WATER OVER ROAD: 6. Kapitel

zrückblättern

Etwa acht Monate vor der Flut, Mai

6. Rola im Turmzimmer

Es war mitten in der Nacht. Ein gruseliger Blinder, der eventuell doch sehen konnte (seine Sonnenbrille tragende Nase folgte ihr), lag im Fußgängereingang des Parkhauses, ein dezenter Gestank nach Pisse in der Luft. Rola hatte zuvor im Roma-Park unter einem Vorhang gelber Riesenblüten geschlafen (Cup of Gold), die gemütlich nach Vanille und Weihnachten dufteten, war ruppig vom Wachpersonal verjagt worden und schlich nun in das Parkhaus. Ganz oben auf dem Parkdeck, wo die Luft klar und von wo aus die Aussicht großartig war, gab es einen Spalt im Asphalt, in den Rola sich unter den Sternenhimmel legte.

Rola hatte eine Tropenreise machen wollen, doch das Geld hatte nur bis Lone Pine Park gereicht. Sie hatte Koalas, Emus und Kängeruhs gestreichelt, ein Schnabeltier und einen Kasuar, diesen bunten Riesen-Hornvogel, gesehen. Auf dem Rückweg nach Brisbane Stadt hatte sie einen echt deutschen Aldimarkt, nebst deutschem Fleischer und Bäcker entdeckt, aber außer Pumpernickel nichts gekauft.

Inzwischen war sie nur noch Haut und Knochen, wie ihre Oma gesagt hätte, denn seit ihrem Tod litt Rolas Appetit. Dem Metzger war vom Amt Unterstützung zur Seite gestellt worden. Rolas Betreuerin hatte ihr zum Siebzehnten eine Wohnung besorgt und Rola die zehnte Klasse wiederholt. Mit dem Schulabschluss in der Tasche, hatte sie sich in ständigem Hin und Her zwischen Schulbankdrücken, einer Ausbildung machen, oder besser gleich arbeiten und vernünftig Geld verdienen, über die letzten Jahre ihr Abitur erkämpft. Als sie es endlich hatte, wusste sie nicht, was sie aus sich machen sollte. Und es gab niemanden, den sie um Rat fragen konnte.

Da starb Omas Metzger. Rola hätte sich dafür kaum interessiert und es sicher nicht bemerkt, aber er hinterließ ihr seinen gesamten Besitz, weshalb sie von einem Notar von seinem Tod unterrichtet worden war. Nach Ausrichtung der Beerdigung, Auflösung des Geschäfts und der Wohnung waren ihr knapp fünftausend Euro geblieben. Ein kleiner Segen in der Not, von dem sie ihre Miet-, Strom-, Telefon- und sonstwelche Schulden zahlte (niedrige Sümmchen, da Rola sparsam lebte). Vom restlichen Geld kaufte sie sich ein Flugticket, um ein neues Leben anzufangen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Sie war noch nie in ihrem Leben gereist, hatte Berlin noch nie zuvor verlassen. Die Reisebürotante hatte ihr die Vor- und Nachteile sämtlicher internationaler Reiseziele erläutert und Rola, die gern von der Wüste über Regenwald bis zum Ozean alles gern einmal sähe, hatte sich für Down Under entschieden, weil es laut ihrer Reiseberaterin das europäischste Fernziel sei, ohne Rebellen im Dschungel, Tretminen in der Wüste und ohne Kulturschock. Dort könne man ganz einfach für sein Taschengeld arbeiten gehen, mit einem Work-und-Travel-Visum. Von der Wirtschaftskrise sei kaum etwas zu spüren. Giftige Tiere, die ewig lange Regenzeit und die hohen Preise in Australien waren verschwiegen worden.

Glücklicherweise bisher ungebissen und trocken geblieben, hatte Rola leider ein leeres Konto. Die Backpackerjobs waren weitaus rarer gesäht, als Backpacker im Land waren.

Gegen vier Uhr morgens piekste sie jemand mit einem Stock wach. Der Parkhauswächter hatte sie bisher übersehen und war nun einmal näher am Rand entlang gefahren.

Bärenmüde und ziellos lief Rola durch die Straßen. Aus einer Bar torkelten Mädchen, die sich fröhlich über ihre Einnahmen unterhielten. Rola sah ihnen nach, während sie sich fragte, wie sie etwas zu essen auftreiben sollte und wo sich die anderen Nichtsogutbetuchten in dieser Stadt versteckten. Selbst morgens um vier, sah Brisbane aus, wie geleckt.

