch und greift das Ungetüm an, obwohl man sich kaum vorstellen kann, dass es ratsam ist, dieses von Beulen überzogene Tier zu essen. Mit einem kräftigen Satz rettet sich das Opfer ins Wasser und bleibt bewegungslos an der Oberfläche hängen, alle Viere von sich gestreckt; so sieht man die langen Krallen am Besten. Mehrere Frösche nähern sich neugierig, aber geräuschlos dem Neuankömmling. Die Kröte guckt sich unsicher um. Die Ratte streckt gelegentlich ihr zuckendes Näschen aus ihrem Versteck, zieht sich jedoch blitzschnell wieder zurück, wenn wir auf die Holzbohlen klopfen. Einer der Frösche versucht nun, sich mit der Kröte zu paaren, die sich nicht recht entschließen kann, ob sie ihre Totenstarre beibehalten oder wild strampeln soll. Ich bin sauer auf Richard, weil er das Tier nicht unter dem Baum gelassen hat.

Die oder der Ärmste kriegt noch eine Herzattacke. Jetzt befreit sich die bedrängte Kröte mit kräftigen Tritten von dem auf ihrem Rücken hängenden Frosch und schwimmt aufs Ufer zu. Just in dem Moment, als sie das Ufer erreicht, rennt die Ratte aus ihrem Versteck und springt auf die Kröte. Einen spannenden Moment sieht es aus, als ob sie verloren hätte, doch plötzlich verdrückt sich das Nagetier quiekend.

Bring die Kröte sofort dahin zurück, wo du sie hergeholt hast!“, fordere ich Richard unwirsch auf, sein Gesicht verzieht sich gekränkt, dass es mir augenblicklich Leid tut. Dennoch behalte ich die Arme verschränkt vor der Brust und starre ihn abwartend an. Seufzend bückt sich Richard; eine Strähne ist aus seiner Tolle gefallen und hängt ihm schwarz ins Gesicht, als er die munter strampelnde Kröte behutsam aufnimmt und auf dem Trampelpfad, den er gekommen ist, davonläuft. Amüsiert meint Daniel:

Das gibt echt ulkige Kinder…“ Özlem kichert, Anke und mir huscht ein Lächeln übers Gesicht. Da ist Richard auch schon zurück, legt seinen Arm um mich und berichtet erleichtert:

So. Alles wieder am Platz, mein Schatz. All right.“
„Alter, ich kann nich fassen, dass ihr mich in diese faulige Suppe geworfen habt!”, beschwert Hagen sich in dem Moment und zieht einen schlammigen Plastikfaden aus seinen Haaren. Richard und ich sehen uns an und setzen angeekelte Mienen auf, während Anke und Özlem sich gegenseitig hastig auf Spuren ihres Bades überprüfen. Gelassen steht Daniel daneben und beobachtet alles, weshalb ich die schleimige Alge, die ihm über der Schulter hängt, abzupfe.

Gutgelaunt setzen wir unseren Weg fort. Eine hölzerne Pforte führt durch die Stadtmauer ein paar hölzerne Stufen hinunter in den Garten einer Kirche, die sich vor uns in den blauen Himmel streckt. Wie graue Tupfer im grünen Meer, führen unebene Steinplatten durch Lavendel und Thymianbüsche, unter knöchrigen, alten Eichen hindurch auf eine mittelalterliche Kopfsteinpflasterstraße. Einem Wegweiser für Touristen können wir entnehmen, dass die Universität das ehrwürdige Gemäuer direkt vor uns ist. Außerdem ist ein ‚Hausbaumhaus’ ausgeschildert, diesbezüglich Richard feststellt:

Was immer das sein soll, das müssen wir uns ansehen!“. „Ich zeig es euch.“, sagt Daniel, der Stadtkenner.

Hey, Struwwelpeter, wir wollten doch baden gehen und keine Besichtigungstour machen!“, beschwert sich Anke zuerst, dann fällt Richard und mir ein, dass wir sofort Eis essen wollen und Özlem jammert, dass sie schon Blasen an den Füßen habe. Lachend gibt Daniel sich geschlagen, er hätte einen guten Kindergärtner abgegeben.

Zwischen den historischen Gebäuden der Rostocker Universität schlendern wir an einem Brunnen vorbei in eine hübsche Fußgängerzone. An jeder Ladentür flattert eine Eisfahne. Nach ein paar Metern kreischt eine Kinderstimme:

Liiinda!“ und ich entdecke Leas roten Lockenschopf an der Umzäunung eines Cafés, wie sie uns wild mit beiden Armen entgegen winkt, wobei Philip mit ratlosem Gesichtsausdruck neben ihr steht. Gleich dahinter brüten Alex und Rosalie breit grinsend in der Sonne und nicken uns lässig zu. Alex im gewohnten LeeRiders-Hemd, braunen Ranchoboots, glänzender Haartolle und um seine Accessoiresammlung komplett zu machen, neben ihm im gepunkteten Stehkragenkleid die passende Frau. Ein echtes Rock’n Roller Pärchen; Rosalies schwarz gefärbten Haare sind zu einem glänzenden Zopf gebunden, das Haargummi ist mit roten Spielwürfeln verziert, das kurze Pony ist akkurat nach vorn gekämmt und lenkt den Blick auf den kirschrot geschminkten Mund, den sie soeben zum Kuss nach vorne schiebt und fest auf Alex’ Lippen drückt; er legt seine Hand um Rosalies Hüften und zieht sie näher an sich heran. Unbeteiligt sitzt sich zurückgelehnt sonnend in einem Plastikkorbstuhl Tanja; ihre Sonnenbrille verrät keine Miene.

