Ziellos querfeldein 2. Freigesprochen

2. Freigesprochen

An meinem Geburtstag nimmt mir Nadine bittersüß lächelnd meine Uniformen und das Kofferset ab, das mich solange begleitet hat, weil ich mich nicht nach Stuttgart versetzen lassen will. Selbstsicher betont sie: „Auch wenn ich dich nicht leiden kann: Ich wünsche dir viel Erfolg für deine weitere berufliche Laufbahn, Linda.“ Ich bin so perplex, dass ich mich bedanke, obwohl ich wenigstens in Anbetracht des Nimmerwiedersehens irgendetwas Beeindruckenderes hätte sagen können.

Ein Aroma von frischem Teer und Sandsturm schwängert die Luft auf dem Heimweg. Vor unserem Hauseingang steht vertraut Daniels alter VW-Bus und heißt mich mit runden Glubschaugen und einem breiten Grienen des Kühlergrills willkommen. Schon auf dem zweiten Treppenabsatz höre ich von oben Daniels Gelächter, eine weitere männliche Stimme redet.

Mit seinen langen, blonden Dreadlocks sieht Daniel jünger aus, als Vierunddreißig. Von seinen Ausflügen ist er ordentlich braun gebrannt, zumindest im Gesicht und an den Armen. Gelegentlich verwechselt er sich mit seinem Computer, dann lässt er für einige Tage sämtliche Grundbedürfnisse entfallen und klebt an seinem Bildschirm. Nachdem er mir einen frischen Wiesenblumenstrauß überreicht hat, verkündet er: „Hagen und ich haben dir dein Lieblingsessen gemacht, weißt; ich hole es schnell aus dem Ofen.“ Mit einer dampfenden Pfanne zwischen zwei Topflappen kommt Daniel zurück und ruft: „Heiß, heiß, heiß…“, bis er die Pfanne vor meiner Nase abstellt. „Wow, danke. Das sieht fantastisch aus.“, versichere ich begeistert und gucke mich nach Hagen um.

„Es ist irgendwie spannend, nicht zu wissen, wer im Zimmer nebenan schläft. Gelüftete Geheimnisse sind schließlich völlig nutzlos.“, sage ich. „Ach was, wird echt höchste Zeit, dass ihr euch kennen lernt. Es gibt noch tausend andre Geheimnisse, weist. Lass es dir schmecken!“ Das mache ich und es schmeckt genauso, wie es duftet. Daniel schlürft verträumt seinen Tee und informiert mich beiläufig, dass Alex und Rosalie ein Ladengeschäft für Klamotten führen und mir sicher gefallen werden. Hinter mir gluckert die Aquarienpumpe. Im Aquarium lebt Ulrike, eine handgroße, von Algen befallene Wasserschildkröte, die Daniel aus der Spree gerettet hat.

Ein Kerl mit stacheldrahtähnlichen Ketten um den Hals, einem dicken, dunklen Zopf im Nacken und Dichtungsringen in den Ohrlöchern, kommt herein. „Alles Wolke, Alter?“, fragt er und sieht mich dabei aus grünen Augen an. Der geheime Mitbewohner ist enttarnt, von nun an ist jede Fantasie zerstört. Ein Kompliment über das Essen stotternd, nehme ich seine Geburtstagsglückwünsche entgegen. Dann will Hagen von Daniel wissen, ob die letzte Website gut ankam. Daniel nickt begeistert, seine hellblonden Haarwürste hüpfen. „Und wie, ich hab echt den Fünf-Prozent-Bonus bekommen. Hab gedacht, wir fahren ein paar Tage nach Rostock, die Kohle auf ´n Kopf hauen! Könnt auch noch jemanden mitbringen. Das Gepäck kommt aufs Dach, weißt, dann ham wir acht Sitzplätze.“

In dem Moment klingelt es an der Tür mit einem altmodischem, lang gezogenen „Ding-Dong“, bei dem Daniel behände aufspringt, um sofort die Tür zu öffnen, damit der, der davor steht, nicht noch mal klingelt. Hoffentlich ist es Sebastian. Doch Dirk steht mit einem großen, gelben Paket der Post unter dem Arm auf der Schwelle. Hinter ihm und dem Paket kommen Alex und seine bleiche Freundin zum Vorschein, die mir eine Chuck- Berry- CD überreichen. „Danke schön, das ist lieb. Was ist da drin?“, frage ich mit Blick auf das Paket von Dirk. Er zuckt lächelnd mit den breiten Schultern. „Das musst du schon selbst auspacken.“ Wieder klingelt es an der Tür. Brandenburg, der die Wohnung in der ersten Etage von seiner Mutter geerbt hat, und seinem Kumpel Müller ist das Bier ausgegangen. Sonst lassen wir sie nicht herein, weil ihre Laune unvorhersehbar in Aggressivität umschwingen kann, doch heute mache ich eine Ausnahme.

Wir rücken enger zusammen, damit wir zu fünft auf die Bank passen, Müller setzt sich hustend auf den kalten Küchenofen. Von ihm erfahre ich, wie sehr ihm eine Frau fehle und dass ihm schon ganz egal wäre‚ wie fett ihr Arsch sei oder ob sie keinen hätte. Nun schreibt er mir („für sein süßes Täubchen“) seine Handynummer auf; der Altersunterschied mache ihm nichts aus, meint er blinzelnd und stopft mir das aus seiner Tawa-Zigarettenschachtel herausgerissene Stück Pappe in meine Strickjacke.

Der alte Mann ist viel zu kauzig, um etwas von ihm befürchten zu können, deshalb antworte ich auf seinen Annäherungsversuch mit einem Lachen. „Das mit uns wird nichts,“ füge ich an, „ich steh voll auf Sebastian.“ Müller streicht sich bedauernd durchs karge Haar. „Oooch, Süüße, der olle Schlawiner mit seene Moskauexpress- Jattin… der üs ja würklsch nix für so’n hübsches Mädchen! Der hat doch nur Dreck am Stecken!“ Ich grübele, ob Sebastian mit dieser Blondine verheiratet sein kann und dränge es beiseite, indem ich überlege, wie gut Carmen zu Müller passen würde.

Um mich zu überzeugen, statt Sebastian besser ihn zu nehmen, erzählt Müller nun stolz von seinen Zeiten als Saxophonist bei den Heart-Rythm-Killers. Außerdem betont er lallend, er sei überhaupt nicht faul, schließlich habe er vierzig Jahre Bühnenbau ‚auf’m Buckel’. Darauf fällt Brandenburg ein, dass er ebenfalls kein fauler Hund wäre, damals, bei Schering war er ein ganz Wichtiger, worauf sich die beiden Alten gegenseitig mit ihrer verflossenen Arbeitsleistung zu übertrumpfen versuchen. Da registriere ich, dass Dirk bereits im Türrahmen steht. Über Hagen robbend, der nichts dagegen hat, stehe ich auf und drücke Dirk übermütig einen schallenden Kuss auf die raue Wange. Er läuft die Treppe hinunter und bleibt noch einmal stehen. „Sehen wir uns die Woche? Susi und ich reden grad nicht miteinander und ich hab frei.“, sagt er, den haarstoppelgrauen Kopf über die Schulter zu mir gedreht. „Natürlich! Ich lass mir was einfallen, was wir unternehmen können.“, schon läuft er weiter, ohne mich aufzuklären, worüber Susi diesmal sauer ist.

Ich setze mich wieder neben Hagen, den ich erst seit heute kenne, obwohl wir hier schon lange zusammen wohnen. Wir sind uns bisher nicht über den Weg gelaufen. Daniel und Rockabilly Alex debattieren gerade über Louis Armstrong, den Astronauten kenn ich, denke ich, und will gerade etwas über seine Landung auf dem Mond zum Besten geben, als ich mitbekomme, dass Daniel vom beeindruckenden Trompetenspiel des Musikers redet. Während die Anderen versuchen, Müller zu überreden, sein Saxophon zu holen, frage ich Hagen, was er beruflich macht.

Er verkündet, dass er Koch ist und klemmt sich energisch rechts und links aus dem Zopf gelöste Haare hinter die Ohren, dass ich durch seine Ohrlöcher hindurch die halbe Küche sehen kann. Er hat etwas von einem Seeräuber, ohne faulige Zähne natürlich. Begeistert berichtet er mir von seinem japanischem Messer, dass ‚für immer’ halte und ‚verdammt scharf’ sei. Dann versucht er, mich mit seinen Musikkenntnissen zu beeindrucken. „Meistens höre ich Ska, das ist noch handgemachte Musik, Eisregen geht auch. Kennst du das Album Krebskolonie? Da fühlt man was, wenn man das hört.“  Stolz berichtet Hagen von den Konzerten, die er alle besucht hat.

Ich sage, ich kenne Achim Reichel, Tom Astor, Juliane Werding und Udo Lindenberg. Eigentlich hätte ich wenigstens erwähnen können, dass meine Minidiscs mit Ska, Rock und den Ärztealben bespielt sind, aber dann wäre mir ja dieser Gesichtsausdruck entgangen. „Was fürn Kram?“, fragt Hagen mit einem extremen Fragezeichen dahinter, als ob ich eine schlimme Krankheit hätte. Also trällere ich: „Geistertruck, Geistertruck, fährt allein durch dunkle Nacht… wo sind all die Blumen hin, wo sind sie geblieben…und es ist wieder alles klar, auf der Andrea Doria… den Steuermann hatten die Matrosen am Mast und den Zahlenmeister ham die Konokocken vernascht…er setzt alles auf die siebzehn und- siebzehn fä- ällt!!!“ Rosalie amüsiert sich kopfschüttelnd, Daniel und Alex lachen laut, Hagen sieht schockiert aus. Meine Ohren werden ein bisschen heiß und ich nuschele verlegen: „Ich mag schöne Texte…“, worauf mir Hagen das Textbooklet aus seiner Eisregen-CD nahe bringt.

„Ein Konzert für Linda!“, brüllt Alex heiter, holt etwas silbern Glänzendes aus der Hemdtasche und spielt Mundharmonika. „Wie findest du die Texte? Die sind doch endgeil!“ Eine Gänsehaut bekomme ich auf jeden Fall beim Lesen… so gruselig ist diese Poesie. Als ich ihm das sage, erklärt er: „Ich bin ja nicht einseitig auf diese Musik festgelegt.“ Daniel gibt Hagen eine elektrische Gitarre und nimmt seine eigene auf den Schoß. Ich könnte auch gern ein Instrument spielen, Tanja wollte es mir eigentlich mal beibringen, weil sie mindestens fünf Verschiedene spielen kann.

Die Männer unterhalten sich fachmännisch über die Verkabelung der Boxen in Daniels Zimmer, dass ich mir ein Gähnen nicht verkneifen kann. Ulrike hat sich verkrümelt. Hoffentlich kann Müller überhaupt noch spielen, wenn er nicht mehr laufen kann. Hagen erzählt: „Arbeite grad in so einer Großküche, hauptsächlich Tiefkühlkost. Ist nichts Besonderes, Alter. Kochen kann man das nicht nennen. Nebenbei jobbe ich in ner Bar.“ „Das Essen, das du für mich gemacht hast, war wirklich lecker.“, sage ich aufmunternd, doch er scheint nicht zuzuhören.