Leider wuchsen nicht an jeder Ecke Mangos und Bananen, wie Rola gedacht hatte. In diesem Moment sah sie fünfzig Cent auf dem Boden liegen. Bei Hungry Jacks gäbe es dafür ein Eis. Langsam heilte die Reiseluft ihre Appetitlosigkeit. Statt, wie üblich sechseckig, war das Geldstück rund, deshalb behielt Rola es und setzte die Suche nach Barem in der Fußgängerzone fort. Aus Brunnenbecken in Chinatown Münzen fischend, traf sie auf Obdachlose, die wie sie, unter die Bänke krochen und die Blumenrabatten dahinter durchwühlten.

Rola kaufte sich Toastbrot für vier Dollar im Night Owl, ein Sonderangebot, das ihr als Witz erschien, in Deutschland kostete es nur wenige Cent. Ihre Wasserflaschen füllte sie am Trinkwasserspender im Park auf, aus dem sie einen kleinen Vogel vorm Ertrinken rettete. Dem Geretteten hinter dem chinesischen Garten ein sonniges Plätzchen suchend, fand sie eine Barbequue-Platte bei den gelben Riesenblüten. Die BBQ-Platten standen in allen Stadtparks zur Nutzung bereit. Rola drückte auf den Knopf, bis das Gas zündete.

Zufrieden aß sie ihr Toastfrühstück und beobachtete einige junge Asiaten, die zusammen Frisbee spielten. Nach einer Weile kamen sie zu ihr herüber. Von einem gutaussehenden Chinesen wurde ihr freundlich ein Corona (das hier echt teuer war) angeboten und sie setzte sich neben ihn. Seine Freunde legten Fleischspieße auf die heiße Platte, was einige hungrige Wasserdrachen aus der Familie der Agamen anlockte. Rola begutachtete die urzeitlichen, leguanartigen Riesenechsen interessiert. Der Junge erzählte ihr, dass sie ihre gestrige Meisterprüfungen feierten, bevor er plötzlich mit seiner Coronaflasche ausholte und den aufdringlichsten Wasserdrachen mit mehreren Hieben brutal erschlug. Jäh stand Rola auf, sammelte ihre Sachen zusammen und stürzte panikartig davon, um möglichst schnell von diesen unberechenbaren Menschen weg zu kommen. Es war nicht leicht, Freundschaften zu schließen. Der Chinese rief irgendetwas. Rola wollte seine Beweggründe nicht erfahren. Sie rannte durch den Victoria Park, bis sich ihre Schuhe auflösten.

Barfuß auf einer schattigen Bank sitzend, verschnaufte sie. Ein massiger Jungenmarsch aus Zehn bis Zwölfjährigen in roten Trikots trabte schier endlos an ihr vorbei. Rola wartete. Als kein Schatten mehr auf ihrer Bank übrig war, blieb ihr nichts anderes übrig, als sich in die Marschierenden einzureihen, um von ihrer Parkbank loszukommen.

Vor einem Sportplatz schaffte sie es, sich aus dem Strom zu lösen und in ein Chinarestaurant abzubiegen. Es war Mittag und sie aß Wonton-Suppe und Blackbeans im Hinterhof, wie Susi, der Strolch fehlte.

Anschließend gönnte sie sich einen Mangosmoothi für nur! fünf Dollar und spazierte, flankiert von prächtigen Papageien und gebraten, bei siebenunddreißig Grad, unter der Eisenbahn und dem South East Highway hindurch, an der Queensland-Uni mit ihrem waldigen Campus vorbei, an einen See, in den sie die Füße baumeln ließ.

Die Orientierung hatte sie längst verloren, als sie am Fuße des Mount Gravatts Maracujas stibitzte, die über den Zaun gewachsen waren. Wenn sie schon mal da war, konnte sie gleich mal den Berg hinaufkraxeln. Unter der Stromleitung, auf der ein Kookobara saß, blieb Rola stehen. Der dicke Eisvogel käckerte „Kookobara kookobara!“ und stürzte sich auf eine Nacktschnecke auf dem Trampelpfad, die er gierig verschlang. Daneben, im Laub zu Rolas Füßen, glänzte ein Swarowski-Armband, über das sie sich sehr freute. So etwas Schönes hatte sie noch nie besessen.

