ZIELLOS QUERFELDEIN: 3. Lügen

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3. Lügen

Das Neonlicht der Videothek an der Ecke lockt mich hinein.

Bevor ich in die Tourismusbranche eingestie­gen bin, habe ich Videos im Reinraumlabor vom Mas­ter kopiert, die DVD kam und ich hatte die Chance auf eine neue Berufswahl.

Versonnen gucke ich auf die bunten Cover vor mir im Regal und schwelge in Erinnerungen, als plötzlich ein laut klapperndes Poltern aus der Erotikabteilung den Raum erschüttert. Das brünette Mädchen mit dem Ra­sierpinselzopf hinterm Tresen, zuckt wie ich zusam­men und erstarrt.

Da läuft mein Lebensretter aus dem Park, cool wie James Dean, an mir vorbei, grinst mich an, als ob ich sein Abendbrot wäre und raunt mit vi­brierenden Bass:

Ich geh schon mal vor, seh’ nach was los ist und du kommst gleich nach, Baby, ja?!“ Die Schiebetüren, auf denen ein großer, nackter Frauenhintern abgebil­det ist, schließt sich hinter ihm.

Obwohl ich so eine Einladung bei einem weniger at­traktiven Mann abstoßend gefunden hätte, stehe ich bereits vor der sinnlichen Schiebetür, als diese sich öffnet und mir der schöne Fremde mit einem älteren Kerl im Gepäck aus der Erotikabteilung entgegen kommt.

Ruf einen Krankenwagen, er hat einen epileptischen Anfall.“, weist er die Brünette hinterm Tresen an. Sie hebt sofort den Hörer ab und behält mit schräg geleg­tem Kopf James im Auge. Er sagt zu mir, dass er im Krankenhaus gerne noch geblieben wäre, aber die Ar­beit gerufen hätte und meint dann scherzhaft, er sei eben ein schwer beschäftigter Ersthelfer.

Der Mann mit dem Anfall liegt auf dem Boden, Spei­chel läuft ihm aus dem Mund und trotzdem spannt sich seine Hose im Hüftbereich zu einem Zelt. Es ist der Verrückte aus dem Erdgeschoss, seinen Hund hat er wohl zu Hause gelassen. Anscheinend ist er auch gar nicht verrückt, sondern krank, stelle ich schuldbewusst fest. Ich hole ein Wasser aus dem Kühlschrank und gebe es dem zitternden Patienten.

Der Krankenwagen kommt und mein Prinz geht, ohne ein weiteres Wort mit mir gewechselt zu haben. Die Mitarbeiterin schmachtet ihm ebenfalls hinterher;
„Geiler Typ.“, stellt sie fest; und wir kommen ins Ge­spräch.

Nachdem Anke und ich die umgefallenen Regale auf­gestellt haben und die Pornohüllen wieder an ihrem Platz stehen, bietet sie mir den gerade frei geworde­nen Posten der Reinigungskraft an. Anke erwartet nicht, dass ich Begeisterung vortäusche, sie erklärt:

Ich steh hier auch nur, bis ich was anderes finde. Wer arbeitet schon gerne hier? Ich kann mich vor Spannung und Herausforderungen kaum retten…“ Sie lächelt sarkastisch und fährt fort, während sie ein junges Pärchen bedient:

Komm morgen früh um neun, da ist Dinah da, sie wird dir alles zeigen. Wir suchen schon eine ganze Weile jemanden und du bist genau die Richtige.“

Es ist saufrüh und etwas hämmert kräftig gegen die Wohnungstür. Gehört das zu den Baumaßnahmen oder versucht jemand, meine Tür aufzubrechen? Es klopft erneut heftig. Irgendwer will rein. Durch den Türspion kann ich nichts erkennen, weil die Sicht von viel Blau versperrt ist.

Als ich öffne, grinst mich ein Handwerker in meinem Alter an und will, dass ich ihn in die Wohnung lasse. In seiner Hand bemerke ich einen schwarzen Eimer, an dem eine Maurerkelle hängt. In der Annahme, dass er in meiner Wohnung irgendetwas kaputtmachen will, schlage ich ihm die Tür vor der Nase zu und blei­be unschlüssig im Flur stehen, bis ich höre, dass er geht.

Die Ringeltaube, die inzwischen mit dem Nestbau be­schäftigt ist, guckt sich missmutig um. Statt auf einem Ast, errichtet sie das breite Nest auf einer überstehen­den Platte des Baugerüsts, die in die Kastanie ragt und wartet auf ihren Partner, der das Baumaterial heran­trägt.

Pause!“, brüllt jemand vom Hof herauf und augen­blicklich verstummen alle Bohrer, Hammer und Sä­gen. Kurzzeitig beben die Treppenstufen, dann ist es still. Erleichtert atme ich auf, das ist meine Chance, unbemerkt aus dem Haus zu entkommen.

Die Wände sind aufgebrochen und lose hängen Kabelstränge von der Decke, Lichtschalter und Klingelknöpfe wurden demontiert. Brandenburgs Tür glänzt vom frischen Lack, da Sebastian seine Tür wegen eines kleinen Feuers eingetreten hatte und Brandenburg sofort alles wieder repariert hat.

Das alte Außen-WC steht leicht offen und ich wunde­re mich über die Pappschachteln, die jemand in den kleinen Raum hineingestopft hat. Haben wir vielleicht einen Schwerkranken im Haus, der soviele Medika­mente benötigt?

An den Briefkästen schließt Sebastian sein Schloss auf. Er dreht sich kurz um, grinst wie üblich und sagt:

Morgen.“

Hi. Was war mit dem Feuer von Brandenburg?“, frage ich. Sebastian duftet, als wäre er in sein Aftershave gefallen, er ist gekämmt und trägt ein knitterfreies T-Shirt. Für mich hat er sich nicht so herausgeputzt. Während er seine Post Kuvert für Kuvert durchsieht, antwortet er langsam:

Ach, der wollte mit Rauchzeichen den neuen Hausbesitzern zeigen, dass er Widerstand zeigen wird.“ Ich habe verletzender Weise nicht das Gefühl, dass sich Sebastian gerne mit mir unterhalten möchte.

Aha. Na dann. Bis später.“, lasse ich ihn stehen ohne auf eine Reaktion zu warten.

Da ich der einzige Besucher im Laden bin, spricht der Verkäufer mich sofort an und von Özlem keine Spur.
„Büttschön?“
Ich bestelle ein trockenes Brötchen. Mit grimmig zu­sammengezogenen, tiefschwarzen Augenbrauen packt er es mir ein und wirft die Tüte auf die Glasvitrine.
„Fünfzüsch Cent.“, verlangt er mit vorgestreckter Hand. Nervös wühle ich in meiner Tasche nach dem Geld, der ungeduldige Blick des Türken verunsichert mich. Aus der Backstube kommt eine Frau, die bis auf ihr Gesicht in Stoff eingehüllt ist.

Linda!“ ruft sie erfreut.

Fünfzüsch Cent.“, wiederholt der Verkäufer unwirsch und ich knalle das Geld auf den Tresen. Özlem nimmt es, wirft dem Älteren einen bitterbösen Blick zu und sagt:

Üsch mach Pause.“

Dann packt sie mich am Arm und wirft, während sie mich nach draußen zieht, das Geld zurück in meine Tasche. Während wir zur Zisterne laufen, regt sich Özlem mit Hingabe über ihren Onkel auf und lobt die viel bessere Einstellung ihrer Brüder überschwänglich.

Es dauert länger, sie beim Klettern zu fotografieren, als gedacht, weil ich eine super Position auf der Brücke sehe, zu der ich erst hinlaufen muss. Wir beschließen, uns zukünftig nach weiteren schönen Wänden umzusehen.

Özlem sagt, sie kann mich überall unterbringen und wenn ich irgendeine Bescheinigung fürs Amt bräuchte, könne sie mir diese besorgen.

Fürs Amt?“, frage ich. Nun erklärt mir Özlem die Rechte und Ansprüche in meinem Land. Ich hätte ein günstiges Bahnticket kaufen und mir notwendige Möbel, die Bewerbungen oder sogar einen Umzug wegen des Jobs bezahlen lassen können. Bevor sie sich verabschiedet, gibt sie mir die Adresse einer Galerie in Kreuzberg, erinnert mich, es bei der Zeitarbeitsfirma zu versuchen und wünscht mir viel Glück, worauf sie mich rechts und links auf die Wangen küsst.

Ein großes Bündel mit einem roten Fleck versperrt weiter vorn den Weg. Von Schritt zu Schritt werde ich neugieriger, bin aber nicht überrascht, Carmen zu erkennen.

Der rote Beutel ist das Sauberste an ihr, man braucht sich nicht Mal zu bücken, um ihre Fahne zu riechen. Sie nuschelt in gequälten Heullauten meinen Namen zur Begrüßung und versucht, aufzustehen, wobei sie kichernd umkippt. Oh Mann. Unter Aufwendung all meiner Kraft helfe ich Carmen auf die gummi-artigen Beine. Sie steht für etwa dreißig Sekunden, in denen ich es schaffe, ihr die Leggings über den Schlüpfer zu ziehen und den Reißverschluss der Strickjacke zu schließen, dann kippt sie erneut um und winden sich albern auf dem Boden, worauf sich die Leggings wieder in die Kniekehlen verabschiedet.

Die Goldbrandflasche in Carmens Beutel ist halb geleert und den Rest schütte ich trotz des hysterischen Anfalls der Besitzerin in einen Sandhügel. Langsam schlängelt sich die honiggelbe Flüssigkeit zwischen den Grashalmen hindurch, bevor sie versickert. Carmen robbt heran, und versucht, den Goldbrand aufzulecken. Seufzend gebe ich ihr die leere Flasche, aus der sie sich die letzten Tropfen mit festen Griff ihrer dürren Finger herauszupressen bemüht.

Ich überlege, einen Krankenwagen zu rufen. Neben der Flasche finde ich einen langen Schraubenzieher und eine gelbe Pappkarte im Beutel. Auf der Karte steht ihre Adresse und die Nummer ihres Betreuers Herr Johnson in beinahe unleserlicher Schrift. Hoffnungsvoll wähle ich diese und warte das Klingeln ab. Die männliche Stimme am anderen Ende erklärt mir, dass Carmen dreimal wöchentlich versorgt wird und ich bis morgen warten soll. Dann legt der Typ einfach auf. Ich stecke die Karte und Müllers Nachricht an „sein süßes Täubchen“ mit seiner Handynummer in Carmens Beutel. Vielleicht hilft eine neue Liebe auf die Beine.

Aufgrund meiner Ratlosigkeit, bin ich kurz davor, sie sich selbst zu überlassen. Sie durchkreuzt diesen Plan, indem sie sich an mein Bein klammert und nach Goldbrand verlangt. Als sie beginnt, mich zu beschimpfen, mache ich mich grob los, worauf Carmen still vor sich hin wimmert.

Auf warmen Steinen in der Sonne sitzend, klappt ein kräftig rotes Pfauenauge seine Schmetterlingsflügel auf und zu, schwingt sich elegant auf und tänzelt davon. Ich laufe in die gleiche Richtung auf den Parkplatz vor Lidl zu und suche mit den Augen die Gesichter der Einkaufenden ab, ob ein hilfsbereites darunter wäre. Je erwartungsvoller ich in die Augen meiner Mitmenschen sehe, desto schneller senken sie die Lider und packen akribisch geschäftig tuend ihren Einkauf ein. Die einzige Personengruppe, die den Eindruck macht, Zeit zu haben und meinem Blick stand hält, sind ein paar junge Penner, die im Schatten der Laderampe sitzen.

Äh, hi.“, überwinde ich mich, einen Versuch zu starten.

Ah, du bist es.“, säuselt ein brünettes Mädchen. Mir fällt erst ein, woher ich sie kenne, als ein Junge mit auffälligem Irokesenschnitt, unter der Rampe hervorgekrochen kommt und sich zu uns gesellt. Hatte das Mädchen nicht gestern noch blaue Haare?

Ach ja, ihr wohnt in dem Haus bei dem Kubaner.“, stelle ich fest.

So’n Quatsch, der Typ wohnt, wenn dann bei uns. Aber dein Kumpel ist in Ordnung.“, sagt das Mädchen, das Nicki heißt.

Er hat mir einen Job besorgt!“, sagt der Dicke, der seinen Arm um die Hüfte von Nicki gelegt hat.

Und ich habe morgen ein Vorstellungsgespräch.“, erzählt sie verhalten begeistert.

Das ist ja toll.“, freue ich mich für die Beiden und frage mich, ob Dirk auch an sich gedacht hat, statt wieder nur allen anderen zu helfen. Ich verkneife mir, irgendeinen Tipp hinsichtlich des Alkoholkonsums zu geben und frage:

Habt ihr mal nen Moment Zeit?“

Na ja…“, drucksen sie herum, doch nachdem ich kurz erläutert habe, wofür ich Hilfe benötige, erheben sich die Vier träge und folgen mir. Carmen liegt am gleichen Sandhügel, wo ich sie zurückgelassen habe und scheint eingeschlafen zu sein. Als wir ihr hoch helfen wollen, fängt sie lallend zu nörgeln an:

Lass mich, Heinz, lass mich!“.

Molle, der Dicke, Nicki, Lemming, der Irokese und Sohle, die eigentlich Jenny heißt, meinen, bis zu ihnen sei es kürzer, da könne Carmen ihren Rausch in aller Ruhe ausschlafen. Schüchtern sagt Nicki, ich könne ruhig vorbeikommen oder meine Freunde zu ihnen schicken, wenn die Mal ein Dach über dem Kopf bräuchten. Dankbar zustimmend, helfe ich den beiden Jungs, die sabbernde Carmen aufzuladen. Jenny und Nicki folgen dem Dreiergespann.

Dinah ist vermutlich die toleranteste Chefin über­haupt. Sie grinst nur, als ich über eine Stunde zu spät komme, erklärt, wie erfreut sie ist, eine Putzfrau ge­funden zu haben und zeigt mir, wo ich Wasser holen kann; den Müll habe sie bereits ausgeleert. Als ich mit einem Eimer Wasser und einem klapprigen Industrie­wischer aus dem Keller nach oben komme, breitet Di­nah ihr Liebesleben mit Helge vor mir aus und er­wähnt, dass sie versuche schwanger zu werden; es sei ihr egal, dass sie den Job dann aufgeben müsste, ob­wohl zur Zeit die Videothek ihr ‚Baby’ sei. Gelegent­lich streue ich ein „Mmh.“ oder ein „Aha.“ ein.

Weil kein Besen da ist, kann ich nicht fegen. Sobald es an einer Stelle trocken wird, ist der Boden dreckig braun mit meiner Wischspur gemustert. Dazu kommt, dass die große Fläche, plus Weg zum Ausgang, um den Eimer zu leeren, Weg in den Keller, um Wasser zu holen und die gelegentlich durch den Laden pirschen­den Kunden, einiges an Strategie erfordert. Meine Hände werden schrumpelig und der Rücken will nicht mehr. Klatschnass geschwitzt stehe ich, auf den Wischer gestützt, in einem Karree aus Regalen, die mit DVD-Covern gefüllt sind, und bin überzeugt, wenn ich noch eine hektische Bewegung mache, kippe ich um, wie beim Bratwurstbraten. Bis eben habe ich Dinah, die durch den leeren Laden trällert, interessiert zugehört, nun, da es um Kinder- und Erziehungsgeld geht, denke ich, na toll, ich hab ja nicht mal einen Freund.

Mein Wischer zieht schwungvoll feucht glänzende Achten, während ich die Möglichkeit habe, sämtliche Schauspielernamen auswendig zu lernen. Dinah er­klärt gerade schwärmerisch, dass sie ein Kinderbett und eine Sportkinderwagen in Polen kaufen will.

Das heißt, ihr Freund Helge soll die Sachen kaufen, er soll auch das erste Erziehungsjahr nehmen. Genau wie Alex. Schweigend nicke ich, die Hitze macht mich ganz träge und irgendwie habe ich Visionen, mir den Wassereimer vor meinen Füßen einfach über den Kopf zu kippen…

In ihren schlappenden Badelatschen mit Zehenriem­chen schlendert meine Chefin zur Eistruhe, während ich erneut den Lappen auswasche. Wie der gewischte Boden glänzend lehnt sie an der kühlen Wand, das runde, hübsche Gesicht und die strähnigen Haare zu einem kleinen Tischventilator geneigt, ein Fruchteis in der Hand.

Hey, Linda, mach Schluss für heute, du bekommst noch einen Hitzeschlag hier drin!“ ruft sie mir zu. Dankbar nehme ich den Vorschlag an und ein Eis aus der Kühltruhe. Sie schlägt vor:

Nächste Woche werde ich dich am Tresen einweisen, wenn du möchtest.“ Erfreut stelle ich den Wischer an ein Regal und frage:

Ist das dein Ernst?“ Der Wischer kippt um und räumt knallend einige DVD-Hüllen vom Regal. Dinah lacht, sie hat eine leuchtend rote Zunge von ihrem Lutschfinger.

Das wär toll, danke!“

Eis leckend hänge ich neben meiner Chefin in der leeren Videothek über dem Tresen und lausche schweigend dem Brummen der Kühlung. Wir kommen auf die Pornoabteilung zu sprechen, wahrscheinlich, weil uns die ganze Zeit ein großer nackter Po anguckt. Schulterzuckend bemerkt Dinah:

Frauen gucken sich da drin nur selten um, ich glaub, die haben genug eigene Fantasie. Oder einfach keinen Bock mit den männlichen Kunden in der Erotikabteilung zu stehen. Manche von den Kerlen sind irgendwie eklig. Kennst du den alten Sack mit der speckigen Frisur, der jeden Tag mit seinem Labrador kommt? Der wohnt in der gleichen Adresse, wie du.“ Ich schlucke schwer. Meint sie den Verrückten aus dem Erdgeschoss? Sie fährt fort:

Na, der wirft hier öfter Mal die Regale um. Wenn er mal keinen Anfall kriegt, leiht er immer zwei Kinderfilme und zwei Teeny-Pornos aus. Voll widerlich. Er bringt alle vier Filme am selben Abend zurück. Letzte Woche hat eine Mutter seinen Hund beobachtet, wie der ihren Kindern Angst gemacht hat. Der lief ohne Leine im Laden rum. An der Kasse hat sie ihn angesprochen, ob er sich seiner Verantwortungslosigkeit nicht schämen würde, vor allem wegen der Kinder.

Der hat gar nicht kapiert, dass sie den Hund meinte, hat sich voll ertappt gefühlt, ist rot angelaufen und ohne die vier Filme aus dem Laden gestürmt. Die Kundin war total irritiert und ich musste mir die ganze Zeit das Lachen verkneifen. Bisher hat er sich nicht wieder blicken lassen.“ Grinsend lässt sie den hölzernen, blank geleckten Eisstiel um ihre Finger wandern.

Noch ein Grund mehr für eine festere Tür. Oder den Umzug in einen Bunker. Sobald für einen Flug zu dem kürzlich neu entdeckten, erdähnlichen Riesenplaneten Freiwillige gesucht werden, bin ich dabei. Nichts wie weg hier. Die Erde wird dann sicher nur noch als Strafgefangenenlager für Mörder und Vergewaltiger genutzt, obwohl ich mir nicht erklären kann, weshalb man so was auch noch lagern sollte.

Soll ich uns schnell was zu Essen holen, vielleicht ein bisschen Obst?“; schlage ich vor. Dinah ist begeistert und wenig später essen wir auf dem Tresen sitzend Melone und Weintrauben, während wir Das Glücksprinzip und Lord of the War gucken. Obwohl wir uns so kurz kennen, fühle ich mich bereits freundschaftlich mit Dinah verbunden und erzähle ihr aufgrund der Zeltlager im Film von dem Plan, Campen zu fahren. Belustigt verzieht sie das Gesicht und gesteht, dass sie ein Problem mit der Natur hat:

Diese Viecher da überall, man kann sich nicht gescheit waschen und kein Essen kochen. Is mir auch zu langweilig.“

Etwas später betrete ich ein marmornes Haus und neben dem Eingang verströmen langstielige Lilien in einer gläsernen Vase ihren Duft. Ich sitze auf einem teuren Lederstuhl, als ich einen Dreißig-Stunden-Arbeitsvertrag mit fünf Euro zweiundfünfzig Stundenlohn unterschreibe, drei fünfzig weniger, als in der Videothek. Arbeitsschuhe und ein Blaumann werden mir aus einem Schrankzimmer von der dickliche Personalvermittlerin gebracht.

Tanja steht an der Kasse von Mango, sie bekommt so­eben zwei Tüten über den Tresen gereicht, während ich wie ein kleiner Pilz auf einem Ameisenhaufen ver­harre. Woher hatte Tanja bloß immer soviel Geld?

Und, wohin jetzt?“ fragt mich meine Freundin noch ehe sie ganz angekommen ist.

Bloß raus hier!“ Doch es wird nicht besser. Den El­lenbogen des Nachbarn in den Rippen, sitzen Tanja und ich zwischen kopftuchtragenden Frauen, die sich in fremder Lautstärke mit ihren Kindern und Ehemän­nern auf der kunststoffüberzogenen Bank gegenüber und im Rest des U-Bahnabteils unterhalten. Der Ge­ruch mischt sich aus süßlichen Parfums, östlichen Ge­würzen, hauptsächlich Knoblauch, und schwitzenden Fahrgästen. Auch meine Hose klebt am Hintern. Jetzt wird klar, warum die orientalische Gesellschaft um mich herum auf Handtüchern sitzt. Tanja und ich se­hen inmitten der vermummten Frauen äußerst freizügig aus und so fühle ich mich nackt, wenn ich versehentlich den Blick der Männer auffange. An der nächsten Station setzen sich zwei kraushaarige Männer gegenüber.

I am Joe and das iest meein Frreund Matt. Wie heissst ihrr?“ Genervt antworte ich:

Lass uns in Ruhe!“

Egal, wie oft wir die Bitte wiederholen, Joe, der grö­ßere und ältere der Beiden, bleibt nicht still. Er be­hauptet, sie kämen aus Hamburg. Matt wirkt durch seine Zurückhaltung sympathisch genug, um uns in Sicherheit zu wiegen, außerdem flüstert Tanja mir zu, er sei doch ganz süß. Ob sie sich inzwischen nochmal mit Alex getroffen hatte?

Die Fragen werden intimer und obwohl sie ohne Antwort bleiben, lässt Joe nicht locker. Als er dann freimütig fragt, ob wir beim Sex schreien würden, stehen wir auf und setzen uns am anderen Ende des Wagons. Joe und Matt folgen uns einfach und Joe setzt seine Rede fort. Eine ältere Frau mit einem IKEA-Beutel beobachtet uns wohlwollend, sicher meint sie, hier sähe sie ein gutes Beispiel für das multikulturelle Miteinander in Berlin.

Plötzlich beugt sich Joe nach vorne und legt mir seine speckige Hand mit langen Fingernägeln aufs Knie, um mir etwas zuzuflüstern. Ein Schwall Ekel durchfährt mich, ich will die Hand nicht anfassen, deshalb nehme ich mit festem Griff Tanjas kleine lederne Handtasche und schlage auf seine Hand und mein Bein ein. Er zieht sich sofort zurück. Matt und Tanja lachen, Joe guckt eher wütend. Die Frau mit dem IKEA-Beutel wendet sich schockiert von diesem Ausbruch von uns ab. Ich überprüfe die Handtasche, ob sie keinen Schaden genommen hat.

An der Station Ostkreuz springen wir zeitgleich auf und drängeln uns zur Tür hinaus. Ein breites Band eiliger Menschen schiebt uns den schmalen, baufälligen Bahnsteig entlang. Tanja und ich retten uns in die nächste Bar. Erregt und mit aufgerissenen Augen erzählt sie bei einem Kaffee von ihrer Arbeit in der Arztpraxis, während goldbraune Locken mit energischem Wippen jedes Wort unterstreichen:

Es ist so unfair, nur weil Karl Gabis Neffe ist, bevorzugt sie ihn! Karl bekommt gerade alle guten Aufträge. Ich muss schon seit zwei Wochen irgendwelche Abrechnungen machen, ich könnte kotzen!“

Warum fragst du Gabi nicht nach einer anderen Aufgabe?“, schlage ich vor und Tanja verzieht die Lippen.

Kann ich nicht. Ich will halt nicht rausfliegen.“

Ist es ansonsten, wie du es dir erhofft hast?“

Tanja sagt nichts weiter dazu, als dass der Fahrtweg günstig ist, nur zehn Minuten. Fast habe ich den Eindruck, sie verheimlicht mir etwas. Dann vermittelt sie mir noch einen Aushilfsjob als Perlenwäscherin bei ihrem Ex für zwölf Euro die Stunde, woraufhin ich sie nach Rostock einlade.

Vor meiner Haustür parken etliche Polizeistreifenwa­gen, was ich interessiert zur Kenntnis nehme, dem aber keine weitere Bedeutung zumesse.

Als ich die kleine Tür zum Seitenflügel öffne, kommen mir im frisch verputzten Treppenhaus zwei gut gekleidete Männer mittleren Alters entgegen, die mich skeptisch mustern. Ich grüße höflich und die Männer nicken mir im Vorbeigehen zu, während sie ihre Aktentaschen fest umklammern.

