ZIELLOS QUERFELDEIN 

presented by manulia 
 

1. Festgenagelt

Als ich nach zwei Tagen mit einem riesigen Plauderdefizit von der Arbeit nach Hause komme, ist die Wohnung totenstill. Meine Mitbewohner sind zu meiner Enttäuschung nicht da. Die verzogenen Holzflügel des Küchenfensters stehen weit offen und lassen warme, frische Luft und Schadstoffe herein.

Bis ans Fensterbrett reicht die betongefestigte Kastanie am Haus mit ihrem absinthgrünem Blattwerk. Auf dem dicken, weit herüberhängenden Ast, im mattgrauen Federkleid und mit dem weißen Ring um den Hals, gurrt laut ein schmusendes Ringeltaubenpaar. Die Beiden lassen sich bei ihren Begattungsversuchen von mir nicht stören.

Auf dem Küchentisch steht wie immer ein Strauß Wiesenblumen, den Daniel gepflückt hat, darunter stapelt sich die Post und ein geöffnetes Kuvert mit der Aufschrift „An die Mieter“ liegt daneben. Das Haus soll saniert und modernisiert werden. Verächtlich schiebe ich die Mitteilung der neuen Hausverwaltung in den Umschlag zurück und die Gedanken daran beiseite. Ich öffne meine Post. Die Schneide des Messers durchtrennt das Papier mühelos mit einem leisen Reißgeräusch und Staubflocken sinken zu Boden. In Omas eintrainierten Schreibschrift folgt der Wetterbericht von Auerbach auf die Krankenakte der Ortsbewohner. Der Brief endet mit dem Üblichen „Ich hoffe, du kommst zurecht. Alles Liebe, auch von Opa, wünscht dir deine Oma.“ Ich habe ein schlechtes Gewissen, sie so lange nicht besucht zu haben. Dabei bräuchte ich nur über Auerbach abzuspringen. Nachdem mir aufgefallen ist, dass ich noch nie Fallschirmgesprungen bin, überlege ich, ob Sebastian der Richtige dafür wäre. Er gefällt mir, weil er geholfen hat, meine Möbel nach oben zu tragen. Und weil er ziemlich gut aussieht. Daniel hat mich schon vor ihm gewarnt, was mich noch neugieriger macht. Unseren monatlichen Treppenputzsoll erfüllend, hoffe ich, Sebastian würde jeden Moment aus seiner Wohnung kommen und sich augenblicklich in mich vergucken.

Auf den Treppenabsätzen zwischen den Etagen erinnern Holztüren in Kindergröße und der Geruch an die alten Außentoiletten. Das dicke hölzerne Treppengeländer schwingt sich dunkelrot glänzend nach unten, wo es in einer riesigen Handlaufschnecke endet. Rotbraunes Linoleum wurde mittig auf den braun gestrichenen Dielen verlegt und einst goldene Metallschienen schützen die Stufenkanten.

In den Wohnungen im ersten Obergeschoss leben Müller und Brandenburg, alte Saufkumpanen, von denen schwerer Raucherhusten oder unverständliches Gegröle, manchmal morgens um vier auch die Hitparade der Volksmusik auf voller Lautstärke nach außen dröhnt, genau darüber wohnt Sebastian. Vor seiner Tür streiche ich mir glättend über die Haare und mein selbst genähtes Shirt. Ein Knacken von den Stufen lässt mich herumfahren, doch es ist nur der ausländische Student aus der Wohnung über uns, der Bier für seine zahllosen Freunde nach oben trägt. Er grüßt mit einem freundlichen Nicken, vielleicht aber ist er belustigt über meine Flirtputzaktion. Bei dem weiß man nie. Einmal habe ich ihn ertappt, wie er seine Hand aus einem Briefkasten, der nicht seiner war, herausgezogen hat. Weil ansonsten die Wohnungen im Haus leer stehen, könnte es sogar sein, dass er ganz ohne Mietvertrag hier wohnt. Sein Mut ist zu beneiden, er hat mir erzählt, er sei ganz allein mit umgerechnet zweihundert Euro und sonst nichts nach Deutschland gekommen und jetzt studiert er und kann sich eine Wohnung alleine leisten. Sein Leben hört sich nach einem spannenden Abenteuer an, welches mir entgangen ist. Aber im Gegensatz zu ihm, säße ich wahrscheinlich immer noch in der Pampa.

Im Erdgeschoss wohnt jemand, den man öfter schreien hört. Wenn man an der Tür vorbeiläuft, kläfft ein Hund zornig. Unter den verbeulten Briefkästen wurde der Belag abgelaufen, übrig geblieben ist sandiger Estrich. Von den Wänden fällt Putz in großen, weißen Brocken, die blassrotes Mauerwerk freigeben und die angesprühten Takes zerstören.

Die handtuchgroßen Staubflocken bleiben hartnäckig an den rostigen Schutzkanten der Stufen und an hervorstehenden Nägeln hängen. Glasscherben und Bierdeckel klappern, von meinem Besen getrieben, die Treppe hinunter. Der Mörtel hinterlässt beim Wegfegen weiße Streifen. Nun bin ich dreckig bis in die Nasenflügel und hoffe nicht mehr, Sebastian über den Weg zu laufen.

Das ganze Haus liegt in einem Nebelschleier grauen Staubs. Auf dem Treppenabsatz über mir zeichnet sich eine Silhouette gegen das bunte Milchglasfenster ab und verschwindet die Treppe hinauf. Das vorsichtige Schließen einer Wohnungstür ist zu hören. Voller Unbehagen passiere ich die Tür in der ersten Etage. Der Türspion glotzt mir wie ein schwarzfeuchtes Auge hinterher, weshalb ich hastig nach oben in meine Wohnung flüchte. Als ob mir der schlurfende Brandenburg tatsächlich hinterher rennen könnte… Nun bin ich enttäuscht, Sebastian nicht begegnet zu sein und fühle mich seltsam einsam, verloren oder einfach unzufrieden. Den ganzen Tag führe ich monotone Frage-Antwort-Gespräche. Dabei habe ich für weniger maschinelle, also für mehr soziale Kontakte extra die Branche gewechselt.

Wenig später fahre ich zur Behebung meines Plauderdefizits auf einem hellgrünen Fahrrad, welches unangeschlossen im Hof stand, zu Tanja, wobei mir die Tasche mit dem Fotoapparat ans Bein schlägt. Wenn der Wind vom Tiergarten weht, riecht es, wie in Polen auf dem Campingplatz. Wegen denen, die es nicht zur Toillette schaffen und wegen der alte Hammel, die über offenem Feuer braten.

An einem zugewachsenen Fahrradständer hinter dem ehemaligen Hauptbahnhof am Zoologischen Garten stelle ich das Rad ab. Ich habe kein Schloss dabei, aber vielleicht wehren die Brennnesseln Diebe ab. Plötzlich spricht mich eine sanfte Bassstimme von hinten an: „Willst wohl nich, dasset jeklaut wird. Für zwee Euro pass ick die janze Zeit druff uuf. Dis kannste mir ruhich globen.“ Ich drehe mich um und mir streckt ein flächendeckend tätowierten Punk die offene Hand entgegen. „Lass ja deine Pfoten von dem Fahrrad!“ Seine Lippen dehnen sich zu einem breiten, zahnlosem Grinsen. „Wat denn, Schnecke, haste Schiss?“ Mir geht durch den Kopf, dass es ja nicht mein Fahrrad ist… und gehe, ohne mich umzusehen, obwohl mir der Typ recht verzweifelt hinterher ruft, ich solle warten, wodurch ich fast schon Mitleid bekomme. Die schwere Bahnhofshallentür aufreißend eile ich durch die Halle, weiche dem Maiglöckchenmädchen aus, welches die letzten Sträußchen verkauft, und dem nervös umheräugenden Zigarettenmann, bis der Punk aus meinem Sichtfeld verschwindet.

