Kein Held in Sicht… 20. Ende

Der Zug bestand aus Vishnu, der an der Spitze ging.

Auf seinem Rücken saßen Joshua und Sarah und schaukelten gemütlich den Weg entlang. Neben Vishnu sprang sein Drachenbaby daher und lenkte Sarah davon ab, dass sie auf ihre Frage, warum Jeanne nicht da war, keine Antwort bekam.
Mit etwas Abstand liefen dahinter Jussuf und sein Großvater Iwan. Beide hatten noch nie ein so seltsames Tier, wie Vishnu und sein Baby gesehen, deshalb betrachteten sie Ersteren neugierig, obwohl der ausgewachsene Drache die ganze Zeit über mit seinem Lenkschwanz nach ihnen schlug.

Iason lief mit Denzel hinter den Beiden und sie amüsierten sich prächtig über das ulkige Schauspiel. Abwechselnd sprang entweder Iwan oder Jussuf zur Seite, wenn Vishnus Schwanz hin und her schwenkte. Ana und Marcus blieben weit zurück, denn Ana gab Marcus gerade einige Lektionen Pflanzenkunde, die sie mit den entsprechenden Pflanzen veranschaulichte. Als Iason sich umdrehte, sah er, wie die Beiden gerade tief gebückt über einem Baumstumpf hingen. Er lächelte in sich hinein, denn ironischerweise hatte Katscha über seinen Tod hinaus erreicht, was er hatte erreichen wollen: Sein Zurück-zur-Natur-Ding hatte sich notgedrungen durchgesetzt. Iason bezweifelte, dass man Marcus in Eureka für Pflanzen hätte begeistern können.

Mehrere Wochen wanderten sie in dieser Konstellati­on Richtung Westen. In Europa waren die Spuren der Verwüstung deutlicher zusehen, als in Asien und Amerika, denn die Dörfer und Städte lagen viel dichter bei­einander. Es war unmöglich, sie alle zu umgehen, denn viele waren in der Karte gar nicht eingezeichnet, deshalb kam es vor, dass sie im einem Wald manch­mal direkt über ein Gehöft stolperten oder über ein ganzes Dorf.

Der Geruch verwesender Leichen hatte sich längst verflüchtigt, doch die Halbverwesten starrten sie aus schwarzen Höhlen an. Sie lagen auf den Straßen, ge­kleidet wie Bauern oder Kaufleute, hatten teilweise ihre Handys fest umklammert oder hielten ihre Handtaschen und Aktenkoffer zum Schutz über den Kopf.

In rostigen und fauligen Autos saßen die Menschen noch hinter dem Steuer, die Fingerknochen fest am Lenkrad. Die Toten schienen sie auszulachen, denn sie bleckten die Zähne zu irrwitzigen Grimassen.
Schweigend durchquerten sie diese Friedhöfe voll namenloser Toten, nach deren Totenschein niemand mehr fragte und waren jedes Mal froh, es überstanden zu haben, wenn sie das Ortsausgangsschild überschritten.

Des Öfteren stießen sie auf Spuren anderer Wanderer, doch sie trafen keine Menschenseele.

Der Frühling glänzte in voller Pracht, es blühte und grünte, die In­sekten summten, die Vögel zwitscherten und die Tem­peraturen kletterten stetig höher. Wenn man morgens die Augen aufschlug und in den zartrosa Himmel blickte, wo sich Schäfchenwolken jagten, musste man gute Laune haben.

Dennoch hatte Iason keinen einzi­gen Morgen gute Laune. Was interessierte ihn der Sonnenaufgang, wenn er ihn jeden Tag allein bewun­dern musste? Das verliebte Gekicher und diverse an­dere nächtliche Geräusche von Denzel und Ana, gin­gen Iason gehörig auf die Nerven. Es war, als würde ihm ständig einer unter die Nase reiben: „Du hast sie verloren! Du bist ganz alleine!“

Es versetzte ihm immer noch einen schmerzhaften Stich, wenn er an den Tag ihres Aufbruches dachte. Warum war alles so gekommen? Hatte Jeanne für ihn je das empfunden, was er für sie empfand? Oder hatte er sich ihre Liebe nur eingebildet? Er verdrängte die Fragen, denn selbst wenn er die Antwort gekannt hätte, was spielte es jetzt noch für eine Rolle? Er würde sie nie wieder sehen und er hatte sie kein letztes Mal mehr in den Armen halten können.