„Mein Vater ist Koch, Alter, da hat sich das ganz einfach angeboten, ich habe durch ihn schnell eine Ausbildung bekommen. Er sagt, in keinem anderen Job hat man soviel Spaß. Ich steh allein in der Küche und koche für vierhundert Leute in drei Stunden, für mich ist das Stress und harte Arbeit. Genauso könnte ich auf dem Bau arbeiten. Alter, Zementsäcke wiegen nich mehr, als der Kram, den ich den ganzen Tach durch die Gegend schleppen muss, ey.“ Ich nicke verständnisvoll und erkundige mich mitfühlend: „Und was ist mit deinem Nebenjob? Macht der mehr Spaß?“ Einmal kurz auflachend antwortet Hagen: „Darüber habe ich mir echt keine Gedanken gemacht, Alter ey, Hauptsache Geld.“

Dadurch fangen wir an, darüber zu reden, was wir werden wollten. „Ich wollte Pilotin, Archäologin und Geheimagentin werden, je nachdem, was gerade für ein Film in den Kinos lief.“, sage ich. Hagen fällt ein: „Als Kind wollte ich Astronaut werden, dann Student oder Soldat. Jede Mutter ist stolz, wenn der Sohn Student oder Soldat ist, Alter. Jetzt wär ich am liebsten Musiker, auf jeden.“ Etwas traurig sagt Daniel: „Ich wollte Architekt werden und würde echt Einiges für einen Studiumsplatz tun.“

In dem Moment kommt Brandenburg mit Müllers Saxophon zurück und nach kurzem Hin und Her spielt die ulkige Band los, Rosalie singt mit ihren fesselnd roten Lippen. Neben meinem Ohr dröhnt aus Daniels Zimmer Hagens E-Gitarre. Alex, Daniel und Müller übertreffen sich gegenseitig so stark, dass das Mauerwerk vibriert. Die Band in der Streichholzschachtel.

Plötzlich geht das Licht aus, Hagens Gitarre wird im Ton abgewürgt. Der Kühlschrank und die Pumpe vom Aquarium röcheln ein letztes Mal, bevor sie verstummen. „Alla, was isch enn jetz los?“, fragt Rosalie irritiert. Müller bläst weiterhin kräftig in sein Saxophon, bis Brandenburg brüllt: „Dat war es, mit de Sicherung!“ Der letzte Ton verklingt im schwarzen Raum. Ich ertaste eine Kerze und zünde sie an.

Daniel und Alex kommen wenig später aus dem Keller zurück und teilen mit, der Hauptsicherungskasten wäre ungewöhnlicherweise abgeschlossen, deshalb sei nichts zu machen. Brandenburg haut fassungslos mit flacher Hand auf den Tisch, dass sein Bier in der Flasche bedenklich schwappt, und schlägt mit einer seiner ihm ständig aufgeweicht im Mundwinkel baumelnden Billigkippen von Lidl vor, den Kasten aufzubrechen, was auf übermäßigen Widerstand stößt.

Währenddem setzt Daniel sich schwungvoll, wirbelt Luft auf, die zum Tanz das Kerzenlicht ergreift und wacklige Schatten an den Wänden hüpfen lässt. „Wir sollten unseren Strom selber machen.“, sagt er und nachdem dazu verschiedenste Argumente durchgewälzt sind, erinnert sich Hagen: „Ich hatte mal eine Uhr, die funktionierte durch die Bewegung meines Handgelenks. Sie blieb nie stehen, leider hab ich sie im Schwimmbad verloren, sonst könnte ich es zeigen. Das wäre ne praktische Lampe, eine, die einen nie im Stich lässt.“

„Wäre toll für meinen Bus.“, meint Daniel. Hagen sagt, als ob es ihm bereits angekündigt worden sei: „Wenn die Zeit gekommen ist, in der Menschen in Glaskuppeln auf dem Meeresgrund hausen, erinnert sich keiner mehr an Autos.“ „Oder an Kühe.“, fügt Alex hinzu, obwohl Rosalie die Augen verdreht. „Da gibt’s dann gebratene Seekuh, Alter.“, sagt Hagen, wahrscheinlich ein Rezept überlegend. Quietschfidel lallt Müller, ebenfalls eine Zigarette wie ein rotes Glühwürmchen durch die Luft wirbelnd: „Seekühe? Undawassakujeln? Hoffntlisch bin icke denn schon dot!“ Nachdem Müller sich Brandenburg und mehrere Bierflaschen, die aus seinen Hosentaschen gucken, geschnappt hat, verabschiedet er sich eilig, als ob wir den „Diebstahl“ nicht bemerkt hätten. Die Beiden schwanken zur Tür hinaus und ihre Schritte poltern im Treppenhaus nach unten.

Neues Bier wird auf den Tisch gestellt und mit mehren ‚Plopps’ geöffnet, dass der herbe Geruch des Hopfens durch die Küche schwebt. Eine blonde Strähne, die keine Lust mehr hatte, in Alex’ Tolle zu stehen, hängt ihm ins Auge. Rosalie hatte gerade von ihrem Haus und dem eigenen Geschäft berichtet, wie glücklich sie sind, ihren Traum zu leben. Alex bestätigt, dass alles toll sei und Daniel widerspricht: „Wenn man seine Ziele schon sooft verbiegen musste, um sie den Gegebenheiten anzupassen, verliert man sie einfach aus den Augen. Man weiß nicht mehr, wo man wohnen und was man arbeiten wollte, bevor man sich selbst in die Fesseln der Gesellschaft begeben hat.“, doch Rosalie lässt sich nicht beirren: „Ach komm, jeder kennt doch seinen Traum. Den bringt man aus der Kindheit mit, alla.“ Hagen erwidert: „Oder auch nicht. Alter, mir wurde gesagt, ich soll Koch werden. War nich mein Traum.“

Lachend fügt er hinzu: „Als eine von sieben Milliarden Ameisen hat man eh nichts zu melden, Alter, und es gibt weit und breit keinen anderen Ameisenhaufen.“ Mir fällt ein: „Wenn du doch noch Astronaut wirst, hättest du ein paar Alternativen.“ „Alter, das wird nichts mehr. Der Zug is abgefahren. Ich saß weder mit Chemiebaukästen zu Hause, noch habe ich Kofferradios auseinander genommen oder total krass irgendein anderes Ziel verfolgt. Ich hab Neonröhren zerplatzen lassen und mit Kumpels abgehangen, Alter, hat Spaß gemacht. Aus mir wird nix Großes mehr.“ „Oh Mann. Echt furchtbar.“, sagt Daniel und hängt an: „Sei froh, dass du nen Job hast.“, worauf wir ihm alle zustimmen.

Rosalie ist eingenickt und Alex deckt sie liebvoll zu. Dabei sieht er aus, wie der Puppenvater einer lebensgroßen Porzellanpuppe. „Ich lass dir den Korbstuhl hier und wenn ihr noch ne Decke braucht, hol ich euch noch Eine, ja!?“, sage ich. Alex winkt ab: „Danke dir, lass mal gut sein, mach dir keine Umstände, wir gehen auch gleich.“ Schade, denke ich und sammele mein Cocktailzubehör zusammen.

Hinter mir her trägt Alex den Sessel in mein Zimmer. Vor meiner Pinnwand, an die ein paar schlecht kopierten Luftaufnahmen gespickt sind, bleibt er stehen. „Du fotografierst wohl gerne? Im Keller werde ich mir ne Dunkelkammer einrichten, das fand ich schon als kleiner Junge cool. Entwickelst du selbst?“ Ich schüttele mit dem Kopf, er beugt sich nach vorn und betrachtet die Bilder genau. Wie zu sich selbst flüstert er traurig: „Ach ja, ich will auch mal wieder wegfliegen. Rosi und ich waren vor drei Jahren in Kanada.“ Vielleicht, weil ich zuviel getrunken habe, vielleicht aber auch, weil ich irgendwem mein Herz ausschütten muss, sage ich tonlos: „Für mich ist es mit dem Fliegen vorbei.“

Alex bemitleidet mich gebührend und flüstert nach einem prüfenden Blick Richtung Zimmertür: „Da Rosi den Laden allein durchzieht, bin ich seit ‘ner Weile Hausmann und muss mich den ganzen Tag mit Lea befassen. Wenn dir langweilig ist, komm mich besuchen! Wir könnten schwimmen gehen.“ Unsicher gucke ich ihn an. Für einen Kumpel sieht er ein bisschen zu gut aus. „Danke für die Einladung, ich komme auf jeden Fall!“, versichere ich und überlege, wen ich als Anstandsdame mitnehmen könnte. Als die Tür hinter Alex und Rosalie ins Schloss fällt, kann ich Daniels tiefes, gleichmäßiges Schnarchen von nebenan hören.

 

Mühsam enthusiastisch springe ich aus dem Bett. Nun bin ich also ein Jahr älter und arbeitslos. Trotzdem war es eine tolle Party und ich bin irgendwie froh, dass ich sie nicht frühzeitig abbrechen musste, um zum Flughafen zu fahren. Tollpatschig taumele ich durch die Küche und drücke bei der Anlage auf Play. Obwohl ich vor Müdigkeit über die Teppichkante stolpere, will ich das Arbeitsuchen besonders ehrgeizig angehen.

Im Geburtstagspaket, welches mir Dirk gestern mitgebracht hat, ist Opas alte Spiegelreflexkamera mit Zubehör und die handbemalte Zither von Tanja; ich freue mich riesig. Seit zehn Jahren erzähl ich ihr ständig wie schön ich ihre Zither finde, nun müsste ich sie nurnoch spielen lernen. Da fällt mir auf, dass Chuck Berry nicht aus den Boxen durch die gesamte Wohnung rockt, wie es geplant war. Richtig, der Strom ist ja weg. Also werfe ich den Küchenofen an, in welchem fein säuberlich ein paar Holzreste gestapelt sind, und setze einen Topf Wasser auf. Erst nach einem kalten Bad, denn der Gorenje-Tiki-Boiler ist stromlos nicht heiß geworden, und einem lauwarmen Kaffee, bin ich voller Tatendrang.

Im Treppenhaus kommt mir Sebastian entgegen. Seine verwuschelten, blond gelockten Haare hängen ihm in die Augen und er sieht, wie immer, sehr müde und verwegen aus, ungeachtet des Sonnenbrandes auf seiner Nase. Mit kleinen, roten Augen sieht er mich an und sagt lachend. „Hi Linda! Habt gestern cool gefeiert?“ Ich habe nicht erwartet, dass er mich ansprechen würde und freue mich umso mehr. Nachdem ich verliebt genickt habe, fügt er hinzu: „Ich muss dir unbedingt den Badeofen zeigen, der im Keller steht, vielleicht pa- passt er bei euch rein.“ Mir ist eigentlich egal, was er mir zeigen will, bei ihm zu sein, finde ich schön. „Okay. Geh du vor, ich hol mir auch schnell noch meine Taschenlampe.“ Während ich die Treppen hinaufhaste, höre ich Sebastians polternden Schritt in Richtung Keller verschwinden.