Im Eingang der U-Bahn betteln sitzend bunt leuchtende Straßencamper, umringt von lethargischen Hunden. Als ich sage, dass ich kein Bargeld habe, wird mir heiter ein ausrangiertes EC-Kartenlesegerät unter die Nase gehalten. An der Ampel bedrängen mich mehrere kleine Kinder, während sie in ihrer Muttersprache auf mich einreden. Trotz meiner Gegenwehr versuchen sie, mir in die Taschen zu greifen. Sie halten mich fest, um mir etwas abzuluchsen, egal, wie sehr ich beteuere, nichts zu haben. Glücklicherweise mischen sich drei Männer mit bunten Perücken auf den Köpfen ein. Schwankend pusten sie aus Leibeskräften in laute Tröten, sich gegenseitig stützend, wobei der Mittlere doppelt so groß ist, wie die anderen Beiden. Neben ihm erkenne ich beglückt meinen Nachbarn Sebastian. Die Kinder stellen sich mit geballten Fäusten auf. Der Riese mit der roten Haarprothese bückt sich zu den kleinen Dieben, schneidet eine grimmigen Grimasse und knurrt dazu wie ein tollwütiger Hund. Endlich rennen die Straßenpiraten weg.

„Hey Linda! Komm mit, wir stehen da drüben!“ brüllt Tanjas Arbeitskollege Karl. „Hi, ich bin Pooaal!“, lallt der von der roten Haarpracht geschmückte Hüne und klopft mir mit schweißnasser Hand auf den Rücken. Karl lacht und meint: „Paul is voll in Ordnung. Kennste schon Basti ausm Glashouse?“ Glashaus??? Noch nie gehört; mir meine Begeisterung nicht anmerken lassend, nicke ich, natürlich kenne ich Sebastian. Sebastian zwinkert mir zwischen seinen blonden Haaren hindurch zu und nuschelt: „Das is ja en Zufall!“ Ich lächle ihn an. Die Jungs streiten freundschaftlich über den Verlauf des Spiels, welches sie sich angesehen haben, und ob es fair sei, dass das Team eventuell absteigt, bloß, weil es soeben als Verlierer hervorgegangen ist. Der Abstieg hänge davon ab, ob eine völlig andere Mannschaft, die zu diesem Zeitpunkt noch in Duisburg spielt, heute Abend gewinnt, wird mir von Karl mit feuchter Aussprache erklärt.

Tanja ist in der Menge nicht zu erspähen. Am Zoopalast überqueren wir die stark befahrene Straße und befinden uns nun zwischen blauen Glasbauklötzen und dem Europacenter. Vor dem vergitterten Schlund rußgeschwärzten Backsteins belagert eine Singgruppe die Ruine der Kaiser-Wilhelm-Kirche und versucht, den Autoverkehr zu übertönen. Mehrere Jugendliche nutzen den Freiraum für die Perfektionierung ihres Skatestils. Karl scheint die meisten Skater zu kennen und bleibt bei einer tragbaren Minirampe hängen. Sebastian und Paul werfen ihre verschwitzten Perücken nach mir, worauf ich lachend davon laufe, ohne ihnen zu entkommen; die beiden Zweitfrisuren klatschen mir in den Rücken. Sich sonnend sitzt Tanja auf dem Rand des großflächigen Brunnens, umgeben von einem Dutzend Einkaufstüten. „Hey, Linda, schön dich zu sehen, was sagst du?“ Sie steht auf, guckt mich erwartungsvoll an und dreht sich. Ich weiß nicht, was sie meint, bis mir einfällt, dass Tanja, deren Marilyn-Monroe-Figur von allen beneidet wird, gerade Diät macht, was bedeutet, dass ich den Erfolg bestätigen muss. Also nicke ich bewundernd. „Du siehst toll aus. Wie immer.“ „Oh Linda, du glaubst nicht, wie geil es ist, wieder in meine alten Hosen zu passen!“ „Was denn für alte Hosen?“ Augen verdrehend winkt Tanja ab: „Lass sein, mit dir kann man über so was nicht reden.“ Paul patscht ihr auf den Hintern und raunt: „Hast ne geile Figur, meine Süße!“, worauf sie ihn schmatzend küsst. Ihr Veilchenduft vermischt sich mit dem ihres Erdbeerlipglosses, als sie mir in Hinblick auf die Skater stolz zu flüstert: „Paul hat auch eins. Das haben wir zusammen ausgesucht.“ „Mmh.“, grunze ich, das Brett befühlend, das Paul mir unter die Nase hält, während er ausführt, von wem sein Bord entworfen wurde und woher er die „krassen Rollen“ hat. Ich höre nur halb zu, weil ich inzwischen über einer erfolgreichen Strategie zur Eroberung von Sebastian grübele. Zwar fallen mir einige Möglichkeiten ein, aber für so ziemlich jede fehlt mir der Mut. Maria wäre jetzt hilfreich. Sie könnte mir Rückendeckung geben. Oder zumindest zum Ausheulen herhalten, wenn es schief geht.

Gutmütig bietet Paul mir eine Kostprobe auf seinem fahrbaren Untersatz an. Normalerweise würde ich ablehnen, aber Paul meint, weil er Pfleger von Beruf sei, müsste ich mir überhaupt keine Sorgen machen, er wüsste mir nach einem Unfall zu helfen. Somit versuche ich, Sebastian zu imponieren, der auf den breiten Treppenstufen sitzt. Karl springt in die Luft, dreht sein Bord in der Luft um die eigene Achse und rutscht lässig damit ein Geländer runter. Sachte rollere ich auf Pauls Brett ein bisschen hin und her. Sebastian scheint der Sport weniger zu interessieren, als die üppige Wasserstoffblondine neben ihm und der Joint in seiner Hand. Sie unterhalten sich intensiv, fast sieht es nach einer Meinungsverschiedenheit aus, was mich hämisch freut. Dann sieht sie meinen Blick und küsst ihn schnell. Ein fieses Ziehen geht durch meine Brust. Neidisch zu sein, verabscheue ich noch mehr, als Wasserstoffblondinen.

Schäfchenwolken besiedeln das rot anlaufende Himmelsblau und vor den Läden schieben Verkäuferinnen die Aufsteller weg. Da bemerke ich: Sebastians Begleitung muss gegangen sein; er sitzt etwas abseits und bläst Rauchringe in die Luft. Das ist meine Chance. Gemächlich schlendere ich zu ihm hinüber. Er hält sich die Hand über die Augen und streckt mir mit der anderen seinen Joint entgegen. Ich ziehe einmal vorsichtig am Pappfilter, puste den bitter brennenden Rauch aus und verkneife mir, zu husten. Eine heitere Leichtigkeit macht sich bis zu meinen Zehen breit. Als ob meine Oma strickend in einer Ecke meines Gehirns auf diesen Moment gewartet hätte, schüttelt sie vor meinem inneren Auge verächtlich mit dem Kopf. Ich muss Sebastian in ein Gespräch verwickeln, damit er sich morgen noch meiner entsinnt. Am Himmel zähle ich Kondensstreifen von Flugzeugen. Als Flugzeuge für mich noch Freiheit und nicht nur Arbeit bedeuteten, habe ich ganz selten und höchstens mal einen gesehen. Während ich das Aufweichen der weißen Streifen am Himmel beobachte, vergehen Minuten, ohne, dass ich ein Gefühl dafür habe. „Was machst du im Glashaus?“, erkundige ich mich nach einer Weile. „Arbeiten.“, pafft er stockend. „Im Verkauf.“ Er sieht gar nicht aus, wie ein Verkäufer. Karl und seine Kumpels grölen irgendwelche Trinkparolen. Im Hintergrund rauscht der Brunnen.

