Auferstanden: 2. Eureka, heute

Eureka, amerikanische Westküste, heute

 

Er öffnete die Tür einen Spalt breit. Die Sonne schien durch das zerbrochene Fenster am Ende des Ganges. Es war niemand zu sehen. Eigentlich war ihm gar nicht danach zumute, sein sicheres, abgedunkeltes Zimmer zu verlassen. Lieber noch ´ne Runde am Computer und im Dritten lief gerade James Bond… Aber seine Zigaretten waren alle, er hatte keinen Bock mehr auf Leitungswasser und brauchte auch mal wieder irgend etwas zu essen. Der Billigdiscounter war zwei Strassen weiter, keine Weltreise sozusagen. Trotz
dass es sehr schwül war, trug er eine graue Wollmütze und hatte den Kragen
seiner muffigen Tweedjacke nach oben geschlagen, dass sein Gesicht kaum zu
erkennen war. Er schloß die Tür wieder und durchsuchte sein Zimmer nach ein
paar Socken. Letztendlich schlüpfte er barfuß in seine Sneaker und beschloß
noch heute nacht Wäsche waschen zu gehen.

Er verließ seine Wohnung mit feuchten Händen, rasendem Herz und einer Sporttasche über der Schulter bei Einbruch der Dunkelheit. Die Häuser der umliegenden Strassen waren durch die Keller miteinander verbunden. Iason kannte diese Gänge wie seine rechte Westentasche.
In der Dunkelheit fühlte er sich sicher, weil er wusste, dass er dort allein
war. Er fürchtete Menschen ohne den Grund zu kennen. Sie waren ihm fremd, er
wusste nichts mit ihrem Lachen, Reden und Weinen anzufangen.

Den vierten Aufgang ging er nach oben, er musste noch Geld holen. Die Straßenbeleuchtung flackerte. Am Bankomaten standen zwei schwarze Jugendliche. Iason würde warten, bis sie weg waren. Sie brauchten ziemlich lange. Der scheinbar Jüngere sah sich immer wieder hektisch um, während der Ältere sich am Geldautomaten zu schaffen machte. Plötzlich ging eine Autoalarmanlage los und durchzuckte die Stille der Nacht. Die beiden Jungs rannten los, genau auf den Hauseingang zu, in dem Iason sich versteckt hielt. Er wollte zurück in den Keller, doch die Tür war hinter ihm zugefallen. Er atmete stoßweise, sein Puls hämmerte gegen seine Stirn. Er konnte nicht weg. Schon standen sie neben ihm und rüttelten an der unnachgiebigen Tür, ohne ihn zu beachten.

„Marcus, sei still, wir müssen leise sein!“ flüsterte der Ältere dem Jüngeren zu. „Was glotzt du´n so?“ ging die Frage an Iason. Dieser konnte nicht antworten, es schnürte ihm die Kehle zu, ihm wurde heiß, er schwitzte, sank gegen die Hauswand und rutschte zu Boden. „Ey, Denzel, was ist denn mit dem?“ „Keine Ahnung. Sieh mal in seinen Taschen nach, ob er was Brauchbares dabei hat.“ „Guck doch selbst! Ich fasse keinen Toten an!“ Denzel verdrehte die Augen. „Gut, dann guck in die Sporttasche und ich durchsuche
ihn.“ Zwanzig Sekunden später schrie Jim entsetzt auf: „ Igitt, dreckige Wäsche!“ Denzel sah auch nicht sonderlich begeistert aus. „Der Typ hat nicht mal Geld dabei. Ahh, aber ´ne Kreditkarte…Iason Sailer- was für´n bescheuerter Name.“ Zwei kleine schwarze Augen lugten um die Ecke. „Ach hier seid ihr. Ich such euch schon überall. Ihr kriegt ganz doll Ärger von Papa, der ist nämlich ganz doll sauer auf euch!“ „Halt die Klappe, Joshua, kommt, beeilen wir uns besser.“

