Auferstanden: 4. Eureka, heute

Eureka, heute

Vor Iasons Wohnung standen Denzel und Marcus, Iason hörte ihr Geplapper schon auf dem letzten Treppenabsatz. Er bot seinen Verbündeten Einhalt und flüsterte ihnen zu: „Na, wollen wir euren Brüdern einen Schrecken einjagen?“ Sarah und Joshua nickten eifrig, Jeanne lächelte kopfschüttelnd. Iason ging die Treppe allein hinauf und starrte
Denzel und Marcus überrascht an. Die Beiden starrten fragend zurück. Marcus platzte als erster heraus: „Sie…, wo…-haben Sie unsere Geschwister irgendwo gesehen?“ Iason kratzte sich am Kopf und schien zu überlegen. „Heute morgen. Sie sind euch hinterher gerannt.“ Der Streich zeigte Wirkung, Denzel und Marcus waren kreidebleich. Sie würden es sich das nächste Mal sicherlich zweimal überlegen, ob sie ihre jüngeren Geschwister einfach irgendwo stehenlassen konnten. Gerade dachte Iason darüber nach, ob er die Sache jetzt aufklären konnte oder die beiden Jungs noch etwas zappeln lassen sollte, da öffnete sich die Fahrstuhltür und John stieg aus. Er sah verdutzt auf seine beiden Sprößlinge. Er zog die Brauen zusammen und fragte mit donnernder Stimme: „Macht ihr etwa schon wieder Ärger?“ John sah beängstigend aus und Iason schnürte es
die Kehle zu. Flüchtig dachte er, was für ein Glück er hatte, dass das nicht sein Vater war. Bevor John zu seinem Wutausbruch ansetzen konnte, stand Jeanne, rechts und links eins seiner Kinder an der Hand, neben ihm und lächelte. John vergaß seinen Text und guckte verwirrt. Sein großes Gesicht machte es ihm möglich, eine Mimik an den Tag zu legen, die so manchen Pantomimen neidisch werden ließ und so erkannte Jeanne, dass sie schnell eine Erklärung abgeben sollte, denn Johns Gesicht verdunkelte sich bereits. Sarah und Joshua versteckten sich Schutz suchend hinter Jeannes Beinen. „Sie müssen
John sein. Wir hatten versucht, Sie telephonisch zu erreichen, um Sie zu bitten, ihre Kinder abzuholen. Wir waren mit ihnen im Zoo und wollten ihnen nicht zumuten, nach diesem anstrengenden Tag allein nach Hause zu fahren.“ Johns Züge erhellten sich. Iason atmete erleichtert auf und John ergriff seine und Jeannes Hand um eine überschwengliche Dankesrede zu halten. „Dass sie Beide sich so lieb um meine Kinder gekümmert haben, werde ich ihnen nie vergessen.“
Er legte eine Denkpause ein und Iason kam sich ziemlich blöd vor- Händchen
haltend mit einem schwarzen Riesen im Treppenhaus zu stehen. „Im Zoo waren wir schon nicht mehr seit… naja, danke. Und vergessen Sie nicht, Wenn Sie mal ein Taxi brauchen, rufen Sie mich an!“ Endlich ließ er ihre Hände los. Jeanne atmete aus, sie hatte die ganze Zeit die Luft angehalten. John verabschiedete sich und stieg, gefolgt von seinen vier Kindern, in den Fahrstuhl. Bevor die Türen sich schlossen hoben Sarah und Joshua schüchtern die Hände und winkten zum Abschied. Dann standen Jeanne und Iason allein im Gang. Verlegen räusperte Iason sich, obwohl er nicht wusste, was er sagen sollte. Jeanne kam im zuvor. „Ich glaub, wir sollten das Chaos in deiner Wohnung beseitigen.“ Iason wollte brüskiert ablehnen, doch schon hatte seine rechte Hand den Schlüssel ins Schloß gesteckt und die Tür geöffnet, während seine Linke die Dame galant hineinbat. Jeanne schwebte an ihm vorbei und in die Küche, wo sie sich dem Abwasch widmete, als sei das schon immer so gewesen. Iason bezog sein spaghettidekoriertes Bett neu und gesellte sich dann zu Jeanne. Augenzwinkernd stellte er fest: „Du bist ja ´ne richtige Hausfrau! Und ich hielt Schriftsteller immer für chaotisch.“ „Tja, ich bin halt immer für ´ne Überraschung gut.“ erwiderte sie schelmisch. Als seine Küche einige Minuten später in völlig ungewohntem Glanz erstrahlte und Iason zwei Tassen Kaffee eingeschenkt hatte, folgte Jeanne ihm ins Wohnschlafzimmer. Da es in seinem Zimmer bis auf einen Drehstuhl keine weiteren Sitzmöglichkeiten gab, setzten sie sich auf sein Bett. Einige Augenblicke verstrichen, ohne dass ein Wort gesprochen wurde, beide starrten in ihren Kaffeebecher, als ob sie aus dem Satz lesen wollten. Jeanne fragte sich, warum sie hier saß. Sie konnte sich ihr eigenes Verhalten nicht Recht erklären und wusste nicht, was sie von der Situation erwartete. Obwohl sonst kaum ein Moment verging, in dem sie etwas zu sagen hatte, fiel ihr plötzlich nichts mehr ein. Iason war sich durchaus im Klaren darüber, dass er mit einer äußerst attraktiven Frau auf seinem Bett saß und er sich zu ihr hingezogen fühlte. Doch was empfand sie für ihn? Würde sie
ihn zurückküssen, wenn er sich jetzt zu ihr beugen würde? Wenn nicht, wie stand er dann da? Es kribbelte in seinen Fingerspitzen und sein Herz schlug merklich gegen seinen Brustkorb. Der Mond schien durch einen Spalt zwischen seinen immer zugezogenen Gardinen hindurch. Jeanne sah auf die Uhr. „Ich sollte langsam gehen, es ist spät geworden.“ Sie griff nach ihrer Jacke. Noch konnte er es versuchen, doch während sein Gehirn auf Hochtouren arbeitete, pro und Kontra abwog, stand Jeanne bereits in der Tür. „Ich muss morgen früh mein Skript vorlegen. Drück´ mir die Daumen, dass sie es für gut befinden. Wir können zusammen Mittagessen, bis dahin müsste ich eigentlich fertig sein.“ Eifrig sagte Iason zu. „Kannst mich ja in der Bibliothek abholen- nur wenn du möchtest, natürlich.“ Jeanne sah ihn erstaunt an. „Ich dachte du liest nicht –und Student bist du ja auch nicht…“ Iason unterbrach sie: „Ich arbeite da. Und dass ich nicht gern lese, stimmt nicht ganz. Ich bin nur zu faul. Aber dein Buch würde ich schon lesen.“ Jeanne lächelte geschmeichelt, sie hätte es nie zugegeben, aber dass er das gesagt hatte, bedeutete ihr fiel. „Dann also bis morgen.“ Langsam ging sie die Straße hinunter, immer noch lächelnd vor unbegreiflichem Glück.