Daniel widmet sich den beiden Kindern; Richard setzt sich zu mir und Maria, die mit ihrem Laptop beschäftigt ist, unter einen mit Werbung bedruckten Sonnenschirm in den Schatten. Obwohl er neben mir sitzt, ist es nicht, wie sonst. Ich bin nicht länger die Hauptattraktion für meinen Richard. Sekunden nachdem wir die Bestellung aufgegeben haben, hat Richard sich von mir abgewandt und ist mit Rosalie in eine Unterhaltung über Musik und ihr Geschäft verstrickt. Es dreht sich eine Weile um Johnny Cash, June Carter und Lee Hazelwood, dann fragt Richard eifrig:

Kennst du John Lee Hooker and Drug Store Woman? Wenn man Rock’n Roll liebt, sollte man auch mal in die Anfänge reingehört haben, obwohl echter Voodoo ganz schön crass ist, aber so ein bisschen Jazz…“ Alex mischt sich ein:

Yeaha, die neueren Sachen sind auch cool. Hab grad ’ne Beach Buster und ne Neo-Rockabilly-Platte gekauft. Da sind die Taggy Tones, Blue Cats, die Jets und die Quakes drauf, falls du mal reinhören willst, ich hab sie im Auto.“, Er prüft flüchtig, ob seine Tolle sitzt. Ich löffele inzwischen lauschend einen riesigen duftenden Meloneneisbecher.

Während die anderen dabei sind, wird mir Tanja sicher nichts erzählen. Wenn Paul ihr von Carmens Beerdigung erzählt haben sollte und sie deshalb nun Angst vor ihm und Clarice hat, wie wahrscheinlich ist es, dass er nicht erwähnt hat, dass ich auch dabei war?

„…höre oft Pyromanix, die sind gut, kennste Cave Man walk?“, geht es von Richard an Alex, der zurückgibt:
„Logo. Find ich ganz nett. Was ist mit SpoDeeODee? Von denen ist Thunderbirds.“ Stoisch nickt Richard:
„Sicher kenn ich die. Hast du den Auftritt in der Anstalt von The Cramps gesehen?“ Alex schüttelt den Kopf:

Nee, aber ich hab das Album ‚Off the Bone’ zu Hause!“ Während noch die Namen The Who und The Stringers fallen und ich cremig kühles Honigmeloneneis löffele, flüstere ich in Tanjas Richtung:

Sag mal, kennst du eine von den Bands, von denen die reden?“ Kichernd schüttelt sie den Kopf und antwortet leise:

Du weißt doch, dass ich mich mehr mit deutschen Bands auskenne!“

Als ob er uns gehört hätte und mich vorführen will, versucht Richard mit Kennerblick, mich ins Gespräch einzubinden. Ich schwafele irgendwas von Songs, die ich aus dem Radio kenne, was natürlich viel zu Mainstream ist; Alex und Richard nicken wortlos. Ich bin für eine Schweigeminute verantwortlich.

Philip will die matschige Dekowaffel essen, die ich ihm freiwillig überlasse. Daniel beobachtet ihn lächelnd.

Die Gruppe jugendlicher Schüler, die komplett in schwarz gekleidet am Nachbartisch sitzt, starrt uns grimmig an. Wahrscheinlich haben die nochmal einen ganz anderen Musikgeschmack. The Killers und Korn, mit spiegelverkehrtem R, ist auf ihren zerfetzten, mit Ansteckknöpfen bespickten Taschen zu lesen, weshalb Richard sagt:

Das sind doch nur Modepunks. Die kann man nicht ernst nehmen.“ Die Gespräche kehren wieder zu mir unbekannten Namen zurück.

Maria tupft sich die Schweißtröpfchen von der Stirn, lächelt mir kurz zu und tippt weiter. Ihr Ehrgeiz, den sie am Laptop auslässt, macht mir fast Angst, hier tatenlos zu sitzen. Etwas später ist das Eis verspeist, das Bier ausgetrunken und Lea im Kinderwagen eingeschlafen.

Gemächlich laufen wir die Lange Straße in Richtung Hafen hinunter. Gelber Sand fliegt durch die Luft, wird hoch gewirbelt von Presslufthämmer, an denen schwitzende Bauarbeiter in grellem Orange hängen, die Helme nach oben geschoben, damit ein wenig Luft an die Kopfhaut kommt.

Wir verschwinden in einem Gewirr von Kopfsteinpflastergassen zwischen alten, geschichtsträchtigen Häusern und laufen unter hervorstehende Balken entlang. Hübsch bemalte Einfahrten zeigen die zahlreichen Stadttore Rostocks. Eine Kunstschule, mit flatternden Fahnen ausgeschildert, ist in einem stattlichem Backsteinhaus untergebracht und an einem tristen grauen Haus steht in geschwungenen Buchstaben ‚1589 Stadt Doberan’.

Philip turnt mit ausgebreiteten Armen vorneweg; er sieht glücklich aus; und ich schieße Fotos, wie ein japanischer Tourist, denn wer weiß, wie lange ich von diesem Urlaub zehren muss.

