WATER OVER ROAD, 2. Kapitel

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Etwa sechs Jahre später (zehn Jahre vor der Flut)

2. Das Haus der Zauberin

Am Rand des Randes von Berlin, da, wo die Straßenbahngleise endeten und keiner hinziehen wollte, erkannte man im vertrockneten Gestrüpp der roten Weinranken gerade noch die Stufen zu dem uralten Haus dahinter. Wie eine brokatgekleidete Dame zwischen Jeans tragenden Arbeitern, ragte das verschnörkelte Vieretagenhaus mit säulengesäumten Fenstern und Balkonen aus schiefen Reihen Wellasbest gedeckter Garagenkomplexe empor.

In den Wohnungen zur Straße gab es gelegentlich diverse Mieter, die andere Seite des Hauses, die zum Grundstück zeigte, wurde von Jasmins Mutter Jutta bewohnt. Das Haus hatte Juttas Mutti Frieda und davor den Eltern von Friedas Mutter gehört.

Frieda hatte immer gesagt, irgendwann käme die ganze Familie hierher zurück. Aber alle waren nur dabei, von hier fort zu gehen, und im Geiste war Jutta ebenfalls in die Welt hinaus gezogen.

Auf staubigem Boden im knarzenden Treppenhaus, welches das Haus in zwei Hälften teilte, lagen zinnoberrote Abdrücke unter vergessenen Nägeln. Hier und da klaffte ein Loch in den verfaulten Holzdielen und Mauern.

Gerahmt von flatternden Baufolienfetzen, saß Jutta am scheibenlosen Fenster auf dem Klo und las, in Gedanken versunken, die papierbeklebte Wand vor sich. So etwas, wie: „L-Buthionin-Sulfoxinim hemmt die ɣ-Glutamylcystein-Synthetase“ (Pflanze verliert Cadmiumresistenz) oder schräg darunter: „Fructose-1,6-Biphosphat hemmt die Fructosebiphosphatase.“ und auf einem neongrünen Klebezettel stand: „Phot1p ist ein FMN-Protein.“ Neben diesen Notizen waren die Wände mit wabenartigen Strukturformeln tapeziert. Es zog pfeifend durch die Türrillen. Die Spülung polterte durch das fast leerstehende Haus. Kurz verzog sich Juttas glattes Gesicht verwundert darüber, wie still es ansonsten geworden war.

Kaum Jemand war in der heruntergekommenen Ecke geblieben, doch davon wusste die Hausherrin nichts. Einmal hatte sich Jutta selbst auf von Trauer ausgelöster Schizophrenie diagnostiziert und hielt es für sich und die Allgemeinheit für das Gesündeste, sich fernzuhalten. So hatte sie seit dem Tod ihres Mannes Mattias das Haus nicht verlassen. Nach seinem Tod war ihre liebe Mutter gestorben und noch etwas darauf, verschwand ihre Tochter Rosi…

Manchmal meinte Jutta, es läge ein Fluch auf ihr. Dann ergriff sie ein unbestimmtes Fernweh. Sie erinnerte sich, dass Mutter mit ihr, um das Haus von Juttas Großmutter zu suchen, ohne Gewissheit, was sie erwarten würde, per Schiff nach Hongkong und von dort in das geteilte Berlin gefahren war („Reingelassen“wurde derzeit jeder, nur wieder rauszukommen war schwierig, aber das wollten sie ja nicht). Jutta sah aus dem Fensterrahmen.

Leise säuselten draußen der Wind vom Wellenschlag der Brandung, die Baumkronen vom Meeresrauschen und die Gräser von der Gischt, die knisternd im Sand schmolz.

Jahr 1975: Das dumpfe Dröhnen eines Schiffshorns übertönte die Menschenmenge, die sich am Hafen drängelte. Frieda hielt ihre zehnjährige Tochter an der Hand. Geschoben, von der eifrig an Bord strömenden Masse, fiel es ihr schwer, Gepäck und Jutta festzuhalten. Ein freundlicher Steward nahm ihr die Koffer ab und Frieda hatte Zeit, ein letztes Mal zurückzublicken. Da sah sie ihn: Richard, wie er sich die Mütze vom Kopf riss, sein Gesicht glänzte, ob von Schweiß oder Tränen ließ sich schwer sagen; sein Mund war weit aufgerissen, er rief irgendetwas. Diesmal konnte er sie nicht mehr aufhalten, das Schiff legte soeben ab…

Ihren Mann Mattias hatte Jutta im zweiten Semester kennengelernt, beim Steinepolieren im Keller des Naturkundemuseums in Berlin. Er war Professor und Doktor der Geologie, was ihrem Vater gefallen hätte. Während ihrer Ehe waren sie viel gereist. Mattias hatte geologische Befunde bis nach Südamerika erstellt. Sie nahm den Hunger und den Durst in den ärmsten Regionen wahr, war wochenlang durch den Dschungel, die Wüste oder die Berge gestreift, hatte Wasserproben von den meisten Gletschern der Welt genommen, sogar von manchen, die es gar nicht mehr gibt. Andenken aus aller Herren Länder stapelten sich in Juttas Heim.

Durch den langen hohen Korridor lief sie am stürmischen Strand entlang und winkte Kurt, ihrem Ältesten, der vom Fischerboot Netze in die dunklen Wellen warf.

Kurt packte den Einkauf und in Papier eingewickelten Räucherlachs in der Küche aus. Er musste seine Schwester Liane zum Bahnhof fahren; sie fuhr zur Klassenfahrt nach Italien. Er wünschte, er wäre mal in Italien gewesen. Seit ein paar Wochen war er Achtzehn und könnte endlich weg von hier. Seine winkende Mutter ignorierend, schloss er die Wohnungstür von außen ab. Die Gegend war wirklich nicht sicher.