Mit der Frage, ob er verheiratet ist, warte ich besser, bis der Badeofen nach oben getragen ist. Bevor ich wieder hinunter renne, ziehe ich die Lippen blassrot nach. Etwas atemlos komme ich mit meiner sehr alten und sehr schweren Lampe im kalten, nach brackigem Abwasser stinkenden Keller an. „Bin hier drüben.“ schallt es aus allen Richtungen. Ratlos rufe ich „Wo?“ in die Dunkelheit. „Bei meinem Keller!“ hallt die Antwort. Fröstelnd marschiere ich zum angegebenen Ort und bei jedem Schritt geht die Taschenlampe aus- und wieder an. Wackelkontakt. Das Getrippel von kleinen Rattenfüßen auf Hartplastik vervollständigt die Kerkerstimmung.

Hinter der nächsten Ecke taucht vor mir Sebastians Keller auf, die Tür steht offen und ich erhasche einen Blick auf eine Hanfplantage. Der ammoniakartige Geruch von Marihuana strömt heraus. Große silberne Schläuche hängen aus dem kleinen Kellerfenster und sorgen für Frischluft. Vom Fenster führt ein Kabel zu einer voll besteckten Verteilerdose. Heute speisen die Lampen aus einer Autobatterie, die auf dem Boden steht. Die Beleuchtung ist leicht violett, zugleich grell weiß, weshalb die sonst rote Backsteinmauer einen Grünstich hat. Durch die mit Aluminium ummantelten Rohre wirkt es wie in einem dieser Hollywood-Geheimkrankenhäuser, in denen Experimente durchgeführt werden. Vor mir spannt sich ein starker Rücken unter einem ausgewaschenen T-Shirt. Sebastian mischt mit großen, schönen Händen Dünger unter die Erde. „Werden die Pflanzen nicht irgendwann zu hoch für das Gewölbe?“ frage ich, um mich bemerkbar zu machen. Ohne sich umzudrehen antwortet er: „Nee, ist ne buschig wachsende Sorte.“ „Aha.“ Fass mich an, küss mich, telepatiere ich ihm zu. Sebastian schließt den raschelnden Plastikvorhang und bleibt vor mir stehen. Ich sehe ihm erwartungsvoll in die Augen. Seine Augen weichen nicht aus. Sekundenlang. „Am Besten tragen wir ihn gleich hoch.“; schlägt er vor und wendet sich ab. Über uns schwarze Spinnenweben mit weißen Skelette toter Spinnen. „Da vorne steht er.“, kündigt er an.

Ich laufe ihm hinterher und die Lichtkegel unserer Taschenlampen schwenken nach rechts und links auf Holztüren in der unverputzten Backsteinmauer. Nach ein paar Metern stehen wir vor einem mannshohen, grau- rosa Stahlzylinder. Sebastian schultert den Wasserboiler und klemmt sich die Ofenrohre unter seinen muskulösen Arm, ich buckle mich mit der Brennkammer ab und versuche dabei, gut auszusehen. Aufgeschrecktes Quieken verabschiedet uns, als wir uns unter dem Gewölbe bis zum Aufgang tasten und die Kellertür hinter mir ins Schloss fällt.

Auf dem ersten Treppenabsatz gebe ich den Versuch gut auszusehen auf; mir steht der Schweiß im Gesicht und Sebastian ist sowieso zu beschäftigt, sich umzudrehen. Er erwähnt, dass ihm gerade sein Bafög gestrichen wurden, dass die Kurse, die er dieses Jahr bräuchte, schon alle voll sind; bei der Gelegenheit erfahre ich, dass er Betriebs-wirtschaftslehre studiert und nur nebenbei als Verkäufer arbeitet; dann kommen wir auf unsere Wohnsituation zu sprechen und ziehen über die neue Hausverwaltung her. Sebastian wird die Vermieter nicht in seine Wohnung lassen, sagt er. Ich bin nicht sicher, ob das erlaubt ist, doch Sebastian redet inzwischen über seine Geschäfte. Beeindruckt von seinem finanziellen Ehrgeiz schreckt mich nicht einmal die Tatsache, dass er seinen Hauptverdienst mit Drogengeschäften bestreitet. Er rät mir, bei ihm zu kaufen; warnt mich vor Zucker, Sand und Glas; sowie den schwarzen Drogendealern, die in Parks bereitstehen und über die Hasenheide turnen. Ich fühle mich geschmeichelt, dass er mich einweiht.

Während er den Ofen zusammensetzt, schlägt Sebastian vor: „Lass uns die Kohlen diesen Winter teilen, dann können wir zwei Tonnen bestellen und kriegen einen ordentlichen Rabatt. Zu Viert müssten wir das doch bezahlen können.“ Ich würde vermutlich allem zustimmen, was uns verbinden könnte und freue mich außerdem, dass er keine Ehefrau erwähnt. Wer weiß, wie Müller das gemeint hatte.

Sebastian teilt mir gespielt bedauernd mit: „Oh nein, da fällt mir ein: Wir müssten die Kohlen in eurem Keller lagern, bei mir ist alles voll.“ Ich grinse zurück und sage: „Kein Problem. Wir müssen nur den ganzen Sperrmüll rausräumen, der sich bei uns bis unter die Decke stapelt.“ Er fragt nach meinem Kellerschlüssel, um das Ausräumen veranlassen zu können. Zwar zögere ich, ihm unseren Kellerschlüssel anzuvertrauen, aber wirkt er nicht vertrauenswürdig?! Sollte doch plötzlich die Polizei vor der Tür stehen und mich auf illegalen Drogenanbau und –handel ansprechen, ist noch genug Zeit, misstrauisch zu werden.

Als Sebastian sich verabschiedet, erwähnt er seine Blondine dann doch noch. „Was machst du am Wochenende? Cla- Clarice und ich wollen auf ein K- konzert, ich dachte, du hättest vielleicht Lust, mitzukommen? Ein bisschen feiern und du lernst Clarice ke- kennen.“ Obwohl ich dabei rot anlaufe, versichere ich, Konzerte zu lieben, unbedingt seine Freundin Clarice kennen lernen zu wollen und warte ab, ob er mich bei dem Wort ‚Freundin‘ korrigiert. Er guckt mich darauf bloß uneindeutig an und sagt: „Gut, dann sprech ich dich noch mal an, wegen der Ka- karten, ja?“ Küsse ich so schlecht, oder was? Nicht mal meine Handynummer will er haben. Ich nicke wortlos, weil ich nicht weiß, was ich von ihm halten soll und einen Janakloß im Hals habe.

Kaum ist Sebastian zur Tür hinaus, fällt mir wieder ein, dass ich den Stellenmarkt kaufen wollte. Vorm Losgehen ziehe ich den Bikini unter mein grüngelb gestreiftes Sommerkleid an. Tanja und ich werden später Alex besuchen. Sie und Dirk sind zwei von acht Geschwistern vom Gehöft gegenüber des Hauses meiner Großeltern, bei denen ich aufgewachsen bin. Wir konnten es kaum erwarten, in die große Stadt zu kommen, dabei konnte man dort wenigsten ungestört in den See springen. Tanja war fest entschlossen, Erzieherin zu werden und hat deshalb an einem Jugendprojekt in Paris teilgenommen. Jetzt hat sie eine Lehrstelle in Mitte, zur Arzthelferin, Tanja sagt, das ist „zukunftsorientierter“.

Als ich durch das Vorderhaus laufe, begegne ich mehreren mit Zollstöcken bewaffneten Arbeitern. „Wohnen Sie hier?“, werde ich unwirsch von einem der Männer angeredet, während ein anderer durch die Zähne pfeift und „Hey, Bunny!“ sagt. Nervös versuche ich die Absichten der Männer zu ergründen. „Wieso?“, frage ich dusselig. Aufgrund der ungeduldigen Mienen, die mir entgegen starren, hänge ich schnell an: „Ich wohne hinten.“. „Ah. Okay. Könnte heut ein bisschen laut werden.“, sagt der Gleiche, der mich angesprochen hat, während die restlichen Männer herzhaft und laut lachen. Im Hintergrund sehe ich, wie Daniels Computermüll entsorgt wird, Medikamenten-schachteln zerlegt, Zollstöcke auf und zu geklappt werden, um das Treppenhaus zu vermessen. Alte Fahrräder, an die ich mich gewöhnt und die ich mir öfter ausgeliehen hatte, werden von schwitzenden Kerlen an mir vorbei getragen und auf einen Transporter, dessen Hinterachse durch das Eingangstor zu sehen ist, geladen. Von draußen kommt ein weiterer Bauarbeiter auf mich zu und fragt dröhnend: „Sie wohnen hinten? Da haben Sie Glück, wir bauen die neuen Fenster ein!“ Obwohl ich mich kein bisschen glücklich damit fühle, öffne ich den Fensterbauern kurz darauf unsere Wohnung. Als ich mit ansehen muss, wie meine liebevoll gelb lackierten Fenster splitternd aus der Mauer gehebelt werden, verabschiede ich mich unfreundlich.

Bevor ich nach Rummelsburg fahre, will ich die Spiegelreflexkamera ausprobieren. Ich streife Bars neben besetzten Häusern mit Bannern: „Ihr kriegt uns hier nicht raus!“, in der Rigaer Straße um die Ecke, etwas weiter verwucherte Hofeinfahrten mit uralten Firmenschildern; zwischen den Wohnblöcken Parks und Grünanlagen, in denen immer irgendeine Statue aus DDR-Zeiten herumsteht, vor der man sich Nachts zu Tode erschreckt.

In der Nähe des Bahnhofes Ostkreuz steht ein buntes Haus, mit einem runden Türmchen auf dem Dach und gläsernen Loggien zum grünen Garten hin, welches unbewohnt zu sein scheint. Aber es mir allein anzusehen, erfordert dann doch zuviel Mut, dazu werde ich mal Dirk mitnehmen müssen.

Ich laufe in Richtung Warschauer Straße weiter. Im Zickzack setze ich meinen Weg fort, entdecke viele gemalte Kunstwerke in der Größe der Hausfassaden, die sie zieren und zwischen diesen Wänden begrünte Spielplätze voller Jugendlicher. Geschlossene Bibliotheken, Kinos und Schulen lassen würdevolle Gebäude zurück, die jetzt mit zerbrochenen Fensterscheiben und der bunten Unterschriftensammlung der ortsansässigen Sprayer hilflos zu Staub zerfallen, wobei Horden von Hunden vorher das Fundament mit ihrer Pisse zersetzen. Anfangs fällt es mir schwer, die Kamera zu bedienen, ich hätte wohl erst die Anleitung lesen sollen. Dass man sie nur aufzuziehen braucht, gefällt mir am Besten, dann muss ich am Objektiv die Entfernung einstellen, damit das Bild scharf wird und irgendwie das Motiv einfangen, wobei eben alles spiegelverkehrt ist. Wenn ich mir ein überdimensionales Aufziehauto bauen würde… käme ich damit immer nur einen Meter weit. Der erste Film ist fast voll, sooft habe ich abgedrückt.