Vor Müllers Wohnung in der ersten Etage belagern unzählige Polizeibeamte das staubige Treppenhaus, wo die Kabel von den Wänden pendeln, und äugen neugierig in die offensichtlich aufgebrochene Wohnung. Zögernd steige ich die Stufen empor und sehe über die Köpfe der Beamten hinweg in Müllers Küche, wo Müller, anscheinend ziemlich betrunken, von stöhnenden und lachenden Polizisten angehoben wird, während Zivilisten schon beim Heraustragen der Einrichtung sind. Ich würde ihm gern helfen und wenigstens seinen Besitz festhalten, doch als ich einen der Entrümpler anspreche, behauptet der, die Sachen gehörten dem Mann nicht mehr und trägt Müllers Saxophon die Treppe hinunter. Trotz aller Gegenwehr wird er aus den leeren Wänden mitgenommen, dabei krakeelt er undeutlich, man solle die Finger von ihm lassen, ob die überhaupt wissen, wer er sei und seine Freunde kämen, was die Staatsbeamten nur noch mehr belustigt.

Was hat er angestellt?“, frage ich den Polizisten, der mir am nächsten steht. Schulter zuckend und doch freundlich antwortet er:

Räumungsbefehl. Wahrscheinlich Mietschulden.“

Damit wendet er sich zum Gehen und folgt dem die Stufen hinunter polternden Trupp. Wie ein Mörder wird Müller abgeführt, dabei hat er lediglich für eine Wohnung, bei der die Wände feucht und die Dielen morsch sind, ein paar Mal die Miete nicht bezahlt.

Hinter Brandenburgs Tür rasselt es leise, sicher die Kette vom Türschloss; abwartend bleibe ich stehen und drehe mich um. Nichts rührt sich auf dem Absatz unter mir.

Kannst rauskommen, die Luft ist rein.“, sage ich laut in die Stille.

Erst höre ich ein zartes metallisches Klicken hinter der Wohnungstür, dann erschüttert ein ohrenbetäubender Knall die Wände und Schutt prasselt auf die Stufen. Ich erstarre vor Schreck oder weil ich glaube, wenn ich wie eine Statue stehen bleibe, bemerke mich niemand und so könne mir nichts passieren. Hat Brandenburg sich erschossen?

Mit weichen Knien schleiche ich die Treppe hinauf. Neben mir öffnet sich die Tür und Sebastian zieht mich in seine Wohnung.

Pssst!“, macht er, bevor ich etwas sagen kann und legt mir seine große, warme Hand über den Mund. Regungslos warten wir im Flur neben einem Haufen schmutziger Wäsche und einem Stapel leerer Medikamentenverpackungen, von denen ich annehme, dass Sebastian sie aus dem Treppenhaus mitgenommen hat, um sie zum Verpacken seines Grünzeuges zu benutzen. Meine Hände sind feucht, meine Ohren glühen und aus meinem Brustkorb hallt rhythmischer Trommelschlag. Ob die Aufregung durch den gefallenen Schuss oder Sebastians Nähe ausgelöst wird, verliert an Bedeutung, als uns ein weiterer Schuss in den Ohren dröhnt.

Unter Umständen wäre ich in Panik ausgebrochen, aber ehe ich dazu komme, wird die Badtür lautlos von der nackten, nassen Wasserstoffblondine aufgerissen. Sie scheint von meiner Anwesenheit nicht angetan zu sein. Ich bin es auch nicht. Auf pink lackierten Zehenspitzen schwebt sie auf Sebastian zu und flüstert mit russischen Akzent:

Er hat durch den Boden im Bad geschossen, aber ich bin unverletzt. Er hört uns!“

Sie hält uns eine zerknitterte Patronenhülse unter die Nase und wechselt einen Blick mit Sebastian, den ich nicht richtig deuten kann, der mich aber sehr an verschwörerische Blicke aus Gangsterfilmen erinnert. Sebastian raunt fasziniert:

Kaliber neun Komma sechs aus einer G sechsund-dreißig, krass, ey.“

In Todesangst starre ich den Fußboden unter meinen Füßen an. Um mich in meiner Wohnung eine Etage höher zu verschanzen, öffne ich, ohne zu fragen, die Wohnungstür. Davor steht Herr Brandenburg. Der Widerhall von der Hausmauer klingt wie mein eigener Angstschrei. In dem Augenblick stürzt Sebastian an mir vorbei auf Brandenburg zu und rüttelt ihn, in der Luft haltend wie einen Cocktailshaker, während er ihn anbrüllt, was in ihn gefahren sei. Von Brandenburg kommt kein Ton, dafür weht eine ordentliche Fahne herüber, zudem scheint er unbewaffnet zu sein.

Die Blondine hat sich inzwischen einen kurzen Bademantel über ihre üppige Ausstattung geworfen und drängt sich in den Hausflur. Brandenburg nuschelt mit weißen Lippen und zusammengekniffenen Augen, dass es ihm leid täte und er uns nicht erschrecken wollte. Mitfühlend klopft Sebastian ihm auf die Schulter und Brandenburg grinst verlegen.

Nimm ihm die Waffe ab, Basti.“, verlangt die Blondine eindringlich mit ihrem osteuropäischen Charme; vermutlich passiert da, wo sie herkommt andauernd so was; ihre ebenfalls pink lackierte Hand über Sebastians Rücken gleiten lassend, worauf dieser lässig fragt:

Wo hast du sie?“, und Brandenburg hinunterzeigt, während er seine verquollenen Augen nicht vom Bademantel der Unbekannten abwenden kann. Die künstliche Blondine schmiegt sich unter Sebastians starken Arm. Ohne ein einziges Mal zu stottern, ordnet Sebastian mit drohendem Unterton an:

Hol sie, na los, Heinz. Du weißt, dass du dafür in den Knast gehen könntest.“ Unsicher von einem Bein auf das andere tretend, beteuert Brandenburg, nicht ins Gefängnis zu wollen und keine weitere Munition zu haben, womit die Waffe nutzlos sei, dabei sieht er aus, als ob er das sehr bedauern würde. Sebastian entlässt den Alten mit einem Schulterklopfer.

Sollten wir nicht sicherheitshalber die Polizei verständigen?“, frage ich, doch die Blondine ist vehement dagegen und Sebastian winkt ab. Er erklärt mir, dass die Polizei sowieso bald käme, wenn Brandenburg nicht aufhöre, sich über die Hausleitung illegal anzuschließen, eine Anzeige wegen Diebstahl und Sachbeschädigung habe er bereits und mehrmals wäre ihm die Leitung wieder gekappt worden. Es sei sogar schon ein Fernsehteam hier gewesen, um den Stromdieb zu überführen. Dabei sei bekannt geworden, dass er seit zwei Jahren auch Müller mit versorgt hatte. Abschließend sagt Sebastian:

Unsere neuen Vermieter haben Doktortitel und einer der Herren ist Anwalt, da steht der Gerichtsvollzieher schneller vor der Tür, als man gucken kann und im schlimmsten Fall ergeht es Brandenburg wie Müller. Ohne Strom und Gas kommt Brandenburg bestimmt klar; Wasser und die Öfen hat er ja noch.“

Carmen, Müller, Brandenburg, die sind mir egal, ich denke nur: Scheiße, Sebastian vögelt Barbie.

Karat schmettert aus den Boxen. „Der blaue Planet“: „…kein Gott hilft, unsere Welt zu erhalten…“ Es reg­net nicht. Die Bauern befürchten Ernteausfälle, die Fi­scher müssen Notangeln und etliche Wälder brennen. Das Brandenburger Land sieht aus, wie der Serengeti-Nationalpark, bis auf den Oderbruch, da könnte man Mangrovenwälder pflanzen.

Ein metallisches Geräusch lässt mich zum Fenster gehen. Davor läuft die Ringeltaube auf dem Gerüst herum und pickt nach Mörtelstückchen, woher das metallische Klacken rührt. Im Nest sitzen zwei struppige Küken und fiepen nach ihren Eltern. Sofort kommt Mama oder Papa über die Dächer herangeeilt, landet auf dem Gerüstvorsprung und würgt Essen hoch. Die Kleinen stecken ihre Köpfe auf den elterlichen Schnabel. Plötzlich steht das Armband-Mädchen vor mir auf der anderen Seite der Scheibe. Um sie willkommen zu heißen, reiße ich das neue Fenster auf, wobei das Mädchen beinahe vom Gerüst stolpert.

Komm doch rein.“, bitte ich und strecke ihr die Hand entgegen. Zögerlich kommt sie auf mich zu und springt dann in mein Zimmer, ohne nach der Hand zu greifen. Ihre Arme sind bis zu den Ellenbögen mit bunten Bändern umwickelt und wieder habe ich den Eindruck, dazwischen bewege sich Etwas.

Wie heiß du?“, frage ich als sie in meinem Zimmer steht.

Veronika.“, antwortet sie mit einem rollenden R und betrachtet meine Postkarten von allen Seiten.

Ich bin Linda.“, stelle ich mich ungefragt vor. Vertieft in die Postkarten sitzt das schmuddelige Kind in meinem Bett und schweigt.

Wie alt bist du?“, versuche ich noch einmal eine Unterredung anzuleiern.

Acht.“, antwortet sie verträumt und fragt:

Bist du da überall schon gewesen?“

Nicht überall.“, antworte ich und weil ich das Gefühl habe, sie hätte nichts dagegen, erzähle ich:

Die Karten sind von Freunden. Die Meisten sind allerdings von meiner Mutter.“ Die Kleine erkundigt sich:
„Wo ist denn deine Mama?“, worauf ich betont und mit passendem Gesichtsausdruck die Schultern hebe.

Meine Mutter mag mich nicht, weil ich ihr im Weg bin.“, flüstert Veronika in meine Bettwäsche, wobei sie ihren dreckigen Mund daran abwischt, und hängt an, wie auswendig gelernt:

Ich wohne bei meiner Tante.“

Verbrüderungssüchtig rufe ich aus: Ich wurde einfach bei den Großeltern abgegeben!“ Die kindlichen Gesichtszüge versteifen sich erwachsen und sie nickt verständnisvoll. Schuldbewusst hänge ich an:

Aber so schlimm war es da nicht. Außerdem ging es nicht anders, es war ja wegen der Arbeit…“ Das Mädchen schüttelt die filzigen Haare und schwört mit erhobenen Fingern:

Das sagen Erwachsene immer, aber es ist eine Lüge. In Wirklichkeit feiern sie Partys, trinken ganz viel und haben uns vergessen. Wenn ich groß bin, verlasse ich meine Kinder nie.“ Klingt merkwürdig aus dem Mund einer Achtjährigen.

Du denkst schon über Kinder nach?“, hake ich belustigt nach. Kichernd wirft sie mein Kopfkissen nach mir und schnaubt:

Quatsch, dafür bin ich doch noch viel zu klein!“
„Bist du auch zum Waschen zu klein?“, will ich wissen und Veronika quiekt schrill:

Das mag ich nicht!

Nachdem ich einige Argumente anbei gezogen habe, die auf den Punkt gebracht alle sagen: ‚Wenn du stinkst, hast du keine Freunde.’, begleitet mich Veronika durch die Küche, wo uns Ulrike eine Weile aufhält, ins Bad. Das Anheizen des Badeofens bereitet ihr einen Mordsgaudi. Sie legt die kleine Schlange, die sie um den Arm trägt, auf den noch kalten Ofen und erklärt:

Nattern mögen es warm.“

Die Natter hebt den Kopf und reckt ihn über den Rand, um einen Weg zum Davonkriechen zu finden. Als Veronika sich Ausziehen soll, wird sie borstig, wie Oma sagen würde. Das Oberteil lässt sie sich gerade so noch abschwatzen, will aber Unterhemd und die Hose nicht hergeben. Da Diskussionen nur zeitraubend sind, seife ich sie von den schwarzen Füßen bis zur Kopfhaut samt Unterhemd, Armbänder und Hose ein, eine braune Brühe schlängelt sich in Richtung Abfluss und als ich den Eindruck habe, mit noch mehr Seife auch nichts mehr retten zu können, schraube ich ein Stück Schlauch an den Wasserhahn und dusche die Kleine ab.

Beim albernen Abtrocknen fällt mir eins der Armbänder ins Auge, das neuer aussieht und mit dem Namen ‚Veronika‘ bestickt ist, auf die gleiche Art, wie das aus der Bierbüchse mit dem Namen ‚Philip‘. Gerade als ich Veronika frage, ob sie vielleicht einen Philip kennt, schließen Hagen und Daniel die Wohnungstür auf. Veronika flüchtet in mein Zimmer und in klatschnassen Klamotten zum Fenster hinaus. Mit dem Handtuch noch in den Händen laufe ich in ihrer Tropfspur hinterher und in Daniel und Hagen hinein.

Mit wem hast du gesprochen?“, erkundigt sich Daniel, mit allerhand Gerümpel bepackt, und ich habe einige Mühe, ihn zu überzeugen, dass ich allein bin.

Okay. Ich führe gelegentlich auch Selbstgespräche.“, meint er schmunzelnd und lässt seine Beute auf den Küchenboden fallen. Mit verschränkten Armen und einem halbwegs grimmigen Gesichtsausdruck, den Hagen wahrscheinlich nur zu besonderen Anlässen auspackt, grollt er:

Das lag alles vor dem Haus neben dem Bauschutt, Alter. Du kannst doch nich einfach unsere Sachen auf den Müll schmeißen!“ Ich verteidige mich verzweifelt:
„Es ist doch wegen der Kohlen!“ Kopfschüttelnd räumt Hagen ein:

Sicher, das ist ja auch ganz toll, trotzdem hättest du uns erst mal fragen sollen, bevor du unseren Keller leer räumst, Alter!“ Mit einer Mischung aus Erstaunen und Empörung ziehe ich die Augenbrauen hoch und frage zynisch:

Unseren Keller? Hör mal, das ist mein Keller, weil ich das kleinste Zimmer habe!“ Jetzt wird Hagen wütend und er erkundigt sich ebenso zynisch:

Dein Keller? Mein verfluchter Kram liegt schon seit drei Jahren da unten, Alter, solange wohnst du hier noch nicht mal!“ Dann kann der Kram ja nicht so wichtig gewesen sein. Daniel unterbricht uns fröhlich:

Das war echt knapp! Fast wäre mein altes Surfbrett auf dem Müll gelandet!“ Stolz zieht er ein graugelbes, mit silbernem Isolierband umklebtes Surfbrett aus dem Haufen hinter dem Küchentisch. Er lehnt sich mit dem Arm auf das ihm gerade bis zum Bauch reichende Brett und erklärt:

Darauf habe ich surfen gelernt. Wir waren zu neunt mit den Zelten in Polen an der Ostsee, nur die Eltern eines Freundes waren als Aufsicht dabei, aber die waren cool. Von morgens bis abends waren wir im Wasser, Mann, war das geil.“

Wahnsinn, dass du das noch hast. Es sieht nicht aus, als ob du damit noch surfen könntest.“ Hagen lacht verhalten und Daniel gibt zu:

Schrottreif ist es wirklich, aber ich hänge echt dran.“ Ich sehe mich auf dem Küchenfußboden um, der mit Schuhkartons, einem muffigen Teppich und allerhand undefinierbaren Holzteilen bedeckt ist.

Was ist das alles? Soll das als Feuerholz dienen?“, erkundige ich mich, nicht ohne zu befürchten, dass ich Daniel damit vor den Kopf stoße. Er geht auf meine Frage nicht ein, denn seine gesammelten Erinnerungsstücken begeistern ihn zu sehr, und verkündet nachdrücklich:

Keine Sorge, Linda, ich räum’ das alles auf. Und danach mache ich sauber, versprochen. Außerdem habe ich von Brandenburgs Ausraster gehört und wollt noch sagen: Schön, dass es dir gut geht.“ Dabei tätschelt er mir sanft die Schulter. Sebastian betritt unsere WG. Seine Wasserstoffblondine hat er anscheinend zu Hause gelassen. Ich stelle die Teegläser auf den Tisch, Daniel bietet Hanfplätzchen an und so sitzen wir, jeder an einem Keks knabbernd, bald grinsend am Esstisch.
„Und, wie war euer Ausflug?“, versuche ich ein Gespräch in Gang zu bringen. Hagen fummelt an seinem Zopf herum und behauptet:

Das is nicht so interessant, Alter.“ Neben ihm hebt Daniel seine hängenden Augenlider und verkündet:

Wir haben echt einen alten Kahn geschenkt bekommen! Den nehmen wir beim nächsten Mal mit. Du musst ihn dir ansehen, Linda. Wir stellen ihn bei Alex aufs Grundstück und restaurieren ihn. Was meinst du?“

Obwohl ich etwas beleidigt bin, weil Hagen mir nichts von ihrem Ausflug erzählen will, meine ich fröhlich:

Cool, ich seh uns schon auf einem Mississippi-Dampfer die Spree hinuntertuckern…“

Sebastian übertreibt bei der Schilderung unseres Überlebens, indem er aus den zwei Kugeln einen ganzen Kugelhagel macht, wobei mir die Angst erneut den Magen einfriert.

Anschließend kommen wir noch einmal auf den Keller zu sprechen. Weil Sebastian auf die Frage hin, wo wir die Kohlen bestellen werden, seine Zweifel an dem Projekt anmeldet, kommt heraus, dass nicht er, sondern die Hausverwaltung unseren Keller ohne Ankündigung leer geräumt hat.

Ich musste meine Pflanzen zu einem Freund bringen, sonst wäre ich jetzt im Knast. Ich ziehe zu ihm, Alter, der Aufhebungsvertrag greift zum Monatsende. Da- das lasse ich mir nich bieten.“ Hoffentlich überlegt er sich das noch mal. Gut, dass Sebastian zu einem Freund und nicht zu einer Freundin oder Ehefrau ziehen will. Warum machen wir es nicht wie die Autonomen, hängen Bettlaken mit unserer Meinung auf und mauern den Eingang zu? Ich habe ein gutes Gefühl. Alles kann werden. Daniel weckt mich, als Sebastian bereits gegangen ist, wie ich erschüttert feststelle.

Gib mir nie wieder einen von deinen Keksen!“, zicke ich ihn an. Er verspricht, das nie wieder zu tun und fragt:

Was machen wir jetzt, da du wieder wach bist?“

Ohne in Überlegungen zu verfallen, zucke ich mit den Schultern. Daniel schließt die Konsolen für die Playstation an. Anschließend spielen wir mehrere Runden in seinem Zimmer auf dem Bett liegend gegeneinander, bis es mir reicht, jedes Spiel gegen Daniel zu verlieren. Es würde friedlich wirken, donnerte nicht irgendwo im Haus ziemlich lauter Punkrock aus den Lautsprechern. Schön, dass Strom so laut sein kann.

Eigentlich wollte ich mit Sebastian und Clarice auf ein Konzert…“, fange ich an. Zurückgelehnt den weiß ich wievielten Joint rauchend, fixiert mich Daniel und stellt fest:

Na, da hat sich aber jemand verguckt…“

So ein Quatsch! Ich war nur noch nie auf einem Konzert. Darum geht’s auch gar nicht. Sebastian ist total merkwürdig.“ Daniel sagt nichts und ich seufze:

Okay, kannst du mich wenigstens mal aufklären, was das mit dieser Clarice nun ist?“ Während er die Asche seines Joints am gläsernen Rand des Aschenbechers abrollt, dass die Härchen auf seinem Handrücken golden im Licht einer kleinen Tischlampe leuchten, sagt er in Zeitlupe:

Aach, da brauchst du dir keinen Kopf zu machen. Sie ist nur…“ Daniel nimmt mich liebevoll in den Arm.

Na ja, am besten fragst du ihn selbst, wie er für sie empfindet. Ich häng mich ungern in so was rein.“ Ich denke nur, alles klar, wenn Sebastian mit mir flirtet und gleichzeitig eine Andere flachlegt, ist er ein Arsch. Und heute hat endlich Maria mal wieder Zeit für mich.

Die Sonne versteckt sich langsam hinter den anten­nenbestückten Hausdächern, im Radio läuft Michael Bubble, ich schlürfe, in der Wanne liegend, einen selbstgemixten Cocktail. Durch die geschlossene Tür fragt Daniel aus der Küche, ob er mir auch ein Bauer­nomelett braten soll.

Na klar, danke!“, rufe ich zur Antwort. Anschließend ziehe ich ein schwarzes, im Zwanziger-Jahre-Stil ge­schnittenes Kleid an, das meine Oma genäht hat. Auf dem Rücken schimmert ein Schmetterling als Fassung der Kreuzträger. Heute Abend werden Marias Studi­umskollegen ebenfalls da sein, deshalb putze ich mich heraus, sie soll sich mit mir nicht blamieren. Während sich Daniel dem Abwasch widmet, fragt er, wofür ich mich so schick gemacht habe.

Ich gehe zur Party der Berufsakademiker im Safe, wo ich hoffentlich bis zum Morgengrauen tanzen werde. Was machst du noch?“ Ohne zu überlegen, behauptet Daniel überzeugend:

Ich werde meine Glasmurmelsammlung nach Farben und Größe sortieren. Sei vorsichtig mit dem Gesocks im Safe. Amüsier dich und grüß Maria von mir.“

Mach ich, dir auch viel Spaß! Bis morgen!“ Zügigen Schrittes verlasse ich das Haus.

Mit hochgestecktem Haar steht Maria im Dallaslook schon unten am Aufstieg des bleigläsernen S-Bahn-Überganges und erkennt mich selbst auf drei Meter Entfernung nicht, weil sie ihre Brille nicht auf hat.
„Hi, da bin ich!“ rufe ich etwas zu laut und Maria macht mich darauf aufmerksam, dass sie zwar blind, aber nicht taub sei und sagt:

Aber ich freu mich auch, dich zu sehen. Wollen wir?“

Die Arme trotz des Größenunterschiedes eingehakt (sie ist kleiner- macht selbst darüber den Witz, dass sie im Auto einen Kindersitz bräuchte), schreiten wir durch einen stockfinsteren Park unter dem Stahlskelett einer Halle hindurch. Maria hält wegen des sinkenden Mutes ihren Finger im Stift der Pfefferspraydose zugbereit. Ich glaube zwar nicht, dass außer uns noch jemand diesen dunklen Weg gewählt hat, beobachte aber jeden Schatten zum Angriff gewappnet, weil mein Glaube nicht bis zu meinem flauen Magen reicht.

Gruß von Daniel, soll ich ausrichten.“, spreche ich in die Dunkelheit.

Ah, danke, grüß ihn zurück. Der perfekte Hausmann. Aber ich bleib mit Olaf zusammen, solange, wie ich das Computerproblem habe.“, kichert Maria.
„Verstehe. Daniel kennt sich mit Computern auch super aus.

Wie sieht’s aus: Hast du Lust, mit nach Rostock zu fahren?“ Sie denkt angestrengt nach.

Mal sehen, ob ich frei kriege. Wann soll es denn losgehen?“ Schulter zuckend antworte ich:

Wollte nur wissen, ob du überhaupt Lust hast. Wir fahren mit Daniels Bus und schlafen im Zelt.“ Lachend erwidert Maria, sehr zu meiner Erleichterung:

Klingt cool! Ich war schon ewig nicht mehr zelten. Wird mal wieder Zeit. Sag mir rechtzeitig Bescheid, wann es losgeht!“

Wir gehen zum „Anfeiern“ zu Marias Arbeitskollegen André. Ich wundere mich im Hausflur über die Stille, die gar nicht nach Party klingt. Ein blasser Typ namens André, der sein unscheinbares Äußeres mit einer farblosen Kombination aus Jeans und Hemd unterstreicht, öffnet uns die Tür. Der kleine Flur ist voller Schuhe und Rucksäcke. Vielleicht legen die gerade eine Schweigeminute ein? Ich höre keinen Laut. André sagt, wir sollen unsere Schuhe ausziehen und im Bad das Licht nicht anlassen, weil sonst die ganze Zeit die Lüftung läuft. Dabei drückt er einen Schalter neben einer kleinen Tür im Flur hoch und runter, um uns zu demonstrieren, wie man das Licht ein- und ausschaltet. Maria und ich nicken beflissen und werfen unsere Schuhe auf den Haufen. Unser Gastgeber bittet uns in einen großen Raum.

Ist ja völlig kahl hier!“, flüstere ich Maria zu und meine die hohen, gletscherweißen Wände. Wir werden empfangen, ich werde von oben bis unten gemustert und dann ignoriert. Irgendwie will ich gehen, setze mich aber auf die cremefarbene Couch, die in zehn Meter Entfernung an der Wand steht, als ob ihr ein Erschießungskommando zu Leibe gerückt wäre. Leise spielt Musik, die ich nicht leiden kann. Erst Madonna, dann Cher und alles elektronisch verzerrt. Bananenstaudenähnlich um den Esstisch gequetscht, drängen sich die Anwesenden stehend um vier Sitzenden.

