WATER OVER ROAD: 3. Kapitel

im Roman zurückblättern

3. Das Grab im Garten

Zur selben Zeit sah sich die zehnjährige Elly, unweit von Juttas Anwesen, in ihrem Internatszimmer um. Noch nie hatte sie sich so unwohl gefühlt. Sie wollte zurück nach Hause, nach Texas, zu ihren richtigen Freunden.
Gerade hatte sie ihre Klavierlehrerin verpasst, weil sie eine halbe Stunde länger Training gehabt hatte, und war sauer auf sich selbst. Ihre Mutter konnte wegen so etwas sehr enttäuscht sein. Aber sie musste es ja nicht erfahren.

In Berlin lief es unschön. Elly überlegte vom Eiskunstlauf zum Eistanzen zu wechseln, um ihre Kniegelenke zu schonen. Oder um größeren Erfolg zu haben. Vor allem musste sie schneller mehr abnehmen. Sonst würde ihr Partner bei den Hebefiguren bald zusammenbrechen. Wahrscheinlich lag das mit den kaputten Knien auch nur daran, dass sie nach jedem Sprung mit ihren Nilpferdzentnern aufs Eis zurückkrachte. Auf einem See wäre sie längst im eiskalten Wasser versunken. Zudem würde ihre Mutter bald wieder Maß nehmen, um ihr nächstes Kostüm zu nähen.

Mit ihrer Mitbewohnerin Rola hatte Elly auch noch gestritten. Heute morgen hatte Rola demonstrativ ein Vorhängeschloss an ihren Schrank gehangen, wegen Ellys „Langfingern“, wie sie es betitelte. Elly konnte nichts für ihre Fressattacken und es tat ihr Leid, dass sie Rolas Vorräte verspeist hatte. Sie musste sich etwas einfallen lassen, um das wieder gut zu machen. In Ellys Augen war Rola (obwohl die zwei Jahre älter war, als sie) kindisch, während sie sich selbst für sehr erwachsen hielt und meinte, ein wenig auf Rola aufpassen zu müssen.

Rola hatte oft fiese Alpträume, wollte Elly aber nicht sagen, worum es ging. Außerdem bekam Rola nie Besuch oder einen Anruf von ihren Eltern, weshalb Elly annahm, ihr „room mate“ sei ein Waisenkind. Es war zu bemitleiden, wie allein Rola da stand, während Ellys Mutter Liesbeth es schaffte, sie nie aus den Augen zu lassen, trotz Rollstuhl und Atlantik zwischen ihnen. Elly wusste, dass ihre Mutter das beste Training für sie ausgesucht hatte, ihre vielen Talente erkannte und förderte, weil sich Liesbeth das für sich selbst so gewünscht hätte. Ellys Großeltern hatten Liesbeth wegen ihrer Kinderlähmung früh aufgegeben.

Rola konnte den ganzen Tag lang tun und lassen, was sie wollte und das war, wenn sie nicht gerade mit Elly trainierte oder zum Klavierunterricht ging, in Ellys Augen, meist nichts Sinnvolles. Rola schienen ihre Wettkampfplatzierung, die Kaderprüfung oder ihre Noten nie zu kümmern. Dem Fußball und irgendwelchen Jungs hinterherzujagen, konnte man kaum als Karriereziel bezeichnen. Für solche Spielchen hatte Elly keine Zeit; sie musste sich für die Meisterschaften qualifizieren. Bis dahin brauchte sie Rola als Freundin (zumal Rola sie stets verteidigte, wenn Elly wegen ihrer Haare von anderen Mädchen als Pumuckel beschimpft wurde); allein vom Briefverkehr mit Freunden und Familie aus Amerika konnte Elly nicht leben.

Elly „klaufte“ Schokolade, weil sie wusste, dass Rola Schokolade liebte, schrieb einen kleinen Entschuldigungsbrief für die entwendeten Lebensmittel auf Diddl-Papier und legte alles auf Rolas Kopfkissen. „Einklaufen“ nannte Elly ihr gezieltes Klauen von Dingen, die sie gerne kaufen würde. So belohnte sie sich für erfolgreiche Trainingseinheiten. Allerdings hätte sie das besser nicht Rola erzählt, seitdem misstraute ihr die Zimmergenossin (…das Schloss am Schrank). Das verletzte Elly sehr, denn es war ihr schrecklich wichtig, dass Rola sie mochte.