Fünfzig Meter Luftlinie entfernt hängt die Bahntrasse und etwas weiter hinten der alte Wasserturm vom Bahnhof Ostkreuz. Es geht eine kleine Holztreppe hinunter auf einen heruntergekommenen, von Unkraut überwachsenen Aufenthaltsplatz, wie man an Bänken und Holztischen erkennen kann. Unsicher, ob es am Ende des Platzes einen Durchgang geben würde, sehe ich mich um. „Hey! Klettern ist dort hinten!“, ruft mir plötzlich ein langhaariger, mit der Hand nach Osten fuchtelnder Hippie aus dem geöffneten Fenster eines Hauses zu. Ich nicke, obwohl ich noch die Frage hätte, ob er meint, dass ich über die Mauer klettern soll(?), und laufe in die angezeigte Richtung. Zwischen den Mauern der Gebäude, die mit bunten Knubbeln übersäht sind, treffe ich auf eine gemischte Gruppe zersaust und verbraucht aussehender Kletterer. Sie tragen bunte Leggins und enge Shirts mit Totenkopfapplikationen, darüber grelle Westen mit Gurten und Karabinerhaken. „Hey, willst du auch mal?“, werde ich gefragt.

An der hohen Außenwand einer alten Zisterne sehe ich zwei Menschen an bunten Seilen hängen und habe schon genug Angst, dass die Beiden fallen könnten, da muss ich mich gar nicht erst selbst in diese abgrundnahe Situation bringen. „Nee danke, sagt mir einfach nur, wo es langgeht.“, bitte ich. „Jaa, Baby! Ich zeig dir gern, wo’s langgeht!“, grölt ein zahnloser Alter. „Halt dein scheiß Maul, Aldar!“, antwortet es von oben am Seil und eine schlanke Gestalt schwebt auf der Wand hüpfend zu Boden. Die gealterten Hippies gucken betreten auf ihre Füße und ich gucke gespannt, wer sich da auf meine Seite geschlagen hat. „Hast düsch wohl verlaufen, Püppi?“, fragt mich eine hübsche Türkin, deren Slang nicht zu ihrem Äußeren passen will.

Während sie sich routiniert aus einem Gewirr von bunten Seilen und Karabinerhaken befreit, klärt sie mich mit beängstigender Wortwahl auf, dass sie meine Kamera toll fände und ich zum Eingang zurücklaufen muss. Ich danke erleichtert, drehe mich auf dem Absatz um, ohne auf die Sprüche, die mir hinterher wehen, zu reagieren. Die Türkin läuft mir nach und ruft: „Hey, warte!“ Meine Kamera fest im Griff, laufe ich schneller, mich im Schatten der Bäume haltend. Sie holt mich ein, kein Wunder, sportlich wie die ist. Ihre Oberarmtätowierungen, ein brauner Falke und ein wie echt aussehendes, kleines blaues Auge, beobachten mich. Anscheinend will sie mich nicht ausrauben.

Sie fragt mich, wo ich lang muss und erklärt, mich ein Stück begleiten zu wollen. Özlem stellt sich vor und tue es ihr gleich. Zu meinem Erstaunen unterhält sie sich mit mir über Fotografie, oder versucht es zumindest, denn keinen der angesprochenen Künstler kenne ich. „Ich mach nur gern Fotos, ich weiß darüber nichts.“, gebe ich zu und sie fragt, ob ich sie an der Wand fotografieren würde. „Beim Klettern?“ „Yo, Aldar!“, antwortet Özlem. Innerlich mache ich Luftsprünge, weil ich gerade meinen ersten Fotoauftrag erhalten habe. Außerdem erweist sich Özlem als ungemein hilfsbereit. Nachdem sie mir erzählt hat, dass sie aus dem Wrangelkiez kommt und seit dem Schulabgang schon zwölf Jobs hatte, berichte ich von meinen Versuchen. Bevor sich unsere Wege trennen, empfiehlt sie mir eine Zeitarbeitsfirma und wir tauschen unsere Nummern aus.

Die Hitze kriecht unter die Bäume, verwandelt das Laubdach in eine finnische Sauna und modrig Übel erregender WC-Geruch steigt vom Boden auf. In diesem Gestank sitzt, gekleidet in mehrere ordentliche Stoffbahnen, ein kleines Mädchen auf dem Boden und will mir ein handgeknüpftes Freundschaftsarmband verkaufen. Es ist dasselbe Mädchen, welches ich vor kurzem noch mit Maiglöckchen am Bahnhof Zoo gesehen habe und ich bin mir fast sicher, dass sie es war, die auf dem Friedhof weggerannt ist. Zwischen den Armbändern bewegt sich etwas, das ebenso hübsch gemustert ist, wie der Schmuck. Eine Fliege schwirrt ihr beharrlich um den Kopf und im Gesicht kleben ihr die Reste von Irgendwas. Angewidert wende ich mich ab, als sie verzweifelt bettelt: „Bitte, ich hab solchen Durst!“ Trotz der Hitze erinnert sie mich an ‚Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen’. Ich gebe ihr meine Wasserflasche. Sie lässt mich nicht gehen, ohne dass ich mir eines der bunten Armbänder von ihrem dünnen Ärmchen aussuche. Weil ich mich nicht entscheiden kann, wählt sie ein Grünblaues aus und erklärt dazu, dass Farben und Muster mir Gesundheit und Glück bescheren werden, während sie es um mein Handgelenk befestigt. Ihre kleinen Hände sind genauso warm, wie meine. Sie gleicht vielmehr Sternentaler und verschenkt alles, bis sie im Hemd da steht. „Setz dich besser irgendwo hin, wo es kühler ist.“, rate ich ihr noch, bevor ich sie mit ungutem Gefühl zurücklasse.

Rot leuchtende Zahlen auf einer Digitalanzeige weisen auf ein paar Millionen im Lotto-Jackpot hin, eine Werbetafel verspricht bis zu zweihunderttausend Euro mit einem Rubbellos und Sportwetten garantieren eine fünfzigprozentige Gewinnchance. Ich könnte Berufsspieler werden, das ist man ja sowieso irgendwie. „Suchen Sieee waas Beestiimmteees?“ fragt mich die Chinesin hinterm Tresen mit breit gelatschten Worten. Aber ich habe bereits den Stellenmarkt gefunden und bin ziemlich froh, dass der Laden leer ist, als die Chinesin beim Scannen der Waren durch den ganzen Laden singt, was ich gekauft habe, als ob ich das nicht selber wüsste.

An der Oberbaumbrücke, auf der sich U-Bahn, S-Bahn und Straßenbahn mit Quietschen und Rattern begrüßen, ist die Luft zum Zerschneiden dick. Ein erfrischendes Lüftchen weht mir um die Nase, als ich am höchsten Punkt der Brücke stehe und ich atme einen Moment durch. Ein breiter Fluss silbrig blendender Gleise windet sich vom Alexanderplatz her unter der Brücke hindurch in Richtung Ostkreuz, wo man die Überführung sehen kann. Auf einer schwankenden Betonkonstruktion aus aneinander gelegten Platten, die seit Jahren als Provisorium dient, schlängele ich mich durch zahllose Passanten und gehe eine breite, von Wellblech überdachte Treppe hinunter, die am S-Bahngleis endet. Mein Herz schlägt bei jedem Basekap, das auf dem Fahrrad vorbeifährt, fröhlich schneller, aber mein Radfahrer ist nicht dabei. Ich werde seinen Euro einfach ausgeben, ihn aufzuheben ist doch kindisch. Der Typ wird sich schon gar nicht mehr an mich erinnern.

Ein Verkäufer des Straßenfegers nutzt die Gelegenheit, um mir nachdrücklich den Kauf seiner Zeitung ans Herz zu legen. Ich sage ihm, dass ich gerade keine Arbeit habe. Seine Weinbrandnote benebelt mich, als er sich zu mir lehnt und fragt, ob ich auch Zeitungen verkaufen will. O Gott. „Nein, danke. Aber ich komm drauf zurück, falls alle Stricke reißen, ja?!“, füge ich sicherheitshalber hinzu und gebe ihm den Euro. Kauzig dankt er mir und erkundigt sich, ob ich lieber Bratwurst verkaufen will. Sein Kumpel mache das gerade und die suchen noch Leute. Von einem Willen, irgendwas in dieser Richtung zu arbeiten, ist nichts zu spüren, schließlich bin ich zu jung, um geräuchert zu werden, trotzdem nehme ich halbwegs dankbar die speckige Visitenkarte entgegen, die mir der ehemalige Professor der Mathematik hinhält.

Ich habe mir bereits ein lustiges Karomuster in den Hintern gesessen, die nächste Schicht Sonnencreme aufgetragen und einen mörderischen Durst; da trifft Tanja am einsamen Bahnhof Betriebshof Rummelsburg ein. Meinen Beutel geschultert und immer noch durstig, erklimmen wir eine schwingende, aus großen runden Kieselsteinen zusammen geklebte Steintreppe, durch deren Stufen gelb blühendes Rainfarn oder lange Stängel Schuttkresse wachsen, während ich Tanja mit Erklärungen über meine Freude über die Zither überhäufe. Zum Überqueren der Schnellstraße nehmen wir eine rostigbraune Betonfußgängerbrücke. Seelenlose Autos rauschen unter uns hindurch und wirbeln altes Laub am Bordstein auf.

Alex hat ein rotgelocktes Kind auf dem trainierten, sonnengebräunten Arm. Als er uns sieht, überredet er das Mädchen, uns zu winken. In seiner knielangen Arbeiterhose mit ungekreuzten Hosenträgern über einem zweifarbig karierten Hemd mit hoch gerollten Ärmeln sieht Alex einem Maisfarmer sehr ähnlich. Tanja und ich winken brav zurück. „Toll, dass ihr es geschafft habt. Ist ganz schön heiß heute.“ Da stimmen wir ihm zu. Tanja wirft mir einen zweifelnden Blick zu und flüstert mir nicht sehr unauffällig ins Ohr: „Ich kann mit kleinen Kindern nichts anfangen…“ Etwas lauter flüstere ich zurück: „Wolltest du nicht neulich noch Erzieherin werden?“ „Doch nicht in meiner Freizeit!“, antwortet Tanja empört.

Alex hört uns belustigt zu und tätschelt dabei unaufhörlich das sommersprossige Mädchen, bis die Kleine trotz Windel ziemlich deutlich sagt: „Mann, Papa, lass das! Das ist doch voll peinlich! Lass mich runter.“, wobei sich die ersten Falten in ihrem kleinen Gesicht eingraben. Ganz die Mama. Sichtlich enttäuscht setzt er Lea auf den Boden, die ihm gerade bis zu den Knien reicht und bittet uns durch eine lächerlich niedrige Gartentür auf das Grundstück.

Der Vorgarten und die weiß verputzte Vorderfront des Hauses, geziert von fünf holzgerahmten Fenstern mit Fensterkreuzen, wirken, wie aus einer Südstaatenkleinstadt teleportiert. Vom weißen Gartentor zur massiven, dunkelbraunen Eingangstür führen weiße Natursteinplatten durch zwei symmetrisch bunt bepflanzte Beete die an quadratische, saftig grüne Rasenflächen grenzen.