Iason wachte benommen auf, registrierte aber beruhigt, dass er allein war und machte sich auf den Weg zum Waschcenter. Im Waschcenter angekommen, die Beine zitterten ihm immer noch, stellte er fest, dass er vergessen hatte Geld zu holen. Am Trockner
stand eine attraktive, junge Frau , eine Flasche Wodka in der einen, ein Buch in der anderen Hand. Wenn er jetzt einfach wieder ging, würde sie ihn bestimmt seltsam finden. Also packte er seine Sporttasche aus, ließ sich extrem viel Zeit mit dem Sortieren seiner Wäsche, ihr Trockner war bestimmt gleich fertig, sie würde verschwinden und er
würde gehen können. Nun hatte er schon alle Sachen rechtsrum gewendet und der Trockner rumpelte immer noch. Langsam warf er seine Wäsche in eine Maschine. Sie trank den Wodka aus der Flasche und blätterte um. Der Trockner surrte. Iason schloß gemächlich den Deckel der Waschmaschine und tat dabei ganz geschäftig mit dem Programmeinstellen. Iason ging zum Wechselautomaten, sah sich vorsichtig nach ihr um, sie musste sich hingesetzt haben , er sah sie nicht mehr. Er tastete im Automaten, doch es lag kein vergessenes Geld darin. Es roch nach Waschpulver. „Brauchst du Kleingeld?“ Er schrak zusammen und wagte nicht, sich umzudrehen. Iason hörte es klimpern. Langsam und zögernd wandte er sich um. Sie stand wieder an den Trockner gelehnt und las. Er bückte sich und hob die Vierteldollars auf, warf sie ein und seine Maschine startete. Er musste danke sagen. Musste hingehen zu ihr. Er konnte sich nicht bewegen. Sie sah ihn an.
„Bist wohl etwas schüchtern?“  Seine Kehle schnürte sich zu, seine Zunge ließ sich nicht bewegen. „Du brauchst vor mir keine Angst zu haben. Frauen wie ich haben eher Angst vor dunklen Typen, wie dir, die nach Mitternacht wortlos in einem Waschcenter herumschleichen.“
Sie lachte, setzte sich mit einem Schwung auf die Waschmaschine neben ihm und
schob ihm die Wodkaflasche hin. Iason sah die Flasche an und holte tief Luft.
Er musste sich räuspern, denn er hatte seine Stimme lange nicht mehr benutzt.
Endlich sprach er schwerfällig zur Flasche: „… kann Alkohol nicht trinken,
nehm´ so Medikamente…“ „Macht nichts, die trink ich auch allein. Ich bin
Jeanne, Jeanne wie Jeanne D´Arc… bin grad´ auf der Suche nach Inspiration und
nachts hab ich die besten Einfälle.“ Sie klappte ihr Buch zu und hielt es Iason
vor die Nase. Er las den Titel. „Prämisse und Analyse des Romans“ stand da.
„Aha.“ sagte Iason. Jeanne lächelte verträumt. „Ich wird mal ´ne ganz große
Schriftstellerin, ´ne zweite Jane Austen oder ein weiblicher Ken Follet. Stehst
du mehr auf Dramen oder auf Horror? Naja, siehst nicht gerade nach Komödie aus,
Science-fiction vielleicht?“ „Ich lese nicht viel.“ „Mmh, siehst auch eher nach
Computerfreak aus- aber du bist doch sicher Student… wie war dein Name noch
gleich?“ „Iason, wie Iason und die Argonauten und ich bin kein Student.“
„Erzähl doch mal, was machst du denn so, sehr gesprächig bist du ja nicht, Jason, ähm, Iason, ich muss dir ja jedes Wort aus der Nase ziehen.“ „Es ist nicht meine Art, jedem gleich meine Lebensgeschichte zu erzählen.“ Jeanne kniff die Augen zusammen. „Hör mal, du brauchst nicht gleich zickig zu sein. Ich wollte nur nett sein. Außerdem glaube ich nicht, dass deine Lebensgeschichte besonders spannend wäre.“ Sie griff zu ihrem Buch und fing an zu lesen. Ihr Trockner stand still. Seine Waschmaschine rumpelte. Warum ging sie nicht nach Hause? Vorsichtig sah er sie an. Sie war wunderschön. Lange
Haare, volle Lippen, große Augen- eine Mischung aus Lara Croft und Schneewittchen. Er hatte keine Angst vor ihr. Eine andere Art von Nervosität und Aufregung hatte ihn erfasst. Er spürte Verlangen nach dieser Frau, die ohne Unterlass reden konnte.