Hey, was wollt ihr essen, ich hole was!“ ruft Karl uns zu. Sebastian neben mir steht auf. Das war ja eine super Unterhaltung. Tanja, die gerade mit zurückgeworfenem Kopf aus ihrer Bierflasche trinkt, bestellt zuerst, ich nehme nichts. Kaum sind Karl und Sebastian verschwunden, teilt Tanja mit, dass sie aufs Klo muss. Deshalb kämpft sich Paul für uns zum Bahnhof durch, an seinen Armen hängen die raschelnden Tüten und wir laufen in seiner Schneise hinter ihm her.

Wir stellen uns in der Bahnhofshalle geduldig an der Damentoilette an, obwohl das Preis- Leistungsverhältnis zu unseren Ungunsten weit auseinander driftet. Seltsamerweise scheint für Tanja Geld in letzter Zeit keine Rolle zu spielen. Zu zehnt nebeneinander auf der Toilette sitzend, durch nichts weiter als dünne Plastikwände getrennt, vergeht mir die Lust auf Privatgespräche. Sie sieht das anders und berichtet ziemlich laut, wie es mit Paul beim Sex so ist. Ich gestehe ihr dann noch, dass ich auf Sebastian stehe. Tanja meint nach einigen Tipps und meiner Frage, ob die Blondine seine Freundin ist, da bräuchte ich mir keine Sorgen zu machen, das sei nichts „Ernstes“. Im Anschluss an unseren Toilettengang können wir Karl und Sebastian nicht finden, bei Burger King ist es brechend voll, da ist kein Durchkommen. „Verdammt, mir klappern die Schläuche!“; ruft Paul hungrig. Auch mir ist schon ganz schwummrig vor Hunger, außerdem drängt die Pflicht mich zum frühen Schlafengehen. Von Paul werde ich bei der Abschiedsumarmung fast zerquetscht und auch Tanja fällt mir angetrunken herzlich um den Hals.

Nachdem ich die ausgestorbene Bahnhofshalle durchquert habe, schlage ich mich in die Brennnesseln. Das Rad wartet, wo ich es abgestellt habe. Ich hatte schon befürchtet, die S-Bahn nehmen zu müssen. Um wegen meiner fehlenden Beleuchtung nicht von der Polizei angehalten zu werden, radele ich über die unbefahrensten Wege nach Hause, klapprig schnell, dass mir der Wind durchs Haar weht. Die Straße knirscht unter den Gummireifen, auf denen nicht genug Luft ist.

Es geht steil bergauf und ich bin so auf meine eigene Atmung bedacht, dass ich mich sehr erschrecke, als von vorn ein älterer Jogger an mir vorbei läuft. Ein Messerschlitzer, der es auf die Gesichter von Frauen abgesehen hat, treibt in Friedrichshain sein Unwesen, der Typ, der ein Mädchen in einem Koffer verbrannt hat, ist nicht gefasst… Der Jogger entschwindet in einen schwarzen Baumtunnel gen Stadt. Es so schwarz, dass ich die Schlaglöcher nicht mehr erkennen kann und ordentlich durchgeschüttelt werde.

Nach einer verwitterten Rodelbahn, einem Granitbären und Findlingen im Sumpfgebiet, komme ich an einer Baustelle vorbei, wo vor einem Container handlicher Holzverschnitt aufgestapelt liegt. Ich leihe einen Einkaufswagen aus, um die Bretter transportieren zu können. Am Eingang des Marktes, wo ich den Wagen aus dem Gestänge ziehe und mein Rad abstelle, hat jemand eine Tüte Pfandflaschen angelehnt, die ich mitnehme. Der Wagen scheppert über den Asphalt und ich erwarte jeden Moment, dass alle Lichter in den Fenstern angehen und die Leute: „Ruhe, da unten!“ herausbrüllen, doch nichts passiert.

Eine Betrunkene liegt auf einer Bank, obwohl es ziemlich kühl ist. Sie guckt mich regungslos an und ich entferne mich schleunigst. Da ich noch Platz im Einkaufswagen habe, sammele ich mehr Flaschen ein. Ich streife über einen Spielplatz mit Wackeltieren, Kletterwand und einer Wasserpumpe an einem Kanalsystem mit Minischleusen. Aus einem Kassenbon bastele ich ein kleines Papierschiffchen und lege es in die Wasserrinne. Dann betätige ich angestrengt den Arm der Pumpe, ein durchdringendes Quietschen schallt durch den Park und ein Schwung Wasser platscht vor meinem Schiffchen auf den Beton, reißt es in die Höhe, rasant um die Kurven, bis es von der hölzernen Schleuse gestoppt wird. Durchweicht sinkt das Papierschiffchen. Ich grinse ausgelassen vor mich hin, am liebsten würde ich gleich morgen ein Boot kaufen und lossegeln, egal wohin.

Die Betrunkene, die auf der Bank gelegen hatte, steht halbnackt auf dem Mittelstreifen der Landsberger Allee. Mir bleibt fast das Herz stehen, als ich in der Dämmerung die Scheinwerfer eines Autos näher kommen sehe und die Frau keine Anstalten macht, die Straße zu räumen. Vor meinem inneren Auge fliegt sie nach einem heftigen Aufprall auf die Motorhaube durch die Luft. Ich lasse alles stehen, renne auf die Frau zu und rufe: „Runter von der Straße!“. Inzwischen bin ich bei ihr, auf der Straßenmitte, das Auto kommt immer näher, ich werde hektisch. Sie dünstet übelerregende Gerüche aus und obwohl ich fest entschlossen bin, stoppt mich der Ekel einen Moment, bevor ich die Frau am Arm packe und Richtung Bürgersteig ziehe. Das Auto fährt vorbei. Die Gerettete sagt nicht viel Verständliches, außer, dass sie Carmen heißt und ihren Beutel verloren hat. Nun beschuldigt sie mich, ihren Beutel gestohlen zu haben. „Ich kann deinen Beutel nicht haben, ich weiß nicht mal, wie der aussieht!“ „Gib mir meinen Beutel zurück!“ verlangt sie nuschelnd, doch beharrlich. Da ich mit meiner Logik bei ihr nichts erreiche, gehe ich zu der Bank, wo sie vorhin noch lag und tatsächlich hängt dort ein roter Beutel aus dem ein Flaschenhals und der Metallschaft eines Schraubenziehers herausragen. Als ich Carmen den Beutel gebe, mustert sie mich mit demselben Stolz, wie es meine Kollegin Nadine immer macht, und sagt: „Siehsde, geht doch, Kindchen.“, bevor sie eine Flasche Goldbrand herauszieht, geschwind aufschraubt und an die schmalen Lippen setzt. Ich drehe mich um und schreite zügig von dannen.