Um das Haus herum führt an der Fassade ein Trampelpfad in einen verblühten Fliederbusch. Lea läuft voraus und ist schnell unter dem dichten Busch verschwunden, während Alex mit Manneskraft die Zweige zurückdrückt, um uns einen Durchgang zu schaffen. Dabei entblößt sich eine graue, bröckelige Seitenwand. Offensichtlich beschränkt sich der Erfolg der Bauarbeiten derzeit auf die Frontansicht des Grundstückes. Tanja macht den ersten Storchenschritt, misstrauisch beäugt sie den modrigen Untergrund und stakt auf Zehenspitzen über den Bretterhaufen durch altes Laub und Geäst. Alex hält immer noch die Zweige zurück. Auf seiner Stirn und Oberlippe funkeln Schweißtröpfchen, vom Hals an bis unter die Haarwurzeln ist er alarmrot angelaufen, deshalb renne ich, bevor Alex die Kraft verlässt, hüpfend durch den Flieder und stolpere gegen einen rostig orangenen Betonmischer, dessen Öffnung quietschend nach unten kippt, heraus purzelt scheppernd ein blauer Plastikfisch. „Mein Buddelförmchen! Paapa! Ich will zum Stra-and!“, schreit Lea. Alex zwängt sich an der Hauswand entlang. „Ich brauch erst mal ein kaltes Bier.“ Lea ist nur kurz enttäuscht, dann guckt sie mich am Sandförmchen kauend an und will wissen, ob ich auch in der Lage sei, eine Sandburg zu bauen. Da lenkt uns Tanja nörgelns ab: „Gibt’s hier irgendwo was zu Trinken? Und wo wolltest du baden gehen? Hier gehe ich jedenfalls nicht rein.“ Alex tippt ihr von hinten auf die nackte Schulter, dass sie ihm aus Reflex beinahe das Bier aus der Hand schlägt, welches er ihr hinhält. Ein Schluck Bier schwappt auf sein Hemd, aber Alex scheint es nicht zu bemerken und lächelt Tanja wohlwollend an. Sie nimmt ihm das kalte Bier aus der Hand und einen kräftigen Schluck aus der Flasche.

Lea zupft an der Hose ihres Vaters und erkundigt sich: „Was ist mit mir?“ „Na, für meine kleine Prinzessin habe ich was ganz Besonderes!“, spielt sich Alex mit übertriebener Mimik auf und zieht ein zerknautschtes Päckchen aus der hinteren Hosentasche. „Lecker, Caprisonne!“, ruft Lea begeistert, nimmt das Päckchen gekonnt mit einer Hand, während sie schon mal den Trinkhalm aus seinem Tütchen beißt. „Ich hab Brot und Fleisch auf dem Grill dort hinten.“, teilt Alex mit. Wir nähern uns dem qualmenden Ort auf der anderen Seite der Veranda, als Tanja mir ungeduldig an die Rippen klopft und mault: „Was ist denn jetzt mit Baden gehen?“ Lea lässt sofort und ungeachtet des hervorquellenden Fruchtsaftgetränkes vom Trinkhalm ab, um eifrig zu verkünden: „Ich will auch baden gehen! Ich will, ich will, ich will…“ Wir können sie kaum beschwichtigen und versuchen sie mit Essen hinzuhalten. Das Brot bekommt bereits eine schwarzbraune Unterseite und die Steaks sehen saftig aus. Auf einem klapprigen Hocker steht eine Küchenrolle, die mit bunten Motiven bedruckt ist, eine fettige Zange hängt zusammen mit einem einzelnen Arbeiterhandschuh an einem stählernen Griff am Grill.

Kauend gehen wir die flach abfallende Wiese zur Spree hinunter. Am Ufer lässt eine schattige Silberweide die Arme im Wasser baumeln stehen. Unter der spiegelnden Oberfläche geht es steil in die Tiefe, am weichen Grund erkenne ich schwankendes Laichkraut, sich hebend und senkendes Hornblatt. Gelegentlich blitzt ein silberner Fischrücken im braungrünen Algenhaar auf und verschwindet im Bruchteil einer Sekunde wieder in trüber Finsternis.

„Auf geht’s zum Freibad Kolonie Oberspree, alle Mann antreten!“, ruft Alex. Er hat ein kleines hölzernes Ruderboot aus dem Schuppen zum Steg gezogen, der aus einem fast weg gerosteten Eisengerüst und einer darüber gelegten, ausrangierten Spanholztür besteht. „Brauchen wir dafür nicht eine Erlaubnis?“, frage ich, überlegend, was ich mit dem zerknüllten Papiertuch in meiner Hand machen soll, denn mein Steak ist aufgegessen, zeitgleich mit Blick auf das Boot, dass für meine Vorstellung keinen sehr robusten Eindruck macht. „Und wenn schon. Wir fahren nur schnell geradeaus rüber, ein bisschen am Plänterwald entlang und schon sind wir da. Das dauert nicht mal fünfzehn Minuten.“

Mit einem nassen Klatschen trifft der Kahn einen halben Meter unter dem provisorischen Steg auf die Wasseroberfläche auf. „Kann losgehen!“, behauptet Alex. Die Brust nach vorn gedrückt und die Daumen unter die Hosenträgern geschoben, begutachtet er den schwimmenden Haufen zusammengenagelter Bretter. Dann springt er in den Kahn, der sich knackend in die Spree drückt, hebt Lea und anschließend einen Pappträger mit Bier von der Spanholztür zu sich herunter.

Ich umklammere meinen Beutel, setze mich auf den Steg und lasse mich rücklings auf den wackeligen Boden unter meinen Füßen gleiten. Mein Kleid bleibt hängen und rutscht nach oben. Erst, als ich ganz sicher im Boot stehe, lasse ich die Spanholztür los und rücke verlegen den Rock zurecht. Kurzentschlossen springt Tanja mir hinterher und landet wuchtig im Bug, dass der vordere Teil des Bootes einen Moment komplett unter die Oberfläche gestippt wird. Eine Welle erfrischendes Wasser schwappt ins Boot um unsere Beine herum und kühlt uns die Füße. Tanja flucht: „Scheiße, meine Schuhe!“ und Alex belehrt sie: „Na, na, na, muss das vor Lea sein?“ Ich mache es mir auf den rauen Holzplanken im Bug bequem, Tanja setzt sich auf die Abdeckung des Hecks, Alex nimmt auf der aus einem Brett bestehenden Mittelbank Platz. „Na dann mal los.“, dokumentiert er, während die Paddel rechts und links ins Wasser klatschen und in den eisernen Verankerungen knarren.

Lea amüsiert sich im buntgeblümten Badeanzug auf dem Boden des Boots im lauwarmen Wasser und schaufelt es mit dem Plastikfisch in einen blauen Plastikeimer, um es dann im Boot wieder auszuschütten und von vorn zu beginnen. Wir passieren erst eine grüne, dann eine rote Boje und Alex erzählt beiläufig: „Wir sind jetzt in der Fahrrinne. Letzte Woche bin ich mit ’nem Kumpel rüber, da sind wir hier fast mit ’nem Motorboot kollidiert! Aber die Typen auf dem Boot waren klasse, die haben uns erst mal ne Weile geschleppt. Da waren wir in fünf Minuten da. Heute dauert’s wohl etwas länger.“ „Los, starker Mann, du schaffst es! Halt durch!“, treibt Tanja ihn nun lächelnd zur Eile an und klopft den Takt der Ruderschläge auf den Bootsrand. „Sicher, schöne Frau, der Hafen naht!“, gibt Alex scherzhaft zurück und fährt sich mit einem Augenzwinkern durch die Tolle, wobei das Holzpaddel haltlos auf die Wasseroberfläche platscht.

Vor uns taucht ein Stück des versteckten Spreeparks auf. Ein altes Riesenrad ragt weit aus dem Wald hervor, daran die verblassten, mit kleinen gardinenartigen Stahlwellen dekorierten Zweimannkörbe in Babyblau und Bonbonrosa, daneben Eierschale und Buttergelb. Die kleine Eisenbahn wartet traurig auf den stählernen Gleisen, die der Wald sich langsam holt.

Ein langer, flacher Lastkahn schiebt sich an uns vorbei, ich habe ihn weder kommen gehört noch gesehen, erst jetzt, da er mit uns auf selber Höhe ist, höre ich das Brummen des Motors. Auf der Seite des Schleppers ist auf rostroten Untergrund in weißer Schrift ‚Szczecin’ zu lesen und niemand ist an Deck zu sehen. Sanft und geisterhaft entrinnt die schwimmende Ladung auf dem Weg nach Berlin meinem Blick und langgezogene Wellen erreichen das Ufer. Unser Boot schwingt sich mehrmals auf und ab, Lea rutscht auf den Bodenplanken von einer Seite zur anderen und Tanja, die ihr Gesicht mit hochge-strecktem Kinn in die Sonne hält, öffnet missmutig die Augen. Ob es den Schwänen Spaß macht, auf Wellen zu reiten?

Kaum haben wir das Geschaukel überstanden, tuckert leuchtend weiß die ‚Navigan’ an uns vorüber, auf dem Sonnendeck sitzt eine Horde Rentner, die uns neugierig beobachtet und Fetzen einer Lautsprecherdurchsage dringen zu uns herunter. Lea winkt dem Liniendampfer begeistert und einige Opas und Omas winken ebenso begeistert zurück und machen sogar Fotos. Wieder werden wir auf unseren Gleichgewichtssinn getestet, die Wellen brechen sich, weil wir so nah am Ufer sind, unter uns und lassen unser Boot so stark hüpfen dass ich für einige Momente den Bodenkontakt verliere, um anschließend unsanft auf die Bretter des Bugs zurück gesetzt zu werden. Mit inbrünstigen Schluchzern beginnt Lea, die kleinen Hände vor das Gesicht haltend, zu weinen. Besorgt springt Alex von der Bank auf, sein Hemd klebt komplett am Oberkörper und er atmet schwer.

„Ist alles in Ordnung, mein Schatz? Was hast du, sag es deinem Papa?!“ Lea will nicht weiterfahren. Sie wälzt sich trotz der Schwimmflügel auf dem Boden, als ob sie nicht laufen könnte, verfällt in eine Gaga-Baby-Sprache und steckt wimmernd ihren rechten Daumen in den Mund. Grimmig rudert Alex auf den Wald zu, bis wir gegen die Uferbefestigung stoßen. Tanja, zurückgelehnt auf beide Arme gestützt, scheint das Ganze für einen Witz zu halten. „Alles aussteigen, bitte. Madame möchte nicht weiterfahren.“ Lea guckt ein bisschen ängstlich, als Alex sich zu ihr hinunter beugt, sie unter den Armen packt, in die Höhe hebt und an Land ins Gebüsch auf den trockenen Laubboden absetzt. Sie bleibt still stehen.

Die Befestigung überragt mich um einen Kopf. Tanja sitzt noch immer und beobachtet mich kopfschüttelnd. „Da kommen wir doch niemals hoch, Linda! Du schaffst doch nicht mal nen Klimmzug.“, ermutigt sie mich. Als ich die Hände auf die Kante zu Alex’ Füßen lege und mich mit den Füßen gegen die vom Wetter zerfressen Wand stütze, kippt unter mir das Boot weg, ich höre nur ein überraschtes „Ahh!“ in hoher Tonlage und darauf folgend ein saftiges Klatschen. Tanja schreit: „Scheiße! Mann, Linda, hilf mir!“ Den Kopf nach hinten drehend, sehe ich, wie das Holzboot Richtung Innenstadt fort treibt, die Paddel rechts und links schleifen lassend, wie ein übermütiges Kind beim freihändig Fahrradfahren.