Hagen und Anke turteln gemeinsam hinter uns her, Maria sieht müde aus, obwohl sich Daniel und Özlem wirklich Mühe geben, sie zu unterhalten. Richard hält im Laufen meine Hüfte umschlungen und erklärt mir romantisch, wie schön er es findet, mit mir hier zu sein. Entspannt zufrieden küsse ich ihn, was er leidenschaftlich erwidert.

Schon früh am Abend werden in Rostock alle Läden geschlossen und die Bürgersteine hochgeklappt. Die Luft kühlt sich sacht auf eine angenehmere Temperatur ab. Hinter dem Theater im Inneren eines alten Getreidespeichers am Wasser entdecken wir einen stählernen Wagen mit Anhängekupplung.

Alex bespricht mit Daniel das weitere Vorgehen und wir verabreden uns an einem alten Industriehof kurz vor Warnemünde. Vorerst gehen Philip, Hagen, Anke, Tanja und ich alleine weiter, denn Richard begleitet Daniel und Özlem zurück, um verbotenerweise und trotz der Radkralle den Bus mit unseren Habseligkeiten zu holen.

Alex fährt mit dem Anhänger am Buick voraus, wobei er Rosalie, Maria und Lea mitnimmt. Philip ist mit Erkundungen der Umwelt beschäftigt, als wir in der seichten, salzigen Brise über eine befahrene Straße zum Stadthafen laufen.

Warum sollte Paul oder Clarice dich verfolgen?“, frage ich Tanja unvermittelt und unterbreche damit ihre Ausführungen, wie oft sie sich den Haaransatz nachfärbte.

Ist was Geschäftliches.“

Sie fügt hinzu: „Nicht, was du denkst.“

Wir laufen am sanft an die Betonbefestigung schwappenden Wasser entlang. Gelegentlich weht uns der Wind Ankes Lachen entgegen und ab und zu braust ein Auto vorbei. Verschwörerisch fährt Tanja fort:

Paul und Clarice haben die Geschäftsverbindung, ich hab eigentlich nichts damit zu tun. Ich wollte mir nur ein bisschen was dazu verdienen und Paul kannte diese Russin, oder woher sie ist, und hat mich da reingebracht. Er arbeitet schon länger für Clarice.“ Verwirrt will ich wissen:

Und was für Geschäfte waren das?“ Hagen und Anke sind direkt vor uns und Philip kommt gerade angerannt, weshalb Tanja mir die Antwort schuldig bleibt.

Hinter rostigen und überwachsenen Zäunen reihen sich verlassene Fabrikhallen und vergessene Statuen aus Zeiten vor der Wende. Alles zerfällt, doch man versucht es mit Konzertplakaten zusammenzukleben und unter den rosa blühenden Ranken liegen die zerfetzten Plastikteile alter Computer.

Zwei kolossale Kräne auf drahtigen Beinen ragen mit hängenden Köpfen untätig aus der gelben, raschelnden Grasfläche in den blauen Himmel und lassen die Pappeln dahinter schmächtig wirken. Ein gutes Motiv, meinen Polarisationsfilter auszuprobieren. Weil der Himmel so hell ist, halte ich die Kamera erst in Richtung Boden, damit der Belichtungsmesser den richtigen Wert anzeigt.

Neben uns hupt es, als das Foto im Kasten ist. Es ist Alex im Buick, an dem ein Stahlabschleppseil und ein kurzer Anhänger hängen. Wie ein Opa an der Gehhilfe, steht darauf der VW-Bus mit seiner, von der Radkralle gezierten Vorderachse.

Tanja begrüßt Alex überschwänglich und ich erinnere sie leise:

Flirte ma besser nich so mit Alex.“

Sie nickt und meint:

Ist auch für mich nicht gerade schmeichelhaft. Ich will doch keine Familie kaputt machen. Was ist das nur mit den Männern?“

Aus der Schieflage des Busses heraus winkt Daniel uns, einzusteigen. Er erzählt:

Wir verstecken den Bulli. In fünf Tagen schleppt mich Alex zum TÜV in die Werkstatt und ich krieg ‘ne neue Plakette. Dann fahren wir zurück.“, während der Bus auf seinen zwei Hinterrädern und denen des einachsigen Anhängers losrollt. Sofort meint Özlem zu Daniels zustimmender Begeisterung:

Aldar, lass müsch das erledigen, üsch krüg den T2 wüda hün, ey.“

Ein paar Minuten später biegen wir in eine militärisch asphaltierte Straße ab, die sich an Distel überwachsenen und dennoch mit Sicherheitsschlössern gesicherten Bootsschuppen gabelt.

Wir nehmen den abzweigenden Feldweg und halten kurz darauf an einem penisförmigen Turm, der aus großen, blauen Metallplatten zusammengenietet und von einer begehbaren Plattform beringt ist.

Das is ’n alter Kranturm. Da hinten im Wasser liegt meine Entdeckung. Wollen wir es uns gleich ansehen?“, sagt Daniel, springt vom Bock und kämpft sich ins Gebüsch. Gleich hinter dem Busch fällt das Ufer ab und wir balancieren über große Steine im Wasser unserem Anführer hinterher, dessen schlabbriger Hanffaserpulli bei jedem Sprung um ihn herumflattert.

An einem vermoderten, bungalowgroßen Kasten bleiben wir stehen.

Das ist eine alte Schiffsmühle. Aus der machen wir ein Hausboot!“ Seine Mitteilung stößt auf erstauntes „Aha!“ aus aller Munde.