Den Einkaufswagen auf dem schmalen Pfad schiebend, nehme ich die Abkürzung über den Industriehof, die zum gelblichen Licht einer Pflastersteinstraße führt. Aus den Sandbergen kriechen Stahlkabel über den Weg. Das Haus, in dem ich lebe, ragt nicht weit von mir wie der letzte von Karies befallene Zahn aus der Schutthalde hervor. In Sebastians Fenster brennt Licht. Etwas raschelt energisch vor meinen Füßen. Im Halbdunkel erkenne ich eine auf der Seite liegende Papiertüte für Burger zum Mitnehmen. Die Tüte dreht sich mehrmals um sich selbst, bevor sie davonläuft. „Hey!“, rufe ich der fliehenden Verpackung zu, lasse den Wagen stehen und laufe hinterher, während ich den Fotoapparat aus meiner Handtasche wühle. Langsam pirsche ich mich an den geheimnisvollen Fastfoodfreund heran, er ist in eine Sackgasse gelaufen und ich versperre den Rückweg. Mit einem Ast klopfe ich an die Rückseite der Papiertüte, um die Ratte aus der Öffnung zu treiben. Den Fotoapparat halte ich mit dem Finger auf dem Auslöser in der anderen Hand. Niemand guckt heraus. Also greife ich den Boden der Tüte und kippe sie aus. Nebst Pommes und Pappschachteln purzelt ein borstiger Kuhfladen heraus. Der braune Fladen streckt ein spitzes Schnäuzchen mit noch spitzeren Zähnen aus und, flupp, vier kurze Beinchen. Entzückt begutachte ich den jungen Igel, ich habe seit Jahren keinen mehr so nah gesehen, der nicht überfahren wurde. Er sieht trotz der Stacheln flauschig aus. Das grelle Blitzlicht reißt ein Loch in die Nacht und der Igel kugelt sich zusammen. Im Hof lade ich das Holz ab, bringe den Einkaufswagen zurück, erhalte erfreut über zwanzig Euro für die Pfandflaschen und nehme das Fahrrad wieder mit.

Bevor ich in das Haus eintrete, atme ich tief ein, weil ich im Durchgang lieber die Luft anhalte. Knallend kracht der schwere Torflügel erst gegen mein Hinterrad, bevor er stockend ins Schloss fällt. Der Hausflur ist voller Gerümpel, Unmengen leerer Medikamentenverpackungen, dazwischen ausrangierte Computerteile von Daniel. Daniel ist aus Rostock nach Berlin gezogen, wie ich vorübergehend, weil er dort keinen ausreichend dotierten Posten bekommen hat. Das Vorderhaus ist unbewohnt, weil es baufällig ist. Anfangs dachte ich, dass ich eines Tages nach Hause käme und das Haus eingestürzt wäre, aber jetzt wohne ich seit über zwei Jahren hier und nicht ein Stein ist bisher runter gefallen. Angelehnt an ein anderes herumstehendes Fahrrad, lasse ich meinen hellgrünen Begleiter im Hof stehen und klemme mir die Holzbretter unter den Arm.

In der dritten Etage des Seitenflügels ist von meinen beiden Mitbewohnern immernoch keine Spur zu sehen. Obwohl, Spuren habe sie eine Menge hinterlassen. Während ich aufräume, läuft der Fernseher, mit dem ich zwei Sender empfange, nachdem ich mit der Antenne auf Schränke und Fensterbretter geklettert bin. Allmählich sollte ich ins Bett gehen. Ich erinnere mich an einen rhabarberkuchenduftenden Sommertag, an dem ich nicht zur Schule wollte und mit meinen Freunden an den See gehen durfte. Die Mutter von Tanja und Dirk war Direktorin und Musiklehrerin unserer Schule; sie vergab großzügig ‚Hitzefrei’ an solchen Tagen. Wenn sich Eltern über den Unterrichtsausfall beschwerte, begründete sie fröhlich: „Den Ernst des Lebens bekommen sie noch früh genug zu spüren!“. Da brauchte ich noch nicht ständig auf die Uhr zu gucken. In sechs Stunden muss ich aufstehen.

Es klopft laut an der Wohnungstür, Hagen und Daniel werden es nicht sein, die haben Schlüssel. Vorsichtig schleiche ich zur Tür, man soll mich nicht hören, für den Fall, dass ich nicht aufmachen will. Durch den Spion erkenne ich Sebastian. Ich bekomme Herzklopfen bis in die Fingerspitzen. Hätte er nicht kommen können, als ich noch repräsentabel aussah? Zögernd öffne ich die Tür und informiere ihn darüber, dass Hagen und Daniel nicht da sind. „Ich wo- wollte zu dir…“, stottert er leise und hält mir eine Packung Kirschsaft und eine Flasche Batida de Coco hin.

Entgegen seiner Wortgewandtheit, betritt er selbstsicher die Wohnung. Ich hole zwei Gläser, räume den Berg von Klamotten von der Couch und schon sitzt Sebastian in meinem Zimmer. So richtig fassen kann ich es nicht. Ich frage mich, ob die Wasserstoffblondine weiß, dass er bei mir ist. Seine sonnenblonden Locken hängen wie immer wirr von seinem Kopf herunter, die großen, braungebrannten Hände öffnen geschickt das Tetrapack und den Verschluss der Batida-Flasche. „Was sagst du zu den Plänen der neuen Hausverwaltung?“, versuche ich dusslig, ein Gespräch anzufangen. Sebastian streicht sich mit gespreizten Fingern durch die Haare und antwortet Schulter zuckend: „Ei- einfach nich drauf reagieren…“, während er mich eindringlich begutachtet. Dieser Musterung ausweichend, setze ich mich neben ihn auf die Couch. Ich spüre seitlich die Wärme seines Körpers und in mir beginnt es zu Kribbeln. „Aha.“, sage ich tonlos und stoße leise klirrend mit ihm an. Zeitgleich zieht er mit der anderen Hand zwei Karten aus der Hosentasche seiner Jeans und läd mich zu einem Konzert ein. Darauf bedacht, keinen Batida-Bart zu bekommen, nippe ich an meinem Glas.

Sebastian streichelt meinen Oberschenkel, als hätte er mit der Einladung seinerseits eine Einladung meinerseits erhalten. Ich bekomme trotz allen Widerwillens eine Gänsehaut. „In zwei Stunden geht’s los. Vorher trinken wir erst mal ein paar Gläser. Wir nehmen ein Taxi.“, werde ich von ihm unterrichtet. Heute? Ich kann nicht, da müsste ich mich noch schminken und was Besseres anziehen, in diesem Schlabberlook geh ich nicht vor die Tür, außerdem brauche ich meinen Schlaf… Sebastians Hand auf meinem Bein wandert langsam höher. Ich werde doch mitgehen. Schließlich wird man nicht alle Tage zu einem Konzert eingeladen und ich habe bisher keins besucht. Noch so eine Chance, ihn für mich zu gewinnen, bekomme ich bestimmt nicht. Vor lauter Nervosität kann ich kein Wort sagen. Egal, was mir einfällt, ich halte nichts davon für witzig oder interessant genug, es Sebastian zu erzählen. Deshalb stört es mich nicht, dass er das Gespräch allein bestreitet und von seinen Erfahrungen als Sprayer beim S-Bahn-Surfen berichtet. Keine Ahnung, von was er redet, aber er sieht gut dabei aus. Er schwärmt: „Graffity ist eine Kunst. Mir gefallen keine Nullachtfuffzehn-Takes. Was Besonderes muss dran sein, damit es mir gefällt.“ Zwinkernd schenkt er mir ein Lächeln. Ich nicke verlegen.