Nicht weit von mir schlägt Tanja mit den Armen ins Wasser. Sie schafft es, sich an einen sanft gluckernden Baumstamm zu klammern, bis dieser sich aus dem Schlamm löst, viel Dreck aufwirbelt und mit Tanja im Anhang von der Strömung davon gespült wird. Eine Entenmutter, ihre sechs flauschig grauen Entenküken im Gefolge, schwimmt aus dem Gebüsch. Alex beobachtet das Schauspiel, ohne den Verlust des Bootes sichtbar zu bedauern. „Ich kann dir nicht helfen, schwimm gefälligst selber her!“, rufe ich Tanja zu, während ich nach der Hand greife, die Alex mir reicht und mich nach oben ziehe. „Aber an meinen Beinen ist so ekliges Zeug!“, jammert Tanja mit angewidert verzogenem Gesicht, weiter abtreibend und Alex ruft ihr lachend nach: „Du schwimmst in die falsche Richtung, Goldfisch!“ Erst als klar wird, dass niemand ihr zu Hilfe kommt, versucht sich Tanja auf den drehenden Baumstamm zu setzen. Nach zwei weiteren Klatschern ins Wasser, hält sie sich sicher und zieht sich an den herabhängenden Zweigen mit hochgehaltenen Beinen auf uns zu. „Hier komm ich besser raus!“, ruft Tanja aus kurzer Entfernung und taucht zwischen verknöcherten Luftwurzeln in den Dschungel ein.

Kurz darauf steht sie neben uns und sieht gar nicht sauer aus, obwohl sie mit Algen bedeckt ist und ihr das Kleid am Körper klebt. Sie lächelt sogar. Allerdings nicht zu mir sondern zu Alex, der ihr ein Handtuch anbietet. Tanja lehnt ab und begründet: „Es ist so warm, sicher bin ich gleich wieder trocken!“ Nickend wirft Alex sich das Handtuch über die Schulter und weist uns an, ihm zu folgen, wobei seine Augen in die von Tanja eintauchen. Bin ich sauer auf die Beiden, weil es in meinen Augen falsch ist, dass sie flirten, oder, weil niemand so in meine Augen sieht?

Wir laufen eine mit hübschen Doppelhäusern bebaute Straße mitten im Wald entlang und Tanja flüstert mir zweifelnd zu: „Sind wir noch in Berlin?“ Ohne auf die Frage einzugehen, flüstere ich zurück: „Alex ist übrigens verheiratet!“. Tanja wirft mir vor: „Was denkst du von mir? Mir ist klar, dass Alex in festen Händen ist. Außerdem liebe ich Paul. Ich bin nur nett.“ Einlenkend gebe ich zu: „Okay. Vielleicht hab ich mich getäuscht.“ Ein befriedigtes Lächeln umspielt Tanjas Lippen, bevor sie ihr Kleid mit flachen Händen glatt streicht und nach Alex Ausschau hält.

Kinder und Mütter kreischen; zwischen Decken und Handtüchern stecken die verschiedensten Sonnenschirme im Sand, Kühlboxen und Picknickkörbe stehen herum, die Mülleimer am Rand der Anlage quellen über und werden von etlichen Hunden eingehend untersucht. Lea rennt auf und ab, seit ihr der Vater die nasse Windel ausgezogen hat, wobei sie Vogelgeräusche von sich gibt, zumindest schreit sie in den höchsten Tönen. Alex fängt sie mit einem ausgestreckten Arm ein. Seine Tochter unter dem Arm klemmend, die Strandtasche über der Schulter und den Sechser Bier in der Hand, geht Alex voran.

Die Blicke auf den Strand geheftet, auf der Suche nach einem freien Plätzchen am Wasser, schlendern wir am Ufer entlang, bis wir an einen Maschendrahtzaun kommen. Das Strandbad ist hier zu Ende und wir haben keinen Platz für uns erobern können. Ohne es abzusprechen, beginnen Tanja und ich zeitgleich den Zaun zu erklimmen, wodurch dieser mächtig schwankt. Lachend bleiben wir oben auf der Kante sitzen, auch, weil nicht ganz klar ist, wie wir hinunter kommen sollen. Während unser Lachen verklingt, hat zu unseren Füßen Alex den Zaun nach oben gebogen und Lea kriecht darunter hindurch. „Toll. Hätte er das nicht gleich sagen können?“, fragt mich Tanja, bevor wir nach unten klettern.

Alex nimmt Anlauf, springt gegen den Zaun und zieht sich aus der Kraft eines Armes über die Kante. Vor uns liegt ein stillgelegter Campingplatz. Aus langem Gras wächst eine Laterne mit einer topfdeckelähnlichen Schirmabdeckung empor. Dahinter reihen sich Kiefern wie hohe, drahtige Flaschenbürsten auf und überschatten die Betonstützen fehlender Tischtennisplatten. Um die Decke auszubreiten, die Alex aus der Strandtasche zaubert, schaufeln wir ein Quadrat von Kienäpfeln im Sand frei.

„Ab ins Wasser mit euch!“, ruft uns aus seinen Sachen steigend Alex zu, bevor er sich Lea, die vergnügt kreischt, schnappt und ins Wasser rennt. „Macht voll Spaß. Fast so, wie früher, nur, dass Dirk nicht dabei ist.“, sagt Tanja, streift sich ihr Kleid über den Kopf, dass ihre Lockenpracht sich schmal durch den Halsausschnitt quetscht und dann in die ursprüngliche Form zurückspringt. Anmutig schreitet sie im roten Bikini von unserer Decke hinab ans Ufer. Wie in einem Werbespot für Parfüm, Margarine, Bau-sparen oder Damenrasierer. Erst, als Alex ihr zuruft: „Komm schon, ist sehr angenehm!“, tastet sie sich Schritt für Schritt ins tiefere Wasser vor, bevor sie sich sanft ins lauwarme Nass senkt und mit gekonnten Bewegungen gemächlich ins Brustschwimmen übergeht.

Hinter mir zirpen die Grillen lauter, jetzt, da ich allein am Strand stehe. Eilig werfe ich mein Kleid auf die Decke und renne in die Fluten. Nicht weit entfernt rattert eine Eisenbahn über die Spree und gleitet mit zischendem Rauschen in die Landschaft, ohne dass es jemanden beeindruckt. Lea strampelt, von Schwimmflügeln getragen, die sich im Leuchten mit ihren Haaren ein Stechen geben, auf mich zu. „Spielst du mit mir?“, fragt sie fröhlich. Kaum, dass ich genickt habe, fliegt mir auch schon ein Tennisball an den Kopf und mit einem nassen Platschen vor mir ins Wasser, dass ich eine Gesichtswäsche erhalte. Während ich versuche, den Ball aus meinen Haaren, die wie eine weiche Alge um mich herum wabern, zu entwirren, schwimmen Alex und Tanja an Land. Vergnügt spielen Lea und ich Wasserball, bis ich von den Fingerkuppen an zu schrumpeln beginne. Flussabwärts färbt sich der Himmel allmählich blutrot, in der entgegen-gesetzten Richtung kriecht die Nacht herauf und die dicke Mondsichel leuchtet blass gegen die sinkende Sonne.

„Wollen wir jetzt rausgehen?“, versuche ich die kleine Lea zu überzeugen. „Neee!“, lacht sie mir frech entgegen, dass ich ihre Zähnchen blitzen sehe. „Bitte, Lea. Mir ist kalt und ich löse mich langsam auf…“ Lea schiebt beide Lippen nach vorn, einen Schmollmund ziehend und sagt lang gezogen: „Oooch. Na gut, dann gehen wir eben raus.“ Erleichtert schwimme ich neben Lea an Land, zumal ich dringend auf Toilette muss. „Geh schon mal zu deinem Papa, ich komm gleich nach:“, weise ich Lea am Ufer an, bevor ich eine kleine Steintreppe in der Mauer hinaufeile.

Kienäpfel und trockene Nadeln stechen mir in die Füße, es ist zu dämmrig, den Weg genau zu erkennen. An dem Toilettenhaus angekommen, stelle ich recht schnell fest, dass alle Türen verschlossen sind. Deshalb und weil keine andere Toilette in Sicht ist, hocke ich mich direkt vor die sanitäre Einrichtung. Währendessen höre ich aus der Wiese vor dem Haus ein lautes Rascheln und Stimmen. Ich hoffe, dass ich trotz verräterischen Plätscherns nicht bemerkt wurde.

Erwartungsvoll spähe ich in das meterhohe Gras vor mir. Zwei Gestalten tauchen aus der Wiese auf und laufen Hand in Hand hintereinander her zum Strand. Es besteht kein Zweifel, dass es Alex und Tanja sind, ich denke, verdammt ich habe Lea alleine gelassen, trotzdem bleibe ich noch eine Minute fassungslos stehen, bevor ich loslaufe. Ich gehe einen kleinen Umweg, um nicht aus derselben Richtung zurückzukehren.

„Ahh, da bist du ja!“, begrüßt mich Alex, als sei nichts gewesen, während er Lea anzieht. Trotzdem glaube ich, kurz Erleichterung in seinem Gesicht gelesen zu haben, als ich aus der anderen Richtung kam. „Ich war nur mal für kleine Mädchen…“, nuschele ich verlegen, wobei ich mich auf den Sand unter meinen Fußsohlen konzentriere, damit meine Stimme nicht nach: ‚Ich weiß, was du gerade getan hast!’ klingt.

Während ich hinter einem Mauervorsprung aus meinem nassen Bikini schlüpfe und trockene Sachen anziehe, beobachte ich Tanja und Alex, die gerade ihre Handynummern austauschen. Was denken sich die Beiden? „Wenn du meinen Bruder siehst, bestellst du ihm einen Gruß von mir?“, sagt Tanja, „Äh, ja, klar.“, antworte ich. In dem Moment kreischt Lea los, dass ich zusammenschrecke. „Was ist?“, frage ich besorgt. „Ach nichts, sie will urplötzlich nach Hause zu Mama. Da kann ich nichts machen, ich muss los.“, erwidert Alex schulterzuckend und packt zusammen, wobei er das vierte Bier öffnet. Er klemmt sich Leas Schwimmflügel unter den Arm, drückt die Plastikventile mit zwei Fingern zusammen, dass die Luft zischend entweicht, während er die Flügel an den Oberkörper presst. Anschließend setzt Alex seine Tochter, die wie eine Mumie in ein Handtuch eingewickelt ist, auf seine Schultern, hängt sich die Strandtasche um und nimmt die letzten beiden Bierflaschen zwischen die Finger. „Kommt ihr mit?“ fragt er im Gehen. Ohne die Antwort abzuwarten, watet er ins Wasser und am Ufer entlang um den Zaun herum an den Strand. „Wo bleibt ihr zwei Hübschen?“, schallt es herüber und ich finde es nicht mehr charmant. „Geh nur. Ich bleib noch.“, sage ich zu Tanja, die sich darauf kurz winkend verabschiedet und hinter Lea und Alex her rennt.