An einem Parkplatz voller Autos mit Insassen, die den Ausblick auf die im aufziehenden Abend bunt funkelnde Stadt genossen, endete der steinige Aufstieg. Neben Autos und einer Familie weißer Kakaduhs sitzend, die auf dem Geländer mit aufgestellten gelben Kämmen zankten, schlabberte Rola die saftigschleimigen Maracujas. Die Kerne knackten laut zwischen den Zähnen. Die Konsistenz des Fruchtfleisches konnte sie bei dieser Geschmacksexplosion ignorieren. Rola warf den Vögeln die Reste hin. Als einzige Fußgängerin kam sie sich etwas schutzlos vor, zwischen den großen Jeeps. Sie verließ den Ausguck, von dem aus sie die den Stadtbahnhof Central Station sah, in diese Richtung.

Weil sie, trotz der leckeren Früchte, von ihrem Ausflug ziemlich hungrig war, stellte sie sich unter einer Brücke in der Roma Street an der gut besuchten Suppenausgabe für Obdachlose an und hoffte, dass sie nicht auffallen würde. Es wiegte sie in Sicherheit, dass die Schlange aus einer Mixtur von Menschen bestand, die nicht nach Obdachlosen aussahen, ihr aber, von den Blumenrabatten her, bekannt vorkamen. Hinter ihr reihte sich ein Bauarbeiter in Leuchtfarben ein, vor ihr stand ein runzliger Greis im dunkelgrauen Anzug mit Krawatte. Sie vermutete, dass dies Tarnungen waren, damit man sie nicht als bedürftig erkannte, denn kaum hatte sie sich auf eine Nasenlänge genähert, schlug ihr ein bestialischer Gestank aus Richtung beider Männer entgegen. Die Wartenden vor sich durchzählend, entschied Rola nach wenigen Minuten der Atemnot, auf die Suppe zu verzichten und entfernte sich wortlos aus der Menge.

Schlendernd erreichte sie den Bahnhof Central Station und überlegte, sich in das gegenüberliegende Hostel einzumieten. Sie hatte keine Lust, eine weitere Nacht herumzuirren. Die Hosteltür ließ sich nicht öffnen, nur mit Chipkarte. Seufzend erkannte Rola: Sie war zu spät und die Rezeption nicht mehr besetzt.

Müde gesellte sie sich am Bahnhof zu anderen liegengebliebenen Backpackern. Manche harrten dort aus, bis sie das passende Ticket zur Weiterreise erbettelt oder im Müll gefunden hatten, andere warteten auf Muttis nächste Finanzspritze. Rola lauschte den Unterhaltungen und sammelte das Kleingeld auf, das aus lässigen Surferhosentaschen gefallen war. In dieser Nacht machte sie die Erfahrung, dass man in Brisbane auch nicht am Bahnhof schlafen durfte. Zumindest nicht nachts, tagsüber sei es kein Problem, erfuhr sie von einem Mitstreiter.

Die Backpackergemeinde besetzte geschlossen eine kleine McDonalds-Filiale im Bahnhofsgebäude, deren Nachtschicht aus zwei jugendlichen Australiern bestand, die sich eingeschüchtert hinter ihrem Tresen verkrochen und Rola irgendwie Leid taten, weil die Rucksack-Touris im Partyrausch die Einrichtung zerlegten.

Halb fünf schloss die McDonalds-Filiale für eine Stunde und Rola schlich im Schatten der Gruppe in das Hostel auf der anderen Straßenseite, dessen Türen in der Morgensonne weit geöffnet standen. Die Stadt erwachte eilig und die eben noch einsame Kreuzung wurde ganz plötzlich von Menschenmassen geflutet.

Rola wollte nicht mehr herumlaufen, die Füße schmerzten ihr und ihr Augenlid zuckte bereits.

Sie fand ein Treppenhaus und stieg bis in die letzte Etage hinauf. In einem kochend heißen Turmzimmer, unter dem Dach des Hostels, stand ein Sofa vor einem Fernseher, der an der Wand hing. Diese Bruthitze machte Rola sicher, dass niemand hier oben zu erwarten wäre und sie ihre Ruhe haben würde.

Ein offenes Fenster ließ den staubigen Gardinenschal wie einen großen Fächer durch den Raum wehen, was ein wenig Abkühlung verschaffte.

Sie klebte auf den Couchpolstern, weshalb sie die viereckigen Kissen herunternahm. Auf dem nackten Holzkasten des Sofas sah es aus, wie in einer Goldtruhe: Berge von Kleingeld hatten sich angesammelt. Zufrieden steckte Rola die Münzen ein. Sie schlief schwitzend bis in den Nachmittag hinein. Sie wusste nicht, wo sie eine Schlüsselkarte für die Duschräume herbekommen könnte und lungerte vor der Tür herum, bis diese sich öffnete.