Iason griff gegen besseres Wissen zur Wodkaflasche und nahm einen kräftigen Schluck, wonach er krampfhaft versuchte, sein Husten zu unterdrücken. Jeanne blickte verstohlen von ihrem Buch auf und versuchte ein Lachen zu unterdrücken. Iason wurde rot und sagte verlegen: „Hab lange nichts mehr getrunken. Ich nehm´ die Medikamente schon seit drei Jahren.“ „Was denn für Medikamente?“ Sie betonte das Wort Medikamente zynisch. „Gegen.. ähm,…für, naja, um ehrlich zu sein, ich bin ein Psycho.“ Er versuchte witzig zu sein. Der Geruch von billigem Weichspüler lag in der Luft. „Jeder Verrückte braucht irgendwelche Medikamente. Pillen schlucken gehört gewissermaßen zur Vorstellung eines Durchgeknallten. Und damit auch jeder weiß, dass man nicht
einfach nur blöd ist, nimmt man Pillen, als Bestätigung dafür, dass man krank
ist, sozusagen.“ „Ich finde nicht, dass du verrückt aussiehst.“ Iason grinste.
„Tarnung ist alles.“ Jeanne sah ihn an. War ja klar, dieser Johnny-
Depp-Verschnitt musste irgendeine Macke haben.
„Und…, naja, du bist doch kein Serienkiller oder sowas?“ Iason rieb sich gespielt nachdenklich das Kinn. „Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber ich schätze, zum Serienkiller tauge ich absolut nicht.“ „Ich bin nicht enttäuscht. Was für eine Krankheit hast du denn nun?“ Iason war nicht sicher, ob es sonderlich klug war, seine Schwächen so offen zu legen und antwortete ausweichend: „Du bist verdammt neugierig.“ Jeanne lächelte gekonnt. „Das sagt man mir öfter. Liegt wohl in meiner Natur. Wieder zur Sache: Wenn wir schon zusammen Wäsche waschen, sollten wir uns auch besser kennenlernen. Vielleicht kann ich dir ja helfen.“ Ungewollt musste Iason lachen, worauf Jeanne lachen musste. Zwar hatte er nicht sehr viel Erfahrung im Flirten, aber es war ihm durchaus bewusst, dass es nicht unbedingt von Vorteil war, seine Krankheitsgeschichte gleich am ersten Abend auszubreiten. Dennoch überlegte er, wie er am sinnvollsten anfangen sollte. „Magst du Spinnen?“ „Nicht sonderlich, warum
fragst du?“ Iason runzelte die Stirn. „Viele Menschen haben Angst vor
irgendetwas. Mäuse, Spinnen, große Höhen sind da am beliebtesten. Das was man
fürchtet, meidet man ganz einfach. Wenn man Flugangst hat, fährt man eben mit
der Bahn. Bei mir ist das etwas schwieriger. Ich habe Angst vor Menschen.
Heutzutage ist es nicht einfach Menschen zu meiden, aber ich tue mein Bestes.
Deshalb sitze ich auch mitten in der Nacht im Waschcenter, normalerweise ist
man um diese Zeit allein hier.“ Jeanne schlug sarkastisch vor: „Kannst ja ‘nen
Zettel an die Tür hängen, wann du waschen kommst und bitten, dass sich die
restliche Bevölkerung um diese Zeit vom Waschcenter fernzuhalten hat.“ Iason
antwortete augenzwinkernd: „Gute Idee. Das werd´ ich auch beim Supermarkt
ausprobieren.“ Widerwillig musste Jeanne lachen. „Du könntest aber auch eine
Art Schocktherapie durchziehen und zur Weihnachtszeit einen Einkaufsbummel
machen.“  Nun lachte Iason. „Wenn du willst, dass ich einen Kollaps erleide, werde ich gern mal einkaufen gehen, wenn jeder Einwohner Eurekas das gerade auch tut.“ Jeanne klopfte ihm auf die Schulter. „Nun mal Spaß beiseite: Bist du in Behandlung?“ Ernsthaft gab Iason zur Antwort: „War ich ´ne Zeit lang, aber es bringt nicht viel, sich
hinzusetzen, seine Lebensgeschichte zu erzählen und nach einer Stunde gesagt zu
bekommen: Wir sehen uns nächsten Donnerstag, Mr. Sailer. Genauso gut könnte ich
dir mein ganzes Leben hier im Waschcenter ausbreiten. Meinst du, ich wäre dann
geheilt?“ Jeanne legte ihr Buch beiseite. „Wahrscheinlich nicht. Sehen wir uns
trotzdem nächsten Donnerstag?“