Am Abend waren sie und Rola versöhnt, gingen ins Kino und Döner essen. Auch dabei äugte Rola missbilligend zu ihr herüber: Ellys Diätstrategien, bis auf zwei Salatfetzen nichts vom Döner anzurühren, fand bei Rola keinen Anklang. Rola machte sich Sorgen um Ellys gestörte Essgewohnheiten (Elly war furchtbar dünn), doch streiten wollte sie nicht. Rola hatte seit Rosis mysteriösem Verschwinden gefühlte Tausend Dinge durchprobiert, weil ihre Oma meinte, ein gemeinsames Hobby verbinde und so würde sie bald eine neue beste Freundin finden. Doch niemand war wie Rosi. Dennoch wünschte sich Rola ebenfalls, Elly würde sie mögen. Rola schluckte einen Bissen und ihr Unverständnis für Diäten herunter, bevor sie Elly die Salatblätter aus ihrem Döner reichte.

Auf dem Rückweg, an der Straßenbahnhaltestelle über dem Abwasserkanal, wurde Rola still. Die Mädchen gingen weiter über den Garagenplatz. Um Rola aufzuheitern, fragte Elly, am verwahrlosten Haus, vor der hohen Hecke anhaltend:

„Wohnt da nicht der Junge, auf den du stehst?“

„Mmmh. Ich steh‘ gar nich mehr auf den…“, maulte Rola und sah auf ihre Hände (sie log, weil Kurt sich nicht für sie interessierte; er war ihr seit jenem Abend vor sechs Jahren nicht mehr aus dem Kopf gegangen). Elly bemerkte die Lüge nicht und grinste, erfreut hoffend, dass sie somit die Einzige in Rolas Leben sei. Häufige Trainingsstunden und Wettkämpfe machten eine Freundin mit einem äußerst flexiblen Zeitmanagement erforderlich. Forthin bemüht, Rolas Laune zu heben, schlug Elly ihrer Kumpeline vor:

„Wollen wir uns mal im Garten umschauen?“ Rola schwieg zu dem Vorschlag und lief einfach weiter.

„Warte Rola, was ist denn los?“, rief ihr Elly nach, obwohl sie froh war, nicht in den gespenstischen Garten klettern zu müssen. Unvorstellbar, dass da überhaupt noch jemand wohnte.

Hinter der Mauer, vor der Elly stand, zwitscherten die Vögel verwunschen im glasgrünen Blätterdach eines duftenden Rosenstrauches. Verborgen darunter schliefen die Grabsteine der Hausbewohner. Auf einem der schweigenden Steine glänzten sechs goldene Buchstaben: Frieda. Lauschte man genau hin, zwischen den weißen Rosen, hörte man Frieda ihre Geheimnisse wispern. Wie sehr sie geliebt wurde, zu Recht und zu unrecht, wie glücklich sie war und wie reich. Nicht einfach reich an Freunden, nein, wirklich steinreich. Ihren ersten Diamanten bekam Frieda von ihrem Vater geschenkt, da war sie gerade einmal ein Jahr alt. Sie hätte ihn vielleicht verschluckt, wäre er nicht so groß gewesen. Es folgten Rubine, Smaragde, Saphire, bunte Opale und jede Menge Gold. Ihr Vater hätte geschafft, für sie den Kreml in Queensland zu errichten. Eines Tages nahm seine Großzügigkeit ein jähes Ende. Es war vor etwa sechzig Jahren.

Jahr 1950: Die achtjährige Frieda erschien den meisten Erwachsenen altklug, vor allem, wenn sie eins ihrer Gedichte vorlas.

Wieder einmal kam ihr Vater von einer längeren Geschäftsreise zurück und diesmal brachte er ihr einen ganz merkwürdigen, braunen Edelstein aus dem Herzen Australiens mit. Frieda fand ihn so hässlich, dass sie beschloss, den braunen Stein im Garten zu verbuddeln, bevor ihr Vater ihn zu einem Anhänger einfassen lassen konnte. Er wurde darüber sehr böse, grub ihn wieder aus und verscharrte zur Strafe all die Schätze in dem Loch, die er ihr in den letzten Jahren mitgebracht hatte, damit sie ein Geschenk zukünftig zu würdigen wüsste. Nur das Tigerauge (das doch ein Anhänger geworden war) durfte Frieda behalten.