Frischgeduscht und beinahe ausgeschlafen, setzte Rola ihre Brisbanetour fort. Sie hoffte, bald eine annehmbaren Arbeit und Unterkunft zu finden. Rola überquerte eine kilometerlange Brücke, entdeckte Kanus, die man kostenlos fahren konnte und dahinter einen kleinen offenen Garten mit Kapuzinerkresse und Tomaten, die sie probierte. Auf dieser Seite des Brisbane Rivers schien es weniger überwachendes Staatspersonal zu geben, überall fand sie Überreste von Nachtlagern anderer Backpacker und konnte sich nirgends recht entschließen, sich hinzulegen. Sie las an einer Museumswand von einer „Free Exhibition“ und hielt sich den restlichen Tag in den gekühlten Ausstellungsräumen auf.

In einer Vitrine der Epochen der Modegeschichte lag ein über und über paillettenbesetztes Kleid. Etwas wehmütig erinnerte es Rola an ein Eiskunstlauftütü und somit an Elly. Bei Ellys Ehrgeiz war vermutlich etwas sehr Ansehnliches aus ihr geworden. Jedenfalls war sie nicht obdach- oder arbeitslos, wie Rola, war sich diese gewiss. Die Essstörung und die Klauerei hatte Elly mit Garantie in den Griff bekommen, schon allein deshalb, weil ihre Mutter es ihr ausgetrieben hatte, versicherte sich Rola nachdrücklich, ehe die Besorgnis sie übermannte. 

Sie mochte ungern an Vergangenes denken und spülte die Gedanken am Abend unweit des Museums beim Bad in der Lagune (dem öffentlichen Swimmingpool am Fluss) davon. Erfrischt und spürbar befreit, hatte Rola kein Bedürfnis mehr, sich ein Zimmer zu suchen und legte sich unter den sternenklaren Nachthimmel.

-Bis sie gegen halb sieben morgens wieder einmal ihres Schlafes beraubt wurde. Missmutig schaute sich Rola um. Sie lag hinter einer idyllischen Parkbank mit Trauerweide und sehr vielen Moskitos, auf einer Wiese des botanischen Gartens am Theater. Die Motorengeräusche, von denen sie geweckt worden war, gehörten den beiden Parkbuggys, die ein Beet mit Erde aufschütteten. Die Arbeiter beachteten sie nicht, aber an Schlaf war bei dem Krach nicht zu denken. Der Preis der Freiheit. Etwas schlecht gelaunt erhob sich Rola und rollte ihren Schlafsack zusammen.

Ihre Laune hob sich nicht, als sie entdecken musste, dass sich ein Opossum (sie nannte es Scheißbär, wegen der Angewohnheit, von irgendwo oben auf einen herunter zu pfirpfeln) oder ein langschnäbeliger Ibis, ihr Frühstück geholt hatte, das sie, eingepackt in zwei Tüten, an der Rückseite der Parkbank angehangen hatte. Ein eigenes Dach über dem Kopf kam ihr auf einmal reizvoll vor. Mit knurrendem Magen schulterte sie ihren Backpack und machte sich auf den Weg zur Central Station, bei dem bekannten McDonalds zu frühstücken. Wiedereinmal machte sich ihr Glücksfuffziger (Geldstück) bemerkbar.

Kaum hatte sie den Beton außerhalb des Parkgrüns unter den Füßen, sprach sie ein verzweifelt aussehender Typ in einem sich überschlagenden Tempo an:

Suchst du Arbeit? Mein Kumpel hat mich im Stich gelassen und ich hab meinem Chef versprochen, jemanden mitzubringen, heute gibts zwanzig Dollar die Stunde!“

Er wackelte dabei nervös von einem Bein auf das andere und sah sie hoffnungsvoll an. Rola versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie dringend sie den Job brauchte, während sie abwägte, wieviel Geld zwanzig Dollar die Stunde waren. Ihr dankbarer Begleiter war so nett und trug ihren Backpack bis zum Messegelände, wo die Stände der Sexpo abgebaut werden sollten. Unterwegs befragte er Rola aus reiner Höflichkeit nach ihren Umständen, die sie ins Ausland geführt hatten. Sie verriet ihm den halben Grund ihrer Landesflucht, dass sie über Jahre hinweg unglücklich verliebt gewesen war. Dann log Rola, dass ihre Eltern reiche Diplomaten seien, die in einer weit entfernten Botschaft arbeiten würden. Das war eine weitere Geschichte ihrer Oma. Es war Rola die Liebste, denn diese Varianten klang am Wenigsten nach: ‚Ich bin hier ganz auf mich gestellt. Niemand merkt, wenn ich verschwinde.‘ Zudem erzählte sie ihm in dem Zusammenhang, dass ihre Oma gestorben war, als sie vierzehn war, wohl einfach, weil sie sich dann besser fühlte.