Auf dem Tisch sind Bierflaschen zu erkennen, ich bin erleichtert, das zu sehen, so eigenartig können die Studenten dann ja nicht sein. Inzwischen sitzt Maria bei einem Chris auf dem Schoß und ich bin gezwungen, mir einen anderen Gesprächspartner zu suchen. Links von mir dreht es sich um die fertig zustellende Semesterarbeit, rechts lösen sie ein Laptop-Problem, nur André, der Wohnungsbesitzer ist gerade am Kühlschrank und holt Bier. Ich komme mir dumm vor, weil mir auffällt, dass ich keinen Motor konstruieren kann und vom Programmschreiben auch keine Ahnung habe. André bemerkt mich und fragt höflich:

Was möchtest du trinken?“

Ich nehme ein Bier und er erzählt mir stolz, wie er die Wohnung mit seinem Vater in dieses modische Loft verwandelt hat. Er betont, dass alles echter Ahorn ist. Ich erkundige mich, wie es sich wohnt, mit der Küche im Schlafzimmer und ohne Möbel. André guckt verdutzt und erklärt mir, dass er sich sehr wohl fühlt, weil er soviel Platz hat. Und mitten im Gespräch sagt er auf einmal:

Weißt du, dass du wunderschöne Augen hast?“ Oh nein, denke ich und sage:

Danke.“ Ich werfe Maria einen Hilfe suchenden Blick zu, doch sie ist mit Chris beschäftigt, welcher fasziniert in ihrem Dékoilltee versinkt. André schlägt der Runde vor:

Wir sollten losgehen, sonst ist die Schlange zu lang.“ Obgleich man sich die Schar kaum tanzend vorzustellen vermag, stimmt sie ihm zu und wir brechen auf. Eine Menschengruppe steht unförmig Schlange. An einem Klapptisch sitzt ein munterer Student, der den Eintritt kassiert und Hände abstempelt. Die Stempel sind nicht mehr bunt, sondern unsichtbar, man sieht sie nur im Schwarzlicht. Als ich zuletzt in einer Disco war, war es viel zu voll. Deshalb konnte ich nicht tanzen, habe ständig meine Leute aus den Augen verloren und an der Bar musste man noch länger anstehen, als an den Toiletten. Bis bis auf die Stempel hat sich nichts geändert.

Maria kämpft sich vor mir an die Bar. Kurze Zeit später halten wir beide ein Bier in der Hand und lehnen am Tresen.

Zwei gut aussehende Kerle steuern auf uns zu! Lass uns warten, ob sie uns ansprechen!“

Ich folge Marias Blick und erblicke James Dean in Begleitung eines älteren Doppelgängers. Beide Männer tragen eine Tolle, Hemden mit riesigen Aufnähern und Gürtel mit erschlagenden Koppeln. Während ich abwarte, wirft Maria einen Blick zu Chris, der an der Bar steht und mit dem Barkeeper streitet, bevor sie die beiden Rock´n Roller anspricht:

Na ihr zwei Rancher?“.

Ich bin Markus, das ist mein Kumpel Richard. Tanzt ihr bei ’nem passenden Song mit uns?“, stellt sich der Ältere vor.

Klar!“, erwidert Maria und bleckt bei einem breiten Lachen ihre weißen, leicht hervorstehenden Zähne. Der passende Song kommt den ganzen Abend nicht. Markus flüstert ihr etwas ins Ohr, worauf sie mir zuzwinkert und eingehakt bei ihm eine Lücke in der Meute am Tresen sucht. Meine Hand nehmend, lächelt mich Richard an.

Hi Linda. Schön dich wieder zu sehen. Ich hab dich nicht vergessen.“ Davon bin ich ausgegangen.

Du hast wunderschöne Augen!“, übertönt Richard Silbermond. Ich verdrehe die zum zweiten Mal am heutigen Abend umschmeichelten Sehorgane genervt, bevor ich ihm meine Hand entziehe.

Fällt dir nichts Besseres ein?“

Was möchtest du denn gern hören. Baby?“ Ich schnaube:

Es geht doch nicht darum, was ich hören will.“ Richard lächelt trotz meiner Zickigkeit noch immer verführerisch.

Okay, Linda. Ich finde wirklich, dass deine Augen wunderschön sind, aber wenn das nich einfallsreich genug ist, sag ich dir eben, dass ich dich sehr interessant finde.“ Zufrieden gebe ich ihm meine Hand wieder und genieße, wie er mit seinem Daumen darüber streicht. Die Scheinwerfer reflektieren sich in bunten Streifen auf Richards Frisur. Maria ist nirgends zu entdecken.

Richard rückt näher an mich heran und erzählt vom Konzert einer Band, die ich nicht kenne. Ob Sebastian manchmal an mich denkt? Richard beschreibt hingerissen, wie bei dem Auftritt ein Bandmitglied auf dem Kontrabass stehend gespielt hatte und dass ein echter Pfarrer der Sänger von ‚Reverend Horton Heat’ ist.

Das klingt aufregend und ich halte mein Leben für noch langweiliger, als bisher. Hoffentlich bemerkt er nicht, wie uninteressant ich bin.

Wenn er sich vorbeugt, weht ein sanfter Duft von Duschbad herüber, den ich genüsslich einatme. Kraftvoll, dass ich seine Halsschlagader sehen kann, erzählt er:

„…arbeite im Laden, …Dirtbike fahren oder Down Hill,… was Eigenes, was ist mit dir?“ Die Musik ist laut und ich verstehe nicht alles, was Richard sagt.

Meine Naturliebe erwähne ich versehentlich, als er gesteht, wie viele Stunden er in sein ‚Bike’ investiert und Richard flüstert mir ins Ohr:

Du bist schon eine süße Waldelfe.“. Erleichtert, dass er mich nicht für eine Nullachtfuffzehn-Ökotante hält, tanzen wir dann doch, aber eigentlich mehr, um uns die Beine zu vertreten. Markus ist inzwischen gegangen. Maria macht sich ungeduldig bemerkbar und Richard greift zu seiner Lederjacke. Auf dem Bahnsteig trennen sich die Wege, wobei André mich zu meiner Belustigung betont ignoriert, indem er uns den Rücken zukehrt. Maria zieht mich beiseite und kichert:
„Na, da hast du ja `nen guten Fang gemacht! Erzähl mir nächste Woche, wie´s gelaufen ist, ja?“

Mach ich. Denk an Rostock und an Olaf!“ Sie nickt mit einem zweideutigen Grinsen. Etwas angetrunken zieht sie mit Chris los, damit er sie heil nach Hause bringt oder so. Ich fand den Rockabilly besser. Zum Abschied werfe ich ihrem Verehrer einem warnenden Blick á la: Lass bloß die Finger von ihr!“ zu. Mir ist klar, dass Chris ziemlich süß ist und Olaf eher ein Langweiler, trotzdem wünschte ich, Maria würde Letzterem erst reinen Wein einschenken. Die Kommilitonen steigen ein. Eilig verabschiede ich mich von dem überraschten Richard, indem ich ihm kurz die schlaffe Hand drücke, wie einem Arbeitskollegen. Gerade, als ich einsteigen will, hält er mich fest, beugt sich nach vorn und küsst mich fordernd. Mir schlägt das Herz bis zum Hals und ich habe weiche Knie.

Bekomme ich deine Nummer, oder verschwindest du einfach wieder?“, raunt er mir ins Ohr. Glücklich lege ich zur Antwort meine Arme um ihn. Er schließt mich mit seiner Umarmung ein, legt seine Lippen an meine Stirn und zieht den Duft meiner Haare (Shampoo und Zigarettenqualm?) geräuschvoll durch die Nase ein. Ich komme mir so begehrenswert vor. Ich gebe ihm meine Nummer und nehme die nächste Bahn.

Monoton sitze ich seit einer Woche von Sechs bis Vierzehndreißig neben Özlem an unserer Werkbank, den Kopf über die Lupe gebeugt, die Hände rasant za­ckig immer wieder dieselbe Bewegung machen las­send: Die rechte Hand tätigt den Zugriff mit Daumen und Mittelfinger, vier Nachfüllpacks Rasierklingen dazwischen, dann hebt die Linke unter der Sichtungs­hilfe jede Packung einzeln an, klack, klack, klack, sind alle angesehen und ist kein Fehler dabei, dann, zack, zurück in den Tray, ansonsten auswechseln und im Protokoll die Produktnummer eintragen. Weil wir im Container hinter einer Glasscheibe sitzen, versu­chen die Männern, die mit elektrischen Gabelstaplern in der großen Halle herumflitzen, die ganze Zeit, mit uns zu flirten. Für diese Arbeitsumstände sieht Özlem auch wirklich toll aus und ich geniesse die Aufmerk­samkeit scheint ja die einzige zu sein, die ich kriege.

Gegen meinen Anflug von Liebeskummer oder Ver­nachlässigung, gehen wir in der Pause in den Keller. Der Geruch des Marihuanas vermischt sich mit dem frischen Leders von den ungebrauchten Stemmbänken und Getriebeöl aus den Poren der Fabrik. Wir stehen kichernd hinter einem Fitnessraum unter dicken gelb lackierten Rohren. Verschiedenfarbige Linien auf dem Boden zeigen an, wo sich wer aufhalten darf. Auf dem Ausweis, den wir immer bei uns tragen müssen, nachdem wir ihn beim Pförtner abgeholt haben, ist ein gelber Punkt. Die für uns geltende gelbe Linie endete hinter dem Eingang des Sportraumes, weshalb ich befürchte, dass irgendetwas Schlimmes passieren könnte, obwohl wir seit Tagen hier unten pausieren und nie jemandem begegnet sind.

Ein stetiges Rauschen in den Rohren erinnert an die über uns ratternden Maschinen. Oben kann man sich kaum verständigen, deshalb gibt es einen Handzeichenkatalog und an jeder Ecke Ohrstöpselspender. Um den sonstigen Lärm zu übertönen, piept der Kronekran, welcher gelegentlich die Maschinenführerhäuschen durch die Luft schwebend an einen anderen Platz verstellt, dass man einen zehnminütigen Tinitus davonträgt. Nicht ohne Verlegenheit übergebe ich Özlem eine Auswahl meine Fotos, die sie einem Bekannten, dem Inhaber einer Fotogalerie zeigen will. Özlem sieht sich langsam meine Fotos an und reicht mir die Augentropfen.

Wahnsünnisch schön. Endgeil, ehrlisch. Mit mehr nackte Haut kommen deine Fotos hundertpro rüschtüsch geil an.“, meint sie.

Skeptisch sehe ich sie an.

Woher soll ich denn nackte Haut bekommen?“, frage ich sie, worauf sie sich sofort anbietet, nur leicht bekleidet zu klettern.

Hey, cool, das wird bestimmt super!“ Den ausgedrückten Stummel des Joints steckt Özlem ein und sagt wie jeden Tag:

Das war der Letzte. Ab morgen lassen wir den Scheiß.“ Ich stimme pflichtbewusst zu, während wir die Treppe hinaufgehen. Zwei Mitarbeiter kommen uns entgegen und obwohl ich schwören könnte, dass wir eine Schwade Hanfgeruches mit uns ziehen, grüßen sie freundlich, als würden sie nichts riechen.

Nachdem wir auf einer unübersehbaren Leuchtschrifttafel gelesen haben, wie viele Tage der letzte Betriebsunfall her ist, schrillt plötzlich der Alarm los, orange Warnlichter drehen sich hektisch und die Tagesanzeige geht auf Null zurück. Özlem lacht und will herausfinden, was passiert ist. Wir durchschreiten eine Stahltür und das Maschinengetöse hüllt uns wieder ein, so dass Özlem aus Leibeskräften brüllen muss, um die Maschinenführerin aus Indonesien auf sich aufmerksam zu machen. Zwischen Hunderten von leuchtenden Knöpfen und jeder Menge Maschinenteile eingepfercht, steht die Indonesierin hinter einer Glasscheibe und gestikuliert mit einem langen Stück Metall in der einen Hand. Sie deutet auf den Wagen vor uns und Özlem wählt eine der schweren, wertvollen Stahlschablonen aus, die in der Halterung am Wagen stecken, und reicht sie in das Maschinenhäuschen. Die Indonesierin berichtet uns in abgehackten Sätzen von dem eben vorgefallenem Unfall und sie scheint eher belustigt zu sein. Einem Arbeiter sind frisch geschliffene Rasierklingen vom Band in die Hosentaschen gesprungen und als er seine Hände in die Taschen gesteckt hat, habe er sich geschnitten. Da wir nun informiert sind, setzten wir unseren Weg zwischen den gelben Linien und durch hohe schwingende Plastiktüren und wenig später unsere Arbeit fort.

Um die Laufbänder unter den trichterförmigen Maschinenöffnungen, aus denen im Minutentakt frische Klingen zu Tausenden heraussprudeln und sich in ohrenbetäubenden Rasseln über Band und Boden vergießen wie flüssiges Silber, mache ich auf dem Rückweg diesmal einen größeren Bogen. Als das Soll erfüllt ist, packt Özlem ein paar Spender mit diamantgeschliffenen Klingen für ihren Vater ein, bevor wir zum Ausgang gehen, wo wir noch eine Weile bis zum Feierabend ausharren müssen. Da wir diese Arbeit nicht jeden Tag machen, sind wir noch „frisch“, wie die Festangestellten hier sagen, daher sind wir zu schnell.

Morgen bölken wir ne Jolle mehr.“, löst Özlem das Geschwindigkeitsproblem und den vorherigen Beschluss, aufzuhören. Ich nicke grinsend. Viel blöder als in diesem Moment kann ich nicht werden. Ein LKW fährt in die Einfahrt ein und rangiert vor unserer Pausen-Kellertür herum. Kurz darauf laden mehrere Arbeiter monströse in Plastik verpackte Fitnessgeräte aus, dabei sahen die im Keller unbenutzt aus. Deshalb streiken die Arbeiter, die wir gerade vertreten oder verraten, wie man’s nimmt; weil ihnen die Löhne gekürzt, sowie die Arbeitszeiten verlängert werden und die Firma es sich gut gehen lässt.

Am Häuschen des Pförtners hängt eine zweifarbige Ampel. Direkt am Ausgangstor muss man auf einen Zufallsbuzzer drücken, um durch das Drehkreuz zu kommen. Leuchtet die Ampel rot, wird man durchsucht. Nichts darf den Betrieb verlassen, es sei denn, es wurde im Betriebsverkauf erworben.

Allmählich füllt sich der Hof, besonders die Raucherinsel, eine gläserne Bushaltestelle, an die irgendwer sogar einen Fahrplan gehängt hat. Endlich zeigt die Uhr, dass wir das Gelände verlassen dürfen. Vor Özlem und mir passieren andere Zeitarbeiter das Drehkreuz und die Ampel leuchtet bei jedem grün. Ersatzweise für Özlem schwitze ich unter den Achseln, aus Angst, sie könnte erwischt werden. Sie schlägt lässig im Vorbeigehen auf den großen schwarzen Gummiknopf, doch der Pförtner stoppt das Drehkreuz und quäkt über den Lautsprecher:

Bitte die Taschen öffnen.“ Die Ampel ist rot. Özlem bückt sich rasch, nimmt vom Boden statt ihrer meine Tasche und stellt sie auf die drehbare Metallplatte, ohne dass es den beiden Betriebsmitarbeiter, die hinter uns stehen, aufgefallen ist. Meine Anspannung überspiele ich durch vorgetäuschte Eile. Bis auf Wechselsachen und meiner Brotbüchse dürften sie nichts finden, außer die vom Band hüpfenden Rasierklingen hätten sich hineingemogelt. Nachdem der Pförtner die durchsuchte Tasche freundlich herausgibt, darf Özlem durchgehen. Wie wahrscheinlich ist eine Rotphase?

Kurzentschlossen schlage ich auf den Buzzer, die Ampel wird grün und ich folge Özlem grinsend mit ihrer Tasche und dem Diebesgut über der Schulter.

Kaum sind wir um die Ecke gibt sie mir fünf Finger auf die Hand und boxt mich leicht in die Schulter.

Das war cool.“, sagt sie gut gelaunt, ich bin mir da nicht so sicher; da überholt uns der Bus. Der Duft von süßem Gebäck belagert den Damm und dutzende Blaumänner strömen in und aus den Einfahrten der Fabriken. Lachend hasten wir mit unseren Betriebsbleifüßen dem Bus hinterher, der vor der Keksfabrik hält. Schon im Bus wechsele ich die Arbeitsschuhe gegen meine Pumps, um wieder schick auszusehen.

Hinterm Tresen, gegen halb vier nachmittags, steht Anke und winkt mir müde zu.

Hey, wie geht’s dir?“, rufe ich schon vom Eingang aus. Trotz ihrer Mattigkeit zieht sich ein fröhliches Lächeln über Ankes ansonsten glatten Gesicht, als sie trällert:

Gestern hab ich beim Badmintonspielen einen total heißen Typen kennen gelernt mit nem echten Sixpack und richtig muskulösen Arme, ein geiler Typ, ehrlich.

Heut Abend treff ich ihn, das wird der Hammer!“ Ob­wohl ich mich eine Sekunde noch einsamer fühle, ver­suche ich mich für sie zu freuen und wünsche ihr viel Spaß, bevor ich im Keller verschwinde.

Trotz der Treseneinarbeitung, bleibe ich die Putzfrau, da ich als „Allroundkraft“ arbeiten darf, bis die Videothek am Monatsende von einem Konzern übernommen wird, in dessen Personalmanagement wir nicht mehr existent sind. Umständlich hebe ich den Eimer aus dem Waschbecken, wobei er überschwappt. Mit nassen Ärmeln und diversen Wasserflecken auf der Hose trage ich Eimer und Wischer nach oben, wo ich die Kellertür fast Richard vor den Kopf schlage. Mir ist es peinlich nach der Bratwurst nun mit dem Putzeimer vor ihm zu stehen, doch er lächelt mich an.

Hi, wunderschöner Engel. Du gehst gar nicht an dein Handy, wenn man anruft…“ Ich bin völlig sicher, dass er kein einziges Mal versucht hat, anzurufen, doch ich freue mich zu sehr, ihn zu sehen.

Oh tut mir leid, ich habe mein Handy oft lautlos…“

Richard beugt sich vor und küsst mich sanft, bevor er sagt:

Was machst du heute? Ich muss kurz arbeiten und hab dann den ganzen Tag Zeit für dich.“

Misstrauisch denke ich, vielleicht hätte er ja Anke seinen Tag zur Verfügung gestellt, wenn ich nicht spontan aus der Tür gestolpert wäre… Lächelnd nimmt Richard den Eimer und trägt ihn für mich ans Ende der Videothek. Von so viel Aufmerksamkeit umschmeichelt, sage ich:

Danke. Du bist ja ein richtiger Gentleman.“

Yeah. Für dich immer.“, sagt er und klingt dabei sehr abgedroschen. Er stellt sich zu Anke. Sieht der wieder gut aus! In der Pornoabteilung kommen mir Massagen und andere Dinge in den Sinn, die ich gern praktizieren würde, aber irgendwie wirkt Richard in meiner Fantasie nie so real wie Sebastian. Meine Geilheit mischt sich mit schlechtem Gewissen. Mir ist unangenehm heiß. Unter großer Anstrengung wische ich das letzte Karree und verschwinde an Anke und Richard vorbei in den Keller. Hier ist es kühl und ich lasse kaltes Wasser über die Handgelenke laufen, während ich dem davon fließenden Quell nachsehe, denke ich kurz, ich darf nicht mit Trinkwasser plempern und putzen, wenn draußen die Welt verdurstet und drehe schnell den Hahn zu. Oben geht die Tür auf und Anke ruft herunter:

Alles in Ordnung, Linda?“ Ja doch.

Obwohl ich zu meinem Drittjob los muss, höre ich Richard zu.

Ich baue eigentlich Motorräder, ab und zu arbeite ich im Verkauf in verschiedenen Läden von Kreuzberg bis Prenzlauer Berg.“ Er legt mir seinen Arm um die Hüfte.

„…eine eigene Werkstatt aufgemacht… Store-in-Store-Konzept. Treffen wir uns doch nachher in einem der Läden, in dem ich arbeite, was hältst du davon?“ Ich weiß nicht, was ich davon halte, sage aber zu und er gibt mir die Adresse.

Trotz meiner Absätze haste ich die verfallene Steintreppe hinunter, die Straße entlang bis zur Ampel, nach rechts, ich kann die Straßenbahn schon kommen hören. Verdammt! Als ich zwischen zwei fahrenden Autos hindurch über die Straße zur Haltestelle, an der gerade die Bahn einfährt, sprinte, erhalte ich Beifall von den ABM-Kräften, die auf der anderen Straßenseite gerade das Laub vertrockneter Sträucher zusammen harken.

Erleichtert und völlig außer Atem ziehe ich mir einen Fahrschein in der Bahn am Automaten. Ich denke über Richard nach, doch sein Bild verschwimmt schnell zu dem von Sebastian. Er fühlt sich großartig an, wenn sich seine Arme um mich spannen. Seine Lippen sind so weich, ich könnte ihn stundenlang küssen. Richard küsst natürlich auch toll, aber ich bekomme keine weichen Knie bei ihm. Was will ich eigentlich mit weichen Knien?

Der Straßenbahnfahrer bittet die Fahrgäste über Lautsprecher, auszusteigen, wegen eines technischen Defekts könne er nicht weiterfahren. Brav verlassen wir das Abteil und ich stehe an irgendeiner großen Straße, noch wenige Minuten bis Dienstbeginn und ich weiß nicht, wo ich bin!

Meine Mitfahrer kannten sich wohl besser aus, denn ich kann keinen von ihnen sehen, dafür ist der Himmel dunkel und plötzlich klatscht dichter Regen wuchtig auf mich nieder. Ausgerechnet jetzt ist die Dürreperiode zu Ende. Warum nehme ich solche Strapazen auf mich? Weil ich meine Karriere vorantreiben muss.

Bisher ist es mit dem beruflichen Erfolg nicht vorangegangen und ich habe das Gefühl, als sei ich es irgendjemandem schuldig, mich ganz schnell in die Gesellschaft einzubinden, indem ich wieder genug verdiene. Das Schuldgefühl bezieht sich wohl auch darauf, dass ich nach dem Dauertermindruck meine momentane Phase der verantwortungsfreien Jobs sehr genieße, dabei sollte ich nach mehr Wertschätzung lechzen.

Meine Füße sind nass und ich bin nicht sicher, wo sich die Wimperntusche aufhält. Wasser schäumt die Straße hinunter, wird von rollenden Autos aufgeschaufelt, und Wellen schlagen an den Bordstein.

Ob das Glasdach in Fidels Haus dieser Sturzflut standhält? Ich stelle mir vor, wie Fidel schläfrig aus der einen und Dirk, der sich momentan in die Wohnung links vom Treppenabsatz einquartiert hat, aus der anderen Tür herausguckt und vor ihnen ein wild hüpfender Fluss, der durch den aufgeplatzten Riss im Glasdach hereinbricht, das Treppenhaus in einen reißenden Canyon verwandelt. Die beiden Männer reiten auf Fidels Matratze nach unten, wo ein Alligator sie mit aufgerissenem Maul erwartet.

Ich bin durchnässt bis auf die Knochen, die Farbe meines BHs ist gut durch das Top zu erkennen. Den nächsten Passanten, einen untersetzten, grauhaarigen Mann mit Regenschirm, frage ich nach dem Weg. In gebrochenem Deutsch gibt er zu verstehen, dass ich Straßenbahn fahren soll, wobei er meine Bluse mit Blicken durchbohrt und ich ihn am liebsten erwürgen würde.

Ich schaffe es nicht pünktlich! Eindeutig die falschen Schuhe zum Beeilen, deshalb verfalle ich bis zur Haltestelle in einen Dauerlauf, der Schlamm spritzt an mir hoch, und ich steige einfach in die Straßenbahn ein, die gerade da steht.

mit GlückskleeblattFünf Minuten später betrete ich ansonsten getrocknet mit Schweißperlen auf der Oberlippe den Laden. Der Sohn der Besitzerin hatte mal was mit Tanja, daher habe ich den Job.

Drinnen ist es sehr bunt: Perlen, Knöpfe, Strass und anderer Kleinkram liegen in Kisten zur Auswahl. Meine rundliche Kollegin strahlt mir voller Piercings entgegen und bemerkt meine Verspätung nicht. Ich steige die steile Holztreppe in der Bodenluke hinterm Tresen hinab, stolpere und falle die restlichen Stufen nach unten. Die falschen Schuhe, zum Zweiten.

Glänzende Stoffballen sind an den Wänden aufgetürmt und alte Marionettenpuppen hängen von der Decke. Es sieht aus, wie in der Requisite eines Theaters. Normalerweise liebe ich es, hier zu sitzen, auch wenn ich die ganze Zeit Perlen waschen muss, aber heute kann ich es gar nicht abwarten, endlich gehen zu dürfen.

Gleich nach Feierabend mache ich mich auf den Weg zu Richards Laden. Es ist fast zwanzig Uhr und fängt schon wieder an, zu regnen, dabei war ich gerade getrocknet. Langsam tröpfelt es schneller, es blitzt und donnert. Vom Zittern ganz verkrampft, grabe ich die Nase noch etwas tiefer in die Bluse. Zu jeder Ritze zieht es rein und die Stoffhose vermittelt mir den Eindruck, ich liefe nackt herum. Trotz des Unwetters sitzt Sebastian auf einer Bank vor einem Laden mit der Türüberschrift „Glashouse“ und raucht. Unschlüssig bleibe ich stehen, ihn zu sehen, verursacht in meinem Magen ein Gefühl, wie beim freien Fall. Als er mich entdeckt, ruft er mir ein fröhliches:

Na. Hi!“ zu.

Zögernd trete ich unter den bunten Schirm, der vom Wind gebeutelt wird. Einen Moment denke ich, es täte ihm Leid, dass er mich fallen lassen hat und er würde jetzt eine Erklärung abgeben. Doch er sagt grinsend:

Gestern waren wir wieder auf nem Konzert. War cool. Schade, dass du nicht mit warst, super Stimmung. Schöne Grüße von Clarice.“

Enttäuscht lehne ich mich zurück; er hatte mich wegen der Karten überhaupt nicht nochmal angesprochen.