Es war ein Morgen, wie jeder Andere. Sie hatten die Grenzen der Slowakei erreicht und in der Nacht in einem Waldstück nah bei den Grenztürmen campiert.

Die Nächte waren kühl, der Tau und die Bodenfeuchtigkeit durchnässten Iasons Schlafplatz von unten und oben, so dass er morgens klamm und durchgefroren erwachte. Zudem hatte er etliche Mückenstiche zu beklagen und sein Rücken schmerzte, wie der eines Greises. Denzel und Ana schliefen noch, während Joshua und Sarah mit Vishnu durch die Gegend flogen. Marcus versuchte weiterzuschlafen und Iason morgendliches Gefluche zu überhören.
In der Nähe war ein kleiner See, doch zum Baden war das Wasser noch viel zu kalt. Müde schleppte sich Iason bis zum Ufer. Er klatschte sich einen Schwung eiskaltes Wasser ins Gesicht, was ihn schlagartig wach werden ließ, wusch sich die Füße und unter den Achseln, dass er sich wieder wohler fühlte.

Als er zum Lager zurückkehrte, hatte Jussuf den Tee fertig und Iwan servierte ein nahrhaftes Frühstück, das wie immer nach Fisch schmeckte. Iwan kannte wohl nur diese Nahrung und keiner wagte es, sich zu beschweren, denn er strahlte etwas aus, das es unmöglich mach­te, ihn zu kritisieren.
Als Iason bei der zweiten Tasse Tee war, taumelte Marcus schlafwandlerisch herbei und verkündete, dass er Hunger hatte. Iwan nahm ein großes Stück Baumrinde von einem Stapel dieser und häufte ihm einen Berg Fischpampe darauf. Was Marcus in anderen Zeiten möglicherweise angewidert verschmäht hätte, entriss er nun gierig Iwans Händen und begann, den Brei mit den Fingern in den Mund zu schaufeln.
Das Feuer knisterte und sprühte Funken, weil das Holz zu feucht war. Iason starrte verträumt in die Flammen und dachte an andere Tage und Zeiten, in denen er diese Jahreszeit geliebt hatte. Nun wurden sie im Sommer von Insekten malträtiert. Im Frühjahr und Herbst war es regnerisch und windig.
Im Herbst gab es dafür reichlich Nahrung mit breitem Angebot. Während des Winters war alles knapp, aber im Schnee verrieten die Spuren den Aufenthaltsort eines jeden Tieres. Natürlich froren einem auf der Jagd Ohren, Hände und Füße ab. Der Frühling wurde zwar langsam wärmer, doch die Wege waren schlammig und sie hatte Probleme, ein Feuer zu entfachen. Wider Erwarten war das Nahrungsangebot eher mickrig, denn wenige Tiere kreuzten ihren Weg und die Bäume trugen erst kleine Knospen und keine Früchte. Dafür waren die Seen schon jetzt fischreich, sehr zu Iwans Freude, der jeden Morgen, wenn alle Anderen noch schliefen, angeln ging.