Die erste halbe Stunde stand Rola untätig in einer der Hallen; keiner sagte, was zu tun war. Dann bekam sie die Aufgabe, zusammengeklappte Stände in einen Container einzuladen, der bereits voll bis unter die Containerdecke war. Kaum war sie damit fertig, rollte der nächste LKW auf das Gelände und der Aufbau für eine Antiquitätenmesse begann. Während sie Tische auseinanderklappte, kam sie mit einem der Aussteller ins Gespräch, dessen Interesse alten Münzen galt. Rola zeigte ihm ihr Geldstück. Er war ganz aus dem Häuschen deswegen und sie überließ es ihm schweren Herzens, wegen der dreihundert Dollar, die er ihr dafür zahlte, und wegen seinem Enthusiasmus hatte sie das Gefühl, sie gab das alte Stück in die richtigen Hände.

Nach zehn oder elf Stunden schwerer Arbeit traf sie ihren Begleiter vom Morgen wieder, der sie überredete, nach der üppigen Auszahlung und einem ulkigen Vibrator (der von der Sexpo liegengeblieben war) als Draufgabe, ihn ins Base Palace Hostel am Bahnhof Central Station zu begleiten. Um ihren neu errungenen „Reichtum“ zu feiern, ging sie mit.

Kurz darauf saß Rola auf dem Balkon zwischen einer New Yorkerin und einem Iren, die stritten sich über den Füllstand des Gun Paketes. Die New Yorkerin meinte, er hätte viel mehr Wein gehabt, was aber kaum noch zu verstehen war. Ihr zufälliger Arbeitsvermittler war inzwischen mit einer Brünetten verschwunden. Rola hatte seinen Namen bei sovielen Neuen bereits wieder vergessen. Sie genoss die Hostelatmosphäre; es erinnerte Rola an ihre Internats und Heimzeit. In ihrer Wohnung in Berlin war es sehr einsam gewesen. In der Down-Under-Bar sei Wet-T-Shirt-Contest, da müsse sie dabei sein, raunte ihr ein Marokkaner aus Frankfurt am Main ins Ohr. Zwischen ihnen krabbelten brotscheibengroße Kakerlaken herum.

Die anderen Mädchen trugen glitzernde Kleider, Rola zerschlissene Jeans und T-Shirt. Beiden Teilen war das Über-Zäunesteigen anzusehen und Rola wollte sich umziehen, bevor sie in eine Bar ging. Also suchte sie auf dem Gang nach liegengebliebenen Kleidungsstücken in ihrer Größe, die sie schnell auftrieb. Partyoutfits waren die ersten Klamotten, von denen sich eine Backpackerin trennte, wenn sie vorhatte, mit leichtem Gepäck ins Outback zur Farmarbeit zu gehen. Sogar niegelnagelneues Make-up lag herum. Nachdem Rola ausgehfertig war, fand sie die Gruppe nicht, die sie auf dem Balkon kennengelernt hatte.

Auf den Dielen saßen neue Leute, Rola wurde angesprochen, vergaß die Bar und vertiefte sich bis zum Morgengrauen zwischen Gun und Kakerlaken in inspirierende Gespräche.

Sie wurden von einem Security-Mann unterbrochen, der ihre Schlüsselkarten sehen wollte. Als Rola unbemerkt davon schlich, stolperte sie im Gang über Partymüll und Schlafende. Zimmertüren standen unachtsam offen und Rola überlegte, sich in einem davon zu verstecken, bis die Luft rein war, aber von hier und da war eindeutiges Stöhnen zu hören und sie wollte nirgends reinplatzen. Weiter hinten harrten ein kleiner und ein dicker, größerer Typ auf dem Gang aus, beide blond und offenbar Australier, als aus einem Zimmer ein weiterer Kerl dazukam und fragte:

Wollt ihr nochmal?“

Hat die noch nicht genug?“, antwortete der Kleine und ging freudig in das Zimmer zurück. Der Security-Mann kam um die Ecke. Rolas Puls schlug schneller, eilig wechselte sie die Richtung, bevor sie gesehen wurde.