Was ist los, Linda? Schlechten Tag gehabt?“, erkundigt er sich scheinheilig. Am liebsten würde ich ihn anschreien, was für ein Arsch er ist. Der beste Moment, zu gehen.

Mir fällt ein, eigentlich suche ich den Peter-Werk- Laden, kennst du den?“

Klar, der ist gleich gegenüber, hinter der Säule da. Fahren wir zusammen nach Hause, wenn du shoppen warst? Ich hätte heute eigentlich frei gehabt, was ich mal wieder nicht wissen konnte, weil am Samstag der Dienstplan noch nicht da war. Na, Judith ist nicht gerade der Hit als Chefin. In einer Stunde mache ich Gott sei Dank Feierabend, davon hält mich nichts ab.“

Er beugt sich zu mir und gibt mir einen Kuss. Ich stehe völlig neben mir, weiß gar nicht mehr, was das soll und was ich will.

Gut, also in einer Stunde hier vorm Glashouse, viel Spaß bis dahin noch!“, antworte ich zügig, damit er nicht merkt, wie meine Stimme zittert. Verliebtsein ist doch bescheuert, dieses blöde Herzrasen, sich ständig dumm vorzukommen, nicht hübsch genug für jemanden zu sein und in Gedanken furchtbar abgelenkt an den einen zu denken, der vermutlich nie an einen denkt…. Denn da gibt es ja auch noch die Blondine.

Besser ich meide Sebastian, bis die biochemischen Reaktionen in meinem Körper unter Kontrolle gebracht sind und konzentriere mich solange auf Richard.

Ich sprinte über die Schönhauser Allee, den Mittelstreifen und die Gegenfahrbahn, ohne von der Straßenbahn oder einem Auto überfahren zu werden. Lebend auf der anderen Straßenseite angekommen, werde ich auf dem Fahrradweg angefahren. Ich stolpere rückwärts und der Fahrer kommt schlingernd zum Stehen. In zwei zügigen Schritten bin ich bei ihm. Er will einfach weiter fahren und obwohl ich mir nicht wehgetan habe, erwarte ich eine Entschuldigung, also halte ich den Sattel fest. Er guckt sich überzeugend irritiert nach der Ursache für das Bremsen um. Weil ich lache, entdeckt er mich hinter sich. Als ich den Grund nenne, warum ich so an seinem Sattel hänge, bekomme ich meine Entschuldigung und darf eine Runde mit seinem Gerät fahren. Die falschen Schuhe, zum Dritten. Braunes Wasser schaufelt sich unter mir zu einer Bugwelle auf, ich hinterlasse eine tiefe Rinne, während ich in die Regenwand fahre. Nass bin ich sowieso. Hinten hat das Fahrzeug zwei Mofareifen auf einer Achse, vorne ein kleines Rad mit Traktorprofil, einem Harleylenker und Cadillac-Außenspiegeln, der Sattel ist ein altes Stuhlpolster, total gemütlich, aber leider mit Pedalen und ohne Dach.

Zuckend erhellt ein greller Blitz für eine Sekunde den Himmel und ohrenbetäubend krachend folgt der Donner. Der Türke amüsiert sich prächtig über meine schlingernden Fahrversuche, was für Publikum sorgt. Nachdem jetzt schon mehrere Rentner, zwei Punks und ein Pärchen, unter einer Ladenmarkise Schutz suchend dabei zusehen, wie ich immer wieder von den Pedalen abrutsche und auf dem Bürgersteig Slalom fahre, steige ich vor dem Peter- Werk- Laden ab.

Und, Spaß gemacht?“, fragt der Besitzer des Fahrrads mit türkischem Slang.

Und wie! Hast du das Ding selbst gebaut?“ Ich bekomme nur ein kurzes Nicken zur Antwort und bin erstaunt über die Bescheidenheit, mal nicht mit dem eigenen Besitz anzugeben. Er stellt sich als Öner aus Kreuzberg vor und verlangt meine Nummer, doch ich lasse mir lieber seine geben.

Der Rock´n Roller aus der Disco, der ein Auge auf Maria geworfen hatte, steht hinter einem rustikalen Holztresen. Er sieht mich und fuchtelt mit den Armen, dass die zahllosen Ringe an seinen Fingern klimpern. Prompt springt von der schwarzweiß gepolsterten Bank, auf der er gelegen hat, Richard auf.

Na, überarbeitest du dich gerade?“, frage ich lächelnd. Richard grinst entschuldigend und tönt doch erleichtert mit seinen Cowboyruf:

Yeaha. Heute ist echt tote Hose. Markus meinte gerade, ich werde kontrolliert, da dachte ich schon, unsere Chefin käme vorbei. Hab mich ganz schön erschrocken!“ Ein altmodisch in Pelz gekleideter Kunde löst die Türklingel aus. Markus schnaubt wütend, wobei ich mir den Stimmungswechsel nicht erklären kann.

Hier riecht’s nach Schnüffler.“

Phh!“, macht der Opa und verlässt das Geschäft. Auf meine Frage hin, was das sollte, sieht Markus mir nicht in die Augen, sondern guckt über mich hinweg auf das Schachbrettmuster zwischen den Regalen, während er der Wand erzählt:

Ich habe mal gesessen. Kann diese Verräter nich ab.“

Mehr sagt er nicht und Richard klärt mich leise auf:

Zweieinhalb Jahre lang haben die ihm das Leben zur Hölle gemacht. Abends hats überraschend bei seinen Eltern geklingelt und er wurde einfach mitgenommen. Ne dreckige Stasisau aus seinem Betrieb hat ihn verraten. Damals sollte jeder begreifen: Nicht Rock`n Roll, der Osten ist die wahre Freiheit’. Nächtelang haben sie ihn im Dunkeln eingesperrt, in den Duschen unter laufendem Kaltwasser auf Glassplittern. Mit Einmeterstücken Starkstromkabel ham sie seine Kumpels totgeprügelt. Und statt dafür irgendwo im Knast zu verrotten, sind die frei.“ Markus hat jedes Wort gehört und presst zwischen weißen Lippen hervor:

Aber wenn mich heute auch nur einer von diesen Verrätern schief anpackt, reiß ich dem die Eingeweide raus.“ Richard bietet ihm zu diesem Plan sofort gewaltbereite Unterstützung an und ich zucke ein Stück zurück. Mit solchen harten Fakten weiß ich nicht umzugehen und schweige. Aufmunternde oder tröstende Worte sind sowieso unangemessen, wenn man nichts Ähnliches durchgemacht hat. Irgendwie mag ich nicht, dass Richard mir solche Geschichten erzählt. Gerade, als ich ihn als zu gewaltliebend abstempeln will und an den sanfteren Sebastian denke, wendet Markus sich einem Kunden zu und Richard zaubert hinter der Bank einen ziegelsteinfarbenen Tontopf mit einer schlaffen Pflanze hervor.

Hier, für dich. Das ist ein Fedentron, das heißt Baumfreund. Ich dachte, er gefällt dir vielleicht.“ Er streckt mir den Topf hoffnungsvoll entgegen und ich nehme ihn. Richard ist so aufmerksam zu mir und ich denke die ganze Zeit an einen Typen, der mich anmacht und wegwirft, wie es ihm passt? Von meinem Gefühlschaos bekommt Richard nichts mit und sagt:

One moment, das war noch nicht alles. Ich hab noch etwas.“ Geheimnisvoll überreicht er mir einen Schuhkarton. Zögernd öffne ich den Deckel. Es sind Hausschuhe darin, mit Bienen darauf. Die Bienen haben sehr große Augen. Auf einem Zettel steht: Damit du keine kalten Füße bekommst. Er steckt mir die Schuhe an die Füße und ich kichere:

Danke! Die sind toll!“ und bete, dass er Sebastian niemals kennen lernen wird. Genauso gut könnte ich mit verschmiertem Lippenstift um den Mund vor Richard sitzen, das wäre nicht verräterischer, als ich mich fühle. Richard kniet vor mir und sieht zu mir auf. Ein paar Bartstoppeln auf sandfarbener, reiner Haut mit kleinen Narben und Lachfalten, locken mich, ihn zu berühren.

Du solltest die nassen Sachen ausziehen.“, flüstert er rau. Der Laden ist meiner Ansicht nach nicht der richtige Ort für das, was Richard jetzt will. Er knabbert an meinem Hals und raunt:

Komm mit.“

Ich folge ihm durch einem ebenfalls schwarzweiß karierten Vorhang in die Ladenwohnung. Er zieht mich durch ein Büro in ein großzügiges Badezimmer. Die Wände sind mit schwarzen und weißen Kacheln gefliest. Ein klappriger Wäscheständer, eine Wanne mit Löwenpranken und ein Waschbecken mit einem Sprung bilden das Mobiliar. Richard macht keine Anstalten, mich allein zu lassen. Zögernd entkleide ich mich. Richard beobachtet mich und zieht sein Shirt aus. Langsam hänge ich meine Sachen über die Leine. Er hat nur noch seine Hose an, sein schlanker Körper ist durchtrainiert und braungebrannt.

Du bist wunderschön. Darf ich dich anfassen?“, fragt Richard und ich nicke. Sofort küsst er stürmisch meinen Nacken, während seine Hände meinen Rücken hinunter auf meinen Po gleiten.

Ich liebe deinen Hintern, ich liebe alles an dir.“, raunt er mir ins Ohr, während er daran knabbert. Dann spüre ich seine sanfte Zunge. Monatelange Einsamkeit verwandelt sich in befreiende Erregung. Nackt schlinge ich einen Arm um ihn und öffne seinen Gürtel, während unsere Lippen aufeinander liegen. Seine Hände verwöhnen jeden erreichbaren Zentimeter meiner Haut. Zwischen meinen Beinen wird es feucht und ich greife ungeniert nach Richards schönem Glied. Es fühlt sich gut an, ganz weich und doch steinhart. Ich küsse seine Eichel, kreise mit der Zunge darum, fange an, daran zu saugen, rhythmisch, fester.

Er stöhnt, ein Geräusch, das mich innerlich in kribbeliger Aufregung durchflutet. Ich will ihn spüren. Stehend auf den Wannenrand gestützt, bücke ich mich, spreize leicht die Beine und strecke mich ihm bereitwillig entgegen. Mit sanfter Vorsicht dringt er in mich ein. Die Badewanne wackelt. Tiefer, schneller, Hitze, Kribbeln, gemeinsam kommen wir und pochendes Zucken in meinem Inneren.

Anschließend umarmen wir uns vertraut, doch ich muss beschämt an Markus und die Kunden denken (ob die uns gehört haben?) und an Sebastian auf der anderen Straßenseite und frage mich, wie es mit Richard und mir weitergehen wird. Er flüstert mir erschöpft ins Ohr:

Das war Wahnsinn. Ich fühl mich so geborgen bei dir, Engel. Don´t leave me.“ Was Richard redet, wärmt mich innerlich, auch wenn er soeben nicht zurechnungsfähig ist. Ich lasse meine Hände seinen Rücken hinunter gleiten, bis sie auf seinen trainierten Pobacken liegen bleiben und flüstere, den Augenblick genießend:

Die geb‘ ich nicht mehr her. Du musst ohne Po nach Hause gehen.“ Richard lächelt erleichtert.
„Da darfst auch nur du anfassen! Kommst du gleich mit zu mir? Ich wohne um die Ecke…“

Sein Fahrrad schiebend, warnt Richard mich, er habe nicht aufgeräumt.

Macht nichts.“ sage ich großzügig, während wir durch rein gewaschene Luft und viele Pfützen unseren Weg fortsetzen.

Wie weit ist es noch?“, frage ich, unsicher, ob ich wirklich mit zu ihm nach Hause gehen sollte. Richard legt gemütlich seinen Arm um meine Schulter und antwortet gelassen:

Is noch’ n Stück.“

Bist du schon lange in Berlin?“, frage ich während wir eine steppenartige Riesenbaustelle überqueren.
„Seit drei Jahren. Was ist mit dir?“

Etwa Vier.“, sage ich mit einem mulmigen Gefühl im Magen, als ob die Zeit die Fesseln enger schnüren würde und ab irgendeinem Zeitpunkt jede Möglichkeit zur Flucht dahin wäre. Gaslaternen klackern und ver­strömen gelbes Licht.

Willst du immer in Berlin bleiben?“, will ich wissen. „Nee, ich geh nach Amerika. Hier ist es beschissen.“ „Nach Amerika? Soll es da nicht auch beschissen sein?“, meine ich, während wir die Straßenseite wechseln.

Das ist mir egal, da ist es einfach cooler.“

Am Frankfurter Tor ragt ein runder weißer Turm in den Himmel, dessen Zwilling auf der anderen Straßenseite steht. Dort steuern wir auf eine Bar zu. Richard schließt sein Fahrrad an einer Laterne an und beantwortet meinen irritierten Blick mit:

Nee, hier wohn ich nicht. Ich dachte, wir gehen noch was trinken.“

Wie ein Gentleman hält er mir die Tür auf, ich trete ein und schiebe klirrend einen schwarzen schweren, an Metallhaken hängenden Ledervorhang zur Seite. Abgestandene Luft schlägt mir entgegen, alter und frischer Zigarettenrauch mischen sich mit Tran und Schweiß der Gäste. Die Wände sind schief mit vergilbten Schichten von Notenblättern und alten Schallplatten plakatiert, die Tische und Stühle sind ein Sammelsurium alter Kinomöbel. Am Billiardtisch im hinteren Teil des höhlenhaften Raumes hängen ein paar langhaarige Kerle herum, ansonsten haben wir freie Platzwahl, was im Widerspruch zur Musik steht, die laut aus den Boxen wummert und das Plingen des Spielautomaten übertönt. Wir setzen uns bequem auf zwei gut gefederte Kinoklappsitze direkt an die Bar.

Sekunden später steht ein Typ neben uns, der zwar gekleidet ist, wie ein nobler Kellner, aber an den Füße klobige DocMartens-Schuhe trägt und um den Kopf struppig wild aussieht.

Hey Benni!“, grüßt Richard den schwarzhaarigen Barkeeper und sagt an mich gewandt:

Das ist Benjamin, ein Bandmitglied. Am Wochenende spielen wir im Trash Labor, da siehst du ihn am Kontrabass, er geht richtig ab.“ Zu Benjamin sagt er:
„Und das ist Linda.“, mit beiden Händen auf mich zeigend. Ist hier eigentlich jeder in einer Band? Hagen taucht ebenfalls in weißem Hemd und schwarzer Bügelfaltenhose hinter dem Tresen auf. Überrascht ruft er, als er mich erkennt:

Linda! Was für ein Zufall, Alter! Jetzt können wir feiern!“

Was denn feiern?“, frage ich neugierig.

Meine Aufnahme bei der Bundeswehr. Ab Herbst geht’s los. Ich wünschte, ich könnte sofort in die Kaserne einziehen. Heute war ich den halben Tag obdachlos, wegen der scheiß Bauarbeiten.“ Hagen als Soldat? Das kann ich mir nicht vorstellen. Mit vor der Brust verschränkten Armen beschreibt mein Mitbewohner:
„Alter, bei Daniel kann ich nich bleiben, bei der Mieterhöhung! Und jetzt, wo die meinen geilen Ofen rausgerissen haben… Da kann ich ein bisschen trainieren und es ist ganz gut bezahlt.“

Musst du dann nicht in den Krieg gehen?“ Abwinkend zwinkert er mir zu und erklärt:

Ich arbeite da als Koch. Schlimmer als hier, kann es ja nicht werden. Habt ihr schon bestellt?“ Er guckt zu Benjamin, der mit dem Kopf schüttelt, bevor er sich erkundigt:
„Was trinkt ihr Zwei?“

Während der Unterhaltungen erfahre ich mehr über Benni, Hagen und Richard, zum Beispiel, dass Richard aus der rechten Ecke kommt.

Linda? Gefällt es dir hier nicht?“ Richard guckt Mitleid erregend unsicher und schiebt mir mit sanftem Blick mein Köstritzer über den Tisch. Ihm seine Gesinnung vorzuwerfen, dafür kenne ich ihn noch nicht lange genug. Ich beschließe, ihm nun auch mein seelisches Gepäck zu offenbaren, dann kann er gleich entscheiden, ob ich für ihn aushaltbar bin.

Doch, gefällt mir gut. Ich war nur grad in Gedanken. Ich verliere mein Zimmer und eine richtige Arbeit habe ich auch nicht…ich will nicht aus Berlin weg. Ich will auch nichts Doofes arbeiten, ich will nicht…“

Richard unterbricht mich mit der interessierten Frage: „Was willst du denn machen?“ Geduldig durchbohrt er mich mit eisvogelblauer Härte. Meine Augen werden feucht und ich schluchze beinahe, als ich antworte:

Ich weiß nur, was ich nicht machen will. Das habe ich alles schon mal gemacht und es gefiel mir nicht. Willst du jetzt lieber ohne mich nach Hause gehen?“, frage ich ängstlich. Lachend schüttelt Richard den Kopf:

Das macht doch alles nichts. Viele Leute wissen nicht, was sie wollen und leben einfach weiter. Mach dir nicht so viele Gedanken. Du findest schon noch was Passendes, Süße.“ Ich nicke, beschwingt, erleichtert, und wende mich dem Bier zu, das er mir gekauft hat, während er mit Hagen über eine neue Telegabel diskutiert und Benjamin einer Plastikflasche beibringt, Loopings zu machen.

Hand in Hand, vorbei an Özlems Kletterclub, biegen wir hinter der Modersohnbrücke in den letzten sandigen Weg ein. Hier kann Richard nicht wohnen, hier gibt es keine Wohnungen. Ein paar matschige Stellen erinnern an die bis vor kurzem da gelegenen Pfützen. Die Sträucher hinter den Zäunen der Betriebshöfe hängen weit herüber und bedecken die darunter parkenden Karosserien ausrangierter Autos. Vor einem stählernen Schiebetor bleibt Richard stehen. Er öffnet eine Tür im Tor, indem er einen Code eintippt und führt mich über einen sehr dunklen Hof zu einem anderen Tor.

Ich bekomme seinen Schlüsselbund und darf schon hineingehen, während Richard sein Fahrrad anschließt. Tatsächlich liegt hinter dem Tor eine gemütliche Wohnung. Hingegen seiner Behauptungen ist es so sauber in seinem Zimmer, dass das Laminat die seltsamen Möbel spiegelt. An den Wänden hängen ein Poster von einem Pin-up in roten Dessous, große Baupläne und selbstgezeichnete Fahrräder, nichts deutet auf eine rechte Einstellung hin, die gehört wirklich seiner Vergangenheit an. Richard kommt zu mir und das riesige Tor schließt sich. Stolz erzählt er mir die Geschichte seiner wenigen Möbel, die er aus den nicht mehr zu verwendeten Teilen von Autos, Motor und Fahrrädern und Verpackungsmaterial gebaut hatte. Neben uns steht sogar eine Lampe, deren Lampenschirm eine alte Tankpistole ist. In ihrem Licht kuscheln wir bis zum Einschlafen. Richard ist so interessant und so lieb zu mir doch ich läge lieber bei Sebastian.

Eine seltsame Ruhe umgibt mich und ich realisiere, dass ich nicht in meinem Zimmer bin, weshalb kein Bohren oder Hämmern mich geweckt hat. Neben mir schnorchelt Richard sanft vor sich hin, eingehüllt in einen Zipfel bunten Bettbezug. Den Rest der Bettde­cke hat er am Fußende zu einem großen, weißen Knäuel getreten. Seine Haare sind völlig verwuschelt und stehen in langen Stacheln vom Kopf ab.

Auf dem Tischchen am Bett stehen eine Flasche Was­ser und ein Glas, das Öffnen der Flasche lässt zi­schend Kohlensäure frei und beim Einschenken glu­ckert es laut im Glas, so dass Richard schläfrig die Augen öffnet. Er nimmt mich sofort in den Arm, haucht mir ein ‚Guten Morgen.’ ins Ohr und küsst zärtlich meinen Hals. Richards Hingerissenheit schmeichelt mir. So begehrt und frei habe ich mich lange nicht mehr gefühlt, dennoch fehlt irgendwas. Ei­gentlich fehlt gar nichts, außer den Schmetterlingen im Bauch. Ich fühle mich geborgen, aber nicht rasend verliebt, was vielleicht zur Abwechslung gar nicht so schlecht ist. Richard verwöhnt mich mit zärtlichwil­dem Sex und einem liebevollen Frühstück, bestehend aus Toast mit frisch gekochtem Ei. Als ich auf die Uhr sehe, ist es schon nach acht und Samstags putze ich normalerweise um diese Zeit. Hastig springe ich von der Matratze und ziehe mich an. Meine verschmierte Wimperntusche hält dem Wasser hartnäckig stand und meine Klamotten riechen nach Feuchtigkeit.

Ich muss jetzt los.“, verkünde ich meinem überrasch­ten Liebhaber.

Soll ich dich nach Hause bringen?“, fragt Richard fürsorglich. Ich schüttele mit dem Kopf.

Nee, ich muss zur Arbeit. Ich ruf dich nachher an. Oder komm einfach vorbei, Weserstraße dreizehn.“

Meine neuen Hausschuhe packe ich ein und den Blu­mentopf klemme ich mir unter den Arm. Kaum bin ich zum Tor hinaus, fühle ich mich schutzlos und vermis­se ihn irgendwie.

Ich stelle den Philodendron auf dem Tresen ab. Bobbi kommt angerannt, springt auf und ab, während er hektisch mit dem Schwanz wedelt. Der Irgend-was-Terrier führt sich auf, als stehe er unter Strom. Ab und zu vergisst er sogar das Hüpfen und läuft aufrecht, die Vorderbeine am Oberkörper angewinkelt, praktisch, ihn eine Handtasche tragen zu lassen. Zirkusreif. Es ist nicht viel los, die meisten Friedrichshainer schälen sich samstags nicht vor elf Uhr aus dem Bett. Nachdem der Laden sauber ist, sortiere ich DVD´s in Schubläden und kassiere die magere Kundschaft ab.

Lydia teilt mir mit, dass sie zum Krampfadernziehen ins Krankenhaus muss. Sie krempelt die dunkelblaue Hose hoch und zeigt mir die violetten, hervorstehenden Adern an ihren Waden.

Die sind vom vielen Stehen.“ Wie die Vorlage, die der Maskenbildner für die Aliens bei Raumschiff Enterprise benutzt hat.

Sehen gar nicht schlimm aus.“, stelle ich zu ihrer Aufmunterung fest, doch Lydia erwidert:

Tut aber höllisch weh.“

Oh. Na dann muss es wohl sein. Ist die OP denn gefährlich?“ Kichernd versichert mir meine Kollegin: „Nöö, außer man ist vielleicht gegen die Narkose allergisch.“ Ernsthafter fährt sie fort:

Die machen nen kleinen Schnitt am Oberschenkel, greifen da die kaputte Ader und ziehen sie raus.“

Ach so.“, gebe ich mich gleichgültig und beschließe, gleich nachher joggen zu gehen und ein Mineralwasser auszutrinken, damit ich mir nicht die Beine aufschneiden lassen muss.

Wie kommen Menschen nur auf so was? Ich meine, Krampfadern zu ziehen? Chirurgen sind mir echt unheimlich.“, verkünde ich. Auf Lydias Wangen bilden sich Grübchen, als sie sich erkundigt:

Hast du ‚Saw Drei’ gesehen?“ Ich schüttele mit dem Kopf und gestehe:

Nicht mal die ersten beiden Teile.“, worauf Lydia begeistert den Inhalt erzählt. Mir wird schon ganz schlecht, könnte aber auch am Hunger liegen. Ich trage die Müllsäcke um den Laden herum zu den Mülltonnen, die in der Liefereinfahrt eines Supermarktes um die Ecke stehen. So grauenvoll, wie es da drin stinkt, könnte durchaus eine Leiche zwischen dem Müll liegen. Der Gemüselieferant stapelt gerade seine Ware auf die Rampe, welche die Obstverkäuferin auspackt, nun liegt der frische Paprika gleich neben den dreckigen Mülltonnen. Ich werfe meinen Sack oben auf den Berg Abfall, der überquillt; ein paar Ratten suchen schleunigst Schutz unter der Tonne; und laufe eiligst wieder hinaus, bevor der Haufen das Gleichgewicht verliert. Das Knurren meines Magens schwillt zu einem Brummen an. Allmählich sollte ich was essen. Was nimmt man eigentlich zum Zelten Essbares mit, wenn weit und breit weder Imbiss noch Supermarkt zu finden sind und man keinen Herd dabei hat? Egal, Hauptsache, Freunde sind mit. Daher schlage ich Lydia vor, sie könne doch nach ihrer OP mit nach Rostock zum Zelten kommen.

Da stehen wir uns sicher nicht die Beine in den Bauch. Das wird lustig. Wenn du Glück hast, haben wir unterwegs eine Reifenpanne und landen auf dem versteckten Gehöft einer Psychopathenfamilie. Das dürfte doch nach deinem Geschmack sein.“, versuche ich sie zu überzeugen. Lydia winkt ab und redet sich heraus:

Nach der OP hab‘ ich voll viel zu tun. Gernot muss wieder auf Montage nach Holland und ich bin mit seiner Mutter und Bobby allein. Da muss ich morgens um fünf aufstehen, Gassi gehen, dann zu Gernots Mama beim Anziehen und Frühstücken helfen und den Haushalt machen, einkaufen und so, wieder Gassi gehen, zur Arbeit und so geht das die ganze Zeit. Ich kann wirklich nicht mitkommen, aber danke für die Einladung.“
Inzwischen beäugt Lydia mich von oben bis unten, streicht sich langsam eine blonde Strähne aus dem Gesicht und bemerkt offenherzig:

Du siehst ganz schön fertig aus. Jemanden kennen gelernt?“ Meine Mundwinkel verziehen sich gegen meinen Willen nach oben.