Schon von Weiten ist die Veränderung meines Wohnhauses zu sehen: Es ist komplett von einem Baugerüst umzingelt. Es fühlt sich nicht mehr an, wie ‚nach Hause kommen’. Als ich wie gewohnt durch das Vorderhaus laufen will, kann ich die Sterne sehen, alle Fußböden wurden herausgerissen und aus den Wänden hängen noch verklebte Strohreste an den zerborstenen Endstümpfen der Dielen. Auf dem Hof reihen sich die Überreste zerbrochener Holzfenster und mittendrin die gelben Rahmen aus Küche und Bad meiner WG, sowie ein Berg abgesägter Äste mit Kastanienblättern, die aussehen, wie traurig hängende Hände.

Meine Wohnung empfängt mich mit einer weißen Schicht überzogen. Die neuen Fenster sind erschreckend groß, wie in einem Klassenzimmer. Damit wurden wir vereinheitlicht. Tod dem Friedrichshainer Individualismus. Die von mir liebevoll großgezogenen Pflanzen stehen mit abgeknickten Blättern dicht gedrängt in einer Ecke des Zimmers und da müssen sie wohl bleiben, denn die breiten Fenstersimse sind verschwunden. Stattdessen habe ich nun eine Art Balkon, denn das Baugerüst verläuft in der passenden Höhe. Die gestutzte Kastanie ist genauso geschockt wie ich. Die Ringeltauben sind nirgends zu sehen. Dafür ist der Strom wieder da. Zunächst versuche ich die Zeitarbeits-firma zu erreichen, die Özlem empfohlen hat, doch es geht niemand ans Telefon, also rufe ich beim Bratwurstmann an, dann studiere ich die Anzeigen in der Zeitung und schreibe Bewerbungen. Der Lärm des Presslufthammers wird währendessen von erd-rutschähnlichen Geräuschen begleitet, die vom über vier Etagen in einer gelben Plastikröhre hinunterfallendem Schutt stammen.

 

Über meinen Klamotten trage ich eine Plastikschürze gegen das Bratfett. Sich minütlich vermehrende Picknickdecken umlagern mich. Zwischen der in naher Ferne tosenden Stadt und dem Lärmen der Parkbesucher kann man schwach die friedliche Stille dieses heißen Mittwochs Anfang Juni heraushören.

Es gibt eine Friedensglocke für die Hiroschima-Toten am neubarocken Märchenbrunnen, zu dem zwei Pärchen Enten mit orangenen Köpfen gehören, eine Art Biotop mit Liegewiese und am Volleyballfeld aus weißem Sand steht ein künstlicher Kletterfelsen. Zwischen den Bäumen ist der Bunker auf dem Gipfel kaum noch zu finden und auf den Friedhof der Märzgefallenen stößt nur der Besucher auf der Suche nach einem Ort zum Wasserlassen im Gebüsch. Die Arbeiterklasse hetzt soeben durch die Stadt, um vor Sonnenuntergang noch „raus“ zu kommen.

Die Leute drängen um den Grill an mich heran, die Bestellungen fliegen nur so auf mich
zu: „Eine Thüringer mit Senf…“, „Zwei Bratwürste mit Ketschup…“, „Gibt’s auch Brot dazu?“, „Nee, nur Brötchen,“, „Das heißt Schrippe!“, werde ich angeblafft, „Tschuldigung, hier, Ihre Thüringer mit Senf, EinEuro, bitte,“ „Und Ihre Bratwürste, hier, bitte schön, macht drei Euro…“. In die Menge rufe ich: „Ketchup ist jetzt alle!“ und gebe mit fettigen Fingern das Wechselgeld heraus.
Der Rauch des Grills unter meinem Schirm zieht nicht mehr ab. Ich bin fast gar. Mein Kopf glüht. Der Rücken schmerzt. Habe ich gerade richtig abkassiert? Als es sich bis zu meinem Stand herumspricht, dass irgendwo eine Schlägerei im Gange sei, leert sich die Wiese, so rasant sie sich vorher gefüllt hat. Schwindlig lege ich neue Würste auf den Grill und warte auf den nächsten Ansturm.

Als von allen Seiten behelmte, dunkelgrüne Kolonnen angerannt kommen, bricht eine Bewegung aus, in Folge welcher der Schirm umgerissen wird. Die Parkbesucher verbünden sich zur Flucht. Gesichtslose Polizisten, bewaffnet mit Knüppeln, Pfefferspray und großen Plastikschutzschilden nehmen die Verfolgung auf. Jemand brüllt: „Passt an den Ausgängen auf, da stehn Wasserwerfer!“ Die hätten sie ruhig mit rein bringen können, der Park hätte sich über den Regen gefreut.

„Hast du eine fertig?“, fragt mich aus dem Tumult heraus jemand von der Seite nach einer Bratwurst. Routiniert greife ich mit der Zange die fast verbrannte Wurst, lege sie in ein aufgeschnittenes Brötchen und verlange mein Geld. Als ich den Euro aus der sich mir entgegen streckenden Hand nehme, nötigt mich ein unbestimmtes Gefühl von Déja-vu, aufzusehen- direkt in die eisvogelblauen Augen, die ich seit ein paar Tagen in der Menge suche. Heute hat der Radfahrer kein Basekap auf und sein Haar ist schwungvoll nach hinten gekämmt. „Hi. Du bist es.“, stellt er mit aufregender Stimme fest. Ob es nicht peinlich genug wäre, als Bratwursttante vor ihm zu stehen, fällt mir die Wurst aus dem Brötchen auf den Rasen. Verlegen gebe ich ihm eine Neue und bücke mich mit hoch-rotem Kopf. Als ich mich aufrichte, sehe ich mich nicht nur ihm, sondern auch einem Polizisten gegenüber, der meinen Ausweis und die Standgenehmigung, obendrein eine Reisegewerbekarte sehen will. Erschrocken versuche ich die Börse unter meiner Schürze hervorzuholen, um wenigstens meinen Ausweis vorzulegen, von weiteren Genehmigungen weiß ich nichts.

Auf einmal bleibt mir der Atem weg, die Luft ist wie Wasser, die Landschaft verschwimmt, die Geräusche rauschen dumpf und mir knicken die Beine weg. Weil das Krankenhaus gleich gegenüber ist, liege ich kurz darauf mit dröhnenden Kopfschmerzen im Gang der Notaufnahme.
Inzwischen wurde ich versorgt und konnte mich so um die Polizeikontrolle herumdrücken. Von meinem schönen Fremden keine Spur. Irgendwie hätte ich es gern gesehen, wenn er besorgt auf mich gewartet hätte. Mit mir sind auch andere Patienten im Gang zwischengelagert, viele mit Blutergüssen auf den Augen und schief gemeißelten Nasen. Ärzte sind nicht in Sicht. Aus einem benachbarten Raum erklingen Stimmen. Eine Männliche sagt irgendwas von einem Loch in der Lunge. Meint der meine Lunge? Angst packt mich, sämtliche Filmsequenzen von aufgeschnittenen Brustkörben schießen mir durch den Kopf, ich will nicht gerettet werden, ich will nicht aufgeschnitten werden!!! Und überhaupt; ist das nicht das Krankenhaus, in welchem dieser hilflose Patient drei Tage lang im Aufzug feststeckte? Einfach zu gehen, traue ich mich dann doch nicht, obwohl ich es möchte. Wird schon alles in Ordnung sein… denken die Opfer in den Filmen auch kurz vor ihrem Ende.

Da sehe ich hinter der Glastür einen roten Beutel und dann Carmen. Nicht nur sie, Sebastian und Paul gehen in dem Augenblick an der Tür vorbei. Anscheinend sind sie nicht meinetwegen hier, sie tragen Pappkartons und Carmen folgt ihnen, ohne, dass sie mich bemerken. Was für ein Zufall, denke ich.

Ein Pfleger fragt, ob es mir wieder besser gehe. Ich versichere, quicklebendig zu sein. „Da haben wir ja noch mal Glück gehabt, vorhin hatten wir hier eine junge Asthmatikerin mit einem Lungenkollaps, die musste sofort operiert werden.“ Er wünscht mir gute Besserung und rät viel Wasser zu trinken.
Mit der beunruhigenden Frage im Kopf, warum er die Asthmatikerin erwähnen musste, stehe ich auf der Landsberger Allee und mache mir Sorgen um alle Lungen der Umgebung. Eilig fliehe ich aus der staubig- gelben Atmosphäre der Straße hinter das Krankenhaus. Von frischer Luft natürlich keine Spur, es wird weiterhin im Kollektiv gegrillt und geraucht, die Razzia scheint beendet zu sein. Mit meiner Lungensorge bin ich allein.

Verschwitzt komme ich Minuten später am Freiluftkino an, wo mich mein Chef, ein untersetzter Mittvierziger in heller Leinenhose, hochroten Kopfes erwartet, um kurz darauf mein Chef gewesen zu sein. Ich übergebe hängenden Kopfes Arbeitsschürze und Geldbörse. Er glaubt mir meine „Ausrede“ für das Verlassen des Arbeitsplatzes, sieht deshalb von einer Anzeige ab und lässt mich, nach einem letzten Hinweis darauf, wie sehr er enttäuscht wurde, ohne Bezahlung für die Woche stehen. Auf den Wegen sind
Brötchen und rohe Bratwürste verteilt, die vermutlich als Wurfgeschosse herhalten mussten. Im Nachhinein belustigt mich das sehr und ich gehe mir fröhlich vom Trinkgeld endlich was zu Trinken kaufen.

Jedes Gebäude von der Sonntagsstraße bis zum Volkspark scheint ein Baugerüst angezogen zu haben. Hinter mir wurde eine Wand mit kleinen Postern plakatiert oder mit Schablonen gesprüht. Eine Fotomontage zeigt Friedrichshain von oben, ein Schwarm übergroße Heuschrecken fliegt darüber. Ein anderes Bild sagt: „Privatisierung- das wird teuer“ und in einem hübschen Schriftzug steht darüber: „Eat the rich!“ Der Zeitungsverkäufer lehnt an einem Brückenpfeiler der zugewachsenen Überführung. Diesmal verkauft er gebrauchte Fahrscheine. Als ich ihm erzähle, wie es mir mit den Bratwürsten ergangen ist, lacht er sich halb schlapp und nebelt mich mit seiner Schnapsnote ein.

Vor dem Fahrkartenhäuschen entdecke ich Dirk. Er hat einen Drei-Tage-Bart und riecht neben dem Deo ein bisschen nach Alkohol, womit er sich in meinem Bezirk voll integriert hat. In seiner labbrigen Umhängetasche klirrt es verräterisch. Wir laufen an den Gleisen entlang und als niemand mehr in Hörweite ist, erkundige ich mich besorgt: „Alles klar bei dir?“ Beiläufig zuckt Dirk mit den Schultern; sein dunkles Hemd knittert. „Susi hat mich rausgeworfen. Nun wohn‘ ich auf Arbeit, aber mein Chef geht ins Ausland, dass heißt, ab September sitze ich auf der Straße. Aber mach dir keine Sorgen, ich kann bestimmt bei einem Kumpel wohnen.“ Dass Susi Dirk rausschmeißt, ist so etwas, wie ihr Hobby.

