Kein Held… 12. Der Untergang, Kapitelende

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Jeanne sah ihn an und sagte: „Dann sollten wir gut überlegen, wo wir hin wollten. Was hältst du von einer Stadt, da gibt’s zwar viele Leichen, aber möglicherweise bekommen wir da Benzin.“ Iason guckte sie erschrocken an.
„Hast du was getrunken?“

Jeanne schüttelte empört mit dem Kopf.
„Sollte es so rübergekommen sein, dass ich verrückt bin, liegt es möglicherweise an diesen beschissenen Umständen!“ Sie schrie fast. Iason, noch immer erschrocken guckend, versuchte, die Situation unter Kontrolle zu bekommen.
„Jeanne, es sollte ein Scherz sein. Ich weiß auch nicht, was wir mit diesen neuen Begebenheiten anfangen sollen. Aber ich dachte mir, auch um der Kinder willen, wir sollten das Beste daraus machen und niemals zurückblicken.“ Jeanne fing zu schluchzen an und antwortete stockend:
„Gerade dachte ich noch: Yeppie, es wird alles gut. Ich hatte die Blauen Engel gefunden und ihr hattet mich gefunden. Alle waren gesund und in Sicherheit. Es sah so aus, als ob wir auch bald in unser altes Leben zurückkehren könnten. Und jetzt müssen wir schon wieder von Vorne anfangen! Verdammte Scheiße!“ Sie schluchzte laut auf.

Iason seufzte deprimiert. Es gab keinen Ausweg mehr. Jedwede Hoffnung war zerschlagen. Die einzige Armee, die Katscha hätte besiegen können, war vernichtet. Was blieb ihnen noch? Sie konnten nicht mehr zurück und wussten nicht, wo das Ziel lag.

Jeanne hatte sich beruhigt und fragte würdevoll:
„Ich werde euch begleiten, egal, wohin der Weg führt. Doch ich möchte wissen, ob du den Weg kennst.“ Ihrer Pause nach urteilte Iason, dass es an ihm war, etwas zu sagen.
„Jeanne, es tut mir so leid. Weder weiß ich, wo wir lang müssen, noch wo wir hinwollen. Mir reicht es, die Gründe zu kennen, warum ich diesen unbekannten Weg beschreite. Da sind vier Menschen, die ihren Vater und ihr Zuhause verloren haben. Und natürlich ist da auch noch diese Frau, für die ich mein Leben geben würde. Deshalb habe ich mir geschworen, nicht aufzugeben, bevor ich ein Zuhause für sie gefunden habe.“

Jeanne lächelte schüchtern. Sie bedeutete ihm etwas. Sie war nicht enttäuscht gewesen, dass nicht Feith, Gerald oder Art sie gefunden hatten, sie hatte nur an Iason gedacht. Wie ihr Ritter in schimmernder Rüstung hatte er unverhofft vor ihr gestanden, als sie schon nicht mehr damit gerechnet hatte. Und obwohl sie maßlos darüber erfreut war, dass er zu ihr gekommen war, wurde ihre Heiterkeit erst dadurch getrübt, als sie erkannte, dass er alles für die Kinder Johns tat und nicht ihretwegen. Jeanne beugte sich über den am Wagen angelehnten Iason, küsste ihn auf die Wange, drehte sich um und ging weg.

Iason stand noch eine Weile tatenlos und von Glück durchflutet herum, bevor er beschloss, jagen zu gehen, um seine kleine Familie zu ernähren. Jeanne half Denzel und Marcus beim Aufbau einer Art Zelt. Iason zog Denzels Dolch aus dessen Rucksack heraus und machte sich auf die Suche nach einem geeigneten Stock. Nach kurzer Zeit fand er etwas Passendes und begann, ein Ende anzuspitzen.

Währenddessen waren auch die jüngsten Mitglieder ihrer Gruppe aufgewacht. Joshua und Sarah starteten eine Suchaktion von fünf Minuten und kamen mit reichlich Feuerholz zurück. Dann streunten sie gemeinsam durch die Gegend, begeistert von jeder Neuentdeckung. Nach der langen Eintönigkeit in Uschanas Höhle war der Wald für sie eine willkommene Abwechslung.