Mit dem Zeigefinger lockend sagt er: „Komm näher. Ich- ich will dir etwas sagen.“ Ich beuge mich kichernd zu ihm, dass die Couch quietscht. Sebastians Lippen sind ganz nah an meinem Ohr, seine Wange berührt leicht meine, als er flüstert: „Schon als ich dich das erste Mal gesehen habe, hab ich mich in dich verguckt.“ Sein Atem kitzelt im Gehörgang und ein Prickeln überzieht meinen Nacken. „Ehrlich?“, frage ich misstrauisch. Das sah vorhin am Europacenter ganz anders aus. Er nickt charmant lächelnd und behauptet: „Du bist so hübsch, ich hab gedacht, du würdest mich nicht Mal mit dem Arsch angucken. Als du mich vorhin angesprochen hast, habe ich richtig Herzrasen bekommen.“ Sebastian lehnt sich über mich, seine Arme umzingeln mich. Als er seine Lippen auf meine legt, erklingt in meinem Kopf die Frage: Wird er mich morgen noch kennen? Trotz der Bedenken erwidere ich den Kuss innig. Er riecht so gut.

Erst, als ich spüre, wie Sebastians Hand sich unter meinem Shirt sacht auf meinem Bauch zu den Brüsten vortastet, wehre ich ihn ab. Das geht mir zu schnell, ich will mich nicht unter Wert verkaufen. Er nimmt irritiert langsam seine Hand zurück. „Stimmt etwas nicht?“, fragt er mich besorgt. Was soll ich ihm antworten, ohne dass er mich für frigide hält? „Ich dachte nur, du hättest eine Freundin…“, fange ich an. Er guckt erschrocken und sagt genervt: „Wer hat dir denn das erzählt?“ „Heißt das, du hast keine Freundin?“, frage ich vorsichtig nach. Sebastian steht unvermittelt und kopfschüttelnd auf; Sekunden später höre ich die Wohnungstür knallen. Sicher klingelt es jeden Moment an der Tür- oder sollte ich ihm hinterher gehen und mich entschuldigen, aber wofür eigentlich? Hin und her gerissen schlüpfe ich in eine Jeans und überprüfe mein Aussehen im Spiegel, bevor ich hinaus eile.

Gerade, als ich meine Tür zuziehen will, höre ich Schritte und Sebastian weiter unten im Treppenhaus sagen: „Wieso mir weggelaufen? Ich bin doch kein Babysitter! Geh du doch nach ihm suchen.“ Der Hall der Schritte verschlingt den Rest, aber ich erkenne, dass es eine Frauenstimme ist, die mit ihm redet, bevor die Hoftür hinter ihnen zufällt. Vielleicht hätte ich ihn wirklich nicht mal mit dem Arsch angucken sollen. Verunsichert drehe ich mich um und gehe leise wieder hinein.

 

Bis zum Flughafen sind es noch zwei Haltestellen, der Verkehr auf den Straßen Berlins ist ruhig, was der Busfahrer der Tegelexpresslinie nutzt, um das Gaspedal straff durchzutreten. Er hat das Radio laut gedreht, die metallischen Töne klingen schrill in der Morgendämmerung durch den fast leeren Bus. Mit mir sitzen nur zwei dösende Piloten in Uniform zwischen den samtbezogenen Sitzreihen und die scheint Robbie Williams nicht zu stören. Ich bin hundemüde, weil ich nicht schlafen konnte. Die ganze Zeit musste ich an Sebastian denken. Die Gewissheit, dass er gestern Abend mit der Blondine losgezogen ist, nagt an meinem verklärten Blick. Außerdem hätte ich zu gern gewusst, wer weggelaufen ist. Gelegentlich kippe ich beim Bremsen in Richtung des Vordersitzes, werde aber gleich darauf zurück geschleudert und in die Lehne gepresst. Zum achten Mal seit ich eingestiegen bin, sehe ich beunruhigt auf die Zeitanzeige.

Als der Bus nach einer abrupten Vollbremsung vor dem Hauptgebäude seine Türen öffnet und Robbie Williams den letzten Takt schmettert, renne ich mit klackernden Absätzen in das Flughafengebäude, eine halbe Runde herum bis zum Garte achtundzwanzig, wo die Schleuse bereits geöffnet ist und die Maschine sich mit Passagieren füllt. Der weiße Granitfußboden glitzert blankgebohnert im Neonlicht und spiegelt die Reihen der schüsselähnlichen Plastiksitze. Ich grüße freundlich, als ich mich hinter den Schalter drängele, zwischen einer Ansammlung von Geschäftsleuten hindurch, die ihre Müdigkeit mit offener Freude an dieser Qual besiegen, indem sie sich an Pappbecher mit heißem Kaffee und ihre ständig blechern klingelnden Handys klammern. Nadine sieht mit einer erhobenen Augenbraue auf mich und dann beweisheischend auf ihre schmale Armbanduhr am Handgelenk.

Allmählich zu Atem kommend, werfe ich meine Tasche hinter den hohen Tresen und Nadine einen reumütig- entschuldigenden Blick zu, während ich den nächsten Gast begrüße und seine Bordkarte prüfe. Zwischen zwei Kunden zischt sie mir mit zusammengekniffenen Augen zu: „Schön, dass du auch schon kommst!“, lächelt Sekunden später weiter in die Gesichter gleichgültiger Geschäftsmänner, als wäre nichts gewesen.

Ihre Feindseligkeit führt bei mir zu nervösen Schweißausbrüchen, weshalb ich beschämt versuche, keine der Hände, die mir zum Überreichen der Bordkarten entgegen gestreckt werden, mit meinen feuchtkalten Flossen zu berühren. Eine melodiöse Stimme aus den Lautsprechern sagt die nächsten Flüge durch und versetzt mich damit in Urlaubs-stimmung. Abflug nach Lissabon in fünf Minuten… Palmen, Sandstrand, azurblauer Ozean… „Hey Linda, schlaf aus, wir können nicht auf dich warten!“, reißt mich Nadine in die Realität zurück, in der es nach München geht. Nachdem ich alle Listen abgeglichen habe und Nadine über das Bordtelefon im Cockpit Bescheid gegeben hat, dass wir vollzählig sind, schließt sich die Luke automatisch hinter uns. Während Nadine beobachtet, wie ich den großen Drehhebel verriegele, tastet sie ihre Frisur ab, fingert eine dünne Haarspange heraus um sie gleich darauf an der selben Stelle wieder ins Haar zu schieben. Obwohl sie morgens noch ihre zweijährige Tochter Jaqueline um die Ohren hat, schafft sie es, sich zur Arbeit zurecht zu machen, wie aus der Cosmopolitan ausgeschnitten. Ich bemühe mich um ihre Anerkennung und weise geschwind freundlich die Passagiere auf ihre Plätze ein, verteile Zeitschriften an wache Geschäftsfrauen und helfe schweißtreibend Koffer zu verstauen.