Der Wecker klingelte. Iason schlug nach ihm. Es hörte nicht auf zu klingeln. Es war nicht der Wecker, es war an der Tür. Iason zog das Kissen über den Kopf. Wer auch immer da an der Tür war, er hörte nicht auf, pausenlos auf den Knopf zu drücken. Fluchend griff Iason blindlings nach einem herumliegenden T-Shirt. Der Vermieter hatte die Miete anfangs der Woche bekommen. Und wer sonst konnte an einem Sonntagmorgen bei ihm Sturmklingeln?

Gereizt öffnete er die Tür bis zum Kettenanschlag und blinzelte hinaus. Vor der Tür stand ein großer, dunkelhäutiger Mann, der sich betroffen die Mütze vom Kopf riss und sie verlegen in den Händen drehte.
Zögernd fragte er: „Sind sie Mr. Sailer?“ Iason merkte, wie sein Herz wild zu
pochen anfing und seine Hände zitterten. Er war drauf und dran, die Tür einfach
wieder zu zumachen. Dennoch bejahte er mit kratziger Stimme. Der Schwarze fuhr
fort: „Nun ja, Mr. Sailer, meine Söhne haben…, ähm,…hier.“ Er steckte
Iasons EC-Karte durch den Türspalt. Iason durchfuhr es heiß. Er hatte gar nicht
bemerkt, dass sie weg war. Er nahm die Karte und entsann sich seiner guten
Erziehung. Also drückte er die Tür heran, schob die Kette zurück und bat mit
einer ungeschickten Handbewegung um Eintritt. Der Schwarze machte einen Schritt
nach vorn, Iason einen zurück. „Tja, Mr. Sailer, wissen Sie, mir ist das
furchtbar unangenehm, ich hoffe, meine Jungs haben nicht noch mehr Schaden
angerichtet. Im Grunde genommen, sind es durchaus nette Burschen, vor vier
Jahren ist ihre Mutter gestorben, ich fahre den ganzen Tag Taxi, um sie
durchzubringen und hab´ deshalb nicht immer die nötige Zeit, auf sie
aufzupassen. Sie werden doch von einer Anzeige absehen? Ich könnte sie auch mal
irgendwohin fahren, wohin sie wollen, bitte.“ Er reichte Iason seine
Visitenkarte. Dieser schluckte schwer. „Ich werde keine Anzeige machen. Es sind
ja noch Kinder. Ich danke Ihnen.“ Beide Männer standen verlegen im Zimmer.
Iason griff nach seinen Zigaretten und bot seinem Gegenüber Eine an. Dieser
lehnte ab. „Nennen Sie mich doch John, Mr. Sailer. Ich bin Ihnen sehr dankbar,
dass Sie den Diebstahl nicht melden werden. Meine Söhne werden sich bei Ihnen
entschuldigen.“ „Oh…, mmh,…John, das ist wirklich nicht nötig!“ fiel Iason
ihm ins Wort. Doch da standen auch schon drei Jungs in der Tür. Drei? Waren es
gestern nicht nur zwei gewesen? Jedenfalls hoffte Iason, dass die Drei ihrem
Vater seine peinliche Ohnmacht verschwiegen hatten. Auswendig sagten sie im
Chor auf: „Wir bitten Sie vielmals um Entschuldigung, Mr. Sailer, es wird nie
wieder vorkommen.“ John blickte mit typischen Vaterstolz auf die drei Diebe
nieder.

Er liebte seine Kinder, doch gleichzeitig hasste er sie. Und weil er wusste, dass er ihnen mit diesem Hass Unrecht tat, hatte er stets Schuldgefühle. Diese Kinder waren der Grund seiner Armut. Sie und sein verhasster Bruder. Natürlich hatte er nie gewagt seinem Bruder zu sagen, wie sehr er ihn verachtete. Und nie hatte er seinem Bruder Vorwürfe gemacht, obwohl er wusste, dass Sarah nicht sein eigenes Kind war. Um seine Ehre zu waren, gab er sich alle Mühe, das zu verbergen. Worin er sich allerdings keine Mühe gab, war seine Söhne an ihren kriminellen Handlungen zu hindern, auch wenn er immer so tat, als ob er dagegen wäre. Dies war seine einzige Chance zur Rebellion gegen
seinen Bruder Samuel, den perfekten Sohn ihrer protestantischen Eltern. Doch eines Tages, dieser Tag rückte unaufhaltsam näher, würde er beweisen, wer der Bessere von ihnen beiden war. Er würde an vorderster Front kämpfen um die Welt und seine Familie zu retten. Und alle würden ihn verehren.