Iason knurrte der Magen. Doch beim bloßen Gedanken an Fisch, musste er würgen.
Er wusste, dass er sich heute zur Jagd aufraffen muss­te, wenn er etwas Anderes als Fisch essen wollte. Marcus würde ihn sicherlich begleiten und wenn Denzel es schaffen sollte, aus dem Bett zu kommen, war er vermutlich mit von der Partie.
Gerade als Iason seine Augen von den Flammen los­riss und aufstand, um sich nach Denzels Verbleib zu erkundigen, tauchte Vishnu zwischen den Baumwipfeln auf. Er ließ ein Objekt, dass er im Maul gehabt hatte, zu Boden fallen und Iason konnte sich nur durch einen Sprung zur Seite retten. Bei näherer Betrachtung von Vishnus Beute, stellte Iason überrascht fest, dass es sich um eine Kuh handelte. Marcus stand ebenso sprachlos neben Iason, als Vishnu mit eleganten Kreisen zur Landung ansetzte. Sofort rief Iason Joshua zu: „Wo wart ihr? Wo hat Vishnu diese Kuh her?“
Joshua sprang geschickt vom Rücken seines Freundes und lief zu Iason. Er grinste breit über das ganze Ge­sicht.
„Frohe Neuigkeiten!“, verkündete der inzwischen Zwölfjährige stolz.
„Wir sind in die Slowakei geflogen. Vishnu hat ein Dorf entdeckt, da wohnen Menschen jeder Herkunft und es sind noch Häuser frei. Man kann einfach einziehen, es kostet nichts. Sie haben uns diese Kuh mitgegeben, als Stärkung für die Reise, es sind so um die hundertfünfzig Meilen, ziemlich bergig. Wenn wir dort sind, kann jeder von uns in sein eigenes Haus einziehen!“ Wen sie dort noch gesehen hatten, erwähnte er nicht, denn aus Rücksicht auf Iason hatten sie seit ihrer Abreise nicht mehr über sie gesprochen. Marcus tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn und sagte zu seinem kleinen Bruder:
„Du spinnst. Denzel lässt dich niemals alleine wohnen!“
„Was lass ich wen nicht?“, kam es von Denzel, der schlaftrunken in diesem Moment erschienen war. Jos­hua wiederholte seine Geschichte für seinen großen Bruder und Denzel war sofort begeistert.
Eilig lief er zu seinem Schlafplatz zurück und weckte Ana, um ihr die frohe Botschaft zu verkünden. Selbstverständlich war Ana genauso erfreut, wie die Anderen, denn nichts wünschte sie sich sehnlicher, als ein Ende dieser viel zu weiten Reise.
Gemeinsam häuteten sie die Kuh, Iason benutzte Den­zels Dolch für die notwendigen Schnitte. Nachdem Fell und Haut auf einem von Jussuf gezimmerten Ge­stell zum Trocknen aufgespannt war, schnitt Iason dem Kadaver den Bauch vollends auf und zog die blu­tigen Eingeweide heraus.
Währenddessen versuchte er, nicht zu atmen, denn die Innereien verströmten einen widerlichen Geruch.

Denzel schlug der Kuh den Kopf mit der Axt ab, denn Iwan wollte damit Aale angeln gehen. Begeistert machte er sich auf der Stelle mit dem Kuhkopf unterm Arm auf den Weg zum Wasser. Iason begleitete ihn, um sich zu waschen.

Als er den Dolch ins Wasser tauchte, um ihn abzuspü­len, entdeckte er eine Gravur in der Klinge.

In filigraner Handschrift hatte jemand die Worte:
„Ich bringe dir den Sieg.“ eingraviert. Iason musste an Jeannes Worte denken.
Sie wollte Katschas Kreaturen zurückschicken, wo sie hingehörten. Sie glaubte, dass sich dann auch etliche Katschianer fragen würden, an was sie nun noch glauben sollten. Ihrer Meinung nach, wäre erst danach der Krieg wirklich beendet. Anschließend wollte sie ihn an seinen besseren Ort begleiten, falls es den gäbe.
Obwohl sein Verstand ihm sagte, dass es Schwachsinn war, wollte sein Herz glauben, dass, wenn er den Krieg beenden konnte, Jeanne zu ihm zurückkehren würde. Als er das Lager erreichte, lag ein köstlicher Bratenduft in der Luft. Ana hatte einige saftige Stücke in Medaillons geschnitten und briet sie an Stöcken über dem offenen Feuer. Iason lief das Wasser im Mund zusammen und er fragte begierig, wann das Fleisch gar sein würde.
„Weiß nicht.“, sagte Ana,
„Kannst es ja roh essen.“