Ja. Und wie läuft es bei dir und Gernot?“ Lydia winkt beiläufig ab.

Alles beim Alten. Nun erzähl doch mal: Wer ist er oder ist es eine Sie?“ Begierig stützt sie die Ellenbogen auf die Theke und legt den Kopf auf die Hände.

Er heißt…“, ich unterbreche mich, denn aus der Ecke mit den PC-Spielen kommt Sebastian an die Kasse. Er guckt mich ausdruckslos an. Während ich denke, dass ich ihn versetzt habe, wird ihn hoffentlich verletzt haben, wie mich sein Rumgeknutsche mit Barbie, sagt er ohne Stottern gefühllos und fest:

Einen wunderschönen Morgen wünsch ich dir. Markus hat mir gesagt, dass du mit Richard los bist. Ich hoffe, du hast dich amüsiert?!“ Sebastian sieht mich freundlich und keineswegs zynisch an. Er kennt Richard von der Arbeit? Na toll. Dass er das von mir und Richard mitkriegt, wollte ich nicht. Sollte es überhaupt vorhanden gewesen sein, habe ich jetzt jegliches Interesse an mir in ihm getötet. Ich lächele verlegen, während ich mich fühle, als ob ich eine Grippe bekäme.

Ja, danke, war ganz lustig. Es tut mir so leid, dass ich gestern Abend nicht mit nach Hause gefahren bin, bitte entschuldige!“ Sebastian grinst eingefroren und sagt mit fröhlicher Stimme:

Ach was, lass gut sein! Hauptsache du bist glücklich.“ Niedergeschlagen stammele ich:

Äh, okay. Trotzdem tut es mir sehr leid.“ Lydia kichert hinter mir. Sebastian leiht seine Spiele aus und geht. Ich stehe einen Moment sprachlos neben Lydia, die mich fragend anguckt. Verstehe, er darf was mit Barbie haben, aber ich soll einen auf Nonne machen. Er hätte wenigstens eifersüchtig sein dürfen, statt dermaßen gleichgültig.

An der Hauswand vor meinem Eingang in der Wesers­traße lehnt ein Provisorium aus Holzbalken, an das man unsere Briefkästen angehangen hat. Auf dem Bo­den meines Briefkasten liegt der Kellerschlüssel, den ich Sebastian gegeben hatte. Da die Keller längst auf­gebrochen sind und der Schlüssel keinen Nutzen mehr hat, verstehe ich die Symbolik dahinter sofort. Mit ge­senktem Kopf schleiche ich nach oben, um mich in meinem Zimmer zu verbarrikadieren. Alles sieht an­ders aus, silberne Aluschienen als Treppenkanten, neues Linoleum, weiße Wände, blutrote Wohnungstü­ren. Die ersten Wohnungsbesichtigungen laufen, seit die Böden drin sind und diese Leute sehen weniger nach Studenten als nach fertigen Diplom-Betriebswirten aus. Richards Philodendron stelle ich unter das Fensterbrett, er sieht mit seinem verknöcherten Stamm und seinen vier grüngelben Blättern aus, als wäre er am Eingehen. Dann packe ich die Bienenhausschuhe aus und schlüpfe hinein. Als ich aus dem Bad komme, stoße ich mit Hagen zusammen.

Guten Morgen!“, begrüßt er mich fröhlich, obwohl es Mittag ist. Sonst habe ich Hagen nie gesehen und jetzt, da ich meine Ruhe haben will, hängt er hier herum. Verkrampft nuschele ich:

Äh, hi.“ und gucke ihn abwartend an.
„Lange Nacht gehabt, Alter?“, fragt er grinsend. Obwohl ich weiß, dass er für nichts vom Geschehenen etwas kann, drücke ich ihm gereizt den Kellerschlüssel in die Hand und sage:

Hier, kannst den Keller ganz allein für dich haben. Das mit der Kohle war ’ne blöde Idee, brauchen wir ja eh nich mehr.“ Hagen befühlt irritiert den Schlüssel in seiner Hand. So lasse ich ihn stehen und eile in mein Zimmer. Dass ich nicht gestört werden will, teile ich durch heftiges Schließen der Tür mit.

Im Waschcenter packe ich meine fertig gewaschen Wäsche in den Trockner um, der etwa zwanzig Minu­ten braucht, dabei jede Menge kostbarer Energie frisst, weil die nasse Wäsche für den Transport zu schwer ist. Um das Grauen nicht mit ansehen zu müssen und um nachzudenken, begebe ich mich wieder auf die Straße. Warum kann ich mich nie entscheiden und kann man sich zeitgleich in zwei Menschen verlieben?

Ich biege in einen Torbogen ein, weil dahinter ein grü­ner Hof lockt. Zwischen den Sträuchern am Parkplatz des Hofes vor mir entdecke ich Carmen, inzwischen kommt sie mir vor, wie eine Verfolgerin, sooft ist sie mir schon über den Weg gelaufen oder hat zumindest darauf gelegen.

Linda!“, nörgelt sie lallend und wedelt mit dem Arm, um mich zu verscheuchen. In der Hand hält sie etwas spitz Glänzendes und versucht, sich damit zu verletzen. Ich nehme ihr grob den Schraubenzieher ab und werfe ihn ins Gebüsch.

Die ausgeleierte Leggins hängt so tief, dass die ver­gilbte Unterhose zu sehen ist, die dreckige Strickjacke steht offen und zeigt ihre zwei ausgemergelten, runzli­ge Hautlappen, die von einem filigranen Goldkettchen mit Kreuzanhänger geschmückt werden.

Die blauen Flecke in ihrem Gesicht und der dick ge­schwollene Knöchel deuten darauf hin, dass sie ge­stürzt sein muss. Ihre Fahne brennt mir in den Augen, als ob sie im Goldbrand gebadet hätte. Sie nuschelt mit verzerrtem Gesichtsausdruck, dass ihre Flasche leer ist und wo ihr Schraubenzieher sei, will sie wis­sen, während sie sich dicht an mich drückt und sich an meinen Ärmel krallt.

Sie nach Hause zu bringen, sehe ich als meine Pflicht an, es sieht nach Regen aus. Auf dem Handy habe ich allerdings einige Anrufe in Abwesenheit von Richard, aber nicht genug Guthaben, ihn anzurufen. Carmens vierzig Kilo kommen mir schwer vor und ich keuche vor Anstrengung. Fast an der Frankfurter Allee ange­kommen, lässt sie sich in meinem Arm wie ein Mehl­sack fallen und setzt sich auf den Bürgersteig. Sie will nicht weitergehen. Zum Diskutieren bin ich nicht auf­gelegt, also rufe ich den Notarzt, der nach einer Vier­telstunde im roten Bus angebraust kommt.

Zwei junge Männer springen aus dem Auto und kom­men zackig auf uns zu. Unerfreut begutachten sie Car­men und stellen schnell fest, dass ihr rechter Knöchel gebrochen ist. Doch weil Carmen nicht aufstehen will, sagt der Fahrer mit einem gleichgültigen Schulterzu­cken:

Wir dürfen niemanden gegen seinen Willen transportieren. Schönen Abend noch.“Dann steigen sie in den Transporter und fahren ohne Carmen wieder ab.

Einfach hier sitzen lassen kann ich sie nicht, also rufe ich die Polizei an, mit der Hoffnung, sie würden Carmen in eine Ausnüchterungszelle abführen und bei der Gelegenheit mit der nötigen ärztlichen Betreuung versorgen.

Der freundliche Polizist am anderen Ende der Leitung erkundigt sich, ob die Betrunkene sich denn auffällig verhalten würde. Ich berichte, dass sie auf dem Weg sitzt und nicht selber laufen kann, weil sie verletzt ist. Ich hätte behaupten sollen, dass sie gerade dabei sei, Pflastersteine auf vorbeifahrende Autos zu werfen, denn der Polizist sagt bedauernd, dass er da nichts ma­chen könne. Er rät mir, den Notarzt zu rufen. Ent­täuscht lege ich auf

.Langsam wird es dunkel und ich muss noch meine Wäsche holen, bevor um elf der Waschsalon schließt. Leicht verzweifelt blicke ich auf Carmen hinunter, die ausgestreckt zu meinen Füßen Anstalten macht, zu schlafen.

An der Ampel harrt ein älterer Herr des Lichtwechsels aus, er scheint kaum sein eigenes Gewicht tragen zu können und trotzdem spreche ich ihn an, ob er mir beim Transport einer Person behilflich sein könne.

Äh, was? Wie bitte?“, fragt er mit hektisch umherflitzenden Augäpfeln und läuft los, bevor es Grün wird.

Sehr freundlich!“, rufe ich ihm ungestüm nach. Hinter mir lacht jemand und ich erkenne im Umdrehen, dass es die langbeinige Wasserstoffblondine von Sebastian ist.

Hi.“, sage ich stumpf. „Meine, äh, Bekannte braucht Hilfe beim Heimweg. Hat sich den Fuß verstaucht. Ich kann sie alleine nicht tragen.“ Langsam nickt die Wasserstoffblondine, wobei sie ihre goldene Armbanduhr mit der anderen Hand zurecht rückt und ins Visier nimmt.

Eigentlich bin ich sowieso auf dem Heimweg. Wo ist deine Bekannte?“, fragt sie und sieht sich suchend um; ihr pinker Lippenstift glänzt feucht.

Da lang.“, sage ich bloß, obwohl ich mich bedanken möchte. Die Hilfsbereite klärt mich beim Laufen enthusiastisch über Gel, Acryl und Glasfingernägeln auf, dann fragt sie mit einem heißeren Lachen, wie ich überhaupt heiße.

Linda.“, antworte ich gelangweilt und sie plappert munter weiter:

Ah, also, Linda, ich bin Clarice, manchmal nenne ich mich auch Anuschka.“, dabei zwinkert sie mir verschwörerisch zu und fragt:

Was machst du so?“ Also sage ich:

Alles Mögliche.“ Sie nickt beflissen und sieht mich direkt an, bevor sie mit träumerischem Gesichtsausdruck sagt:

Ist egal, solange deine Arbeit dich befriedigt.“ Toll, ein paar Sekunden sind vergangen und sie spricht schon meinen wunden Punkt an. Sie wäre ein perfektes Fotomodell, überlege ich, denn Clarice überragt mich auf schlanken, endlosen Beinen. Sie erzählt:

Ich habe mein eigenes Haus mit der Begleitagentur, mit der ich angefangen habe, kombiniert, das funktioniert super. Viele bieten jetzt ‚pur’ an, das ist eine ernstzunehmende Konkurrenz, deshalb bieten wir nun wellnessartige Extras. Komm ruhig vorbei. Das Massieren ist harmlos und das kann ich dir leicht beibringen. Wenn die Kunden dich mögen, kannst du mit Massagen deinen Lebensunterhalt verdienen. Du hast die richtige Ausstrahlung. Und wenn du dich zu mehr bereit fühlst: Neue Mädchen sind mir willkommen.

Ich fühle mich erschreckend geschmeichelt.

Äh, danke, nein. Oder ja. Also, mal sehen. Vielleicht komme ich vorbei.“, sage ich und Clarice lächelt verzückt. Eigentlich will ich fragen, ob sie mit Sebastian liiert ist, denke aber schuldewusst an Richard und das Basti mich nicht interessieren darf.

Wohnt dieser Verrückte immer noch bei euch?“, will sie wissen. Bei uns wohnen nur Verückte, aber ich denke, sie wird Brandenburg meinen. Ich nicke, obwohl ich seit Ewigkeiten nichts von Brandenburg gesehen oder gehört habe, bis auf eine Nachricht, die er vor Tagen an Müller geschrieben und an die Tür geklebt hatte: ‚Wollen wir wieder Freunde sein?’, stand darauf. Wahrscheinlich hat er vergessen, dass Müller da nicht mehr wohnt. Wie gefährlich es sei, mit Brandenburg unter einem Dach zu wohnen, gibt Clarice zu bedenken, kurz bevor wir das Ziel erreichen. In dem Moment, als wir bei der dösenden Carmen angelangen, guckt Clarice schockiert auf sie hinunter und mein Handy vibriert. Heiter fragt Richard:

Where are you, sweet heart? Du hast nicht angerufen und weil du auch nicht rangegangen bist, habe ich mir Sorgen gemacht. Ich stehe bei dir vor der Tür und du bist nicht da.“ Nachdem ich mich entschuldigt und meine Lage geschildert habe, dauert es keine zehn Minuten, dass Richard sein Fahrrad schiebend bei uns ist.

Er kommt nicht allein. Begleitet wird er von Sebastian. Ich begrüße die Beiden geniert. Als ich sehe, wie Clarice sich unter vollem Körpereinsatz an Sebastian drückt und ihm die Zunge in den Hals steckt, spüre ich einen Stich im Herzen. Verräterin. Sie wie ich. Die Frage, ob er Clarice schon länger so küsst oder erst seit dem Abend, als ich mit Richard abgezogen bin und ihn deshalb versetzt habe, zermürbt mich. Sebastian und Clarice sind fest zusammen oder er bucht tatsächlich regelmäßig eine Prostituierte. Eigentlich quält mich das nur, weil ich denke, hätte ich Richard doch bloß nicht getroffen, dann würde Sebastian jetzt mich küssen. Bin ich denn völlig bescheuert? Er hat mich doch links liegen lassen, so einen brauche ich doch gar nicht. Leidenschaftlich werfe ich mich Richard an den Hals und küsse ihn, was er erst nach einer Reaktionssekunde erwidert, so überrumpelt ist er. Sebastian grinst mich überlegen an, umschließt Clarices Hinterkopf mit einer Hand, die andere hat er auf ihrem Gesäß platziert, und versinkt mit ihr in einem stürmischen Kuss. Ich hasse ihn dafür, dass er mich dazu bringt, mich so klischeehaft zu verhalten Carmens verquollenen Augen huschen interessiert von einem zum anderen. Sie hängt sich schmachtend an Richards Arm.

Okay, gut, dann wollen wir mal.“, befiehlt er ihr professionell. Sebastian stützt Carmen von der anderen Seite und ich habe die Ehre, Richards Fahrrad schieben zu dürfen. Die Jungs sind in ein Gespräch verstrickt, ich sehe sie lachen und reden, wobei Carmen als Verbindungsstück zwischen ihnen in der Luft baumelt. Es stört mich, Sebastian und Richard als Freunde zu sehen und ich bin kurz davor, eine Intrige zu spinnen, um sie auseinander zu bringen.

In dem wohlhabend wirkendem Haus, in dem Carmen wohnt, steckt mir Clarice ihre Adresse in die Tasche und wendet sich unserer Patientin zu, während wir die verschlossene Tür überwältigen müssen.

Kaum ist die Tür aufgetreten, läuft die Bewohnerin wie ein Spürhund, der Witterung aufgenommen hat, zu einer Goldbrandflasche, die in der Küche auf der Anrichte steht. Der gebrochene Knöchel scheint vergessen zu sein. Ich stehe unschlüssig im Flur unter einem verstaubten Holzkreuz, von dem Jesus wehleidig in Richtung Wohnzimmer blickt. Beide Jungs lümmeln sich im antiken Sofa zwischen einem Monster von Drucker, sowie Bergen von Papier und Klamotten. Sie setzen eine Diskussion über irgendein Motorrad fort. Das meiste Papier scheinen auch hier Kartons von Medikamentenverpackungen zu sein.

Während ich Carmen, die sich auf den hügeligen Fußboden gelegt hat, quer durch die Unordnung in ihren Sessel schleife, höre ich im Bad Wasser laufen und wie Clarice in den Badschränken klappert. Mit einer dampfenden Schüssel in den Händen und einem Knäuel blauen Stoffes unter dem Arm, kommt sie ins Wohnzimmer und beginnt, Carmen zu waschen.

Nach dem Abtrocknen wird Carmen in einen frischen Schlafanzug gesteckt. Clarice flüstert ihr etwas zu, dass sich anhört, wie: „Deine Muschi füttern.“, aber ich werde mich wohl verhört haben. Kurz darauf nickt Carmen mit der Flasche im Arm ein. Ich löse vorsichtig ihre kalten, knöchrigen Finger vom Goldbrand und ziehe ihn aus ihrer Armbeuge heraus. Die weiche Haut gleicht losem Mehl, in dem man seine Fingerabdrücke hinterlässt. Sebastian fragt beiläufig:

Alles Wolke? Können wir abdampfen?“ und, als hätte er nichts gesagt, unterhält er sich weiter mit Richard, der mir entschuldigend zulächelt.

Clarice nimmt ein silbern gerahmtes Foto von einer Kommode.
Ist das Carmens Hochzeitsfoto?

Wahrscheinlich.“, sage ich, neugierig auf das Foto schielend. Der athletische Mann neben der zwanzigjährigen Carmen guckt ernst in Richtung Kamera, irgendwoher kenne ich ihn, wahrscheinlich hat er Ähnlichkeit mit irgendeinem Schauspieler. Carmens Lächeln auf dem Foto wirkt blass. Ihre Hände klammern sich an einen kleinen schwarzweißen Blumenstrauß. Wenn ich so weitermache, lande ich auch noch neben einem Bräutigam, den ich gar nicht haben will. Clarice stellt es wieder an seinen Platz um gleich darauf das nächste Stück aus einem verglasten Schrank zu nehmen, in welchem Exemplare der Bibel in allen Größen stehen.

Was soll denn das sein?“, wendet Clarice belustigt zwei an Streichhölzern aufgespießte verschrumpelte Kastanien in der Luft.

Bestimmt soll es ein Tier sein. Das sind alles Dinge, die Carmens Schüler ihr gebastelt haben.“, informiere ich sie und mir geht durch den Kopf, das Lehrer ein Risikoberuf sein muss, um alkoholkrank zu werden.
Aha, das erklärt die vielen Bücher, die sich hier stapeln.“, stellt sie lächelnd fest und hebt, sich Hintern betonend bückend, einen Zeitungsausschnitt vom Fußboden auf. Sie fährt sich durch ihre platingoldene Mähne, nuschelt etwas auf Russisch und fragt mich stirnrunzelnd:

Geht das um Carmens Sohn? Weißt du mehr über diese Verhaftung?“, während sie mir den Bericht über eine Schlägerei unter die Nase hält.

Nee, nicht direkt. Nur, was sie mir erzählt hat. Mit der Wende wurde ihr Mann arbeitslos, er hat sie im Suff verprügelt und so. Als sie ihre Anstellung verloren hat, weil die Schule geschlossen wurde, hat sie auch angefangen, zu trinken. Ich glaube, ihr Mann und ihr Sohn sind gestorben, oder sitzen im Gefängnis, deshalb kümmert sich Herr Johnson von Caritas um sie.“

Traurig senkt Clarice den Blick zu Carmens Hochzeitfoto auf der Kommode und schiebt den Artikel zusammengefaltet darunter.

Das tut mir Leid für sie. Niemand hat so ein Leben verdient.“ Mit einer flüchtigen Handbewegung wischt sie ihr Mitleid beiseite und fügt hinzu:

Ihr Betreuer wird ein neues Schloss kaufen müssen.“ Bevor ich die Wohnung verlasse, schreibe ich auf einen alten Briefumschlag eine kurze Nachricht an Herrn Johnson.

Haben Carmen nach Hause gebracht. Der Schraubenzieher ist abhanden gekommen, deshalb ist die Tür kaputt. Hoffe, das ist kein Problem. Linda.“

Einer liebevollen Mutter im Barbiekostüm gleich, deckt Clarice Carmen mit der altmodisch gemusterten Bettdecke zu und stellt ein Glas Wasser auf das Beistelltischchen neben dem Sessel.

An der Ecke zur Weserstraße bleibe ich abrupt stehen und sage:

Verdammt, meine Wäsche!“ Richard lächelt wärmend und schlägt vor, meine Wäsche für mich zu holen. Er schwingt sich nach der Übergabe aller Informationen auf sein Fahrrad, wirft mir eine Kusshand zu und fährt auf dem Hinterrad davon.

Der alte Betriebshof neben mir ist jetzt mit einem hohen grünen Zaun eingezäunt, so dass man nicht mehr darüber laufen kann.

Neue, weiße noch unbeschriftete Briefkästen hängen an der Stelle im Treppenhaus, wo vorher ein buntes Sammelsurium aller Generationen von Postwurfbehältern dem Eintretenden sofort vermittelte, dass er ein Haus voller verschiedener Persönlichkeiten vor sich hat. Über den frisch gegossenen Fußboden im Seitenflügel führen schmale Holzbohlen zur Treppe und ich bin kurz davor, einfach daneben zu treten und die glattglänzende Fläche zu ruinieren.

Vor der verschlossenen Kellertür sind Schleifspuren im frischen Beton zu sehen. Da hämmert es von innen gegen die Kellertür, dass ich erschrocken einen Satz rückwärts mache, was dann doch zu tiefen Abdrücken im frischen Fußboden führt.

Scheiße!“, fluche ich und ziehe meine verklebten Schuhe aus dem Boden, während ich in meiner Tasche nach dem Schlüssel für die Kellertür krame. Brandenburg findet vermutlich seinen Schlüssel nicht, die Bauarbeiter werden ihn eingesperrt haben. Fast wachse ich während des Aufschließens der Kellertür auf der Bohle fest. Erleichtert fällt mir Veronika nach dem Öffnen um den Hals. Ich bin auch sehr froh, sie gesund und munter zu treffen, hatte mir etwas Sorgen gemacht, dass sie nach meiner Dusche eine Lungenentzündung bekommt.

Was wolltest du denn im Keller?“, frage ich sie, über die Bohlen zur Treppe balancierend.

Meine Tante macht nicht auf, ich dachte sie wäre hier.“, antwortet Veronika mit ihrer weichen Kinderstimme.

Im Keller?“, frage ich erstaunt und amüsiert zugleich, bis sie gleichmütig meint:

Nee, da habe ich nach Basti gesucht. Sonst ist Tante Clarice bei ihm, wenn sie nicht zu Hause ist.“ Ohne Vorankündigung bleibe ich auf der Treppenstufe stehen, weil ihre Tante ausgerechnet Clarice sein soll. Das Klappern der Bohlen im Erdgeschoss kündigt Besuch an und Sebastians Stimme verrät genauer, wer es ist.

In dem lächerlichen Versuch mit den Betonklumpfüßen leise und spurlose bis in mein Zimmer zu schleichen, poltere ich die knisternden Stufen hinauf.

Philip?“, ruft Clarice ins Treppenhaus. Philip? Mir fällt sofort das Armband aus der Bierbüchse ein. Veronika dreht sich um und wartet. Wenn ich jetzt ganz leise den Schlüssel hineinstecke und vorsichtig schließe, bemerken sie mich vielleicht nicht…

Philip, bist du das?“, ruft Clarice erneut und Veronika schaut mich unsicher an, bevor sie die Treppe hinunterläuft.

Ja, ich bin hier!“, höre ich Veronika und darauf Clarice mit sich entfernender Stimme betonen:

Du solltest doch drin bleiben!“ Dann fällt die Wohnungstür ins Schloss und es bleibt still. Unruhig begebe ich mich in mein Gemach und versuche zu ergründen, warum Veronika oder Philip die Wohnung nicht verlassen soll. Außerdem ärgere ich mich ein bisschen über mich selbst, dass ich nicht erkannt habe, dass Veronika der Junge auf dem Foto aus der Bierbüchse ist, obwohl die Armbänder und sein eigenartiges Verhalten beim Duschen es hätten verraten sollen. Will er lieber ein Mädchen sein? Oder will Clarice nicht anerkennen, dass Veronika kein Junge ist? Der einzige Mensch, den ich kenne, der wenigstens ein paar Schnupperstunden Psychologie hatte und daher mit solchen Macken umzugehen wüsste, ist Tanja. Jedenfalls ist jetzt klar, wer Basti den einen Abend weggelaufen war: Ein Junge namens Veronika.

Nachdem wir aufgestanden sind, frühstücken Richard und ich mit Daniel in der Küche.

Du bist also Lindas Neuer?“, erkundigt sich mein Mitbewohner unverblümt. Einen Mundwinkel und eine Augenbraue nach oben ziehend, antwortet Ri­chard unverhohlen:

Bist wohl neidisch?“ Seicht hebt Daniel die Hände und versichert, als ob es um die Pocken ginge:

Nicht doch. Nicht doch!“, was ich beleidigt zur Kenntnis nehme. Daniel ist sich keiner Schuld be­wusst und schlägt mit Blick auf den leeren Brötchenk­orb vor:

Wir sollten echt noch mal zum Bäcker gehen. Die Milch ist auch alle.“ Sofort springt Richard auf und erklärt sich bereit, Brötchen und Milch zu holen, wo­bei er wettet, nicht länger als zehn Minuten zu brauchen.

Daniel und ich gucken auf die Uhr, während das Teewasser blubbert. Ich erzähle Daniel von Veronika, die eigentlich Philip heißt und Clarice oder Anuschka, der ein Bordell gehört.