Jutta sah Kurt hinter Baumstämmen verschwinden und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Im warmfeuchten Brasilien, dem Labor neben der Küche, züchtete sie Pflanzen und Mikroorganismen. Sie war eine wahre Zauberin der Züchtung. Sie konnte zum Beispiel einen Bambus dazu bringen, in Form eines funktionstüchtigen Stuhles zu wachsen. Oder gleich als ganzes Haus.

Bevor sie das Labor betrat, pflegte sie ihren Tropenhut und einen Regenmantel überzuziehen, ein paar lebendige Fliegen aus dem Wärmeschrank zu entnehmen (mit denen sie sich unter anderen Umständen angefreundet hätte) und die geduldig aufgeklappten Kesselfallenblüten an der Wand am Eingang damit zu füttern. Man konnte nicht wissen, ob bei der weltweiten Abnahme an Bodennährstoffen nicht eines Tages alle Pflanzen Carnivoren wären und statt der Fliegen sie auf dem Speiseplan stehen würde; da wollte Jutta bis dahin sicherheitshalber ein Bündnis geschlossen haben. Unter anderem suchte sie nach Gewächsen, mit denen sich Boden und Wasser reinigen ließen. Sie züchtete nicht nur Schilfe und Algen, sondern auch Flechten und Moose, die Schweröle, Tenside und Plastik zersetzten. Über ihre Ergebnisse schrieb sie gelegentlich und versendete die Artikel altmodisch per Fax. Die Fachzeitschriften und Institute bezahlten sie ausreichend. Dadurch hielt sich ihr Konto die Waage. Doch für die immensen Kosten der Hausinstandhaltung reichte es seit Friedas und Mattias‘ Tod nicht mehr.

Nachdem Jutta ihre Hybridenlieblinge kontrolliert hatte, stieg sie in den quietschenden Fahrstuhl. Dazu wechselte sie das Outfit: Im Lift trug sie Fliegerbrille, Kappe und Lederhandschuhe. Dann fuhr sie singend: „Ich bin mein eigenes Elektronenmikroskop: Blut ist nicht einfach rot, es ist dropsförmig. Tod bleibt nicht tot, er ist Ursprung madiger Geburt. Fühle ich nicht mit, fehlt es mir an spiegelnden Neuronen. Halt ich nicht mehr Schritt, will die Apropsis mich belohnen…„, auf das Dach des Hauses, wo auf einer kleinen plattenbelegten Terrasse drei Bienenstöcke in Holzkästen umsummt und die Tomaten an der Brüstung rot wurden.

Jutta legte die Fliegerkappe und Zubehör ab, um ihren Bienenhut aufzusetzen. Die Bienen jubilierten, dass die bonbonbunte Gartenwiese süßen Nektar darbot. Ironischerweise hatte Jutta kein glückliches Händchen für die Gärtnerei; mehr war es dem Zufall zu verdanken, wenn Dach und Garten grünten und blühten.

Die Silhouette der flachen Stadt wuchs allmählich gegen den Horizont. Noch immer unerreicht, ragte am höchsten der Fernsehturm empor. Kein anderes Gebäude versperrte die Sicht. Über den Berliner Dächern sein zu können, das mochte Jutta an ihrer Dachterrasse.

Vor der roten Backsteinwand stand ein Korbstuhl und ein kleiner Tisch, darauf, im Käfig, ein leuchtend bunter Lorikee und ein aufgebautes Damespiel. Am Fuße des Vogelbauers wuselte eine braune Maus herum. Jutta beobachtete eine Weile, wie die zerzauste Maus ein Korn nach dem Nächsten aufhob, beäugte und wieder ablegte, bis sie die Weintrauben entdeckte, die Jutta von innen an die Gitterstäbe gebunden hatte. Der Lorikee pfiff schrill und flatterte, um die Maus zu vertreiben, die auf seinem Käfig herumkletterte.

Bleib ruhig, Matti.“, sagte Jutta zu dem Vogel, der daraufhin schwieg. Gleichwohl ihr verständlich war, dass es sich um eine Maus handelte, konnte sie die Ärmste nicht wegschicken. Sicher wäre die Maus ihr sonst böse. Letzte Woche war es eine rosa Gartenbänderschnecke gewesen, die Juttas Gastfreundschaft in Anspruch nehmen durfte, weil Jutta ein übergroßes Herz hatte. Die Maus fragte Juttas Mutter Frieda, eine Darling River Rose auf dem Boden neben der Tür des Aufzuges, ob sie bleiben dürfte. Die lila Orchidee im Blumentopf nickte und richtete ein Blatt so aus, dass es der Maus Schatten spendete. Jutta legte etwas Vogelfutter für den Nager auf den Boden und setzte sich vor Mattis Käfig, um mit ihrem Mann eine Partie Dame zu spielen. weiterlesen

WATER OVER ROAD: 3. Kapitel

Über Manulia

Manulia ist ein künstlerisches Team, dass neben der Herstellung und Reparatur von Fahrrädern auch andere Alltagsgegenstände fertigt. Manulia nutzt Glas und Metall, Reste, Schrott oder Verpackungsmüll, saniert und verbaut diese unter anderem in einzigartigen Leuchten und Schmuck. Nach dem Mitwirken in der amerikanisch- chinesischen Produktion von “Gasp” und mehreren veröffentlichten Romanen, tourte 2011 ein Teil des Manulia-Fliesen-Kunstwerkes durch Europa und nach Südamerika. Nebenbei organisiert Manulia kleinere Open-Air-Events.
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