Das Flussschiff mit eingebautem Wasserrad wirkt, wie eine schwimmende Bretterbude und erinnert mich sehr an Alex’ Ruderboot, abgesehen davon, dass es viel größer ist. Zudem ist das Rad vom Schiffsbohrwurm befallen; die Muschelkolonien hängen in dicken Geschwulsten an den Wasserschaufeln.

Entflammt grölt Hagen:

Los, wir fahren bis ans Schwarze Meer!“, während er Anke und seinen Pferdeschwanz durch die Luft schwingt.

Lea panscht unterdessen zwischen heranschwappenden Algen und Müll im Wasser, bis Rosalie sie unter den Achseln packt und Alex in die Arme drückt. Der Papa nimmt seine Tochter entgegen und flüchtet mit ihr, unter den Protestrufen seiner Frau, auf das Boot. Hagen hilft Anke und Tanja über die hölzerne Reling. Ich will ihnen folgen und sehe mich nach Richard um.

Er steht zehn Meter entfernt von mir mit Rosalie am Ufer und tröstet sie, weil ihr Mann nicht auf sie hören will. Ein Hauch von Eifersucht überkommt mich, doch augenblicklich beschließe ich, ihn Rosalie zu überlassen, sollte es soweit kommen, denn wenn er zu Betrug fähig ist, will ich ihn gar nicht haben. Somit hüpfe ich von einem sicheren Stein auf das schwankende Boot.

Es riecht komisch und anfassen würde ich hier auch nichts. Daniel klopft soeben die Holzwürmer im Geländer wach und sagt:

Die Rippenbodenwrangen, Plankengänge und Spanten sind noch super, den Kiel müssen wir uns anschauen, Vorder- und Hintersteven bauen wir, die Außenhaut und der Doppelboden brauchen ne neue Versiegelung. Das Rad wird geputzt und die alte Mühle bauen wir gemütlich aus.“

Alex nickt mit wissendem Blick und fragt:

Wie kriegen wir es an Land?“ Seinen Faltplan ausbreitend, zeigt Daniel auf irgendeine Bucht:

Da können wir es rausziehen, da ist alles frei. Außerdem sind dort jede Menge alter Bootsgaragen. Dort bringen wir es ein bisschen auf Vordermann. Dann können es mit nach Berlin nehmen. Einen Anhänger habe ich bei einem Kumpel klar gemacht, den wir abholen müssten.“

Schnell ist beschlossen, dass die Männer das zukünftige Hausboot ein paar hundert Meter weiter sicher in die nächste Bucht lenken wollen und Rosalie mit uns im Auto vorfährt.

Eine Angelrute unter dem Arm verabschiedet sich Philip von mir, weil er lieber mit dem Boot fahren will und ich winke dem fröhlichem Kind nach.

Von Daniel empfängt Richard die Anweisung, die Kausche zu lösen und entfernt die Eisenschlaufe am Ende des Befestigungsseiles von dem Holzpflock, über dem sie hängt. Mit vereinten Kräften schieben wir den schwimmenden Holzkoloss ins tiefere Wasser und winken unseren abtreibenden Bootsmännern lachend hinterher.

Richard hängt gutaussehend an der Jakobsleiter; auch Alex strahlt eine anziehende Huckleberry Finn typische Selbstgefälligkeit aus.

Sorgen, dass sie sinken, mache ich mir keine, schließlich können sie schwimmen. Anke wirft Hagen Luftküsse zu, der sie spielerisch auffängt. Dann verschwinden sie um die Kurve hinter mächtigen Bäumen.

Ungeduldig auf das Lenkrad klopfend, wartet Rosalie hinter dem Steuer, Lea ist im Styropor-Thron festgeschnallt und quengelt aufgrund ihrer Gefangenschaft und der Hitze, obgleich ich sie mit lustigen Fingerspielen aufzuheitern versuche. Auf dem Fahrersitz des Busses massiert Özlem ihre nackten, braunen Füße, hinter ihr räkelt sich Tanja über die gesamte Bank und gerade reißt sich Anke die zweite Rückbank unter den Nagel.

Ich laufe.“, sage ich mit fragendem Ton, ob mich jemand begleitet. Maria möchte auch zu Fuß gehen und wir sehen die Staubwolke des Gespanns davon rollen.

Wir könnten auf den Turm steigen.“, schlage ich abenteuerlustig vor und Maria ist entgegen meiner Erwartung sofort Feuer und Flamme.

Kichernd und vor Anstrengung keuchend, kämpfen wir uns geradeaus durch kopfhohes Gebüsch, dessen Zweige uns zerkratzen, bis es sich lichtet und wir an einer Reihe gut bestückter Apfelbäume angelangen.

Hüpfend versuche ich einen Apfel zu erwischen, doch sie hängen zu hoch. Maria hat inzwischen die Schuhe ausgezogen und erklimmt kletternd den untersten Ast.