Wir verstricken uns in Theorien, vor wem Philip sich verstecken musste, bis Daniel meint, auch Clarice müsse sich verstecken. Obwohl wir allein sind, beugt er sich ganz dicht zu mir und verlangt:

Versprich mir, dass du das niemals jemandem sagst, schon gar nicht Basti oder Clarice!“

Ich schwöre, hoch und heilig, dicht zu halten.

Ich glaube, Basti und Clarice führen eine Scheine­he.“

Ah.“, sage ich und versuche mir nicht ansehen zu lassen, wie mein Herz zerbricht. Schein oder nicht, Ehe bleibt Ehe. Dann meckern wir über unsere bevor­stehende Mieterhöhung und eine Viertelstunde später ist Richard mit einer Tüte frischer Brötchen, einem Tetrapack Milch, sowie einer Zeitung unter dem Arm zurück. Daniel zeigt sofort grinsend auf die Uhr und sagt hämisch:

Du warst zu langsam. Wette verloren!“ Zur Begrü­ßung küsst Richard mich zärtlich, überreicht mir ein herzförmiges Plätzchen mit Schokoguss.

Danke, du bist ein Schatz, womit habe ich dich ver­dient?“, frage ich beglückt lächelnd, wobei ich die Frage ernst meine. Er legt zur Antwort seinen Mund auf meinen und flüstert:

Weil du so weiche Lippen hast.“ Dann liebkost er mich, wandert zu den Ohrläppchen und meinem Hals, bis Daniel dazwischen funkt:

Hey, in der Küche wird niemand vernascht! Das sind meine besten Möbel.“

Wie sieht es mit dem Bad aus?“, erkundige ich mich belustigt. Daniel nickt.

Unter der Dusche ist okay. Kann dir echt nichts verbieten, was ich selbst dauernd mache.“

Igitt“, sage ich und verziehe mein Gesicht. Daniel erhebt sich grinsend und bereitet seinen Tee zu, während er an Richard gewandt fragt:

Und, hat Linda dich schon gefragt, ob du mit nach Rostock kommst?“ In dem Moment torkelt Hagen mit offenen Haaren vorbei, murmelt ein

„Morgen, ihr Luschen.“ und quetscht sich neben Richard auf die Sitzecke.

Hey, mit wie vielen Männern wohnst du denn hier?“, erkundigt Richard sich witzelnd, während er Hagen mit einer Verkettung von Handschlägen begrüßt, als ob sie seit Jahren befreundet wären. Wenig später beraten sich Richard und Daniel über die Möglichkeiten von Internetauftritten, die für eine Kreativwerkstatt sinnvoll wären. Ich bin froh, dass meine Mitbewohner Richard mögen und er muss versprechen, mit nach Rostock zu kommen.

Aus alabasterweißer Haut stechen wie dunkle Tropfen Mandelaugen hervor, unter dem kleinen Puppennäs­chen leuchten saftig marmeladenrote Lippen und fra­gen:

Sie wünschen?“ Mit meiner Plastiktüte in der Hand und dem Beutel über der Schulter, dazu völlig unspektakulär gekleidet, rechne ich damit, weggeschickt zu werden.

Wir möchten zu Clarice.“, antworte ich, unsicher, weil die Thailänderin erstaunt die nackte Partie ihrer Stirn hebt, wo normalerweise Augenbrauen wachsen und hinter ihr zwei schwarz gekleidete Männer auftauchen, die mit ihrer Masse den gesamten Eingang füllen. Mit grimmigen Gesichtern, die von Narben und je einer schiefen Nase geprägt sind, starren sie mich an.

Ach so,“, fällt es mir ein: „wir möchten zu Anuschka.“ Augenblicklich hellt sich das Gesicht der Emp­fangsdame auf und die beiden Muskelpakete treten zurück. In viel zu großen Pantoffeln schlurfen wir der graziösen Asiatin hinterher. Von der Garderobe führt sie uns in den Lärm einer schwarzgoldene Empfangshalle, aus deren Dämmerung von ledernen Diwanen elegant gekleidete Frauen hervorstechen. Zu wummernden Bässen vibrierender Loungemusik strippen einige Mädchen und drehen sich an unsichtbar erscheinenden schwarz lackierten Stangen, als ob sie in der Luft schweben würden.

Könntest du sowas?“, frage ich staunend Tanja und sie meint:

Nee. Wär auch nich mein Ding.“ Der starke Duft von Rosen und Vanille, überlagert noch etwas, wie Zahnarztpraxisgeruch. Die weichen Run­dungen der dunklen Möbel glänzen im Schein zahlreicher Kristalllämpchen, deren Lichter tausendfach auf goldgerahmten Wandspiegeln herumtänzeln. In stilvollen Anzügen sitzt die männliche Kundschaft an der luxuriösen Bar unter einer breit geschwungenen Treppe. Auf dem spiegelnd polierten Tresen räkeln sich Karibikschönheiten und motivieren die Gäste zum Trinken. Ein cognacschwenkender Mann sieht genau aus wie der Zeitungsmann vom Ostkreuz, nur in besserer Kleidung, und ich denke traurig, der arme Matheprof wird sowas nie von innen sehen.

Wir folgen dem Hausmädchen die Treppenstufen nach oben, die in einem von Wandkerzen erleuchteten Gang endet. Die Musik wird sinnlicher und der Teppich wechselt die Farbe in rot. Eine DragQueen von mindestens zwei Metern Höhe lehnt an der Wand und lächelt aus dem farbenfroh geschminktem Gesicht väterlich auf uns nieder. Ihre Beine sind in voller Länge zu bewundern, denn der Supermini endet da, wo er anfängt. Lavendelfarbene Strapse kombiniert mit obenrum gut gepolsterten Spitzendessous unter dem Neglischee, dazu ein perfektes Zweithaar in Weizenblond machen aus dem übergroßem Menschen eine griechische Göttin, wie sie im Tempel steht.

Hallöchen, ihr zwei süßen Sternschnuppen. Wenn ihr hier oben herumlauft, verpasst ihr noch meinen Auftritt und glaubt mir, da entgeht euch was!“, säuselt sie. Wir grüßen freundlich, gehen aber weiter. An jeder Tür steht ein anderer, exotisch klingender Frauenname und vor der Tür mit der Aufschrift ‚Anuschka’ verabschiedet sich die zierliche Asiatin. Ich klopfe kurzer Hand. Sofort trällert eine Frauenstimme, wie aus einem alten DEFA Film:

Herrrein! Die Tür ist offen!“ Kaum haben Tanja und ich das rotviolett erleuchtete Zimmer betreten, kreischt Clarice:

Linda, Tanja! Nein, das ist ja toll, dass ihr mich besuchen kommt!

Die Spitze ihrer Wäsche lässt kaum etwas verborgen, was mich verunsichert. Ich fixiere einen Punkt auf der mit Ornamenten überladenen Tapete und beuge mich im Ansatz einer flüchtigen Umarmung nach vorn in Richtung der an einem Deckenhaken hängenden Schaukel. Clarice fällt mir ungehemmt um den Hals und drückt mir einen Kuss auf beide Wangen, dass ich ihr Puder schmecke.

Tja…“, stellt sie versonnen fest: „dann werde ich euch mal herum führen und ein bisschen mit meinem Besitz prahlen. Wie gefällt euch die Lobby? Tagsüber sieht man, dass der Teppich und die Sofas smaragdgrün und nicht schwarz sind, ich habe mich in diese Einrichtung sofort verliebt. Wenn man dazu ein dunkelrotes Samtkleid mit kurzer Schleppe trägt, fühlt man sich, wie eine russische Zarin. Wollt ihr es mal probieren?“ Sie zieht ein teueres Abendkleid aus dem Schrank und hält es uns unter die Nase. Tanjas Gesicht hellt sich auf, wie ein Tal bei Sonnenaufgang.

Du kannst dich hinter der Wand dort umziehen. Wandele so lange herum, wie du möchtest, aber sei bitte nicht unfreundlich zur Kundschaft. Bestimmt wirst du angesprochen, dann behauptest du einfach, dass du schon einen Kunden hättest. Und versuche auszusehen, als ob du bedauern würdest, einen Korb geben zu müssen.“ Tanja nickt begeistert und versteckt sich für einen Moment hinter einer weißen Milchglaswand, durch die sie verschwommen zu sehen ist. In eine begehrenswerte Femme fatale verwandelt, kommt sie wieder hervor.

Wow.“, kann ich nur von mir geben.

Zauberhaft, viel Spaß, große Zarin Katharina.“,

wünscht Clarice ihr noch, da ist Tanja auch schon aus der Tür verschwunden. Kaum sind wir allein, frage ich geradeheraus, in was für einer Beziehung sie zu Sebastian steht und gestehe, ihn zu mögen.

Und, was ist das mit dir und diesem Schnuckelchen von gestern Abend?“, erkundigt sie sich ausweichend beim Eincremen ihrer Beine. Weich schlängelt sich die weiße Lotion aus der Tube auf Clarices Handfläche, dann stellt sie die Packung auf die Spiegelkommode und verreibt die Creme zwischen den Händen, bevor die Waden einbalsamiert werden.

Er ist der Ersatzmann, fürchte ich. Ich bin nicht gern allein.“, hänge ich entschuldigend an, obgleich Clarice verständnisvoll lächelt und meint:

Vielleicht stellt sich ganz schnell heraus, dass der Ersatz besser ist, als das Original?“ Das ist doch kein Trost. Offensichtlich will sie ihn nicht hergeben und darüber reden will sie auch nicht, was sehr für Daniels Info von einer Scheinehe spricht. Ein Strahlen überzieht ihr Gesicht, als sie sagt:

Komm, du musst dir das Bad ansehen! Das ist das Beste am ganzen Zimmer.“ Nicht sonderlich erotisch wälze ich mich aus dem weichen Bettzeug und folge der Gastgeberin durch eine verglaste Flügeltür in das Nachbarzimmer. Halbgefüllte Sektgläser stehen auf dem Rand einer vollen Wanne, in der bequem vier Personen Platz hätten. Alles sieht teuer und neu aus. Zwei der bordeauxrot gekachelten Wände sind von einer ebenmäßigen Schicht Wasser bedeckt, das in einem schmalen Spalt im Fußboden versickert.

Na, was sagst du?“, will Clarice wissen, aber ich kann nur sprachlos staunen. Sie drückt auf einen Knopf in der Wanne und augenblicklich beginnt das Wasser zu blubbern und zu sprudeln.

Das Haus läuft super, ich kann mich vor Angeboten von Mädchen, die bei mir ein Zimmer haben wollen, kaum retten.

Mir brennt die Frage auf der Seele, warum Philip Sträußchen und Armbänder verkaufen musste, wenn es ihr finanziell so gut ging, aber ich schätze, auch darauf bekäme ich keine Antwort. Geht mich auch gar nichts an. In dem Augenblick kommt er mit einer Zeitung in den Händen herein.

Ah, die Zeitung. Danke Veronika.“, sagt Clarice und nimmt ihm, der in Mädchenkleidern steckt, das Schriftstück ab, bevor er wieder verschwindet und mir verschmitzt zublinzelt. Um mehr über Philip zu erfahren, stelle ich mich ahnungslos und frage:

War das deine Tochter?“

Clarice guckt mich an, als ob ich sie erschreckt hätte und mustert mich nun auf der Suche nach dem Wolf unterm Schafspelz. Unbehaglich rätsele ich, wie ich die Stimmung wieder lockern könnte, da seufzt Clarice. Langsam antwortet sie:

Nein. Nein, sie ist nicht meine Tochter.“ Gespannt warte ich auf die Eröffnung, Veronika ist Philip, mit dem Beschluss, überrascht zu tun. Clarice macht eine lange Pause, während sie ein kleines Buch auf dem Schminktisch anvisiert; dem Kreuz auf dem Ledereinband nach zu urteilen, ist es eine Bibel; und wieder schwenken ihre violettgrauen Augen über mein Gesicht. Was immer Clarice da entdeckt hatte, sie berichtet leise:

Als unsere Eltern starben, kamen wir in ein Waisenhaus in Uvarovo. Die Betreuer schlugen uns, wir hatten nichts zu essen und mussten den ganzen Tag in der Waschküche arbeiten.“ Der Ortsname sagt mir was, denn er steht auf der Rückseite des Fotos vom Schlachthof, wo Philip drauf zu sehen ist.

Als ich vierzehn war, sind wir weggelaufen. Du kannst dir denken, womit wir unser Essen verdient haben. Irgendwann, ich weiß noch, dass es Winter war, denn meine Finger waren blau, bot uns ein Freier seine Wohnung als Nachtquartier an. Wir bekamen zu essen und ein Bett. Er sagte, wir könnten bleiben, solange wir wollten. Als wir gehen wollten, war die Wohnungstür abgeschlossen.

Eine kalter Schauer schüttelt mich, als Clarice schluchzt. Sie tut es so verborgen, dass man es fast nicht hören kann. Mit brüchiger Stimme flüstert sie:

Das waren die schrecklichsten Jahre meines Lebens. Einer der Männer, die uns regelmäßig besuchten, war Viktor, er war sehr zärtlich zu mir und ich habe mich in ihn verliebt. Obwohl er meine Schwester sehr schlecht behandelt hat. Sie wurde schwanger und bekam Veronika. Dann hat Viktor mich geheiratet und ich habe Veronika mitgenommen.

Leise wimmernd legt sie ihren Kopf in die Armbeuge, wischt sich die Tränen weg. Der Mann bei Philip auf dem Foto ist vermutlich Viktor, kombiniere ich. Sie verfällt in den Tonfall eines Berichterstatters:

Elena habe ich nie wieder gesehen. Aber wenn ich Veronika ansehe, weiß ich, dass sie mich nicht vergessen hat.“ Aha, deshalb musste Philip in Mädchenkleidern rumlaufen, um nicht nach Viktor, sondern nach Elena auszusehen.

Sie lebt jetzt vielleicht in Hamburg oder sogar in Berlin, vielleicht auch in Hannover, schwer zu sagen, aber es gibt viele Städte in Deutschland, in die Viktor Ware liefert.“ Elena ist hier in Deutschland?

Du solltest zur Polizei zu gehen!“, versuche ich Clarice zu überzeugen.

Das geht nicht. Veronika und ich sind abgehauen. Ich habe mir gefälschte Papiere besorgt. Deutschland war das naheliegenste Exil, aber ich muss versteckt bleiben, das ist am sichersten.“ Verwundert, dass sie nach allem, was sie mir erzählt hat, bei ihrer Veronika-Nummer bleibt, sehe ich mich nachdenklich um.

Ist ein Bordell denn wirklich unauffällig?“ Schulterzuckend meint Clarice:

Es gibt soviele, bis die meins finden, habe ich hoffentlich genug Geld zusammen, um mich nach Amerika abzusetzen.“ Was haben die nur alle mit Amerika, haben die nicht mitbekommen, was da für eine volkswidrige Politik herrscht? Trotzdem frage ich mich, ob Richard oder Clarice sich wohl von mir begleiten lassen würden? Laut tue ich Sorgen um Philip kund:

Und was wird aus Veronika? Was ist mit einer Schule für sie?“ Verträumt sagt meine Gastgeberin:

Ich habe mit ihr nie über ihre Pläne gesprochen. Sie ist schon seit Jahren sehr selbstständig und wird fuchsteufelswild, wenn ich ihr einen Vorschlag mache.“ Dabei blättert sie die Zeitung auf, woran ich erkenne, dass sie nicht sonderlich interessiert ist.

Sie ist ein Kind. Vielleicht solltest du sie wenigstens bei einer Schule anmelden, erst dann kann sie wirklich entscheiden, ob sie hingeht oder nicht.“ Clarice nickt geistesabwesend und hält die Zeitung höher, bis ihr Gesicht dahinter verschwindet. Auf der letzten Seite, zwischen den Vierzeilern erweckt eine Meldung mein Interesse, denn im Zusammenhang mit einem Überfall wird als Tatwaffe ein Schraubenzieher genannt.

In der Nacht von Samstag zu Sonntag wurde im Box­hagener Park ein Mann angegriffen, der Täter konnte unerkannt entkommen. Passanten haben eine schlan­ke, mit einer schwarzen Sporthose bekleidete Person weglaufen sehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Carmen so was machen würde oder überhaupt kann, wahrscheinlich hat jemand anderes den Schraubenzieher gefunden. Zudem gibt es solche Schraubenzieher in Massen. Selbst wenn sie es war, wird sie einen Grund gehabt haben. Trotzdem versuche ich mich an den gestrigen Abend zu erinnern, ob Carmen vielleicht Blutflecken an der Kleidung hatte, doch nichts fällt mir ein. Daher erzähle ich Clarice von der Vermutung, Carmen könnte etwas mit dem Angriff im Park zu tun haben. Das scheint sie eher zu beeindrucken, als Philips Bildung. Ungläubig guckt sie mich an:

Meinst du, Carmen hätte das drauf?

Weiß nicht.“, gebe ich zu.

Ich weiß nur, dass ich auf dem Zettel für Herrn Johnson erwähnt habe, dass der Schraubenzieher weg ist, schließlich musste ich die eingetretene Tür erklären.“

Clarice seufzt und setzt sich wieder in die Schaukel, in der sie sanft herumkreiselt.

Das heißt, wenn ihr Betreuer beide Nachrichten liest, deine und die in der Zeitung, könnte er zur gleichen Vermutung kommen, wie du, und Carmen verpfeifen. Sie bekäme mildernde Umstände wegen des Alkohols.“, überlegt Clarice, eine Haarsträhne auf dem Finger einrollend.

Vielleicht wäre sie sogar besser dran, wenn sie in irgendeine Anstalt eingewiesen werden würde. Aber vielleicht bekommt sie auch die falsche Zellengenossin. Kann man vorher nie wissen.“, sage ich, während ich mein Spiegelbild im Betthimmel beobachte.

Wir könnten schnell hinfahren und sie warnen.“, schlägt Clarice eilig vor.

Im dunkelgrünen BMW fährt sie uns durch Friedrichshain, Tanja sitzt wieder in Jeans auf dem Rücksitz, sie hat kein Wort gesagt, seitdem ich sie vorhin von der Pole aus einem Tanzkäfig abgeholt habe. Meine Knie betrachtend frage ich sie leise, damit Clarice es nicht verstehen kann:

Warum hast du mir nie erzählt, dass du sowas kannst?“ Ohne den Blick vom Fenster abzuwenden, antwortet sie kühl:

Du bist nicht gerade der Typ, dem man so was erzählen kann.“ Betroffen gebe ich zurück:

Es ist also meine Schuld, wenn man mich anlügt.“

Tanja sagt nichts mehr und ich bin tief verletzt. Wenig später erreichen wir die Finowstraße und parken vor der Eingangstür zu Carmens Haus. Verächtlich mustere ich Tanja von der Seite; sie möchte lieber vor dem Haus warten, als sie hört, in welche Etage wir müssen. Deshalb stöckeln Clarice und ich ohne sie in den Eingang, der weit offen steht.

Ich verstehe, dass du böse auf sie bist, weil sie dir etwas verschwiegen hat. Aber sie ist noch jung und du solltest ihr verzeihen. Dann merkt sie schon, dass sie dir vertrauen kann.“, versichert mir Clarice.

Du hast recht. Ich bin zu schnell beleidigt. Es fällt mir schwer über den Dingen zu stehen.“ Verständnisvoll bleibt Clarice einen Moment stehen, um ihre Hand auf meine Schulter zu legen.

Niemand steht über den Dingen. Es fällt uns allen schwer. Der eine weiß es nur besser zu vertuschen, als der andere.

Lächelnd sage ich:

Das ist doch mal eine beruhigende Information. Danke.“

Wir klingeln, denn die Tür ist repariert. Carmen öffnet flink und mit klaren Augen, erkennt mich trotzdem erst nach einigen Sekunden, in denen man sehen kann, wie ihr Gehirn rattert. Sobald es an der Stelle mit meinem Namen eingerastet ist, bittet uns Carmen fröhlich herein. Im Flur stolpere ich über eine große Tasche und erkundige mich, ohne ein ‚ja’ zu erwarten:

Willst du verreisen?“ Sie schüttelt kichernd den Kopf, wobei ihre Haut sich unter den Augen in mehrere horizontale Falten legt, und nuschelt:

Neee! Das sind nur ein paar Sachen. Fürs Krankenhaus.

Du machst eine Therapie?“, frage ich erstaunt. Carmen wechselt einen unsicheren Blick mit Clarice und nickt beflissen, was ich nur noch aus dem Augenwinkel zur Kenntnis nehme. Der Fußboden ist leer, das heißt, ich kann den altmodischen Teppich sehen; alle Berge von Klamotten, Kartons und Zeitungen sind verschwunden. Suchend lasse ich den Blick schweifen, doch an dem Platz, wo ich die Nachricht hinterlegt hatte, wurde die Kommode inzwischen poliert.

Sogar das Jesuskreuz erstrahlt in neuem Glanz. Es ist gelüftet und aufgeräumt; Carmen sieht frisch gebadet und erholt aus. Sie erzählt von ihrem neuen Freund und dass sie geputzt habe. Nachdem sie eine ganze Weile geplaudert hat, frage ich direkt:

Kannst du dich erinnern, was du gemacht hast, bevor wir dich nach Hause gebracht haben, Carmen?“ Plötzlich kreischt sie schrill, hält sich sofort darauf die Ohren zu und verkriecht sich unter dem Tisch. Als Clarice sich bückt, um nach ihr zu sehen, tritt sie nach uns. Clarice wirft ihre voluminösen Haare in den Nacken und ruft erbost:

Carmen, was soll denn das! Benimm dich doch nicht so kindisch!“ Dann packt sie den unverletzten Fuß und zieht Carmen am Bein unter dem Tisch hervor, wobei sie mit einem Mix aus Betteln und Befehlen auf Carmen einredet:

Hör sofort auf, nach mir zu treten!“ Darauf verfällt Carmen in eine gruselige Starre.

Was ist denn jetzt?“, frage ich unsicher. Ich tätschele Carmen die Wangen und rede mit ihr in dem Tonfall, den ich bei kleinen Kindern verwende:

Hörst du mich? Sag etwas!“ Der abwesende leere Blick klärt sich, sie sieht mir direkt in die Augen, während sie sich in meine Strickjacke krallt und sagt:

Ich wollte das nicht. Er hat mich angegriffen. Ich wollte nur, dass er weggeht und hab ein bisschen mit dem Schraubenzieher rumgefuchtelt. Kann sein, dass er was abgekriegt hat. Geschieht ihm recht. Für mich ist er vor langer Zeit gestorben.“ Ich kann mir denken, dass sie ihren Sohn meinen wird, der aus dem Knast raus ist oder vielleicht irgendeine alte Flamme, der sie nicht wieder begegnen wollte. Da nichts weiter Schlimmes passiert ist und ich eher Carmen für das Opfer halte, frage ich:

Hat dein Betreuer den Zettel im Flur gefunden?“

Carmen schüttelt mit dem Kopf.

Der räumt hier doch nicht auf. Clarice hat alles Papier in den Korb dort gestapelt.“ Sie zeigt auf einen Bastkorb voll mit Zeitungen, der neben dem Kamin steht und den ich heute zum ersten Mal bemerke, sonst war er mit alten Jacken und Mänteln getarnt.

Während ich den Korb nach meiner Nachricht durchwühle, frage ich mich, warum Clarice sich so rührend um Carmen kümmert. Unter der nächsten Zeitschrift liegt zwischen vielen Zetteln tatsächlich der alte Briefumschlag mit meiner handschriftlichen Info darauf. Erleichtert stecke ich ihn in meine Handtasche, um ihn später zu entsorgen. Neugierig entziffere ich die Zettel, es sind liebevolle Botschaften von Müller; die Handschrift kenne ich von Brandenburgs Tür her, wo Müller früher seine Mitteilungen hin geklebt hat. Eine jedoch ist in anderer Schrift, vielleicht Carmens; nein, die Nachricht ist an Carmen, also hat jemand anderes sie geschrieben: ‚Übergabe am alten Ort, aber eine Stunde früher, als sonst. Wir müssen vorsichtiger werden!‘ Die seltsamen Notiz lasse ich im Korb, wahrscheinlich ist das eh nicht mehr aktuell. Ich sage zu Carmen, als Clarice in der Küche ist:

Du solltest dir sofort einen neuen Schraubenzieher besorgen, bevor Herr Johnson merkt, dass er weg ist.“

Doch Carmen verneint lächelnd:

Ich brauche keine Hilfsmittel mehr. Ich habe ein neues Schloss und gleich fünf Schlüssel dazu. Gut, dass du mich daran erinnerst. Ich möchte gern einen als Ersatz bei dir verwahren, Linda. Ist das in Ordnung?

Erfreut nehme ich den Schlüssel an, den mir Carmen entgegen streckt und werfe alle Bedenken wegen des Schraubenzieher-Vorfalls über Bord.

Zu Dritt verlassen wir die Wohnung und Carmen schließt vorsorglich hinter uns ab. Am BMW lehnt Tanja im Sonnenlicht und raucht eine Zigarette, obwohl einige Passanten sie deshalb brüskiert anstarren. Clarice zieht ihren Mini glatt, während sie sich hilfsbereit bei Carmen erkundigt:

Soll ich dich mitnehmen? Wir sind mit dem Auto da.“ Carmen nimmt das Angebot an und steigt ein. Tanja beschließt, den Glimmstängel besonders provokativ mitten auf den Fußweg zu werfen. Ich übergebe Tanja die Plastiktüte mit Bettwäsche und einem Handtuch für Dirk; sie wollte noch zu ihm und nun wird Clarice sie begleiten. Ich lasse den Beiden die Überraschung, wie es bei Dirk aussieht und dass da lauter Punks wohnen. Obwohl ich Clarice für nicht gut genug für Dirk halte, hoffe ich, sie wird sich in ihn vergucken und Sebastian frei machen.