Ein älterer Mann mit einer samtvioletten Krawatte um den Hals und dem hellblauen Polyesterüberzug der Kopfstütze seines Sitzes in der Hand, meint entrüstet, es seien Haare darauf. Der nächste aufgebrachte Fluggast beklagt sich über Erdnüsse auf seinem Sitzpolster. Der Herr mit dem schmutzigen Kopfteilbezug tritt schützend vor mich und nennt in einer kurzen, energischen Ansprache das Durcheinander ‚verzeihlich’ und mir solle erst einmal eine Chance auf Fehlerbehebung gegeben werden. Seine Autorität beschwichtigt augenblicklich den Erdnussfeind und beide gehen auf ihre Plätze zurück. Während der übliche Informationsfilm läuft, beeile ich mich, alle Beschwerdegründe auszumerzen. Ben und Nadine sind sichtlich enttäuscht, dass ich nicht massakriert worden bin, während sie die Sauerstoffmasken vorgeführt haben.

Es duftet bereits verführerisch nach warmen Brötchen und frisch gebrühten Kaffee, sofort hebt sich meine Laune. Mit fröhlich wippendem Rock laufe ich den Gang hinunter, vorbei an schnarchenden und Zeitung lesenden Passagieren. Sobald ich den Vorhang der Küchenkabine zurückgeschoben habe, werde ich von Ben schwungvoll mit dem Colli angefahren und stolpere. Ich kann mich nicht halten und sinke rückwärts gegen die kalte Plastikwand. „Huch, hab dich gar nicht gesehen!“, behauptet Ben vor Ironie strotzend, weil ich die Kleinste im Team bin. Wortlos lege ich meine Finger um die Griffe des zweiten Getränkewagens. Gleich aus der ersten Sitzreihe winkt der ältere Herr, der die organisatorischen Diskrepanzen so großzügig verziehen hatte und wünscht einen Kaffee. Hilflos muss ich erkennen, dass aus der großen Kanne nur heißes Wasser in die Plastiktasse in meiner Hand tröpfelt, das zum Einweichen eingefüllt worden war. Als ich ratlos in die braune Brühe in der Plastiktasse des älteren Herren starre und noch überlege, wie ich ihm beibringen soll, dass er auf den Kaffee noch warten müsste, nimmt er mir den heißen Becher aus der Hand und gönnt sich schlürfend einen Schluck. Dann fragt er nach Milch und teilt mir mit, dass der Kaffee ruhig etwas kräftiger sein könnte, was ich verlegen nickend zur Kenntnis nehme. Milch habe ich und überreiche sie erleichtert. Gerade, als ich einen Orangensaft einschenke, kommt Ben schlaksigen Schrittes auf mich zu. Er stellt mich im zischenden Flüsterton zur Rede, warum ich mit dem zweiten Wagen bediene. „Prob hier keinen Zwergenaufstand!“, faucht er auf mich hinunter, worauf ich ihn, wie Gulliver bei seinen Reisen, gefesselt von zahllosen Seilen am Boden liegen sehe. Am liebsten würde ich aussteigen, dummerweise geht das in Tausenden von Meter Höhe schlecht. „Liebe Linda, wie wäre es, wenn du dich mal nützlich machen würdest?“ Wütend greife ich nach einem Lappen, als ob ich diesen erwürgen wollte.

Ich sammele alles in einem großen schwarzen Müllsack und brauche schon bald einen Zweiten. Ich bin in einem fliegenden Fastfood- Restaurant angestellt. Beim Aussteigen und dem Verabschieden der Gäste in München bleibt der ältere Herr mit dem lavendelfarbenen Schlips neben mir stehen und steckt mir die Adresse seines Hotels zu. „Wenn Sie heute Abend noch nichts vorhaben, ich warte auf Sie.“, raunt er mir zu und mir läuft ein kalter Schauer den Rücken hinunter, während ich ihm mit den Augen folge. Nadine schüttelt mit dem Kopf und meint: „Nicht zu fassen. Du vergraulst uns noch die Kunden.“ Wie in Trance stehe ich danach vor meinem Spind im Umkleideraum und starre mein Spiegelbild an. Mir guckt eine Kopie der hochfrisierten, überschminkten Nadine entgegen.

Ich kaufe beim Bäcker zwei Becher Kaffee mit viel Milch zum Mitnehmen. Rechts und links einen Becher in der Hand, laufe ich ohne einen Tropfen zu vergießen über die Fußgängerüberführung. Plötzlich schlägt mir etwas im Vorbeigehen einen Kaffeebecher aus der Hand. Es war das Hinterrad eines Fahrrads. In hohem Bogen schießt der volle Becher durch die Luft und platzt beim Aufprall auf den Gehwegplatten, dass der Kaffee zu allen Seiten spritzt und dem Typen, der sein Fahrrad auf dem Rücken trägt, die Jeans mit lustigen braunen Streifen versieht. „Verdammte Scheiße!“, flucht er, bevor er sich wütend zu mir umdreht und sein Fahrrad wuchtig abstellt. Mit rechthaberischer Arroganz durchbohren mich seine sinatrablauen Augen, unter dem schwarzen Basekap mit riesigem Markenlogo hervor. Obwohl ich fest entschlossen bin, genauso wütend zurückzustarren; schließlich ist mein Kaffee auf dem Boden verteilt, lache ich. Seine Gesichtszüge werden weich. „Tut mir leid, hast du dir weh getan?“, fragt er; ich schüttele den Kopf und er beginnt in seinen Hosentaschen zu wühlen; ich höre Kleingeld klimpern. Er drückt mir ein warmes Eurostück in die Hand, bevor er das Fahrrad anhebt, „Bis bald.“ sagt und die Treppe hinauf stapft. Seine Beine werden immer kürzer und zum Schluss verschwinden seine Füße, die in bunten Schuhen stecken. Peinlich berührt stecke ich den Euro ein- eine Einladung auf einen Kaffee wäre mir lieber gewesen.

Wie ein rennender Tausendfüßler fährt die Ringbahn in den sonnenüberfluteten S-Bahnhof ein. Mit nur einem Becher erreiche ich Dirk, er steckt sich eine Zigarette an. Er hat mich noch nicht gesehen, weshalb ich in die Luft grinse. Um nicht rufen zu müssen, tippe ich ihm auf den Rücken. „Wie kannst du bei der Hitze noch rauchen?“, frage ich und drücke ihm den Kaffeebecher in die Hand. „Und, wie läuft‘s?“, fragt er. „Super. Bei dir auch allet schick?“, erkundige ich mich und er nickt.

Dirk erzählt von seiner Arbeit im Naturfreundehaus und seiner Susi, die sich die Nase operieren lassen will. Wir betreten, nachdem er einen silbernen Bauzaun aus seinem Betonfuß gehoben hat, das Gelände des alten Schlachthofes an der Thaerstraße. Vor Jahren wurden alle Schweine, Rinder und Hammel abgeholt und weggebracht und nur die Steinköpfe der Tiere zieren noch die Fassade. Ein überdimensionales Holzplakat weist auf den baldigen Umbau in Loftwohnungen hin. Wer bitte möchte in einer alten Schlachtanlage wohnen? Dirk berichtet gutgelaunt von irgendeiner Veranstaltung für die Naturfreunde, bei der es großartiges Roastbeef gab, aber ich muss die ganze Zeit nur an die armen Kühe denken, während wir am Waschhaus einer Darmwäscherei vorbeikommen. Rohre hängen verbogen von eingetretenen Wänden, das Ziegeldach weist ein großes, von schwarzverkohlten Holzbalken gerahmtes Loch auf, durch das die Sonne hereinbricht und sich auf dem weißglänzenden Porzellan zerschmetterter Waschbecken aalt. „Ist ja nett hier.“, stellt Dirk fest. Das hat sich auch eine Gruppe Punks gedacht, die im Schatten der flachen Backsteingebäude unter einem knöchrigen Kirschbaum, ohne Kirschen und mit wenigen grünen Blättern, im dörren Gras sitzen. Sie tragen bunte Schuhe wie der Radfahrer am S-Bahnhof. Ich hätte ihn nach seiner Nummer fragen sollen.

