Kein Held in Sicht… 3. Kapitel, Vorderindien

3. Vorderindien, 2. Jahrtausend vor unserer Zeit

Im Schatten der herüberhängenden Felswand eilte Manu Aditia Katscha am Ufer des Wirini von der Ar­beit nach Hause. Jeden Morgen sprach Manu vor dem Sonnenaufgang  seine Gebete und lief, ohne etwas gegessen zu haben, aus dem Haus. Er musste bis tief ins Ge­birge klettern, um das Kloster des Weda rechtzeitig zum ersten Gebet bei Sonnenaufgang zu erreichen.

Während der Trockenzeit konnte er das ausgetrocknete Flussbett des Wirini mühelos überqueren, doch während der Regen­zeit musste er einen riesigen Umweg machen, bis zu einer Stelle landeinwärts, wo sich der Fluss im Laufe der Jahre tief in den Felsen gefressen hatte und der Überweg auch bei den schlimmsten Überflutungen landab­wärts begehbar war.


Manu sprang von Stein zu Stein auf die andere Seite des Flusses. Die Kadaver einiger Wasserbüffel zogen die Aufmerksamkeit eines Schwarms Aasvögel auf sich, die bei ihrem Festmahl von den gelben und hungrigen Augen eines Wolfsrudels aus nächster Nähe beobachtet wurden.
Kaum war die Regenzeit zu Ende, setzte die Trocken­zeit ein. Dann brannte die Sonne erbarmungslos auf die Erde nieder, sog ihr das Leben aus und tötete alles, was nicht rechtzeitig in die Wälder zurückgekehrt war. Innerhalb weniger Tage sprang der rote Boden auf, die Risse und Spalten waren tückisch und verschlangen jeden, der unbedachten Schrittes über die Ebene wan­delte. Das Grün zog sich in die Herzen der Wälder, wo diese am dunkelsten waren, zurück, machten dem Tod, dem Staub und der Ödnis Platz. Wenn die Sonne die ganze Erde verbrannt hatte und selbst ihre dursti­gen Arme keinen Tropfen Wasser mehr fanden, kam der Regen.

Manu konnte das Haus seines Vaters schon von Wei­tem sehen. Bei Einbruch der Dunkelheit entzündete sein Vater jeden Abend ein Feuer, dem er etwas Salz aus den Bergen beifügte, worauf es weit über die Ebe­ne gelb leuchtete, damit Manu den Weg fand. Sein Va­ter stand in der Tür und blickte ihm entgegen.
Das Haus war groß, weil im hinteren Teil die Kühe und Schafe ihren Unterstand hatten. Seitlich des Wohnhauses befand sich ein Bambusgerüst, an dem rote Lappen zum Trocknen hingen. So war es, seit Manu denken konnte. Wie blutige Fahnen hieß ihn das Tagwerk seines Vaters im gelben Widerschein des Natriumfeuers willkommen.Wie er war auch sein Vater in die Priesterkaste hineingeboren, wie all ihre Urväter stellte auch Manus Vater Wolle und Seide her. Seine Seidenraupenzucht war nicht groß und auch Schafe hatten sie nicht viele. Doch es hatte immer gereicht, nie hatten sie hungern oder frieren müssen.
In jungen Jahren hatte Sescha Brahma Brihaspati an einem Flussufer etwas entdeckt, als er durch das Was­ser gewatet war und mit roten Beinen wieder heraus­kam. Es hatte zwar einige Monate gedauert, doch Se­scha hatte herausgefunden, wie er mit Hilfe des Flus­ses die Schafswolle und feine Seide rot färben konnte.

Sescha schloss seinen Sohn Manu in die Arme und er­kundigte sich nach seinem Tag. Ausführlich berichtete Manu vom Morgengebet bis zur Abendandacht von al­lem Neuen, was er an diesem Tag gelernt hatte. Se­scha lauschte andächtig, ohne seinen Sohn ein einzi­ges Mal zu unterbrechen. Manus Augen leuchteten vor Begeisterung, das Wissen des Weda erlernen zu dür­fen, dem Göttervater Indra auf diese Weise dienen zu können.

Obwohl Manu einen anstrengenden Tag gehabt hatte, konnte er nicht ruhig sitzen bleiben. Bei seinen Erzählungen rannte er ständig auf und ab, sein junger, drahtiger Körper unterstrich jedes Wort mit einer Geste, sein kindliches Gesicht lächelte und verfinsterte sich, schmollte und blickte traurig, je nach Inhalt des Erzählten.

Wenn die nächste Regenzeit begann, sollte Manu in die Lehre gehen, um die heilige Lehre des Wedas und alle Bräuche der Priesterkaste anzuhören. Dies war also die letzte Trockenzeit, die er in das Kloster der Yayurweden ging, nach dieser Trockenzeit würde er alles über die Riten und Opfer der Weden wissen und auch wenn er es vor seinem Vater nicht erwähnen wollte, allmählich wurde er die Sama und Rig leid, tagein tagaus Götterhymnen und Opfergesänge zu studieren lag nicht in seinem Naturell. Wie auch sein Vater wollte Manu unbedingt die schwierigen Atharva erlernen, die Zauberformeln um die Tiere anzurufen, Dämonen auszutreiben und den Tod zu überlisten.

Sescha Brahma Brihaspati war ein weiser Mann, der seinen Sohn gut kannte. Deshalb hatte Sescha sich schon während der Regenzeit an seinen langjährigen Freund und Verbündeten gewandt, an Katschjapa Daschka Uschanas, einen bewundernswerten, asketi­schen Priester, der der Hauspriester des Königs Wir­scharparwan und damit oberster Priester der Danawa war. Obwohl Sescha Brihaspati selbst oberster Priester der Brahmanen war, so wusste er doch, dass sein Freund ihn in mystischer Symbolik und Zauberriten weit übertraf, er hatte sogar gehört, dass Uschanas das Geheimnis der Athanasie hütete. Und so sehr Sescha seinen Sohn liebte und ihn am liebsten nie aus den Augen lassen würde, wusste er doch, dass er ihn zie­hen lassen musste, weil er ihn so liebte. Manu sah sei­nen Vater verstört an.
„Hört ihr meine Worte, Vater?“
Sescha lächelte entschuldigend.
„Verzeih mir, meine Gedanken waren abgeschweift.“ Er strich seinem Sohn liebevoll über das Haar und be­schloss, dass es für sie beide Zeit zum zu Bett gehen war. Widerspruchslose schlich Manu zu seinem Nachtlager.
Sescha lag noch lange wach. Plötzlich schien ihm die Zeit, die Brahma seinem Sohn und ihm zusammen ge­geben hatte, viel zu kurz. Eine Priesterlehre dauerte manchmal ein ganzes Leben.

Wenn sein Sohn zurück­käme, wäre er bereits im nächsten Leben.

In der Se­kunde dieser Erkenntnis wünschte er, er würde das Geheimnis der Unsterblichkeit, der Athanasie, ebenfalls kennen.

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