Iason war bereits auf einen Baumwipfel gestiegen und observierte die Lichtung. Nach einiger Warterei taten Joshua und Sarah Iason endlich den Gefallen, den er erhofft hatte. Sie scheuchten einen Sperber auf.
Iason schoss seinen selbstgeschnitzten Pfeil mit seiner lange sinnlos herumgetragenen Armbrust ab und traf zu seiner eigenen Überraschung den Vogel, der mit entgeistertem letzten Schrei in die Tiefe stürzte. Iason verließ augenblicklich seinen Ausguck, um das erwi­schte Tier zu finden.
Jeanne starrte Iasons Beute fassungslos an.
„Was ist das?“ Iason war wegen dieser Frage etwas beleidigt.
„Das ist unser Abendbrot.“
Er rupfte dem Sperber die Federn aus, was übrig blieb, war nicht einmal ein halbes Hähnchen. Gebra­ten roch es ausgesprochen lecker, doch aus Kulanz be­haupteten Iason, Jeanne und Denzel, sie hätten keinen Hunger. Sarah, Joshua und Marcus taten sich an dem Vogel gütlich, doch satt wurden sie nicht. Als die An­deren bereits fest schliefen, beratschlagten sich Den­zel und Iason noch immer, wie sie mehr Nahrung be­schaffen konnten.

Als sie beide noch zu zweit unter­wegs gewesen waren, hatten Iasons Jagdkünste ausge­reicht, doch nun musste ein größeres Tier erlegt wer­den.
„Entweder mehr oder größer, sonst verhungern wir bald. Mehr kleine Tiere machen mehr Arbeit mit der Zubereitung. Überlege mal, wie lange du brauchen würdest, sechs Vögel zu rupfen!“ Iason gab Denzel Recht.
„Um ein größeres Tier zu erlegen, brauchen wir eine gut durchdachte Taktik. Ich kann von einem Baum aus keinen Hirsch erschießen mit nichts weiter, als einem angespitzten Stock. Die Entfernung wäre zu groß. Wir müssen also näher ran. Und wir brauchen eine stabile­re Waffe.“ Denzel erwiderte:
„Wenn wir zu zweit oder zu dritt gegen ein Tier kämp­fen, hätten wir bessere Chancen. Wir könnten es um­zingeln. Mit einem Speer haben wir sicher Erfolg.“ Ia­son nickte zustimmend. „Ich werde einen Ast holen, der als Speer taugt. Ich hoffe, wir finden schnell ein Jagdsubjekt.“
Denzel klopfte seinem Freund aufmunternd auf die Schultern.
„Keine Angst, so schnell verhungert man nicht.“

Da­mit war das Gespräch beendet, denn Denzel musste sich schlafen legen, damit er in fünf Stunden Iason von der Nachtwache ablösen konnte. Iason wurde die Zeit nicht lang, sosehr war er in Gedanken versunken. Wohin, wohin, wohin, schallte es in seinem Kopf. Doch kein Ort kam ihm in den Sinn, der als Ziel in Frage käme. Was erwartete sie im Westen? Kanada war ein großer Staat, der für seine beeindruckende Natur bekannt war. Viele Seen und Wälder lagen in den Bergen Kanadas, doch waren diese nicht auch reizvoll für die Dorfgründer Katschas? Im Süden sah es nicht anders aus. Als einziger freier Weg lag der Norden vor ihnen. Jedoch war dieser kalt und unwirtlich. War dort genug Nahrung?
Iason hatte immer Angst davor gehabt, im Leben zu versagen. Versagen hatte vor einigen Monaten für ihn noch bedeutet, arbeitslos, einsam und erfolglos in einer heruntergekommenen Mansarde zu hausen. Jetzt sah alles anders aus.

Es gab keinen Discounter an der Ecke, kein Waschcenter in der nächsten Straße, nicht einmal eine intakte Straße gab es noch. Auf einmal musste man sich Gedanken darüber machen, woher man das Essen und Trinken bekam, wo man sich waschen und wo man schlafen sollte und wie man vorwärtskam. Er bedauerte es, kein Boot zu besitzen. Sie hätten bequem nach Osten fliehen können, um auf einer idyllischen Insel ihr Heim aufzubauen. Er hörte ein Knacken im Geäst hinter sich und griff nach seiner Armbrust. Es war Denzel, welcher Iason eine gute Nacht wünschte.
Bevor Iason sich hinlegte, traf er eine Entscheidung.

Sie würden nach Norden ziehen und an der schmalsten Stelle des Ozeans auf ihren Nachbarkontinent übersetzen.

Kein Held… 13. Griechenland

Über Manulia

Manulia ist ein künstlerisches Team, dass neben der Herstellung und Reparatur von Fahrrädern auch andere Alltagsgegenstände fertigt. Manulia nutzt Glas und Metall, Reste, Schrott oder Verpackungsmüll, saniert und verbaut diese unter anderem in einzigartigen Leuchten und Schmuck. Nach dem Mitwirken in der amerikanisch- chinesischen Produktion von “Gasp” und mehreren veröffentlichten Romanen, tourte 2011 ein Teil des Manulia-Fliesen-Kunstwerkes durch Europa und nach Südamerika. Nebenbei organisiert Manulia kleinere Open-Air-Events.
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