Sie würde die ganze Nacht nicht schlafen können, sie musste ihr Skript noch einmal überarbeiten. Da war noch die ein oder andere Passage, die sie sicher noch besser formulieren konnte. Eigentlich wollte sie auf dem Heimweg durch die laternenbeschienenen Strassen ihrem Lieblingstagtraum nachhängen: Jeanne Rouen, ganz oben auf der Bestsellerliste, auf Partys der Reichen und Berühmten bewundert für ihren Witz und ihre Intelligenz, immer auf dem Sprung von einer Stadt in die andere- Europa, Asien, Australien… Doch ihre Gedanken drehten sich ausschließlich um den panikgestörten Iason, der so verletzlich wirkte, wenn er kein Wort mehr herausbekam vor lauter Angst und der doch so witzig und charmant sein konnte, wenn er sich sicher fühlte. Nun, er war kein Arzt oder Anwalt, aber immerhin hatte er Arbeit. Im Gegensatz zu ihrem letzten Beziehungsversuch, der Typ rief immer noch einmal wöchentlich an und bettelte um Geld. Warum fiel sie nur immer wieder auf diese hilfsbedürftigen Typen herein, die an ihren Mutterkomplex appellierten? Warum traf sie nie auf einen richtigen Mann, an dessen Schulter sie sich anlehnen konnte, der sie verteidigte, der für sie sorgen würde? Sie kam bei Harold´s vorbei und ging hinein. Trinity war auf ihrem Hocker hinter dem Tresen eingenickt und schreckte auf, als die Tür zufiel. Sie guckte erfreut und trällerte: „‘Nen Kaffee und ‘nen Bagel, wie immer?“ Jeanne schwang sich auf einen labil wirkenden Barhocker am Tresen und antwortete: „Nur ein Kaffee, aber ‘nen Großen bitte, hab ´ne lange Nacht vor mir, Trinity.“ Und um ein Gespräch in Gang zu bringen, fügte sie eine Frage zu Trinitys Lieblingsthema hinzu: „Wie läuft´s mit deiner Modelkarriere?“ „Frag nicht!“ erwiderte Trinity in diesem Gut-dass-du-fragst-Tonfall
mit einem Augenrollen, wobei sie gekonnt ihre karamelbraunen, schlanken Beine
übereinander schlug. „Ich werde wohl noch mit fünfundzwanzig Pizza ausfahren. Und dann bin ich schon fast zu alt fürs Modeln. Mein Vater hatte völlig recht.“ Sie hantierte mit dem Kaffeeautomaten herum. „Trinity, hat er immer gesagt, so hübsch du auch bist, mehr als ´ne Nutte bist du nicht wert. Aber genug von mir, wie läuft´s mit deinem Roman?“ Trinity liebte es an der theatralischsten Stelle aufzuhören, aus Angst, ansonsten schnell langweilig zu wirken. Sie schob den Kaffee im Pappbecher über den Tresen. Jeanne schüttete drei Päckchen Zucker in ihren Kaffee und rührte versonnen um. „Ich bin schon verdammt tief gesunken, schreibe Klappentexte zu den Romanen anderer. Kann dann mit Stolz sagen: Die Buchrückseite ist von mir. Lächerlich.“ Und nach kurzer Pause setzte sie mehr zu sich selbst hinzu: „Vielleicht hätte ich doch was Vernünftiges lernen sollen.“ Trinity schüttelte energisch den Kopf. „Red keinen Mist! Ich finde, du schreibst die besten Geschichten überhaupt. Ich kann es gar nicht erwarten, bis du mir das nächste Kapitel zu lesen gibst.“ Jeanne grinste, dankbar für die aufbauenden Worte. Trinity sah erschrocken auf die Uhr. „Ich muss zumachen. Ich komm schon wieder zu spät. Wenn du heute nacht noch Lust hast zu quatschen, bestell ´ne Pizza,
deine Wohnung liegt in meinem Revier.“ Jeanne nickte, zog sich selbst noch einen Kaffee zum Mitnehmen und sah fünf Minuten später Trinity hinterher, wie sie auf ihrem Motorroller davonbrauste. Pizzalieferantin, Klappentextautorin, Bibliothekar, Vater von vier Kindern, die schon jetzt sehr geschickte Diebe waren –Jeanne drängte den deprimierenden Gedanken beiseite und begab sich auf den Heimweg.

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