Iason drehte ihr den Rücken zu und ging zu seinem Rucksack.
Mit dem Rucksack auf dem Schoß und dem Rinderka­daver im Blickfeld, wurde Iason bewusst, dass er dieser Familie den Rücken kehren musste. Er fand, dass der Anstand dies verlangte, oder sollte er ewig Zeuge ihrer nächtlichen Aktivitäten sein müssen? Er würde Denzel, dessen Geschwister und ein bisschen auch seine frisch angetraute Frau, sehr vermissen, doch er gehörte nun mal nicht in diese Familie und Ana machte ihm das in letzter Zeit des Öfteren deutlich. Gegen Jussuf und Iwan sagte sie nur deshalb nichts, weil feststand, dass die Beiden demnächst nach Süden abbiegen würden, um über Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Griechenland ans Mittelmeer zu gelangen, denn Iwan fehlte die See.
Deprimiert über sein sinnloses Leben zog Iason die Seiten des Ad infinitums aus seinem Rucksack. Schmerzlich hatte er das Bild vor Augen, wie er wür­delos am Boden herumkroch und die Blätter aufsam­melte, während die Liebe seines Lebens ihn mit einem Anderen betrog. Wie Jeanne wohl reagiert hatte, als sie feststellen musste, dass ihre Freunde ohne sie gegangen waren? Ob sie zurecht kam? Iason bemerkte, dass einige seiner Tränen auf das Papier tropften und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.
Er überflog die Absätze, auf der Suche nach einer Anleitung, wie er diesen Krieg gewinnen konnte. Jeanne hatte mit Kohle die Übersetzung an den Rand gekritzelt. Weil es schon sehr verschmiert war, konnte Iason nicht mehr alles entziffern, hingegen er zum Glück die relevante Stelle fand und lesen konnte.
Das Ad infinitum die Zeit nicht kennt, doch weiß es, welcher Stein nach welchem fällt. Was verloren und besiegt scheint, wird wiederkehren.. wenn der weiße Stein, das Amulett, der Dolch, ein Drache und die Urne vereint sind. Derjenige, der diese Dinge hat, wird in seinem Sinne siegen. Was in diesem Leben nicht vereint, geht in dem Nächsten doch zu zweit.
Iason las die Stelle wieder und wieder, doch schlau wurde er daraus nicht. Was sollte er mit dem ganzen Zeug anfangen?
Er packte den Tonkrug aus und legte ihn ins Moos, da­neben den Dolch, das Amulett und den weißen Stein. Lange und ausführlich betrachtete und untersuchte er alles, in der Hoffnung, die Lösung des Rätsels offenbare sich irgendwann. Zu gern hätte Iason Feith an seiner Seite gehabt, der hätte sicher eine Idee zur Lösung dieser Aufgabe parat. Leider war Feith weit weg und konnte ihm nicht helfen. Iason musste die Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte, auch allein bewältigen. Tatsächlich aber konnte er die Inschriften auf dem Amulett nicht entziffern, wie also sollte er dahinter kommen, wie er Katschas Kreaturen vernichten konnte?
Iason trug im Kopf alles zusammen, was er über die Objekte wusste: Der Tonkrug und der schimmernde Dolch mit dem Perlmuttgriff, besetzt mit Rubinen, waren indisch. Feith hatte denselben Dolch auf einer indischen Gravur, die die Opferung einiger Frauen nach dem Sternbild des Drachen zeigte. Diese Opferung kostete nicht das Leben, sondern einige Tropfen Blut und die Seele. In das Amulett, was Trinity gehört hatte, war ein Drache und merkwürdigen Zeichen eingraviert, mit denen man die Drachen angeblich rufen konnte. Andererseits wollte er die Drachen ja auch nicht rufen, sondern vertreiben. Der weiße Stein gab die meisten Rätsel auf, denn Iason wusste so gut wie nichts über das Kleinod. Es hieß. Der Stein verleihe die Macht über die Welt. Aber wie? Und wozu benötigte man einen Drachen?

Erleichtert unterbrach Iason seine Studie, als Ana zum Essen rief. Iason hätte sein Problem gern mit Denzel diskutiert, doch seit dieser verheiratet war, traf man ihn selten ohne Ana. Ihn einfach unter vier Augen zu sprechen, wurde von seiner Frau strengstens untersagt, denn sie wollte immer wissen, was ihren Mann beschäftigte und sie meinte, als Ehefrau von Denzel, wäre das ihr gutes Recht.

Iason schlang die Fleischstücken ähnlich eines Raubtieres hinunter, stand anschließend auf, wischte sich mit dem Ärmel den Mund ab und sagte kurz entschlossen:
„Ich möchte mich von euch allen verabschieden, hier trennen sich nun unsere Wege. Ich wünsche euch alles Glück der Welt und hoffe, dass wir uns eines Tages doch wieder über den Weg laufen werden. Ich werde euch nie vergessen, wir haben viel zusammen durchgemacht.“

Iason spürte, dass ihm die Augen feucht wurden, er hielt es, um der Würde Willen, für besser, schnell zu gehen, bevor er vor seinen Gefährten in Tränen ausbrach.

Sarah weinte still und Joshua versuchte mit Hilfe von ununterbrochenem Zwinkern, die Tränen zurückzuhal­ten. Marcus und Denzel hatten ebenfalls ihre Trauermiene aufgesetzt und Iwan und Jussuf guckten eher beleidigt, weil Iason sie so plötzlich verlassen wollte. Nur Ana kaufte er die Traurigkeit nicht ab, dazu kannte er sie zu gut.

Wieder einmal war Iason Teilnehmender einer Abschiedszeremonie und als er mit seinem vollgestopften Rucksack und seiner Schlafmatte unter dem Arm zwischen den Bäumen verschwand, winkten ihm seine Freunde inbrünstig hinterher.