Dirk ist stehen geblieben, was ich erst einige Meter weiter bemerke und mich umdrehe. „Komm schon, die sehen uns noch!“, flüstere ich, nervös nach den Punks spähend. „Na und, das macht doch nichts.“, meint er, nimmt einen Schluck aus seinem Becher und geht auf einen Eingang des roten Backsteingebäudes zu. Innerlich fluchend folge ich ihm eine dunkle Stiege hinauf. Eigentlich wollten wir ins Kino gehen. Überall liegen Flaschen und halb verbrannte Holzstücken herum, die darauf hindeuten, dass wir nicht die ersten Besucher sind. Dirk erklärt begeistert, das wäre eine tolle Kulisse für ein Computerspiel, aber ich bin sicher, dass wir uns wirklich wehtun werden, wenn wir durch den morschen Fußboden brechen.

Aus einem kleinen, hölzernen Fensterbogen mit Fensterkreuz schieße ich ein Foto vom Schlachthof, im Hintergrund verwittert geduldig ein betongrauer Rohbau an der Landsberger Allee, der ein Einkaufscenter werden wollte. Ich kann krächzendes Gejohle von unten hören. Dirk ist verschwunden. Aus einem Raum neben mir ertönen energische Kratzgeräusche. Das Kratzen verstummt, als ich die horrorfilmmäßig quietschende Tür zum Raum öffne. Die Fenster des Zimmers sind von außen mit braunen Metallplatten verschlossen, durch deren gleichmäßige Lochung Licht die Luft golden durchsiebt. Ein hektischer Schatten im Augenwinkel lässt mich herumfahren.

Matschig gibt der Teppich bei jedem Schritt nach. Irgendwo in der Ferne hallt dumpf mein Name. Mir kommt in den Sinn, die am Balken schaukelnde Fledermaus zu fotografieren, bevor ich Dirk folge. Um die Sache zu beschleunigen, will ich das Tier aufscheuchen. Ich greife nach einer trockenen Bahn der losen Tapete und wedele damit umher. Sie raschelt und staubt kräftig, bis sie unter der Deckenkante ratschend abreißt und die Wandverputzung geräuschvoll bröckelnd folgt. An der kahlen Wand offenbart sich ein stählernes Türchen vom Schornsteinschacht. Gespannt ziehe ich die Luke auf, tatsächlich ist etwas darin: Ein Dutzend fein säuberlich gestapelter Bierdosen. Enttäuscht erkenne ich, dass es sich nicht um einen geheimen Biervorrat, sondern um einen aufgeräumten Mülleimer handelt, jede Büchse ist geöffnet. Ein Schatz wäre schön gewesen.

Über meinem Kopf ertönt schrilles Fiepen und darauf Flügelklatschen. Machen Fledermäuse solche Geräusche? Der hektische Schatten kehrt zurück und verschwindet in der Wand. Als ich genauer hinsehe, entdecke ich Nester an den Deckenbalken. Zu einem Abluftloch in der oberen Zimmerecke fliegen lautlos mehrere braune Vögel herein, klatschen an die Wand und bleiben kleben. Ein weiteres Familienmitglied kommt hereingesegelt, dreht ohne Zwischenstopp zu einer zackigen Linkskurve haarscharf vor der Wand ab, steigt steil nach oben und wird, als ich auf den Auslöser drücke, seitlich von einem aus dem Nest herausfliegenden Genossen gerammt, sie trudeln in einem Knäuel zu Boden und landen mit ausgebreiteten Flügeln.

Von oben sehen die abgestützten Mauersegler possierlich aus, mit ihren mausgroßen Körper und den riesigen Flügeln, doch als einer den Kopf hebt, sieht mich ein böses Minifalkengesicht an und die langen, scharfen Krallen an seinen Füßen werden sichtbar. Ängstlich robben sie vor mir davon, der Herzschlag in ihren Körpern ist äußerlich sichtbar. Als die Mauersegler Schutz unter dem abgerissenen Tapetenstück suchen, fällt mein Blick noch einmal auf die Revisionsöffnung in der Wand.

Ohne in die Bierbüchsen gesehen zu haben, kann ich nicht gehen und bin begeistert, dass die erste Büchse, die ich herausnehme, tatsächlich klappert. Nachdem ich die Dose mühsam geleert habe, liegen vor mir die Schnipsel eines Fotos und ein geknüpftes Armband, das mit dem Namen „Philip“ bestickt ist. Die Schnipsel sind schnell zusammen geschoben. Auf dem Foto ist ein Kind, vermutlich Philip, mit einem Mann im Schnee abgebildet, sie lachen glücklich in die Kamera. Auf der Rückseite steht ein vier Jahre altes Datum und das Wort „Uvarovo“. Ich lächele in mich hinein, als Kind hatte ich auch viele Geheimverstecke.

Nachdem ich die Dose zurückgestellt habe, suche ich Dirk. Die Spuren im Staub auf den Stufen führen in den Keller und ich folge ihnen. In einem Raum ohne Fenster endet die Treppe. Es ist kaum etwas zu erkennen und es riecht nach eingeschlafenen Füßen. Große Eisenringe hängen an den gefliesten Wänden und sind in den unebenen Boden eingelassen, den eine zentimeterdicke, braune Kruste bedeckt. „Äh, ich glaube, wir gehen besser. Sieht aus, wie getrocknetes…, na egal.“, sagt plötzlich Dirk neben mir und eilt mit dumpfen Stampfen die Treppe hinauf. „Hey!“, rufe ich, doch er wartet nicht auf mich. Schnell renne ich ihm hinterher, Steinstufen überspringend und zur Stahltür hinaus unter den blauen Himmel, wo ich mit angstblassem Gesicht aufatme. Zwischen den blutgetränkten Pflastersteinen um uns herum wächst Springkraut und blüht fröhlich gelb. Das Bellen eines Hundes lässt Dirk interessiert aufhorchen; er liebt Hunde. „Komm schon!“, flehe ich, der Film würde noch ohne uns anfangen.

Es riecht süßlich nach Popcorn, bis es nur noch nach frischen Nadeln duftet. Wir sind auf einen Friedhof neben dem Kino eingebogen. Dirk will lieber spazieren gehen, als bei dem tollen Wetter im Kino zu sitzen, meint er. „Ach, ist das schön hier!“ seufzt er unter den hohen Kiefern. Der Verkehrslärm der großen Alleen dringt nur als gedämpftes Murmeln an mein Ohr. Blau schimmernde Elstern jagen sich über die Grabsteine, ein winziger Zaunkönig trällert lauthals sein fröhliches Lied und ein struppiges Eichhörnchen fummelt die lackierten Walnüsse aus einem Trauergebinde heraus.