Nachdem ich das Gebäude durch die glasklare Automatikschiebetür betreten habe, befinde ich mich im Carceri-Zyklus inmitten der riesigen Familie der Arbeitslosen. Als Perlenwäscherin wurde ich durch die neue Flamme des Sohnes der Ladenbesitzerin ersetzt und die Zeitarbeitsfirma hat mich vor die Tür gesetzt. Nach den Rasierklingen ging es weiter mit Klingen in einer Großküche, leider ohne Özlem.

Ich habe zwischen einer Herde Mannsweiber, mit Haarnetz, Kittel und Gummihandschuhen ausgestattet, Fisch oder Hühner tranchiert. Überall Blut, dazu lag in der Luft der Geruch von ungewaschenen Frauen und die ließen mich befürchten, für immer in dieser heißen Küche festzusitzen, wo sich das Fett in den Poren festsetzt, einen Damenbart zu bekommen, verquollene Augen und dicke Knöchel an den Händen. Daher bin ich nicht besonders traurig, da nicht mehr hin zu müssen.

Trotz des Glitzerns des Granitfußbodens unter meinen Füßen und der hohen, modernen Decke voll blendender Strahler über meinem Kopf, erinnert mich dieses architektonische Missgeschick an ein Kerkerbild mit verfälschter Perspektive von siebzehnhundertneunundvierzig vom Kupferstecher Piranesi, auf welchem die labyrinthartigen Wege kreuz und quer herumwandern, ohne dass sie irgendwo ankommen. Die gesamte Vorhalle ist mit einer dominoähnlichen Menschenkette gefüllt, doch bevor ich mich eingliedere, gehe ich zur Toilette, denn nichts ist schlimmer, als beim Warten auf einer Position, die man nicht verlassen kann, pinkeln zu müssen.

Einen rauchenden Beamten, der auf dem Treppenabsatz am offenen Fenster steht, spreche ich an und erfahre, dass ich den ‚falschen Aufgang’ genommen habe und deshalb im falschen Haus bin, dabei habe ich das Richtige gar nicht verlassen. Er begleitet mich zu einem Fahrstuhl, drückt für mich auf eine der beiden Tasten für die zweite Etage und ich bedanke mich. Die Stahltür schließt sich lautlos und es geht abwärts. Als der Fahrstuhl hält, stehe ich wie ein Depp da, weil sich die Tür hinter mir öffnet.

Davor warten zwei türkische Jungs mit gegelten Haaren und im Gangsteroutfit. Den einen erkenne ich sofort; er hat mich auf der Schönhauser Allee mit seinem selbstgebauten Fahrrad beeindruckt. Sie amüsieren sich über meine Orientierungslosigkeit, bis ich erhobenen Hauptes an ihnen vorbeischwebe und ihre Anwesenheit vollständig ignoriere; in dem Moment überlegen sie sich eine neue Taktik und werfen mir Komplimente hinterher, die mich völlig aus dem Konzept bringen. Wie in einen Schutzbunker haste ich in den Toilettenraum. Die Jungs sind noch da, als ich wieder herauskomme. So komme ich mit Ömer und Öner ins Gespräch, die beide Mechaniker sind. Dafür, dass ich ihnen auf einem Amt begegne, wo man sich im Falle der Erwerbslosigkeit meldet, reden sie erstaunlich viel von Geschäften, die sie machen. Hinter ihnen klappt Özlem ihr Handy zu und grüßt mich mit Wangenküsschen. Özlem fragt die beiden Jungs:

Na, seid ihr schonn wieda am Baggarn?“ und an mich gewandt:

Fall ja nüsch auf die Beiden rrein, Lünnda!“ Ich nicke belustigt.

Üs unsre Schwesta.“, gibt Ömer zu verstehen. Özlem lächelt breit und greift in ihr hübsch verziertes Geldbeutelchen. bevor sie mir zwei grüne Scheine zusteckt.

Fotos sünn verkauft.“, flüstert sie mir zu. Ungläubig ziehe ich die Augenbrauen nach oben, wobei ich irrsinnig grinse:

Cool. Das ist mal eine nette Überraschung. Danke für dein Engagement, was bin ich dir dafür schuldig?“

Brüskiert winkt sie ab und erklärt mir, dass man das unter Freunden so mache. Dann empfiehlt sie mir noch, gleich hier, so wie sie, einen Gründungszuschuss zu beantragen.

Das mache ich dann auch, als ich nach guten zwei Stunden Schlangestehen, endlich am Schalter ankomme.

An der Bushaltestelle gegenüber der Bundesdruckerei harren bereits Özlem und ihre Brüder des Busses aus und winken mich heran.

Was hast jetz noch vor?“, will Özlem wissen und ich zucke mit den Schultern, worauf ich überredet werde, mir die Werkstatt anzusehen. Die beiden Jungs albern herzhaft herum, als wir oben im ausverkauften Bus sitzen.

Nach einem kleinen Fußweg bleiben wir vor einem rostigen Tor stehen, hinter welchem Richard wohnt.

Hier ist eure Werkstatt?“, frage ich und Öner, der Geschäftsführer, steckt klimpernd ein umfangreiches Schlüsselbund ins Schloss.

Zum Brobefahrn.“, erklärt Ömer zu dem astrein asphaltierter Parkur, auf dem halbe Rampen und Hütchen aufgebaut sind und greift nach einem Besen mit dem er nun hingebungsvoll die Teststrecke fegt, was in seinen Hiphopper-Klamotten und den dazu gehörigen Goldkettchen seltsam anmutet. Bis auf diese Fläche ist das Gelände von wilden Brombeeren überwachsen, aus denen Autodächer herausragen. Bei Tageslicht sieht das Grundstück viel größer aus. Das flache Gebäude mit den scheunentorgroßen Türen an der Mauer zu meiner Linken, ist windschief und das geteerte Pultdach hängt in der Mitte durch. Öner betritt es ohne Bedenken, während Özlem ein paar Klappstühle unter einem baufälligem Doppelkaport hervorholt.

Unterdessen hat ihr Bruder die Eingänge des Hauses geöffnet, wodurch der Blick auf hohe Metallregale, voll mit schweren Teilen von Autos und Motorrädern, frei wird. Hinter dem nächsten Tor befindet sich Öners Fahrradwerkstatt; anhand der zahllosen glitzernden Speichen der Räder ahnt man, dass es wirklich viele sind. Ein Schreibtisch hinter den Werkbänken lässt eine Art Büro vermuten.

Findet euch hier überhaupt ein Kunde?“, frage ich Özlem zweifelnd, die auf einem Plastikstuhl sitzend ein Stück Kohle in Alufolie einwickelt.

Dü uns kennen, schon. Wüllst mit Wassafeife rauchn?“

Ich nicke und beobachte, wie Ömer immer wieder mit einem Skateboard unter den Füßen über den auf dem Asphalt liegenden Besenstiel springt. Als er sieht, wie Özlem die Wasserpfeife anraucht, kommt er herangebrettert. Auch Öner findet sich bei uns auf den Klappstühlen ein, als eine kräftige Apfelnote zum Himmel schwebt. Die tentakelartigen Schläuche, die an der auf dem Boden stehenden Glasskulptur hängen, sind gemustert eingestickt und mit Messingmundstücken versehen, an denen jeder von uns abwechselnd zieht, sodass das Wasser leise blubbert und die glühende Kohle zischt, während sich der gläserne Kolben mit Rauch füllt.

Völlig in diese Angelegenheit vertieft, bemerken wir Sebastian, Richard und Paul erst, als sie sich neben uns aufstellen. Die Jungs begrüßen sich laut und Hände klatschend. Paul begrüßt mich enthusiastisch mit einem breit gezogenen

Hi.“, und ich lächele zurück. Ohne die Kriegsbemalung sieht der Hüne ganz passabel aus, auch wenn die frischen Verletzungen an Armen, Beinen und im Gesicht einen unvernünftigen Jungen vermuten lassen.

Wie geht es Tanja?“, will ich sofort wissen und Paul befasst sich, während er antwortet, mit dem Abschmirgeln des Eisentores, wofür er als Einziger hier keine Leiter braucht. Richard reißt einen Spruch nach dem anderen, um Özlem zu beeindrucken, wodurch ich entgültig sicher bin, dass er seine rechte Einstellung längst aufgegeben hat.

Ich sehe Sebastian nicht an und auch er scheint nicht begeistert zu sein, dass ich hier bin. Aus dem Augenwinkel erkenne ich lediglich, dass er eine große Sporttasche ausräumt, bis Dutzende von Spraydosen herumstehen.

Wo soll ich anfangen?“, brüllt er in Öners Richtung, der gerade einen ulkigen Drahtesel heran schiebt.

Scheißegal.“, antwortet der Gefragte fröhlich und hält bei uns an.

Üs für düsch, Lünda.“, teilt er mit. Eigentlich will ich mich ungemein freuen, aber das Vehikel ist wirklich hässlich braun.

Das meinst du doch nicht Ernst.“, winke ich ab. Öner nickt grinsend und Sebastian erkundigt sich daraufhin:
„In welcher Farbe will sie es?“ Oh nein, bitte nicht. Er soll nichts für mich tun. Dafür bin ich nicht stark genug und ich steh ja noch in seiner Schuld, wegen des Badeofens. Weil ich nichts sage, fragt er:

Grün?“, wobei er eine Spraydose mit der Aufschrift: ‚Spinat’ präsentiert. Anschließend schiebt er das Fahrrad in einen mit Folie verkleideten Unterstand neben den Gartenmöbeln. Ein rauschendes Gebläse schaltet sich ein und er beginnt den Fahrradrahmen mit spielerischer Leichtigkeit anzuschleifen und mit einer spiegelglatten Schicht dunkelgrüner Farbe zu überziehen. Zeitgleich streichen Ömer und Paul in Tom-Saywer-Manier das Tor und ein Stück angrenzender Mauer weiß, um wenig später eine bunte Collage aus wie echt wirkenden Bildern darüber zu sprühen. Etwas später ist mein Fahrrad startklar und am Tor kann ich den Firmennamen ‚Mötörön’lesen. Özlem flüstert:

Auf dü geile Üfa-F-Neun-Haube musst du müsch fotografürn. Dü Fotos brauch üsch für späta, wenn üsch so ausseh, wü meine Mudda, ey.“

Sie pufft mich in die Schulter, wohl ein Ersatz für den Handschlag. Dann verzieht sie sich mit einem Werkzeuggürtel über den Hüften, um mit Richard in die Motorhaube eines alten Honda Civic zu kriechen. Die gleißende Sonnenscheibe brennt herunter und der Himmel ist stahlblau, als hätte er nie eine Wolke gesehen.

Wo wohnst du jetzt?“ frage ich Sebastian. Er streicht sich gewohnt lässig die blonden Locken aus den Augen, diese Geste hat irgendwas, was mich auftauen lässt; und berichtet, zusammen mit den anderen dieses tolle Objekt gekauft zu haben:

Ich wohn hier auf dem Hof. Hinter dem Tor da is jetz meine Hanfplantage. Jetzt verdien ich endlich genug, um mein Studium zu finanzieren.“

Aha.“, bemerke ich geistreich; ich hatte ganz vergessen, dass er studiert. Na toll, jetzt sind Richard und Sebastian auch noch Nachbarn.

Wie geht es Clarice?“, erkundige ich mich möglichst unbefangen, ich muss mich wirklich schwer zurückhalten, mich wegen der Scheinehe und Philip nicht zu verplappern. Zumal ich echt neugierig bin, was der Grund ist.

Der geht’s gut, denke ich. Wär aber cool, wenn du ihr nicht unbedingt sagen würdest, dass ich hier wohne, wenn du sie siehst.“ Hört sich nach Trennung an, stelle ich schamlos erfreut fest. Unterdessen vollenden die beiden Künstler die Einfahrt und ölen das Tor, in welchem die kleinere Tür eingelassen ist.

Özlem holt ein altes Dreirad und eine ausgebeulte Plastiktüte unter dem Kaport hervor. Die Tüte hat fast kein Gewicht und als ich hineinsehe, ist sie bis obenhin mit McDonalds-Aschenbechern gefüllt.

Die haun wir platt.“, sagt sie und tritt auf den Ersten, bis er ein flacher Teller ist. Paul beäugt uns interessiert und berichtet:

Neulich hab ich was Geiles gesehen. So’n Holländer, Theo Jannsen heißt der, glaub ich, nutzt für seine ‚Strandmonster’ kinetische Energie. Die waren riesig, manche nur aus Plastikrohren, aber eins auch so richtig mit Metall und so und die können einfach mit Wind laufen. Das sieht echt krass aus.“ Ich nicke, in der Hoffnung er würde mehr darüber sagen, als er verträumt der ratternden S-Bahn lauscht. Doch dann schweift er ab:

Mann, wär ich jetzt gern zu Hause. Ein guter Wind zum Surfen.“

Meinst du Australien?“, frage ich und Paul nickt belanglos.
„Bin da schon mit drei Jahren weg, aber wir haben da auch Urlaub gemacht. Is schon anders, seit man nach fünf Minuten draußen gleich ein Krebsgeschwür hat. Am Strand sitzen alle im T-Shirt und wer braungebrannt ist, is voll out. Mir gefällt es besser, wenn die Mädels Bikinis an haben.“

Er grinst verschmitzt und ich lache.

Gespannt schieben wir den Papppanzer auf den glatten Parkur und ich gebe dem Kinderfahrzeug kräftig Schwung. Zu sehen ist eine davon gleitende Kiste, denn der Wind fängt sich in den Aluflügeln aus zusammen gefriemelten McDonalds-Aschenbechern und treibt die Pedale zum Drehen an. Oder er bremst ab, ich weiß es nicht genau, dazu hätte ich sehen müssen, wie weit das Dreirad ohne die Flügel gekommen wäre. Nach ein paar Metern bleibt es stehen.

Lacknebel schwängert die heiße Luft und hinterlässt farbige Pigmente in den Poren meiner Haut. Während die beiden blonden Jungs oberkörperfrei eine riesige Welle an das Eingangstor zu Sebastians Behausung sprühen, trocknet das Schiebetor und verleiht dem Gelände einen frischen Touch. Das metallische Surren der Kugeln und das Zischen der Spraydosen wird vom Klackern der Skateboardrollen unter Karls Füßen unterbrochen. Öner serviert in diesem Moment seinen Entwurf eines umweltschonenden Vehikels. Er hat zwei Fahrräder nebeneinander gestellt und mit einer bereiften Vorderachse verbunden. Über etliche Skateboardrollen läuft ein Stahlseil von jedem Kettengehäuse über das Ausgleichsgetriebe und die Konstruktion sieht mächtig instabil aus.

Komm schonn, allein kann üsch nüsch fahrn, ey.“, weist er mich an, aufzusteigen. Wenn sich jemand soviel Mühe macht, soll es an mir nicht scheitern.

Unn los!“, ertönt Öners Startkommando, worauf wir in die Pedalen treten. Der Seilzug strafft sich und es gilt einen großen Widerstand zu überwinden, bis sich mit einem überraschenden Ruck die Autoachse zwischen uns in Bewegung setzt, worauf wir mit wenig Kraftaufwand eine ordentliche Geschwindigkeit aufnehmen. Kurz vor der hinteren Mauer, die das Nachbargrundstück einschließt, stellen wir schreiend fest, dass unsere Fahrradbremsen nicht ausreichen, die Autoreifen zu stoppen, worauf das Seil von den Rollen springt und die Achse an den provisorischen Kaltschweißnähten mit einem erschütternden Knirschen bricht. Öner und ich bleiben lachend stehen und sehen den davon rollenden Autoreifen nach, bis sie in den Dornen hängen bleiben.

Morgen bau üsch es rüschtüsch zusammen, ey, üsch schwöre.“, verspricht Öner, während sein Zeigefinger den dicken silbernen Ring an seinem Daumen dreht. Gleich von zwei Seiten prasseln Verbesserungsvorschläge auf ihn nieder. Wenn es nach Richard ginge, bekäme das Gefährt einen Motor und man erörtert den den Versuch, mit einem Relais zu arbeiten und dafür eine Lichtmaschine umzubauen. Wir beschließen, das kutschenähnliche Fahrzeug mit den alten Phenolharzteilen einer Autoverkleidung zu überdachen, worauf Sebastian und Paul Überlegungen anstellen, wie das Ganze zu lackieren sei.

Die fabrikneue Wohnungstür ist zweimal abgeschlossen, Carmen ist also noch bei ihrer Therapie. Ich sehe auf der Kommode im Flur und im Wohnzimmer nach, ob irgendein Hinweis auf ihren Verbleib hinterlegt wurde, aber alles sieht genau aus, wie an dem Tag, als ich mit Clarice hier war, lediglich eine Schicht aus Staubkrümelchen hat sich gelegt.

Unter der Spüle nehme ich den stinkenden Müll heraus und stelle ihn vor die Tür. Weil ich mir die Hände waschen will, gehe ich ins fensterlose Bad, aus dem mir ein erbärmlich beißender Ammoniakgeruch entgegen schlägt. Mit dem Shirt vor der Nase erkenne ich im Schatten des Waschbeckens ein Katzenklo. Das meinte Clarice mit ‚Muschi füttern’. Carmen ist Halterin einer Mieze. Ich entleere die Plastikschale in eine Tüte, aus der ich vorher modrige Holzwäscheklammern auf die Waschmaschine schütte. Dabei offenbart sich ein zweiter Verursacher des Gestanks: Der Wäschekorb. Mit angeekeltem Gesicht stopfe ich alles in die Maschine und starte sie.

Eigentlich will ich Carmens Haustier suchen, aber vom Flur bis zur Küche, in welcher mir auffällt, dass kein Fressnapf herumsteht, bleibt es widerlich stickig. Ich öffne die Fenster, bevor ich die beiden Blumentöpfe in die Badewanne räume und kalt abdusche. Hinter mir rumpelt die Maschine, es duftet nach Omas Waschpulver, weshalb ich mich beginne, richtig wohl zu fühlen. Neugierig öffne ich die Spiegeltüren über dem Waschbecken. Das Schränkchen ist leer, bis auf eine Zahnbürste und ein altes, eingetrocknete Seifenstück.
Ich durchsuche die Küchenschränke nach einer Packung Trockenfutter, um das Tier locken zu können, finde aber nichts, als verschimmelte und verfaulte Lebensmittel, die ich in einer dritten Tüte ins Treppenhaus stelle.

Ersatzweise nehme ich eine Schachtel unverdorbenen Reis und schüttele sie, es klingt fast genauso, wie die harten, fischförmigen Brocken und ich hoffe, dass der Kater darauf hereinfallen wird. Detektivisch stelle ich im Wohnzimmer fest, dass kein einziges Katzenhaar zu finden ist, bleibt nur das Schlafzimmer. In anderer Leute privatesten Raum einzudringen, ist überhaupt nicht mein Ding. Am Türgriff hängt Carmens roter Beutel.

Schweren Herzens drücke ich die Klinke herunter und beginne im selben Augenblick zu würgen. Irgendetwas in der Luft löst diesen Reiz bei mir aus, weswegen ich wieder mein Shirt über das Gesicht ziehe, bevor ich mich weiter voran taste. Gleich am Türrahmen entdecke ich eine Schale auf dem Boden, die vollständig von einem weißen, kristallartigem Pilz überzogen ist, der ihr krakenartige Beine verleiht. Daneben steht ein leeres Schüsselchen, in dem wohl mal Wasser war.

Die Matratze ist aufgeschnitten und das Füllmaterial wurde herausgezerrt. Mir wird ein bisschen mulmig. Welcher Teufel hat Carmen denn da geritten? Die Massivholztüren eines rustikalen Kleiderschrankes sind weit geöffnet, genau wie die Schubladen einer Kommode, die sogar auf dem Boden und auf dem Bett liegen, zusammen mit weiteren leeren Schatullen. Katzen bauen zwar verdammt viel Mist, wenn sie eingesperrt sind, aber soviel Kraft traue ich einer Einzelnen nicht zu. Über jede Menge auf den Dielen verteilte Kleidung steigend, kämpfe ich mich zum Fenster vor und reiße es auf. Ein Schwall frischer Luft rettet mich vor dem Ersticken.

Obwohl die Zimmertür geschlossen war und die Katzentoilette im Bad steht, ist nicht ein Indiz für das Tier zu finden, vielleicht hat Herr Johnson sie vorübergehend aufgenommen. Andererseits, dem Geruch nach zu urteilen, liegt sie tot in irgendeiner Ecke. Bei der Unordnung könnte das überall im Schlafzimmer sein.

Auf einer über der Wanne ausklappbaren Wäscheleine baumele ich die nassen Sachen auf und stelle die Pflanzen zurück ins Fenster. Im Wohnzimmer überfliege ich die Papierstapel, um herauszufinden, in welcher Klinik Carmen ihre Therapie angetreten hat. Vergilbte Zeitungsausschnitte von Theateraufführungen, darunter Buchempfehlungen, weiter Weinangebote eines Getränkemarktes und eine Anzeige über ein Kilo fangfrischer Muscheln für zwei Euro neunundfünfzig, aber kein Hinweis. Zudem fällt mir auf, das das Hochzeitsfoto nicht mehr im Schrank steht. Dafür entdecke ich ein Katzenfoto in der Vitrine neben den Kastanientieren, somit weiß ich nun immerhin, wie Carmens Mitbewohner aussieht.

Eine innere Schuld befiehlt mir, mich mehr zu bemühen, deshalb rufe ich bei Caritas an und erkundige mich nach dem Betreuer von Carmen. Die sahneweiche Stimme am anderen Ende der Leitung weiß sofort Bescheid und informiert mich, die Patientin sei in die Karl-Bonhoeffer verlegt worden, ob sie mir die Nummer geben solle. Über die Anzeige mit dem Foto zahlloser Miesmuscheln in einem Fischerkorb kritzele ich die Ziffern der Durchwahl. Nachdem ich gewählt habe, meldet sich zackig eine kratzige Stimme:

Kallbinöfer-Nervenklinik“. Zögernd frage ich nach Carmen und wesentlich freundlicher antwortet die Telefonistin nach einer kurzen Pause und dem Klackern der Tastaturknöpfe:

Leider konnten wir kein freies Bett für sie bekommen, aber machen Sie sich keine Sorgen. Sie ist im Theodor-Wenzel-Werk untergekommen, das ist sehr schön ausgestattet und mitten im Grünen. Besuchszeit ist Sonntag von zehn bis sechzehn Uhr.“ Bevor ich irgendwelche Besuche mache, will ich erstmal in Erfahrung bringen, ob Carmen ihre Katze versorgt hat und rufe im Theodor-Wenzel-Werk an. Dort sind gerade Gruppentherapiestunden, daher soll ich es später noch einmal versuchen. Ich erkundige mich, wie lange eine Entziehungskur im Schnitt so dauern würde. In einem gereizten Tonfall gibt die Rezeptionistin zurück:

So was dauert natürlich seine Zeit, aber sobald die Suizidgefahr vorüber ist, kann der Patient entlassen werden, vor allem, wenn sich die Familie darum kümmern möchte.“ Ohne Vorwarnung legt sie auf, dabei hätte ich gern noch gewusst, ob sie Carmen nicht mit jemandem verwechselte, denn von einer Suizidgefahr ist mir nichts bekannt.

Nachdem ich ihn als Veronika bei der Schule ange­meldet habe, wollen Philip und ich ihm eigentlich vom Arzt eine Sportbefreiung holen, doch Philip fällt plötzlich ein, dass er noch etwas zu erledigen habe und rennt davon. In dem Moment kommt Richard auf mich zu.

Die Tropfen glitzern an den Geländern und Ästen, wie Millionen Diamanten. Händchenhaltend spazieren wir unter kühlen, gotischen Backsteinarkaden hindurch, um auf die andere Seite der Spree zu gelangen, Ri­chard will mir ‚sein’ Kreuzberg zeigen. Eine abschre­ckende Clownsfigur steht grinsend am Eingang.

Pflanzt euch ruhig. Ick beiße nich!“, werden wir von der Barista begrüßt.

Während ich bequem auf dem Barhocker throne und mein Toast esse, nuschelt ein von Falten gezeichneter, graubärtiger Greis mit traurigem Schnarren mich von der Seite an. In seinen großen Händen hält er ein Mes­ser, dass ihn in Kombination mit den zersausten Haa­ren unter seiner schiefen Mütze wie einen Schwerver­brecher wirken lässt, sieht man davon ab, dass er da­für viel zu müde aussieht. Richard begrüßt den Alten, als würde er ihn schon Jahre kennen und flüstert ihm etwas ins Ohr. Dann zieht sich der Geselle in die staubige Nische, aus der er gekommen ist, auf sein Sofa zurück.

Kurz bevor wir die Marabu-Bar verlassen, überreicht mir der alte Mann ein hölzernes Schiffchen, dass aus einem Stück geschnitzt ist. Viel besser, als das aus Papier.Während ich ihm überschwänglich huldige, steckt Richard dem geschickten Alten einen Geldschein in die Tasche des speckigen Jacketts, worauf er sich aufrichtig bedankt.

Gefällt es dir?“, fragt er mich und ich verschließe seine Lippen mit einem innigen Kuss; derart mit Geschenken überhäuft hat mich vor ihm niemand.