Vierzig Zimmertüren weiter stand sie wieder vor demselben Zimmer. Sie war im Kreis gegangen. Von dem Wachmann und den drei Kerlen war nichts zu sehen. Rola lauschte. Wozu man sich, wegen der Schnitzerei verzierten Lüftungslöcher in den Türen, nicht anzustrengen brauchte. Sie hörte etwas, vielleicht ein Schnarchen. Vorsichtig drückte sie die Türklinke herunter. Sie würde nur mal nachsehen, ob hier alles in Ordnung war. Das Untere, von einem der drei Doppelstockbetten, war mit einem Laken verhangen, dahinter bewegte sich etwas. Rola klopfte an die bereits geöffnete Zimmertür, um sich bemerkbar zu machen. Hinter dem Laken kam der Kleine zum Vorschein.

Ja?“
Sie wusste nicht genau, was sie sagen sollte und stotterte drauflos. Seine Freunde würden ihn suchen, er solle sie am Fahrstuhl treffen. Obwohl das völlig bescheuert war, eilte er nach einem Griff zu seinen Klamotten tatsächlich los und Rola bereute, den Aufzug erwähnt zu haben. Gleich neben dem Lift führte die einzig ihr bekannte Treppe nach unten, raus aus dem Palace-Hostel.

Hinter dem Laken im Bett, lag eine üppige Blondine, die stockhagelvoll war. Sonst war niemand im Raum. Rola war nicht sicher, ob die Typen nochmal wieder kämen und schloss das Zimmer von innen ab. Durch die Wand waren die ersten Duschenden aus dem Waschraum nebenan zu hören. Rola legte sich in das Bett neben den Türangeln, um bei geöffneter Tür nicht gesehen zu werden, und schlief ein.

Wie so oft, rannte Rola im Schlaf in labyrinthartigen, schwarzen Tunneln herum, begleitet von stetem Wasserrauschen. Manchmal kam auch Rosi darin vor. Sie stand Rola gegenüber, lächelnd, dann wurde sie immer kleiner und kleiner. Ihr Blick wand sich hilfesuchend nach oben zu Rola, die die Papplaschen der Glühbirnenschachtel über Rosis Kopf verschloss. Rola stellte die Schachtel in ein gegrabenes Loch und warf Sand darauf. Jedesmal, noch im selben Traum, grub sie die Schachtel wieder aus, doch Rosi war verschwunden. Heraus flogen ein Marienkäfer und ein Schmetterling. Und wenn Rola zu lange auf den leeren Boden der Schachtel stierte, wuchs die dürre Hand des Obdachlosen hervor. Rola war die Alpträume nicht losgeworden.

Hi.“, trällerte die riesige Blondine mittags fröhlich, während sie überlegte, welche, der quer durch den Raum verteilten Sachen, sie in ihren Rucksack einpacken wollte. Rola stellte sich auf Deutsch vor und beantwortete so gleichzeitig die Frage nach ihrer Herkunft. Das Mädchen sprach tatsächlich auch Deutsch, kam aber aus Kasachstan.

Nach drei sekündiger Bekanntschaft erzählte Oxana ihr offenherzig, dass sie in einem Striptease-Club arbeitete und bald zwei Betten in einem super Appartmenthaus frei würden, wo es einen Pool auf dem Dach gab und sie das Bad nur mit einem weiteren Mädchen teilen müssten. Als sie Rola prompt überredete, sie vorerst in ein saubereres Hostel zu begleiten, schämte Rola sich, innerlich Scherze über Namen und Statur der Blondine („Oxana, Göttin der Ochsen“) gerissen zu haben, weil es sich anhörte, als ob ein Ochse darin vorkäme und irgendwie auch zu Oxanas fehlender Contenance gepasst hätte.

WATER OVER ROAD: 7. Kapitel

Über Manulia

Manulia ist ein künstlerisches Team, dass neben der Herstellung und Reparatur von Fahrrädern auch andere Alltagsgegenstände fertigt. Manulia nutzt Glas und Metall, Reste, Schrott oder Verpackungsmüll, saniert und verbaut diese unter anderem in einzigartigen Leuchten und Schmuck. Nach dem Mitwirken in der amerikanisch- chinesischen Produktion von “Gasp” und mehreren veröffentlichten Romanen, tourte 2011 ein Teil des Manulia-Fliesen-Kunstwerkes durch Europa und nach Südamerika. Nebenbei organisiert Manulia kleinere Open-Air-Events.
Dieser Beitrag wurde unter Roman, Vergnügliches abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.