Dank seiner Spontaneität hatte Iason nicht die geringste Ahnung, wo er eigentlich hinlaufen sollte, dennoch fühlte er sich auf einmal beschwingt, wie seit Monaten nicht mehr, ein seltsames Glücksgefühl durchströmte ihn, weil er endlich seine Ruhe hatte, endlich tun und lassen konnte, was er wollte, weil er keine Verantwortung mehr für die Kinder zu tragen hatte und endlich einmal allein mit sich sein konnte, obwohl er gleichzeitig tieftraurig darüber war.

Irgendwo mitten im Wald an einem Bachlauf, setzte sich Iason auf einen Stein und blieb dort sitzen, bis die Dämmerung hereinbrach, weil er keine Lust mehr hatte, weiterzu­laufen. Es eilte ja auch nicht. Denn es gab niemanden, der irgendwo auf ihn wartete.

Mühsam raffte er sich auf, um Feuerholz zu sammeln. Er brachte einen gewohnt großen Haufen zusammen, als ihm einfiel, dass er ja allein war und gar nicht soviel Holz gebraucht hätte. Er scharrte ein seichtes Loch aus und befreite den Boden darum herum von Laub und Gras, um keinen Waldbrand auszulösen, obwohl es dazu sowieso zu feucht war. Das Laub bildete die Grundlage seines Feuers, darüber stellte er sieben Stöckchen kegelförmig zusammen. Er holte zwei Steine aus seinem Rucksack und schlug sie solange über seiner Feuerstelle zusam­men, bis genügend Funken hineingefallen waren. Anschließend blies er sanft in die Glut, sodass winzige Flämmchen entfachten, knisternd fraßen sie sich durch das Laub, bis die Stöcker Feuer fingen.

Iason breitete seine Decke neben dem Feuer aus und benutzte seinen Rucksack als Kopfkissen, wohl auch, um sich instinktiv vor Dieben zu schützen, auch wenn weit und breit keine Menschenseele war.

So blieb er drei Tage liegen, er stand nur auf, um Holz nachzulegen oder einen Schluck Wasser zu trin­ken. Am dritten Tag erlosch das Feuer, der Hunger wurde unerträglich und seine Knochen schmerzten vom langen Liegen.

Obwohl er sich noch immer nicht im Klaren darüber war, wohin er sich wenden sollte, packte er seine Sa­chen zusammen und brach auf.

Er lief Tage, ohne zu schlafen oder zu essen. Ab und zu sammelte er Beeren und Pilze und aß sogar Gräser und Wurzeln. Ihm war nicht danach, jagen zu gehen. Für sich allein lohnte der Aufwand nicht und er wurde auch so satt. Aus den Tagen wurden Wochen, aus den Wochen Monate.

Iason hatte sich seit Wochen nicht rasiert, die Haare hingen ihm in den Augen und von seinem eigenen Körpergeruch wurde ihm übel. Seine Fußnägel waren mittlerweile so lang, dass die Schuhe drückten.

Er vermisste den frischen Geschmack von Zahnpasta im Mund, den Duft seines Rasierwassers und das Gefühl eines frisch rasierten Gesichts, genau wie das, frisch gewaschener Kleidung. Er sehnte sich nach einem kühlen Bier, dem Sportkanal und einer heißen Dusche. Sein weiches warmes Bett fehlte ihm genauso, wie seine beheizte, sichere Wohnung. Doch vor allem verging er vor Sehnsucht nach Jeanne. Er sah ihr Gesicht im Wasser, in den Wolken und in den Blättern der Bäume. Manchmal schien es ihm, als ob der Wind ihre Stimme an sein Ohr trage, wenn er leise wispernd in den Baumkronen raschelte. Er träumte von ihren Berührungen und Küssen, fühlte jene Aufre­gung, die er damals gespürt hatte. Doch er wusste, dass sein Verlangen unerfüllt bleiben würde.

Er war in irgendeinem Gebirge und stieg einen steilen Pfad hinauf.

Der Pfad endete abrupt vor einem zerfal­lenen Tempel, den Iason neugierig, aber vorsichtig, betrat.

Leider war der Tempel leer, nur an den Wänden waren die blassen Überreste einst sicher beeindruckender Gemälde zu erkennen. Er ging wieder nach draußen und sah sich um. Der Vorplatz des Heiligtums war von einer niedrigen Mauer umzäunt. An der Mauer führte ein zugewachsener Weg hinter den Tempel. Iason kämpfte sich durch das Gestrüpp und kam zerkratzt auf dem Hinterhof an. Dort stand ein kleiner Pavillon. Iason stieg die Stufen hinauf und legte sich auf eine der steinernen Bänke. Sekunden später war er auch schon eingeschlafen.