In einem Meer schmiedeeiserner Zäune bleiben wir stehen. Rötliche Triebe uralter Rosenbüsche umwinden die rostbraunen Stäbe und klappen langsam ihre Knospen auseinander. Ich fotografiere sie, als ich kurz glaube, mir sei etwas durchs Bild gehuscht. Ich gucke mich um, es ist nichts zu sehen. Vielleicht nur ein Vogel… oder eine ganze Bande von Kindern, die vorhaben, Dirk und mich zu überfallen. Als ich mir Dirk von der Seite anschaue, kann ich zu meiner Erleichterung feststellen, dass er nicht aussieht, wie jemand, der sich überfallen lässt. Die einzelnen Zaunspitzen sind von rostigem Blattwerk umrankt und öffnen sich in füllige Sonnenblumenköpfe. Die Sonnenblumenkerne, jedes einzelne Blatt und die Blattadern sind aus Eisen. „Das ist wirklich hübsch. Trotzdem merkwürdig, wie viel Arbeit in so ein Grab gesteckt wird… und dann verloren ist.“ Der Rost frisst die Zaunkunstwerke einfach weg.

„Ich muss dir die Marmorgruften zeigen, die sind viel besser erhalten.“, fällt mir ein. Wir sind einer Meinung, nicht mit ins Massengrab zu wollen, welches wir streifen; ein Grab gleicht dem anderen, als ob die Menschen darin alle gleich gewesen wären. Darauf kommend, dass es sich dabei wohl nur um die Lösung eines Platzproblems handelt, meint Dirk: „Sammelgrab für Arbeiter in Urnen schafft Platz für die noble Familiengruft mit Eichensarg. Menschen verrotten zu langsam…dauernd kommen die wieder hoch, stinken und locken Fliegen an, verseuchen die Flüsse…Bei der Sterberate würden wir Lebenden bestimmt an den Verwesungsgasen ersticken.“ Darauf wechselt er das Thema zu seinem Hobby. „Momentan baue ich meine Armee aus oder ich versuche meinen Waldläufer ein paar Level weiter zu bekommen. Na ja, in letzter Zeit spielen voll viele Freaks; mit denen von Level zehn brauche ich mich gar nicht erst anzulegen. Das kostet unnötig Energie.“ Ganze Städte hat er errichtet, Schlachten um Handelsschiffe geführt und seine Häfen ausgebaut. Gelegentlich rennt er durch irgendeine Fantasiesaga, wobei ihm wichtig ist, dass sein Waldläufer in die Kategorie Mensch mit magischem Wissen fällt, nicht etwa in die der Zauberer oder Krieger und was es da sonst noch gibt. Er erklärt, wie er einen Hexenmeister der Stufe sechs aus Dortmund bezwingen will. „Ich drück dir die Daumen, dass du gewinnst.“, sage ich.

Dirk verschwindet im dunklen Eingang eines alten Grabes. „Nun ruhe wohl von deinem Leiden, dort stört dich nicht mehr Sorg und Pein, dort erntest du nun Himmelsfreuden und wir, wir denken liebend dein.“, hallt es aus der verfallenen Gruft einer Familie Francke. „Pass bloß auf, dass du nicht einstürzt!“, rufe ich, doch da kommt Dirk auch schon wieder heraus. „Bei manchen Gedenktafeln läuft einem ein richtiger Schauer über den Rücken!“ sagt er, die Ärmel hochkrempelnd und seine Gänsehaut präsentierend. Er läuft mir eine Weile hinterher, obwohl er gelegentlich einen zurückschnellenden Ast abbekommt, wie damals, als ich vor ihm weggelaufen bin; er war mein Aufpasser, der sein Taschengeld an mir verdienen wollte. Dass wir uns nicht mochten, beruhte sehr auf Gegenseitigkeit, aber wann es in Freundschaft umschlug, weiß ich nicht mehr. Auerbach ist für Feindseligkeiten einfach zu eng.

Zügig schreitet Dirk über die verfallene Anlage und taucht, die Qualmfäden seiner Zigarette hinter sich her ziehend, im kreuz und quer wachsenden Unterholz des Waldes ab. Gegenüber vom Grab des Pelzwarenfabrikanten, direkt neben dem Familiengrab Schimmelpfennig, vorm blank glänzenden Gedenkstein des Innereien-Großhändlers Hauschild, dessen ‚herzinniggeliebte’ Frau den interessanten Namen ‚Ottilie’ trug, hat jemand Laub geharkt und gruselig lächelnde Stiefmütterchen gepflanzt, obwohl der letzte auf dem Grabstein eingetragene Todestag mehr als vierzig Jahre zurückliegt. Neugierig betrete ich das Grab. Die Inschriften sind ausgewaschen und von Einschusslöchern übersäht, man kann sie nur noch entziffern, wenn man die Buchstaben und Ziffern mit dem Finger nachfährt. Unter den Namen und Daten wurde: „Du starbst im Frühling deines Lebens, gestrebt hast du mit Treu und Fleiß, doch all dein Hoffen war vergebens, Gott rief dich früh zur Ewigkeit.“, eingraviert. Ich weiß, zwar nicht warum und wann, aber irgendwann ist es soweit und es erschreckt mich nicht. Viel eher überlege ich, dass man sich wohl im Leben ganz schön ins Zeug legen muss, damit so etwas Schönes auf den Grabstein geschrieben wird. Es ist kaum Zeit, etwas Bedeutendes zu hinterlassen. Am Ende steht nur Sterben, keine Entscheidungen mehr, keine Gedanken, kein Lachen, kein Leiden, genug Zeit, einen Baum aus sich wachsen zu lassen.

Ein Knacken im Geäst zerreißt die zermürbende Zurückgezogenheit. Als ich die Zweige eines waldmeistergrünen Strauchs auseinander biege, rennt ein langhaariges Kind davon. „Warte!“, rufe ich, aber sie ist schon außer Sichtweite. „Wo lang jetzt?“, fragt Dirk aus dem käfigartigen Unterholz neben mir. „Hier lang!“, winke ich ihn hinter mir her, nachdem ich mich durch die Büsche zu ihm durchgekämpft habe. Wir waten durch hohes Gras, dem Mädchen hinterher, es geht bergauf. Nachdem ich einige Halme zur Seite geschoben habe, kommt neben hübschen Muscheln und kleinen Halbedelsteinen ein ausgeblichener Stoffelefant zum Vorschein. Dirk weicht einen Schritt zurück und tritt dabei auf einen moosbewachsenen Teddybären. „Hui.“, macht er. Ein vergessener Kinderfriedhof. Von dem kleinen Mädchen keine Spur. Nur eine gelbe Walze parkt still auf einer braunen Fläche, auf der die Unebenheiten ausgeglichen werden. Stämme von gefällten Bäumen liegen am Wegesrand. Wir verlassen den Friedhof, während Dirk erzählt: „Ich hab grad wieder zwei neue HVA’s bekommen, beide erst neunzehn und schon über zweihundert Strafarbeitsstunden, die mir beim Renovieren helfen. So blöd stellen die sich gar nicht an, aber dafür ist der gute Eichenhobel verschwunden, ich hätte die Rucksäcke kontrollieren sollen… Da fällt mir ein, ich muss für Susi Haarwäsche kaufen und zu Saturn will ich auch noch, mir eine Spielerweiterung holen.“ Überrascht von diesem spontanen Aufbruchsbeschluss, stottere ich: „Äh, ja gut. Soll ich dich noch zur U-Bahn bringen?“ Dirk lehnt dankend ab und versichert mir, ihm habe das Treffen gefallen.

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