Elly lauschte nicht hin; sie war zu beschäftigt damit, Rola einzuholen. Elly vernahm bloß ein Rascheln in der Hecke. Ein kaltes Prickeln überzog ihren Nacken und sie lief schneller. Endlich blieb Rola stehen. Sie sah sehr traurig aus. Dann kam ihr ein Geistesblitz.

„Traust du dich, mit mir in den Kanal zu gehen?“, wollte sie unverhofft wissen. Elly nickte zögerlich, nach ihrer kleinen Lampe am Schlüsselbund kramend.

Sie gingen zurück zu den Straßenbahngleisen und stiegen zum Kanal hinunter. Vor dem Schmutzfang der Kanalröhre blieben sie stehen und lauschten dem hohlen Wasserrauschen im Loch dahinter. Dagegen wirkte der gruselige Garten oben, wie das reinste Paradies.

„Ich hab Angst, Rola. Müssen wir da wirklich reingehen?“, flüsterte Elly, während sie die Lampe einschaltete, um die Finsternis zu besiegen. Rola hatte weniger Angst um sich, als um Elly (was, wenn das Gleiche nochmal passierte?), doch allein weiterzugehen, getraute sie sich nicht. Sie wollte unbedingt ihre Alpträume loswerden. Kurzentschlossen fasste sie Ellys Hand und zog sie durch das Gitter hinter sich her. Elly bemerkte dabei, ihre Freundin hatte selbst klebrige, schweißnasse Finger. Nach all den mutlosen Jahren, in denen Rola einen Bogen um den Kanal geschlagen hatte, wollte sie keinen Rückzieher mehr machen. Sie musste sich überzeugen, dass Rosi wirklich nicht hier war. Oder: Dass sie hier war. Die Polizei hatte bestimmt gar nicht richtig gesucht (Rosi war wochenlang nicht gefunden worden und die Suche nach ihr lange eingestellt). Mit Elly im Schlepptau könnte Rola das leerstehende Haus hinter dem Sportplatz und die alte Bahnanlage genauer absuchen.

Gelegentlich zeigte sich im Lichtpunkt (von Ellys Lämpchen) ein Stück Beton, sonst verlor sich der Strahl nach wenigen Zentimetern im Nichts. Hörbar an ihren klatschenden Schritten, tapsten sie durch etwas Matschiges. Sie tasteten die Tunnelwand ab. Diese endete an der Einbuchtung zu einer Metalltür. Rola erinnerte sich nicht an die Tür; damals mit Jasmin und Rosi war sie an der gegenüberliegenden Wand entlang gelaufen und hatte sie nicht gesehen.

Am Boden vor der Tür lag ein Haufen Stofffetzen. Dazwischen, im von oben zu einem Abluftschlitz hereinfallenden Restlicht, funkelte etwas Glänzendes. Klein. Dunkel. Bierflaschenbraun. Eine Glasscherbe vielleicht. Aufgeregt bückte Rola sich. Als sie den kalten Stein ergriff, schnellte eine dürre Hand aus dem zerschlissenen Stoffhaufen und packte ihren Unterarm. Rola erkannte sofort: Das war nicht Rosi. Sie krähte inbrünstig und befreite sich mit einem Ruck. Elly schrie ebenfalls.

„Verschwinde, du dummes Gör!“, motzte der müffelige Penner die Mädchen an, die eiligst aus dem Tunnel rannten. Im Tageslicht liefen sie übermütig lachend, Hand in Hand, über das alte Stasigelände und fürchteten sich, bis sie über die letzte Mauer geklettert waren.

Mit Rola konnte man eine Menge Spaß haben, fand Elly. Ihre Mum aber mochte es gar nicht, wenn Elly abgelenkt war. Wenig später zog sie im Internat in ein Einzelzimmer. weiterlesen

WATER OVER ROAD: 4. Kapitel

Über Manulia

Manulia ist ein künstlerisches Team, dass neben der Herstellung und Reparatur von Fahrrädern auch andere Alltagsgegenstände fertigt. Manulia nutzt Glas und Metall, Reste, Schrott oder Verpackungsmüll, saniert und verbaut diese unter anderem in einzigartigen Leuchten und Schmuck. Nach dem Mitwirken in der amerikanisch- chinesischen Produktion von “Gasp” und mehreren veröffentlichten Romanen, tourte 2011 ein Teil des Manulia-Fliesen-Kunstwerkes durch Europa und nach Südamerika. Nebenbei organisiert Manulia kleinere Open-Air-Events.
Dieser Beitrag wurde unter Roman, Vergnügliches abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.