Er hatte einen sehr merkwürdigen Traum: Er stand in dem Tempel, den weißen Stein, der zu leuchten schien, in den Händen, um den Hals das Amulett und vor sich liegend den Dolch.

Dann sprach er in einer seltsam klingenden Sprache eine Weile auf den Stein ein, schnitt sich hinterher mit dem Dolch in die Hand und tropfte Blut auf den Stein.

Ein Tosen begann und dann füllte sich der Tempel mit Tieren, die aus allen Richtungen herbeiströmten. Sie leckten an dem Stein, den Iason in den Händen hielt und verließen den Tempel. Immer mehr und immer größere Tiere kamen, bis sie anfingen an, Iasons Körper zu lecken, denn der Stein genügte ihnen nicht mehr. Sie bissen Stücke aus ihm heraus. Schreiend erwachte Iason und betastete sich hektisch. Beruhigt stellte er fest, dass noch alles dran war und schlief wieder ein. Der Traum hatte eine Fortsetzung: Iason lag bewusstlos am Boden, da kam ein Drache hereingeflogen, landete neben ihm und riss sich eine Schuppe aus. Er legte sie Iason auf die Brust und plötzlich verheilten seine Wunden. Dann trat er vor den Tempel und der Drache ließ ihn aufsteigen.
Sie flogen über das Land, alles befand sich im Wiederaufbau, die Menschen hatten die Bunker verlassen, denn der Krieg war gewonnen. Katschas Kreaturen waren Opfer einer sich schnell verbreitenden Virusinfektion geworden, die ausschließlich diese künstlich erschaffenen Geschöpfe befiel. Der Drache flog höher und höher und Iason bekam Angst, hinunterzufallen.

Er wachte auf. Froh darüber, festen Boden unter den Füßen zu haben, drehte sich noch einmal um und schlief weiter. Höher und höher ging der Flug im Traum, alles um ihn war weiß und dunstig.

Er sah seinen Vater mit einem Chinesen über einem Schachspiel sitzen. Dann erblickte er Trinity in den Armen eines Mannes, der nur Katscha sein konnte. Iason sah sich selbst, an seiner Hand ging Jeanne neben ihm. Gerald humpelte vorbei, Ellen im Arm. John saß mit einer bildhübschen Frau, die ein bisschen aussah wie Sarah, in einer Hollywoodschaukel, die aus dem Nichts aufgetaucht war.

Am nächsten Morgen erhob sich Iason mit steifen Gliedern, denn sein Bett war hart gewesen, außerdem hatte er schlecht geschlafen. Er entsann sich, im Traum Jeanne gesehen zu haben. An sich war das nichts Besonderes, aber diesmal war es anders gewe­sen. Sonst hatte er in seinen Träumen einfach Erinne­rungen mit Wunschdenken verbunden, aber diesmal war es etwas Neues gewesen, an diesem Ort war er sonst nie im Traum.

Iason streckte sich, stand auf und ging, mit dem Rucksack über der Schulter auf den Tempel zu. Er dachte sich, da er keine anderen Ideen hatte, konnte ein Versuch, den Traum der letzten Nacht in die Tat umzusetzen, nicht schaden. Er fragte sich, was mit dem Tonkrug anzufangen war, denn in seinem Traum war der nicht vorgekommen.
Er betrachtete die schwarzen Figuren auf dem Krug eingehend, um hinter das Geheimnis des Gefäßes zu kommen. Einige Figuren schienen zu leiden, während Andere ihnen zu Trinken gaben. Auf der Rückseite ging es den Kranken wieder gut und die Figuren, mit dem Trinken in den Händen bettelten einen Drachen an. Bei näherer Betrachtung fiel Iason auf, dass es nicht viele verschiedene Figuren waren, sondern nur zwei, nämlich die Priester Katscha und Uschanas. Iason fiel das passende Zitat wortwörtlich ein, sooft hatte er es gelesen: Edler Brihaspati, kennst nicht das Zauberwort. Jede Schlacht, und mag sie siegreich für die Götter sein, zehrt an der Macht des Himmlischen.
Er hielt Katschas Krug in den Händen. Der Krug mit dem Trank der Unsterblichkeit. Zumindest der Legende nach. Doch heute war der Krug leider leer. Seinem Traum nach zu urteilen, war nicht der Trank das Wundermittel, sondern lediglich die Drachenschuppen.
Iason ärgerte sich, wütend auf sich selbst. Hätte er bloß früher gewusst, dass er Vishnu nur um eine Schuppe hätte bitten müssen! Wenn er doch wenigstens seinen feuerfesten Schuppenmantel noch gehabt hätte! All das Gejammer nützte nichts, er musste es halt ohne die Drachenschuppe versuchen.