Komm schon Linda! Pass auf die Wespen auf!“ Grundsätzlich will ich kein Feigling sein und steige auf den Nachbarbaum. Plündernd klettern wir durch die Äste und pflücken etliche rotgelbe Äpfel. Glockenhell verhallt Marias Lachen. Warum kann es so nicht immer sein? Mir geht etwas durch den Kopf, was ich irgendwo gelesen haben muss: ‚Freundschaft ist ein Schiff, dass bei gutem Wetter groß genug ist für zwei, bei schlechtem nur für einen.’ Als ob Maria meine Gedanken erraten hätte, fragt sie unverhofft:

Wir sollten öfter etwas zusammen machen. Ich hab jetzt wieder mehr Zeit. Weißt du noch unsere Fahrt nach Auerbach?“ Erfreut, dass ihr der Besuch meiner Heimat im Gedächtnis geblieben ist, antworte ich:

Natürlich weiß ich das noch, wir dachten sonst was, als aus dem rauschenden Zuglautsprecher die Ansage kam: Passagiere aus den hinteren Wagons werden gebeten, aus politischen Gründen vorne auszusteigen! Mann, haben wir gelacht, als wir dahinter kamen, dass wohl betriebliche Gründe gemeint waren.“

Es war total mieses Wetter. Zu den Zugfenstern hat’s rein geregnet und wir waren gestresst, weil wir fünfmal umsteigen mussten!“, ruft Maria in bester Laune und wir schwelgen in Erinnerungen.

Das Laub in den Haaren, Diebesgut in den Taschen, Hände und Beine zerkratzt, hebeln wir die zugerostete Luke des Kranturms auf. Kälte und löchrige Dunkelheit schlagen uns entgegen.

Im hereinfallenden Licht erkennt man schwach eine Riffelblechwendeltreppe, die nach oben führt.

Vorsichtig steige ich die schlüpfrigen, ächzenden Stufen hinauf. Das Treppengestell schwankt knirschend unter unserem Gewicht und ich schneide mich am Geländer, als ich danach greife.Weil Maria dicht hinter mir ist, habe ich nicht den Mut, umzukehren.

Ein Tropfen Blut fällt in die Tiefe und platscht metallisch auf. Die Wände des Turmes sind vom Rost zerfressen und durch ein größeres Loch kann ich die Umrisse von Rostock sehen. Atemlos drücke ich die obere Luke auf und stolpere auf ein Plateau ohne Geländer.

Carmen liegt vor meinem innerem Auge in ihrem Blut am Boden. Ahnungslos beißt Maria neben mir spritzig knackend in einen Apfel, der ein verführerisches Aroma verströmt. Sie seufzt herzhaft und sieht sehr zufrieden aus. Das muntert mich wieder auf.

Wir laufen weiter. Der Feldweg endet an einer halb abgerissenen Werft. Ein Fahrzeug mit einer Abrissbirne, die allmählich vom eigenen Gewicht in den Boden gedrückt wird, rostet neben einem begrünten Schutthaufen vor sich hin. Unweit davon, stoßen wir auf Daniels Bus, doch niemand ist zu sehen.

Ich habe Hunger.“, teilt Maria sachlich mit und zeitgleich fällt uns ein, dass wir keinen Schlüssel für den Bulli haben, in dem alle unsere Sachen sind.
„Na toll. Das war ja klar.“, stöhnt Maria mit schwungvoller Gestik.

Was machen wir jetzt?“, erkundige ich mich missmutig. In dem Moment kommt der Buick auf uns zu gerollt, an dem das rutschende Flussschiff hängt. Es wackelt gefährlich in alle Richtungen, weshalb Daniel und Hagen nebenher laufen und versuchen, es im Gleichgewicht zu halten, bis sie auf einer ebenen Grasfläche anhalten und den Bootsanhänger von der Anhängekuppel des Buicks lösen.

Wir sollten ein Feuer machen.“, schlägt Maria vor, aber Rosalie, deren Lippenstift verblasst ist und deren Haar zersaust aussieht, verdrückt sich laut fluchend in dem Gebüsch, in welchem wir das Holz holen wollen. Belustigt sehen wir ihr nach und stibitzen der unbeobachteten Lea ihre Packung mit Butterkeksen, worauf sich Alex seufzend um seine aufgebrachte Tochter kümmert. Die krümelnden Butterkekse schmecken vertraut nach glücklichen Kindertagen.

Der lichte Wald, in dem die Halle der stillgelegten Werft steht, scheint zum Zelten geeignet, obwohl an der Zufahrtsstraße zur Abschreckung ein rostiges Schild aufgestellt wurde, mit der Aufschrift: ‚Camping, Caravans und offenes Feuer verboten!’.

Özlem und Hagen hängen den Anhänger, der sich unter der Last des Hausbootes biegt, von Alex’ Auto ab, während wir es uns schmatzend bei Anke im Gras zwischen den zirpenden Grillen bequem machen.

Soeben setzt Tanja ihr strahlenstes Lächeln auf und geht zu Alex, unter dem Vorwand, ihm helfen zu wollen, Lea fürs Bett fertig zu machen, obwohl noch kein Bett fertig ist.

Hey Engel, was sagst du? Ist das nicht cool?“, fragt mich Richard von der Seite bezüglich des Hausbootes.
„Na ja. Sieht ganz schön alt aus.“, erwidere ich und stecke ihm ein Stück Butterkeks in den Mund.