Unter einer verkrüppelten Eiche machen wir es uns auf einer morschen Holzbank gemütlich. Dirk öffnet mit dem Feuerzeug zwei Diesel, die er aus der Tasche gezogen hat, drückt mir eins in die Hand und nuschelt, an seinem Colabier nippend: „Alle werden von irgendeinem Wohltäter versorgt. Wär ich krank oder säße ich in einem dritte Welt Land, würden Rockstars Konzerte geben, um mir zu helfen.“ Ich klopfe drei Mal auf die Holzbank unter mir und rassele Omas Text herunter: „So was solltest du nicht sagen und nicht mal denken! Sei froh, dass du es dir gut geht.“ Als Dirk nickt, pafft weißer Rauch aus seinen Nasenlöchern.

Er schlägt seine Flasche klirrend gegen die in meiner Hand und sagt überzeugt: „Ich sollte auch auswandern.“ Ich denke flüchtig an meine Mutter, die mit ihrer neuen Familie im sonnigen Kalifornien lebt. Ich kann mich nicht erinnern, aber Oma hat mir erzählt, dass Mama anfangs jedes Wochenende zu mir gekommen sei, erst als es mit dem Soldaten ernster wurde, kam sie nicht mehr. Ihre letzte Karte ist über drei Jahre alt, obwohl ich immer zurück geschrieben habe. Allmählich verliere ich das Interesse an ihr, sie ist zu flüchtig, zu fern, zu fremd. Hätte ich nicht ein paar alte Fotos, wüsste ich nicht, wie sie aussieht. Aber Dirk beim Auswandern zu begleiten, wäre eine Möglichkeit sie zu besuchen… Nachdenklich meint Dirk gerade. „Ach nee, ich kann nicht. Ich Blödmann hänge an meiner Heimat. Man kann sowieso nicht weit genug weg wandern, um der kommenden Katastrophe zu entkommen. Ob man von `ner Flutwelle, `nem Hurrikane oder `ner Dürreperiode dahingerafft wird, spielt eh keine Rolle.“ Dann eben doch nicht Auswandern. Allein habe ich darauf keine Lust.

Zwei betrunken wirkende Deutsche Schäferhunde trotten durch das hohe Gras auf uns zu. Ich springe auf und halte nach dem Besitzer Ausschau, doch Dirk freut sich unbesorgt. „Oh, seid ihr zwei Brave! Na, kommt mal her, ihr Beiden! Na, kommt mal her!“ Die Augen verdrehend sehe ich dabei zu, wie er die verlausten Hunde massiert. Ein eiskaffeebrauner Mittvierziger unter stark verfilzten Rastas kommt um die Hausecke mit großen Schritten auf uns zu. Er ist sehr farbenfroh gekleidet: In leuchtend gelben Shorts, einem roten T-Shirt und einer gestrickten Mütze in Jamaikafarben. Wie sich jedoch herausstellt, ist er Kubaner. „Ich zeigen euch die Haus.“, erklärt er zu meiner Überraschung und wir folgen ihm.

Er schließt mehrere Vorhängeschlösser an der Kellerpforte auf, bevor er einen Riegel zurückschiebt und uns hereinbittet. Der Keller ist Karibikblau gestrichen, viele ausrangierte Sofas stehen herum und eine Bar aus eingestaubtem Bambus ist auch da. Hinter der Bar hantiert der Inhaber mit Limetten herum. Unser Gastgeber sagt unappetitlich grinsend: „Schmutzige Kinder, ich wollen, sie gehen.“ Er deutet auf den Boden, der dicht mit Kippen und Bierdeckel bedeckt ist und gießt Rum in drei Gläser. Ich verstehe nicht, womit wir diese Gastfreundschaft verdient haben und nippe kurz vom Rum, um nicht abweisend zu sein. Brrrr! Wir folgen dem Fremden eine alte Holztreppe hinauf, an deren Ende unser Führer umständlich eine weitere Tür von Ketten mit Schlössern befreien muss. Dahinter liegt ein Treppenhaus mit einer eingetretenen Eingangstür, was die vielen Ketten und Schlösser sehr unnütz werden lässt.

Nicht wissend, was mich dazu treibt, stinkende Häuser zu inspizieren, laufe ich Dirk hinterher, doch als wir die erste Etage erreichen, ist Fidel verschwunden. Vorsichtig schubst Dirk eine große, glänzend braun lackierte Tür auf; die Wohnung dahinter scheint komplett mit leeren Hundefutterdosen, Bierbüchsen und Wodkaflaschen gefüllt zu sein. Rechts von der Treppe führt eine weitere Tür in eine grell orange gestrichene Wohnung, aus der es unbeschreiblich nach Urin und Schlimmeren stinkt.

Ein Stockwerk höher treffen wir auf ein Mädchen in zerrissener, schwarzer Strumpfhose, einem Netzhemdchen, das nichts verdeckt und blau gefärbten Haaren. Das muss eins der ‚Kinder’ sein, die Fidel erwähnt hat. Willig starrt die Halbnackte Dirk an und drückt ihm ihre Bierflasche in die Hand, die er zu meinem Erstaunen annimmt. Ich flüstere, während ich mich hinter ihm zu verstecken versuche: „Die ist gerade mal Vierzehn…“ Dirk zuckt mit den Schultern und gibt der Punkerin ihr Bier zurück, ohne davon getrunken zu haben. Undeutlich säuselt sie: „Wenn du ein Bulle bist, verschwinde lieber, bevor mein Freund kommt.“ Sie schwankt einen Schritt auf Dirk zu und fährt ihm durch die gepflegten grauen Stoppel. Angewidert von der herüberwehenden Bierfahne stolpere ich rückwärts zwei Stufen hinunter und kann mich gerade noch ruckartig am Geländer festhalten, welches mit einem hölzernen Quietschen antwortet. „Du, lass mal. Nichts gegen dich, aber das geht so nicht.“ Beleidigt zieht das Mädchen ihre Hand zurück. Aus einer der Wohnungen kommen zwei Jungs in angegrauten Shorts. Die zwei verlausten Hunde aus dem Garten folgen ihnen mit hängenden Augen. „Was is los, wo bleibst’n, Alte? Ist das ’n Bulle oder was?“ fragt der Dickere mit den Technostoppeln auf dem Kopf und geht in Kampfhaltung, als er uns entdeckt. Dirk hebt beschwichtigend die Hände: „Nee, wir sehn uns nur um, lasst euch nicht stören.“ Des Dicken Kumpel mit dem rotgrünen Irokesenschnitt sagt: „Der is kein Bulle, also lass uns weiter machen, Jenny wartet schon.“ Vor unseren Augen greift das Mädchen in der zerlöcherten Strumpfhose in die Hose des Irokesen und nuschelt: „Ich will auch weitermachen, mir wird kalt.“ Seine Unterhose lüpfend, packt der Dicke den blauhaarigen Kopf und drückt ihn hinunter, sie befreit sich, schlägt ihm klatschend mit der flachen Hand ins Gesicht und grölt lang gezogen: „Eyyyy Aaalter, was soll der Scheiß, hä?“ Der Rothaarige schiebt das Mädchen in die Wohnung, aus der Jenny ruft: „Los, Fettsack, leck mich!“

Da kommt Sebastian aus der Wohnung, verabschiedet sich mit den Worten: „Nächste Brötchenrunde mach ich übermorgen. Bis dann.“, und läuft verwirrt grüßend an mir vorbei die Treppe hinunter. Ich sehe ihm tatenlos nach und staune, wie beschäftigt er ist. Diesmal lässt sich Dirk nicht von den Hunden beirren und schreitet zügig die Stufen bis in die dritte Etage hinauf. „Hier zieh ich ein.“, verkündet er, oben angekommen. „Wie willst du hier ein Telefon anmelden und den Postboten dazu bringen, das Haus zu betreten?“ Entschlossen antwortet er: „Das wird sich finden. Mal sehen, wie Fidel hier lebt.“ Ich höre mich seufzen.

Fidel wartet auf dem nächsten Treppenabsatz, er sieht ein bisschen gruselig aus, zahlreiche Mimikfalten werfen tiefe Schatten auf seine dunkle Haut, dass man nicht ahnen kann, ob er Gutes oder Böses denkt. Neben ihm stehen in Kübeln voll frischer Erde aromatisch duftende Tomatenpflanzen und Küchenkräuter unter einem gläsernen, moosbewachsenen Dachgiebel. Das grün hereinstrahlende Licht bricht sich gelb an einem langen Riss, der das Glasdach durchzieht.

„Wie kann man ein so schönes Haus nur so herunterkommen lassen?“, frage ich, um das Haus zu trösten. Fidel verschwindet in seiner Wohnung und lässt die Tür weit offen. Er hat sich für das Zimmer mit der Loggia entschieden, dass zum Garten hinauszeigt. In dem lichtdurchfluteten Vorbau steht ein Zitronenbaum mit echten gelben Zitronen dran. Mir wird langsam etwas schwummrig, von dem vielen Rum in meinem Glas. Vielleicht werde ich davon sogar blind.

Ohne Rücksicht falle ich Dirk ins Wort, der wohl am liebsten sofort den Bauhelm aufsetzen würde: „Wem gehört das Haus überhaupt?“ Fidel weiß keine brauchbare Antwort, sagt aber entschlossen: „Hier wir wohnen, deshalb machen Wohnung neu. Die Kinder müssen gehen, zu viel Dreck.“ Das finde ich überhaupt nicht vertretbar. „Heimatlose Jugendliche brauchen Hilfe oder zumindest Freundlichkeit in ihrem tristen Leben. Du kannst sie doch nicht einfach rausschmeißen, sie waren doch zu erst hier und haben kein anderes zu Hause.“

Hoffnungsvoll gucke ich die Beiden an, die mir verständnislos erklären, mein Mitgefühl sei an dieser Stelle pure Verschwendung. Sich nachdenklich das Kinn reibend fragt mich Dirk: „Was meinst du, die Wohnungen sehen doch gar nicht so schlecht aus, oder?“ Ohne meine Antwort abzuwarten, verspricht er im sanften Tonfall: „Keine Angst, wenn sie bereit sind, sich an ein paar Regeln zu halten, bleiben sie. Das klappt schon. Schwieriger, als schwedische oder italienischen Jugendgruppen können sie nicht sein. Letztes Wochenende haben die ein Doppelstockbett aus dem zweiten Stock in den Garten geworfen und sind in die Küche eingebrochen, aber nach einem ordentlichen Donnerwetter benehmen sie sich immer. Niemand will rausgeschmissen werden, das ist ein gutes Druckmittel.“ „Wenn du denen mit Rauswurf drohst, wird alles noch schwieriger.“, gebe ich zu bedenken. „Na ja, ein bisschen diplomatisch muss man da schon rangehen, das ist klar.“ Strahlend sieht er sich um.

Allmählich möchte ich mir die Hände waschen und verabschiede mich von Dirk. „Essen gehen könne wir ein andres Mal.“, sagt er und scheint mit seinen Gedanken bereits ganz woanders zu sein. Fidel sitzt im Korbstuhl und hebt schwach den Kopf zum Gruß, als ich gehe. Im Treppenhaus wird mir mulmig, deshalb renne ich die vier Etagen nach unten und verfalle erst draußen auf der Straße in eine langsamere Gangart.

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