Noch besser gefiele es mir, wenn ich an Deck passen würde.“, erwähne ich lächelnd und füge hinzu:

Danke, das ist wirklich süß.“

Darauf besuchen wir ein Grillfest in einem Hinterhof. Richard erklärt mir, auf den Mann am Grill deutend:

Das is Arne. Dem fehlt eine Gehirnhälfte, deshalb bekommt er nicht alles mit.“ Arne fragt ruhig:

Wie geht’s euch?“ Er verfolgt einfach die Strategie, bei jedem so tun, als würde er ihn kennen. Richard antwortet:
„Na allet flutscht. Und bei dir?“

Hmm.“, macht Arne und ein weiterer graublasser Mann stößt hinzu, dessen Stimme von Metastasen zerteilt beim ‚Hallo’ mehrmals kratzend bricht und auch nach dessen Wohlergehen erkundigt sich mein Begleiter. Der Angesprochene antwortet grinsend röchelnd:

Falsche Zähne, die nicht beißen, Hämorriden, Schmerz beim Scheißen, falscher Pimmel, der nich steht, da fragst du Arschloch, wie´s mir geht?“ Die drei Männer lachen.

Unter den riesigen Blättern eines Kiwibaumes, an dem lauter braune Bommeln hängen, steht ein Tisch und eine Bank, je aus einer Baumhälfte. Unter den Männer erkenne ich Müller. Er liegt also nicht irgendwo unter einer Brücke, auch wenn er stattdessen ein herrlich blauviolettes Veilchen am rechten Auge und ein verschobenes Nasenbein aufweist.

Lindaaa!“, grölt er, während er sich schwankend erhebt und mir entgegenwinkt, dass sein Sitznachbar erschrocken den Kopf einzieht.

Schön, dich zu sehn!“, zwinkert er mir mit dem unversehrten Auge zu und fällt auf die Bank zurück. Es ertönen mehrere Rufe nach Richard; von drei Weibsbildern in bunten Leggins und Tütüs.

Das ist Linda.“, stellt Richard mich den drei rasant gealterten Evastöchtern vor, worauf mir deren Hände nacheinander die Hand schütteln und mir drei Frauennamen um die Ohren fliegen.

Weil ich sonst niemanden kenne, setze ich mich zu Herrn Müller, der mir zu meiner Begeisterung berichtet, eine „Schnecke“ habe ihn vor einer Weile angerufen und seitdem träfen er und Carmen sich jeden Tag.
Der Typ neben Müller quatscht mich im grünlichen Licht voll, wie schlecht seine Freundin im Bett sei, deshalb müsse er sich zwei Liebhaberinnen halten, dabei zwinkert er der Pumuckel-ähnlich frisierten Frau an der Stirnseite der Tafel zu und zieht sich wegen der kaputten Prostata seine labbrig hängende Boxershorts aus der Pofalte. Ich nuschele:

Is gut jetzt, ehrlich mal. Keinen dieser halb verwesten Körper will ich mir beim Koitus vorstellen.“ Da beugt sich Müller zu mir und teilt geheimnistuerisch mit:

Apropos, verwest. Unsern Freund Brandenburg sind wir ja nun los.“ Ungläubig runzele ich die Stirn und sage:

Ach was?!“, worauf Müller erst richtig warm läuft.

Ick wollt ihn vorhin besuchn. Ham ihn grad abgeschnitten. Hat sich an den Rohren aufgehangen.“

Dann linst er auf die Uhr in seiner Tasche, worauf er sich entschuldigend verabschiedet:

Muss ma nachkieken, wo meine Schnecke bleibt.“, woraus ich schließe, dass Carmen aus der Therapie entlassen wurde. Müller humpelt vom Hof.

Die in Hörweite sitzenden Gestalten, die aussehen, als hätten sie gemeinsam eine Kleiderspende ausgeraubt, informieren mich nun allesamt über ihre Krankheiten; ich bin zwischen Anteilnahme und Ekel hin und hergerissen. Ein Einarmiger, der mir mit seinem Stumpf kontinuierlich auf die Schulter klopft, klärt mich über den herausgenommen Lungenflügel seines Kumpels auf, während der sich aus Schwarzem Krauser eine Zigarette dreht, wodurch mir der Appetit gehörig vergeht. Besorgt fragt mich Richard, ob alles in Ordnung sei.

Ich würd gern gehen.“

Na los, dann hauen wir einfach ab. Ich hol nur schnell noch mein Flickzeug aus der Werkstatt.“

Schüchtern zwänge ich mich zwischen den Altpunks hindurch, die sich gerade königlich über die Randalen in ihrem Bezirk aufregen; irgendwer hat ihnen eine Mülltonne geklaut, die nun auf der Straße als Geschwindigkeitsstopper dient, denn nachdem sie angezündet worden war, ist der Plastikklumpen mit dem Erdpech verschmolzen.

Eilig folge ich Richard in den Keller, der sich unter dem Hof erstreckt und mehrere Zentimeter tief mit Regenwasser gefüllt ist. Auf der Oberfläche schwimmen Kanister mit Farbe und Öl, Kartons oder nur deren Deckel und allerhand Papierkram, darunter Seiten aus Pornoheftchen. Auf einem der Deckel treibt, wie arrangiert, ein Modeltrabbi in Himmelblau mit weit geöffneten Türchen dahin, was mich dazu bringt, das frisch geschnitzte Holzschiffchen auf seine Schwimmtauglichkeit zu testen. Wacker schaukelt es von mir getrieben zwischen dem Unrat hindurch und ist unsinkbar, bis ich es wieder in meinem Beutel versenke. Trotz der übermäßigen Feuchtigkeit funktioniert das Licht und mehrere Radios sind an, ohne einen Sender zu empfangen. Das Rauschen der Rundfunkapparate übertönend rufe ich nach Richard. Aus einer Ecke hinter einem Regal mit alten Schuhen heraus deklariert er, was es mit den Radios auf sich hat.

Wilhelm ist völlig paranoid, der glaubt ständig, man würde ihn abhören. Und dass hinter den Unwettern die Regierung steckt, die irgendwelche Bomben testet oder Wellen aussendet, um uns zu manipulieren. Dabei sollte er vielleicht einfach weniger koksen.“

Dann überlegt er laut, mit wievielen Pumpen er den Keller trocken kriege, denn auch hier bei Wilhelm lagert Richard tausend Teile von Mötörön. Ich erzähle ihm von Dirk, der in Fidels Haus das gleiche Problem hat und gebe ihm Dirks Nummer, bevor ich gehe, damit sie sich gegenseitig helfen können.

Zehn Minuten später mache ich mich mit Philip auf der Suche nach dem Ärztehaus in Richtung Landsberger Allee, da die kleineren Praxen nun schon geschlossen haben. Auf einer Brücke stoppt Philip an einem Jahrzehnte alten Rohbau, aus dem, wie die Arme einer im obersten Stockwerk lau­ernden Riesenkrake, Dutzende von gelben Abwasser­schläuchen heraushängen.

Ein breiter Abgrund trennt uns von dem hohen Roh­bau, den man vom Schlachthof her sieht.

Schau mal, da steht eine Tasche.“ Philip zeigt auf den mitten in der Luft endenden gläsernen Eingang des Gebäudes. An der Betonkante steht ein Gepäckstück.

Da wird eine Bombe drin sein.“, sage ich und habe nicht vor, der Sache auf den Grund zu gehen. Da ist Philip auch schon halb die Treppe des S-Bahn-Über­ganges hinunter, klettert aus einem eingeschlagenen Fenster des Treppenhauses und springt über das in Schwindel erregender Tiefe liegende S-Bahngleis auf den Vorsprung des fensterlosen Neubaus. Schon ist er bei der Tasche.

Was ist drin?“, rufe ich aus dem kaputten Fenster hinüber. Von der Brücke über mir ruft Clarices Stim­me leicht hysterisch:

Veronika, bist du das? Was machst du da, komm sofort her!“ Sie fügt noch etwas Unverständliches hinzu und ich setze auf meine Liste neben Türkisch auch Russisch lernen zu müssen. Clarice ist am Treppenhaus vorbeigelaufen und als ich wieder hinunter sehe, ist Philip verschwunden. Also laufe ich ihr nach und sehe, wie sie um die Ecke hinter dem Rohbau in einem anderen Eingang verschwindet.

Die Versiegelung am Eingang wurde bereits aufgebrochen. Mein Herz klopft merklich; ich bin vorsichtig gespannt und abenteuerlustig aufgeregt, als ich durch die eingetretene Holzwand in das Gebäude steige. Es ist hell im grauen Gerippe und der Raum ist riesig, wie in einem Parkhaus. Ein Rund-um-Blick zeigt mir schnell, dass niemand hier ist. Clarice kann in ihren High-Heels schneller laufen, als gedacht.

Jede Menge Partyüberreste liegen herum. Etliche zu hartem Stein gewordene Pakete Raumörtel stapeln sich zu einer Palette in der Raummitte und das passende Werkzeug ist über den Fußboden verstreut. Halbfertige Wände stehen mitten im Raum, Treppen führen wirr in den Himmel. Der Wind drängt zu zahllosen Fensterlöchern und Spalten zwischen den Betonplatten herein, dass der Müll über den Boden kreiselt.

Clarice?“ Pause.

Philip?“ Ich bilde mir ein, von weiter oben im Haus ein ‚Ja.‘ gehört zu haben und erklimme die erstbesten frei im Raum hängenden Betonstufen. Überall finde ich leere Spraydosen und die kreativen Ergüsse der Maler an den Wänden. Eine rutschige Hahnentrittleiter führt vom letzten Geschoss auf das ebene Dach.

Mit dem Kopf aus der Dachluke guckend, erkenne ich etwas an der Brüstung, das nach einem schlafenden Menschen aussieht. Stören will ich niemanden, deshalb bin ich kurz davor umzukehren, aber vielleicht genießen Philip und Clarice gerade die Aussicht.

Leise pirsche ich mich auf dem von grauem Schotter bedeckten Boden entlang, nicht ohne knirschende Laute zu erzeugen. Es ist windiger hier oben und die Wolkenmasse hängt so tief, dass ich sie fast anfassen kann. Da unten bimmelt die Straßenbahn, ich sehe das bepflanzte Dach des Velodroms mit wenigen winzigen Spaziergängern und das Werbeschild des Baumarktes bei den bunten Wolkenkratzern an der Storkower Straße. Da dröhnt es aus dem gelben Plastikschlauch zu meiner Rechten:
Veeroonikaa!
Panisch schwanke ich rückwärts, stolpere über den Plastikschlauch und kippe nach hinten, worauf ich hart auf dem Boden aufschlage und mir die Handflächen aufschürfe. Das denke ich zumindest, als ich das Blut an meinen Handflächen sehe. Dann realisiere ich, dass neben mir Carmen liegt. Ihr Blut klebt überall, was in mir eine Todesangst auslöst, jeden Moment an den Schwachstellen aufzuplatzen und auszulaufen, den eigenen Lebenssaft durch die Finger sickern zu sehen und ihn nicht halten zu können.

Carmen?“, frage ich vorsichtig und tippe sie an. Aus dem Plastikschlauch ruft wieder Clarice nach Veronika. Carmen rührt sich nicht und ich fühle weder Puls noch Atmung bei ihr. Nach der genauen Verletzung zu suchen, kann ich mich nicht überwinden. Ich springe auf und rufe nach Clarice, die irgendwo ein paar Etagen unter mir ist. Sie wird ein Handy dabei haben und wir können den Notarzt rufen.

Hast du Veronika gesehen?“, begrüßt sie mich, als sie auf dem Dach ankommt. Dann sieht sie Carmen. Sie wird kreidebleich und fragt besorgt:

Geht es ihr gut?

Nein, wir müssen sofort den Notarzt rufen…!“

Lebt sie überhaupt noch?“, fragt Clarice mit einem Blick auf Carmen und zur Brüstung, als ob sie Carmen da gleich hinunterwerfen wollte. Doch dann bückt sie sich fürsorglich und untersucht Carmen genauer, bevor sie haucht:

Sie ist tot.

O Gott, was machen wir denn jetzt?“, will ich verzweifelt wissen, sehe unruhig umher und fange an, zu heulen, obwohl ich weiß, dass das nicht hilft. War es ein Unfall? Hat jemand Carmen umgebracht? Ist derjenige noch hier? Beobachtet er uns gerade? Ich muss von dem Dach runter.

Lass uns Hilfe rufen.“, schlage ich vor und versuche, mich zu beruhigen. Clarice, deren Haar um Carmen hängt, wie ein Vorhang, richtet sich auf und geht zur Kante des Rohbaus, wo sie suchend über die Brüstung schaut. Zu meiner Erleichterung holt sie ihr Handy heraus und telefoniert.

Meterhohe Buchsbäume, Hibiskusbüsche und Fuchsi­en verstellen uns den Weg. Paul und Sebastian tragen Carmen, die wie immer, wenn sie betrunken war, zwi­schen ihnen baumelt. Paul hat ihr einen rosa Bade­mantel mitgebracht, weshalb Carmen noch obskurer aussieht, als sonst, hingegen Paul sehr traurig guckt.

Ich habe ein schlechtes Gefühl, bezüglich dessen, was wir vorhaben. Wir kämpfen uns durch ein Gebüsch und kommen übersäht mit weißen Blüten, wie mit Zuckerguss bezogen, auf einem zugewachsenen Geh­weg heraus.

Unter dem tropfenden Wasserhahn am Weg plustert sich eine Amsel fröhlich in eine braune Pfütze, Mei­sen, Spatzen und Finken hüpfen aufgebracht von Grabstein zu Grabstein. Von einem der versunkenen Steinsarkophage vor uns ist der Deckel verrutscht, man kann durch den Spalt nur Schwarz erkennen. Eine kleine Steinbank steht in der Sonne neben einer Linde, deren Stämme sich ineinander verschlingen. Wir stehen im alten Teil des Friedhofes.

Haltet ihr das wirklich für eine gute Idee?“, frage ich zum wiederholten Mal. Ich war ein wenig irritiert, dass Clarice statt dem Notarzt Sebastian angerufen hatte. Sie nickt und meint, sich ebenfalls wiederholend:
„Wohlfahrtsbegräbnisse sind auf der Wiese ohne Stein, ganz anonym. So wissen wir wenigstens, wo wir sie besuchen können.“

Während Paul und Sebastian mit Ästen den Deckel des Steinsarges aufhebeln, pflücken Clarice und ich Blumen.
Rosa liegt Carmen im grünen Gras vor mir und wartet darauf, in das dunkle Grab geworfen zu werden. Das Blut unter dem Bademantel ist getrocknet und lässt sie aussehen, als hätte sie sich mit den Vögeln in der Schlammpfütze gekugelt. Ich habe ihr nicht ins Gesicht gesehen, seit ich sie gefunden habe. Irgendwie habe ich einen schmerzverzerrten Ausdruck mit weit aufgerissenen Augen erwartet, aber sie sieht nur tot aus. Ihr Mund steht offen und schlaff wie ihr Unterkiefer hängt das bleiche Gesicht entspannt dem Erdreich entgegen.

Clarice hält eine kleine Rede und meint, dass uns das nun immer verbinden würde und wir deshalb immer zusammenhalten müssten. Sie guckt mich misstrauisch an, vermutlich, weil ich ständig die Polizei anrufen will. Ich weiche ihrem Blick aus und nacheinander verabschieden wir uns mit wenigen Worten von Carmen. Sebastian und Paul ertragen die Situation wesentlich souveräner, als ich. Ich bekomme aus seinem Gesagten mit, dass Paul Carmens Pfleger Herr Johnson ist. Carmens Katze fällt mir schuldbewusst ein und Müller… das wird ihm das Herz brechen.

Den schweren Steindeckel wieder zurückzuschieben, dauert viel länger, als Carmen hineinzulegen. Furchtbar nervös sehe ich mich nach den Spaziergängern um, bis der Sarg endlich geschlossen ist und das Grab friedlich und unberührt erscheint, wie vorher.

Ich steige die unbenutzt aussehenden Stufen nach oben.

Dirk und Fidel haben sowas wie ihren eigenen Staat am Ostkreuz gegründet, weshalb sich die dreckigen Sofas nun bis in den Garten erstrecken, wo sich der Abfall und eine Wagenburg aus Zelten und Wohnmo­bilen türmen.

Da wäre auch für Herrn Brandenburg Platz gewesen, denke ich, als ich an seiner Wohnung vorbeikomme. Die Tür ist nur angelehnt. Schränke und Regale sind leergeräumt, bis auf wertlosen Kram, wie Bilderrahmen mit Fotos, die alten Lampen an der Decke, die noch von Brandenburgs Mutter da hängen und die Pflanzen auf dem Fensterbrett.

In der Küche als Stütze der Gasleitung, die dicht unter der Zimmerdecke verläuft, stehen Holzleisten. An dem so gesicherten Rohr hängt der Rest eines dicken Seiles, das abgeschnitten worden ist. Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Auch wenn er kein dicker Kumpel war, so einen Tod hätte er sich nicht aussuchen sollen. Ich will gehen, da fällt mein Blick auf ein Hochzeitsfoto. Ich wusste gar nicht, dass Brandenburg verheiratet war. Vielleicht hat er ja sogar Kinder. Als ich das Foto aus dem Regal nehme, ist es das Gleiche, das ich mit Clarice in Carmens Wohnung angesehen hatte. Der Mann neben Carmen muss der junge Brandenburg sein. Damit es nicht im Müll landet, nehme ich es an mich. Ob Brandenburg mitbekommen hatte, dass Carmen und sein Freund Müller zusammen waren?

Lass uns da lang fahren.“, verlange ich von Richard und wende mich aus der Matkowskistraße nach rechts, um an Fidels Haus vorbeizufahren. Umso schockierter bin ich, auf eine verkohlte Fassade mit schwarzen Balkenenden, die in den unbewölkten Abendhimmel ragen, zuzurollen. Sämtliche Fensterscheiben sind zerborsten und von den Loggien sind nur die Stahlskelette übrig. Richard betont bei diesem Anblick:

Sag ich ja, die greifen echt durch, um die Hausbeset­zer loszuwerden.“

Der Garten wirkt friedlich; die Zeltstadt unter der schiefen Eiche ist verschwunden und mit ihr alle Be­wohner. Wie konnte ein so nasses Haus einfach ausbrennen? Richard wartet an der Gar­tentür, während ich einen Blick in den Keller werfe. An der Decke über mir hängen Löschwassertropfen und es riecht nach schädlichen PAKs, wie in jedem Kohleofenhaus bei vierzig Grad im Sommer. Es ist sehr dunkel, nur der Licht umrissene Treppenaufgang ist zu erkennen.

Erst in diesem Moment wird mir bewusst, dass ich die ganze Zeit im Hinterkopf hatte, im Notfall jeder Zeit hier bei Dirk einziehen zu können und jetzt zerfällt der Rettungsring zu Asche. Auch wenn ich vor Dirk getan habe, als ob ich ihn für durchgeknallt hielte, hatte ich sogar schon ein Bild vor Augen, wie alle Wohnungen aussehen könnten, wenn sie fertig sind und erst der Keller! Der wäre vielleicht ein Restaurant mit Gartenterrasse geworden, jeden Morgen hätte es für die zahlenden Gäste ein reichhaltiges Büffet gegeben und Zimmerservice bis in die Loggia. Je mehr Geld hereingekommen wäre, desto mehr hätte ich umgebaut: Solarplatten, Wärmedämmung, energie- und wassersparende Geräte, bis es ein Selbstversorgerhaus ohne böse Abfälle geworden wäre. Doch nun gilt es, sich Sorgen um das Wohlergehen der Clique zu ma­chen. Wenn sie noch hier wären, hätten sie bei dem schönen Wetter wohl im Garten gesessen. In der Log­gia steht Fidels Zitronenbäumchen und ich nehme es mit.

Wir steigen auf unsere Fahrräder, wobei Richard auf dem Hinterrad losfährt und ich nur langsam schlin­gernd in die Gänge komme.

Können wir noch schnell am Bahnhof vorbei?“, lasse ich mein Vorhaben wie eine Bitte klingen und er fasst nach meiner Hand, was mich auf dem Kopfsteinpflaster aus dem Gleichgewicht bringt, doch er greift nach dem Drahtesel, um mich und das Zitronenbäumchen auf dem Gepäckträger zu halten.

Grad noch mal gut gegangen!“, schmunzelt Richard und ich lächele, zittrig in die Pedalen tretend. Als wir beinahe am Bahnhof sind, erklärt er mild:

Glaub mir, in ein paar Monaten hat irgendwer das Haus gekauft und wird es herrichten.“

Schön für Denjenigen.“, zicke ich und entschuldige mich sofort dafür.

Tatsächlich gammeln im Schatten der ausgedienten S-Bahnbrücke drei der Bewohner des Hauses am Ostkreuz.

Hi. Hier seid ihr also, ich hatte mir schon Sorgen gemacht.“, begrüße ich sie verunsichert und lasse Richard mit den Rädern stehen. Molle rührt sich nicht einmal; er lehnt an der Wand und schläft mit dem Kinn auf dem Brustbein, während Jenny, deren Frisur nicht mehr anzusehen ist, was der Friseur einmal daraus gemacht hatte, und Nicki grölend auf der Bordsteinkante lümmeln und einen Blechbecher am Henkel schütteln, damit man Kleingeld hineinwirft. Zwar stehen ein paar leere Bierflaschen neben ihnen, aber sie scheinen im Gegensatz zu Molle noch bei Verstand zu sein.

Haallo, ich bins, Linda.“, versuche ich deutlich flehentlich die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.

Weiß ich doch. Verpiss dich!“, nuschelt Jenny und röpst laut hinterher. Richard flüstert mir von hinten zu:

Komm, lass uns gehen, die sinn ja stocksteif!“, und greift nach meinem Arm. Ich schüttele ihn ab und starre ihn grimmig an, obwohl er nicht der Grund meiner Wut ist.

Was ist, mein Seestern? Sei nicht böse.“, bettelt er und ich seufze. Was findet er nur an mir? Bemüht, freundlicher zu klingen, erkläre ich:

Warte, ich will nur wissen, was passiert ist.“ Richard stellt seine Beine bequem und steckt die Hände in die Taschen.

Barsch und ziemlich deutlich spreche ich Jenny an:

Na, habt ihr im Vollrausch das Haus angezündet?“

Sie erhebt sich und ich weiche sicherheitshalber einen Schritt zurück. Mit ausgestreckten Armen schimpft sie:

Blödsinn, mer ham geschlafen. Von uns war das keener, wir ham sogar die Feuerwehr gerufen.“ Sanfter gestimmt ergründe ich:

Was hat die Polizei dazu gesagt?“

Nun kommt Nicki auf die Beine. Richard holt die Hände aus den Taschen und beobachtet die Situation kampfbereit, während Jenny stur erwidert:

Wozu? Mer sinn da nich gemeldet, ham keen Mietvertrag, keene Versicherung, nichts, intressiert die doch en Scheißdreck, wat mir mahlohcht ham! Mer brauchn dein fuck Mitleid nich, mer sinn schon große Mädchen.“

Entnervt will ich wissen:

Und was ist mit Fidel und Dirk?“

Watt’n für en Dirk?“, lallt es überraschend angriffslustig aus Molles Richtung, der von Dirk sogar Hilfe bei der Jobsuche bekommen hat. Sein bekleckertes T-Shirt ist nach oben gerutscht und gibt seinen schwabbligen, käsigen Bauch frei, der sich stellenweise rosa gefärbt hat. Ohne auf ihn einzugehen, klärt mich Jenny auf:

Fidel is nach Köln zurück, der behinderte Arsch. Wir anderen ziehn ans Ufer zur Köpi, Lemming hat uns nen alten Bauwagen ranorganisiert.“ Meine Nachfrage bezüglich Kubas erntet spöttisches Gelächter.

Der war doch nich aus Kuba! Aba lass ma, du bist nich allein auf ihn reingefallen, der hat gelogen, wenn ers Maul aufgemacht hat.“, kommt es von Nicki verächtlich.

Mach dir nix draus, Linda, kannst uns ja besuchen kommen, aber lass die piekfeine Bettwäsche zu Hause.“

Das tut weh, sie spielt auf meine Gaben in Form von Secondhand-Textilien an.

Hast du Kleingeld für uns?“, fragt Nicki aufdringlich nah an Richard heranrückend, worauf ich nun ihn am Arm packe und wegziehe.

Man sieht sich.“, gebe ich mir Mühe, unfreundlich zu klingen, damit die Drei auch merken, wie verletzt ich bin, aber sie ignorieren mich und widmen sich mit ihrem Bettelbecher dem Ansturm der soeben aus der Ringbahn die Treppenstufen hinunter strömenden Fahrgäste. Hängender Schultern wechsele ich die Straßenseite, wobei ich das Rad schiebe und Richard von seinem herunter versucht, mich mit Schmeicheleien aufzubauen, bis ich anfange zu lächeln. Nach einer Weile meint er:

Punks sind nun mal so. An einem Tag wollen sie die Welt retten, am nächsten in den Abgrund springen.“

Kann sein.“, maule ich und füge leise hinzu:

Oder sie mögen mich einfach nicht.“ Richard bremst ab und steigt ab, um mich in den Arm zu nehmen.
„Die brauchst du doch gar nicht. Ich mag dich.“, erklärt er fest.

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2 Kommentare zu ZIELLOS QUERFELDEIN: 3. Lügen

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