Ich dachte, wir wollten baden gehen. Und die Zelte sind auch nich aufgebaut.“, füge ich hinzu, weil das halbverrottete Boot den ganzen Urlaub ruiniert. Da ruft Daniel auch schon:

Hey, Freunde des freien Lebens, ich könnte etwas Hilfe gebrauchen!“

Er hat inzwischen auf einer relativ ebenen Fläche eine dunkelgrüne Zeltplane ausgebreitet und wedelt uns mit einer Metallstange heran. Nachdem wir zehn Minuten herumdiskutiert haben, ob wir es überhaupt aufbauen sollen oder ob die Schlafsäcke ausreichen, wobei ich für Letzteres bin, eher aus Faulheit als aus Gründen der Vernunft, siegt Maria mit den wesentlich einleuchtenderen Argumenten: Es könnte regnen und die vielen Mücken… Deshalb machen wir uns daran, das widerspenstige Zeltgestänge zusammenzustecken, wobei Richard seine Tollpatschigkeit und ich meine Ungeduld beweise, bis wir im Streit darüber, wie viele der Zeltleinen befestigt werden sollten, auseinander gehen. Er hämmert mit verbissenem Gesicht verzinkte Heringe in den Boden, während ich ihn in Ruhe lasse, denn das hat er von mir verlangt. Maria gesellt sich zu mir, nachdem sie beim Zeltaufbau laut Richard nicht mehr gebraucht wird.

Der helle Himmel ist von dunklen violetten Streifen überzogen und die Sonne längst verschwunden. Dennoch zwitschern die Vögel eifrig in den Bäumen, Insekten summen und rascheln und es duftet nach frischem Gras. Als eine halbe Ewigkeit später alle Leinen im Boden befestigt sind und das geräumige Armeezelt steht, wirft Daniel ihre Taschen hinein. Auch Hagen kommt vorbei und reserviert sich einen Schlafplatz. Ich bin aufgebracht, weil ich nicht vorhabe, meine Bettstatt mit den Kerlen zu teilen, und sie das Zelt, dass ich mit aufgebaut habe, besetzt halten. Von der Seite fragt Özlem flüsternd:

Wo ist unser Zelt?“

Gute Frage.“, antworte ich und erkundige mich bei Daniel nach einem zweiten Zelt.

Ihr könnt hier schlafen oder ihr schlaft im Bulli!“, ruft er zurück und schlägt die Zeltplane hinter sich zu.

Na toll.“, stelle ich in Anbetracht der krümeligen Sitzpolster im Bus fest, während Özlem sich daran nicht stört.

Da der T2 nun zugänglich ist, suchen Maria und ich etwas Essbares, aber die Ausbeute ist eher mäßig. Ich klettere auf das Schiff, um Philip sein Abendbrot zu bringen, und beobachte, wie Rosalie auf das Auto zu geht, in welchem Alex die Rückbank in eine Liegefläche verwandelt hat. Sie schlägt, als sie zu Alex einsteigt, schwungvoll die Autotür hinter sich zu, dass Lea, die sich bereits in ihr Bettzeug kuschelt, aufschreckt. Alex versucht Lea zu trösten, obwohl Rosalie mit wütender Mimik auf ihn einredet. Mit dem Blick zurück auf Alex’ Auto, eilt Tanja aus dieser Richtung auf uns zu.

Wir sollen im Bus schlafen?“, erkundigt sie sich, während sie ihre Frisur erneuert.

Kannst auch bei den Männern im Zelt schlafen.“, sage ich über die Reeling hinunter, aber Tanja lächelt versöhnlich und schlägt vor:

Wir könnten draußen schlafen.“ Skeptisch gucke ich sie an und nicke:

Okay.“ Philip sieht mich misstrauisch von seiner Decke herauf an.

Keine Angst, du darfst hier bleiben. Ich hoffe, du hast einen ruhigen Schlaf, sonst kippst du noch mit der ganzen Kiste um.“, sage ich auf dem morschen Boot.

Keine Bange, ich passe auf!“, verspricht er, herzerweichend lächelnd. Dann klettere ich vorsichtig über den wackligen Backspier auf die Erde zurück.

Erst einmal debattieren Maria, Tanja und ich darüber, wer das Klopapier und die Handtücher mitnimmt, denn Topmodel Tanja möchte außer ihrem Schlafsack nichts tragen. Bereitwillig packt die Kleinste von uns ihren Rucksack mit den Dingen, die wir für diese Übernachtung benötigen, bis obenhin voll, zudem zwängt Maria auch ihren unentbehrlichen Laptop in den stromkastengroßen Rucksack. Weil ich ihr gegenüber nicht unfair sein möchte, stopfe ich so viel, wie hineinpasst, in meine Tasche.

Schließlich verarzte ich noch Özlem mit Wundsalbe und Penatencreme, denn sie plagen offene Blasen, und wir lassen sie zufrieden mit ihrem eigenen Reich im Bus zurück. Zugegebenerweise würden wir keine Wo­che in der Wildnis überleben. Anke ist nicht wieder aufgetaucht, seit sie vorhin im Zelt der Jungs ver­schwunden ist, aus welchem Gelächter und sogar Musik zu hören ist.

Ungeachtet dessen stapfen Tanja, Maria und ich in die Stille am Ufer durch das hohe, harte Gras von dannen, wobei von Maria kaum etwas zu sehen ist, da sie hinter ihrem überdimensionalen Campingrucksack, auf dem eine zusammengerollte Isomatte thront, verschwindet. Gepäckstücke sollten selbst nebenher laufen können.

Die Wiese endet in einem kleinen Wald, in dem der Boden sich vertieft und wieder erhebt, die niedrigen, verwachsenen Grauweiden dicht an dicht stehen und sicher einige Jahrzehnte alt sind.

