Kein Held in Sicht… 18. Ostasien

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Blutrot kroch die Sonne über die Berge. Die Luft war feucht und es roch nach Tod. Am Himmel zogen die ersten Vögel ihre Kreise.

Joshua und Marcus sammelten Brennholz. Iason saß auf dem Baumstamm, immer noch in der gleichen Haltung wie am Abend, in die kalte Feuerstelle starrend, versunken in imaginären Flammen. Marcus setzte sich neben ihn und schwieg.

Er wusste nichts Aufmunterndes zu sagen. Sie hatten alle viel verloren. Das Einzige, was ihnen geblieben war, war ihr Leben. Doch was sollten sie jetzt noch damit anfangen?
Jede Stadt, die sie gefunden hatten, war zerstört gewesen, seit Monaten hatten sie keinen anderen Menschen gesehen. Nur deren Überreste, markiert von den Aasvögeln, die darüber kreisten.

Doch Marcus war sich sicher, dass noch Andere wie sie umherirrten, auf der Suche nach Gefährten, Überlebenden, Menschen, die ihr Schicksal teilten.

Joshua blies ungeduldig unter den Brennholzstapel um ein Feuer zu entfachen. Doch er blies zu kräftig, der Funken erlosch. Wütend sprang er auf und trat gegen das Holz. Marcus seufzte resigniert. Iason hob desinteressiert den Kopf.

Tiefe Schatten rahmten seine Augen. Sein Haar stand struppig vom Kopf ab, sein Hemd hing in Fetzen herab, seine Arme waren übersät von Kratzern, die teilweise verheilten. Sein Anblick war der eines Schiffbrüchigen. Mit dem Unterschied, dass er die Hoffnung auf das rettende Schiff längst aufgegeben hatte. Das Einzige, was ihn am Leben hielt, war sein Verantwortungsgefühl gegenüber Marcus und Joshua.
Er stand mühsam auf und streckte seine steifen Gliedmaßen. Dann bückte er sich zur Feuerstelle, stocherte in der Asche herum, bis er auf etwas Glut stieß und hauchte sanft dem Feuer Leben ein. Marcus hatte sich erhoben und holte Wasser aus dem Rinnsal, an dem sie übernachtet hatten.
Joshua pikste vorsichtig Vogeleier auf einen dünnen Stock. Schon seit Monaten machte sich keiner von ihnen mehr Gedanken darüber, was sie aßen. Marcus warf ein paar Blüten ins heiße Wasser.
Schweigend saßen sie um das Feuer, alle mit der gleichen Frage beschäftigt: Wann würden die Geier über ihren Köpfen kreisen?

Iason faltete die Karte auseinander und versuchte ihren Standort festzustellen. Wie weit war es noch bis zu den Grenzen Europas?
Oder hatten sie diese bereits überschritten? Sich nach der Sonne zu richten, war nicht besonders genau.
Er bedauerte den Verlust des Kompasses sehr und trauerte um die, die mit ihm gegangen waren.
Joshua hatte längst aufgehört, jeden Morgen zu fragen, wie weit es noch war.

Allmählich erkannte er, dass diese Reise kein Ziel hatte. Ihm fehlte seine Schwester und er verstand nicht genau, warum sie nicht mehr da war. Plötzlich sprang Marcus mit einem Ruck auf, so dass Iason von dem rollenden Baumstamm kippte.
„Iason, Iason, sieh doch mal!“ Marcus zeigte auf etwas in der Nähe. Er war ganz aufgeregt. Iason rappelte sich auf und sah in die Richtung in die Marcus zeigte. Und dann war auch Iason aufgeregt.

Unweit ihres Lagerplatzes stieg kerzengerade eine dünne Rauchsäule empor. Iason kannte mittlerweile den Unterschied zwischen dem Rauch eines Haus- oder Waldbrandes und dem eines Lagerfeuers. Diese schwache Rauchsäule war ein Lebenszeichen. Sie waren nicht allein. Das Feuer in der Ferne entzündete Hoffnung in den Herzen der drei Gefährten. Ohne viele Worte griff ein jeder sein Gepäck und im Laufschritt näherten sie sich der Rauchsäule.

Ein Panzer lugte zwischen den Felsen hindurch und auf dessen Luke flatterte eine weiß-blaue Fahne. Die Freude der Suchenden war unaussprechlich. Vor Glück sprachlos verweilten sie stumm vor dem monströsen Gefährt und lasen die Worte auf der Front, die wohl Denzel oder Ana gemalt hatten.

Dort stand: „Dreadnought- Fürchte nichts, gib niemals auf, dann wird die Welt dich retten.“ Und dann hörte Iason eine ihm bekannte Melodie. Denzel sang allerdings noch genauso schief, wie beim ersten Mal, als er das Lied der Blauen Engel gesungen hatte. Iason summte glücklich mit.
„Auferstanden aus dem Wahn des Götterpriesters Rache, aus Liebe hat er es getan, dass sie erneut erwache…“ Denzel unterbrach sich lauschend, sprang auf und rannte um den Panzer auf die andere Seite. Seine Freude über das Wiedersehen drückte er durch lautes Jubeln aus. Iason fiel seinem Freund herzlich um den Hals und klopfte ihm zur Begrüßung auf den Rücken.

Seit langer Zeit lachten Marcus und Joshua wieder.

Kein Held… 19. Delphi

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Über Manulia

Manulia ist ein künstlerisches Team, dass neben der Herstellung und Reparatur von Fahrrädern auch andere Alltagsgegenstände fertigt. Manulia nutzt Glas und Metall, Reste, Schrott oder Verpackungsmüll, saniert und verbaut diese unter anderem in einzigartigen Leuchten und Schmuck. Nach dem Mitwirken in der amerikanisch- chinesischen Produktion von “Gasp” und mehreren veröffentlichten Romanen, tourte 2011 ein Teil des Manulia-Fliesen-Kunstwerkes durch Europa und nach Südamerika. Nebenbei organisiert Manulia kleinere Open-Air-Events.
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