Er betrat den Tempel und stellte sich in dessen Mitte. Den weißen Stein hielt er in der Hand, um den Hals hatte er sich das Amulett gehangen und vor sich legte er den Dolch auf den Boden. Er kniete nieder und las von dem Amulett vor, wobei er alles aussprach, wie es für ihn am Besten klang.

Wie in seinem Traum, schnitt er sich hinterher mit dem Dolch in die Hand und ließ einige Blutstropfen auf den Stein fallen. Jetzt sah der Stein aus, wie ein le­bendes Organ, denn das Blut lief in die feinen Risse, wie durch Adern.

Der Fußboden fing an zu beben und dann füllte sich der Tempel mit Tieren, Iason erschrak so sehr, dass er sich nicht von der Stelle rühren konnte. Sie leckten an dem Stein, den Iason in den Händen hielt und nun im hohen Bogen von sich schleuderte.
Das erschreckte den Fenriswolf, er schlug mit ausgefahrenen Krallen nach Iason, der von der Wucht des Schlages durch die Luft geschleudert wurde und an die hintere Mauer des Tempels prallte.

Iason war am Bauch verwundet worden, es fühlte sich an, als ob ihm jemand die Gedärme herausreißen wür­de. Zudem hatte er höllisches Kopfdröhnen von seiner Landung. Er bemerkte das klebrige, warme Blut an seinen Händen, die er instinktiv gegen den Bauch ge­presst hatte und ihm wurde schwindelig.
Hilfesuchend sah er sich um, doch da waren nur die widerlichen Geschöpfe Katschas, die in an den hochgiftigen Drachentränen leckten. Der rettende Drache erschien nicht. Den hatte Katscha offenbar nicht darauf abgerichtet, beim Klang der Worte des Amuletts, sofort zu erscheinen.
Iason hatte Angst, er sah das viele Blut und das Wis­sen, dass es sein Eigenes war, erschreckte ihn. Schwankend bewegte er sich durch den Raum, wobei er tropfend eine Blutspur legte.

Geschwächt sank er an der gegenüberliegenden Wand zu Boden und hin­terließ einen roten Schmierstreifen auf der kalten, glatten Oberfläche. Langsam ließen die Schmerzen nach. Allmählich erfasste ihn ein Glücksgefühl, er sah wundervolle Dinge vor seinem inneren Auge, die ihm so realistisch schienen, dass es war, als könne er sie anfassen. Er saß in einem Straßencafé, ihm gegenüber Jeanne. Sie sah umwerfend aus, die Haare wallten über ihre freien Schultern, ihr azurblaues Sommerkleid gab ein bestechendes Dekolleté frei.

Er spürte die Sonnenstrahlen auf der Haut und auf einmal war er ein kleiner Junge. Sein Vater trug ihn auf den Schultern durch das Naturkundemuseum und erklärte jedes Ausstellungsstück. Iason hörte sein eigenes glückliches Kinderlachen. Dann war er im Zoo und trug selbst ein Kind auf den Schultern. Es war Sarah, neben ihm liefen Jeanne und Joshua. Er sah seine Freunde, die Bibliothek und Eureka. Er vergaß, dass das Meiste von dem, was er sah, für ihn unerreichbar war, weil es so nicht mehr existierte.

Einsam würde er den letzten Atemzug tun und niemand würde je erfahren, dass er es war, der die Welt gerettet hatte. Die ersten Tiere erlagen bereits dem Gift, und füllten die Luft mit panischen Schreien. Doch Iason hörte das nicht mehr.

Er saß im Schatten auf der Veranda eines kleinen Häuschens atmete die wohltuende Landluft ein, lauschte den Vögeln und Insekten und schlürfte ein kühles Bier.
Aus dem Haus kroch der Duft von frisch gebackenem Apfelkuchen.

Das Summen einer Frauenstimme erklang aus der Küche.