Maria guckt sich suchend um und tritt mit den Füßen auf laubbedeckten Waldboden herum, wie eine Katze im Kissen.

Der Boden ist schön weich. Hier ist es doch eigentlich ganz nett und ich habe keine Lust, weiter zu suchen. Was meint ihr?“, fragt sie Tanja und mich freundlich, wie immer. Weil allmählich meine Augenlider zu fallen und die Muskulatur meiner Beine abschlafft, nicke ich zustimmend.

Unser Schlafplatz wird vom Wasser, der unbefestig­ten Straße und einem Trampelpfad begrenzt, auf dem einige Angler mit Hunden zum und vom Ufer unterwegs sind.

Is ja überhaupt nich auffällig, wenn wir hier pen­nen.“, stellt Tanja wenig begeistert fest und ich befürchte einen Anflug von schlechter Stimmung. Souverän rettet Maria die Situation, indem sie ihr Handtuch aus dem Campingrucksack wühlt und zu Tanja aufblickend vorschlägt, ins Wasser zu gehen.

Kichernd huschen wir im Gänsemarsch durchs Unterholz, ohne uns um die zurückgelassenen Sachen zu kümmern. Verlockend glitzernd heißt uns die Wasseroberfläche willkommen und wir nehmen ein Bad unter freien, sternenklaren Himmel, obwohl sich die Nacht kühl herabsenkt.

Das Wasser ist lau und der schlammige Untergrund quetscht sich bei jedem Schritt durch meine Zehen. Nach einigen zackige Schwimmzügen, renne ich aus dem erfrischenden Nass, denn das, was da im Dunkel des Wassers an meinen Beinen entlang streift, ist mir dann doch zu unheimlich.

Kommt ihr Beiden?“, rufe ich den schemenhaften Umrissen von Tanjas und Marias Kopf zu. Doch sie antworten nicht. Bis Tanja mich von rechts anspricht:
„Wir sind doch schon hier!“, und ich erkenne, dass die vermeintlichen Köpfe Steine sind, an denen sich sanft die Wellen brechen.

Während wir wohlig in unsere Schlafsäcke kriechen, nächtigen unsere Handtücher flatternd zum Trocknen in den Ästen eines Ahorns, wie Gespenster, die uns an die Spaziergänger verraten, wodurch es ein bisschen lächerlich wirkt, wie wir uns hinter ein Gebüsch gerollt haben, damit uns niemand entdeckt. Als es endgültig tiefschwarz um uns ist, müssen wir uns nicht länger vor Anglern versteckt halten, dafür vor den uns umsurrenden Blutsaugern. Bis obenhin ziehen wir die Reißverschlüsse unserer Schlafsäcke zu, nachdem wir uns eine gute Nacht gewünscht haben. Klamme Feuchtigkeit legt sich über mich und kriecht mir aus dem Boden in die Glieder. Deshalb also hat Maria eine Isoliermatte ausgerollt. Ich liege zwar weich, dennoch drücken mich an einigen Stellen Äste und Unebenheiten und irgendetwas krabbelt mir über das Gesicht. Hoffentlich keine Zecke. Dem leisen Rauschen der Ostsee und dem Summen der Strommasten lauschend, entgleiten mir langsam die Sinne.

Bei Sonnenaufgang werde ich vom entfernten Brum­men einer Erntemaschine geweckt. Irritiert sehe ich mich um, ich bin im Schlaf einige Meter gewandert, die Handtücher hängen weit weg im Baum. Ich fühle mich, wie die Prinzessin auf der Erbse, nicht wegen der weichen Matratzen, sondern wegen der Rücken­schmerzen; zudem habe ich mir die Blase verkühlt und keinen Plan, wo die nächste Toilette ist. Das ist schon etwas Anderes, als in meinem Bett neben Ri­chard aufzuwachen. So muss es den Entdeckern ge­gangen sein, den Nomaden in der Wüste, den heimat­losen Pilgern, ja, wir gehören zu ihnen, sind genauso unerschrocken und mutig, bewältigen sie, die Gefah­ren der Natur.

Hüpfend bewege ich mich im festgehaltenen Schlaf­sack auf Tanja und Maria zu, die mit dunklen Ringen unter den Augen und Teetassen in der Hand in ihren schlaffen Schlafsäcken an einem kleinen Feuer sitzen, wie zwei, die auszogen, das Gruseln zu lernen. Maria streift sich grinsend durch die zersausten Haarsträh­nen, fröstelt kurz und krakeelt:

Guten Morgen, Süße! Gut geschlafen?“ Widerwillig aus meinem Schlafsack steigend antworte ich:

Na ja, geht so. Hätten wir näher an der Straße ge­schlafen, wäre ich sicher überfahren worden. Außer­dem muss ich dringend mal…“

Tanja, deren Frisur wohl einen Stromschlag erlitten hat, bemerkt:

Ich hab zwar kein Thermometer dabei, aber heut Nacht wäre ich beinahe erfroren.“ Mitfühlend tätsche­le ich ihr die Schulter.

Okay, soll ich dir schon mal Tee machen?“, fragt Maria lächelnd.

Ja, danke, das wär lieb.“, antworten wir, während ich zappelnd in meiner Reisetasche wühle. Endlich drücke ich Maria meinen Kaffeepott in die Hand. Dann suche ich mir in einem halben Kilometer Entfernung ein geschütztes Plätzchen zur Erleichterung, wobei ich mich sehr beeilen muss, weil ich auf Mückenstiche am Po verzichten kann. Trotz dieses Nachteils bin ich losgelöst und auch Tanja scheint sich nicht mehr verfolgt zu fühlen. Wir sind am Ursprung. Anderswo bauen Menschen Häuser auf, die dann von Bomben oder Erdbeben zum Einsturz gebracht werden, wie Bauklotztürmchen, aber hier ist noch nichts gebaut. Unser wunderschöner Planet ist noch nicht ganz in Asphalt getaucht. Wäre der Mensch erschaffen worden, dann nur deshalb, damit jemand da ist, der sein Meisterwerk bewundern kann. Tiere staunen ja eher selten.

Ich entdecke glänzende, große schwarze Käfer, die in den ersten Sonnenstrahlen unter dem Laub hervorge­krochen kommen. Türkisblaue Libellen schwirren eif­rig durch die Luft und die Vögel haben ihr buntes Konzert angestimmt. Ans Feuer zu Tanja und Maria gesellt, schlürfe ich meinen heißen Kräutertee und wir essen jede einen Apfel. Anschließend löschen wir un­ser Feuer, indem wir es mit zischendem Wasser über­gießen und unter sandiger Erde einbuddeln.

Maria packt alles zusammen und verstaut es in ihrem Rucksack, bevor sie ihn wie ein mannshohes Schutz­schild auf den Rücken schwingt. Die Schlafsäcke un­ter denen Armen klemmend, klettern wir durch das Gehölz auf das Wasser zu. Dort lässt Maria den großen Campingrucksack am Ufer auf einem Stein stehen und gibt Tanja und mir unsere Zahnbürsten, bevor sie ihnen eine grünweiß gestreifte Zahnpastahaube verpasst. Unsere Zähne putzen wir in einer Reihe aufgestellt am Ufer, trotz morgendlicher Stunde sind auf den angrenzenden Wegen Spaziergänger unterwegs, die uns neugierig dabei beobachten und deren Anblick die Illusion der einsamen Idylle zerstört. Mir ist das sehr unangenehm, weil ich nicht gern vor Zeugen Zähne putze, aber Maria setzt noch einen drauf, indem sie sich in die Fluten stürzt, worauf Tanja ihr Makeup aus dem Rucksack kramt.

Komm schon Linda, das Wasser ist toll!“, ruft Maria mir lachend zu, eingekreist von ihren blonden, kinnlangen Haaren, die sanft gewellt auf der Wasseroberfläche schwimmen. Weil ich vor Augen haben, wie wir Drei vor ein paar Minuten hier ins Wasser gespuckt haben und dass wir möglicherweise nicht die Einzigen sind, die ins Wasser spucken oder Weiteres, zudem mein Handtuch noch nicht getrocknet ist, rufe ich zurück:

Nee, is mir noch zu frisch! Ich geh lieber später, wenn es wieder richtig heiß ist.“ Maria winkt ab und planscht glücklich auf dem Rücken liegend durch die Fluten, ohne sich von den zwischen den Büschen stehenden Anglern beirren zu lassen.

Tanja wirft sich unterdessen in Schale, um die Wildnis mit ihrer von Lippenstift, bis auf die Schultern hängenden Glitzerohrringen und einem hellgelben, hautengen Sommerkleidchen unterstrichenen Schönheit zu beeindrucken.

Du hast mir immer noch nicht erzählt, was du für Clarice gearbeitet hast.“, überfalle ich sie. Sie schaut auf und zuckt mit den Schultern, um die Banalität zu unterstreichen:

Nichts Schlimmes oder so. Ich habe ihr nur ab und zu was von der Arbeit mitgebracht. Und sie hat ziemlich gut bezahlt.“

Und was hast du ihr mitgebracht?“, frage ich mit zweifelndem Tonfall. Wieder zuckt Tanja mit den Schultern, als sie antwortet:

Nur Verpackungen und Packungsbeilagen. Mehr nicht.“

Hmm.“, mache ich nachdenklich, da kommt Maria aus dem Wasser.

Das rundliche, blaugraue Dach des ausrangierten Kranturmes, das über die weich wogenden Baumwipfel guckt, im Rücken, erreichen wir zu einer Uhrzeit, um die wir in Berlin garantiert noch schlafen würden, Daniels Bus, in welchem Özlem, quer über die Liegefläche gestreckt und von ihren schwarzen Haaren überdeckt, friedlich schläft.

Alex’ Auto hat ein platt gedrücktes Rechteck grünes Gras hinterlassen, doch es ist weit und breit nicht zu sehen. Das Hausboot ruht windschief und verlassen auf dem Anhänger, von wo aus es unangenehm zu riechen beginnt, während Algen und Miesmuscheln am Kiel in der Sonne vertrocknen.

Philip?“, rufe ich mehrmals, erhalte aber keine Antwort. Tanja schlägt ohne Zurückhaltung die Plane des am Fuße der verlassenen Werft aufgestellten Zeltes zurück und späht in das grüngelbe Innere.

Es ist niemand da.“, teilt sie fassungslos mit, während mich Enttäuschung und Sorge trifft. Eigentlich hatte ich erwartet, Richard würde mich seinerseits sehnsüchtig erwarten. weiterlesen

Ziellos Querfeldein, Kapitel 6, Barfuß

Ziellos Querfeldein