Iason erhob sich gespannt und betrat das Haus durch die Verandatür. Drinnen war es angenehm kühl und etwas dämmrich.
Warme Holzmöbel, Blumen und dicke Teppiche vermittelten Iason das Gefühl, zu Hause zu sein. Neugierig ging er weiter und betrat die Küche. Sie war leer, bis auf den verlockend dampfenden Apfelkuchen auf dem Tisch. Kaffee gluckerte durch die Maschine auf der Anrichte. Aus der Küche trat Iason in den Garten hinaus und da stand sie inmitten nach Blüten duftender Wäsche, die auf der Leine hing.
Das Summen wurde lauter und Iason versuchte, die Augen zu öffnen. Der Blütenduft wurde nun so intensiv, dass Iason übel wurde. Mit einem Mal brannte seine Wunde heftiger, als zuvor und er schrie.

„Ist ja gut. Sieh mal, er ist aufgewacht.“, sagte ein runzliger Chinese, der sich mit liebem Gesicht über Iason gebeugt hatte und seine Wunde mit Salbe be­tupfte.
„Iason? Oh Mann, ich hatte mir solche Sorgen um dich gemacht!“
Jeanne lächelte hingebungsvoll erleichtert.

Sie war in der Burg umhergeirrt und hatte nach ihren Freunden gesucht. Doch sie hatte feststellen müssen, dass ihre Freunde sie zurückgelassen hatten und war trotzig dem nächsten aufbrechendem Trupp gefolgt. Die anderen würden schon merken, dass sie ihnen fehlte, hatte sie geglaubt. Doch nach tagelanger Wanderung, vorbei an dutzenden Weggabelungen, hatte ihr eingeleuchtet, dass sie die Trennung mehr schmerzte und dass, selbst wenn ihre Freunde ihren Verlust inzwischen bedauert hätten, sie sie nicht mehr hätten finden können. Ein zweites Mal hatte sie das nicht dem Zufall überlassen können.
Intensiv hatte sie ihre Suche gestartet und jede Men­schenseele nach ihnen gefragt.
So hatte sie Phoungs Bruder kennengelernt, dem der Name Sailer etwas sagte und der Chinese begleitete sie seitdem. Dann, endlich, hatte sie Vishnu entdeckt, als er vor ein paar Wochen in ihrem Dorf gelandet war. Sie hatte den Kindern Verpflegung mitgegeben, damit sie mit den anderen zum Dorf kommen konnten und war sehr enttäuscht gewesen, als sie ohne Iason zurückgekommen waren. Denzel hatte sie darüber aufgeklärt, dass Iason ihr Tête á Tête mit einem anderen Mann mitbekommen hatte und ihr war klar geworden, dass er bestimmt nicht zu ihr zurückkehren wollte. Sie hatte ihn daraufhin um jeden Preis finden wollen. Erst die Gewissheit, dass sie Iason nicht mehr wiedersehen würde, hatte sie spüren lassen, dass sie ihn liebte.

Sie sah in seinen Augen, dass er genauso empfand und küsste ihn.

Iason versuchte etwas zu sagen, aber er bekam kein Wort heraus, es war zu anstrengend, und erst da bemerkte er, dass er nicht mehr träumte.

Der Chinese stellte sich vor; sein Bruder habe mit Iasons Vater zusammen für Katscha im Institut gearbeitet und wie sehr er ihren Tod bedauerte, doch nun ginge es ja bergauf.
„Schon bevor die letzten Kreaturen dem Sender im Amulett gefolgt sind, starben die meisten von ihnen an Krankheiten, gegen die sie nicht immun waren. Es wird nicht lange dauern, bis alles wieder aufgebaut ist und solange bist du bei mir in guten Händen. Ich bin Arzt und deine Wunde bringt dich unter guten Bedingungen nicht um.“

Er grinste, doch Iason hörte ihm gar nicht richtig zu; Jeanne hielt seine Hand.
Sie hatte ihn gefunden.

ENDE

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Kein Held… 20. Jeanne

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Über Manulia

Manulia ist ein künstlerisches Team, dass neben der Herstellung und Reparatur von Fahrrädern auch andere Alltagsgegenstände fertigt. Manulia nutzt Glas und Metall, Reste, Schrott oder Verpackungsmüll, saniert und verbaut diese unter anderem in einzigartigen Leuchten und Schmuck. Nach dem Mitwirken in der amerikanisch- chinesischen Produktion von “Gasp” und mehreren veröffentlichten Romanen, tourte 2011 ein Teil des Manulia-Fliesen-Kunstwerkes durch Europa und nach Südamerika. Nebenbei organisiert Manulia kleinere Open-Air-Events.
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