In einem dreckigem Kleidchen schlich seine Tochter um die Ecke. „Tschuldige Dad, Sarah wollte nicht allein im Auto warten.“ „Schon gut Marcus.“

„Die vier sind mein ganzer Stolz.“ Sagte John an Iason gewandt. „Der Älteste, Denzel, wird bald neunzehn, Marcus ist sechzehn, Joshua zehn und die kleine Sarah ist gerade vier geworden.“ Iason nickte verstehend, obwohl ihm nicht ganz klar war, worauf dieser John hinauswollte. Irgendetwas piepte. John zog ein kleines schwarzes Ding aus der Tasche, sah kurz darauf und verabschiedete sich eilig. „Ich muss wieder an die Arbeit.
Macht keinen Unsinn und passt auf Joshua und Sarah auf.“ wies er seine ältesten
Sprößlinge an und verschwand mit einem Nicken gen Iason im Fahrstuhl. Dieser stand nun da mit den vier schwarzen Kindern vor seiner Tür und war nicht fähig zu irgendeiner Handlung. Denzel flüsterte Marcus etwas ins Ohr, er reagierte unsicher, stimmte dann aber zu. Iason fühlte sich schwindelig, es waren doch nur Kinder, und doch glaubte er, ihre Feinseligkeit zu spüren, die allein gegen ihn gerichtet sein musste.

Plötzlich rannten Denzel und Marcus Richtung Treppe, Joshua schrie ihnen etwas hinterher, doch sie waren schon verschwunden. Sarah fing an zu weinen. Ihr Bruder nahm sie in den Arm. Einfach die Tür zu machen, dachte sich Iason. Du
hast ihnen gegenüber keine Verantwortung. Iason legte Joshua seine verschwitzte
Hand auf die Schulter. „Kommt erstmal rein, ihr Beiden. Nachher rufen wir euren
Vater an, dann kommt er euch abholen.“ „Hast du Marshmellows?“ erkundigte sich
der Junge. Iason schüttelte den Kopf. „Um ehrlich zu sein, hab ich weder Essen noch
trinken da.“ Er überlegte, einkaufen gehen, vorher zur Bank mit den Kindern, die kleine sah nicht nach Langstreckenläufer aus und er konnte wegen der Menschenmengen die U-Bahn nicht nehmen, Kinder hier lassen, allein losgehen, er würde mindestens vierzig Minuten brauchen und solange konnte er die Beiden niemals alleine lassen. Was er brauchte, war Unterstützung. Doch da war niemand, den er hätte anrufen können- außer seiner noch sehr frischen Waschcenterbekannschaft. Er rief Jeanne an, nachdem er ihre Nummer aus seiner Hose gekramt hatte. Nach tiefem Durchatmen und etlichen Zweifeln, ob sie überhaupt rangehen würden, nahm am anderen Ende jemand ab. „Hi Jeanne, hier ist Iason, aus dem Waschcenter…“ Während er ihr umständlich die Lage schilderte, sah Sarah ihn aus großen blauen Augen, die aus ihrem braunem Gesicht stachen, erwartungsvoll an. Joshua indes goß aus purer Langeweile Iasons einzige Pflanze- einen schiefgewachsenen Kaktus. Das Wasser im Blumentopf gluckerte. Iason schaltete den Fernseher ein.

Zwanzig Minuten später klingelte es und Jeanne stand vor der Tür, bewaffnet mit einer Packung Spaghetti und einem Glas Soße. Sie grüßte und begab sich auf dem direkten Weg in die Küche. Iason versuchte John zu erreichen. Joshua spielte Tomb Raider und Sarah sah sich Bugs Bunny an. Es war eng in seiner Einzimmerwohnung und Besuch hatte er noch nie gehabt. Kein Herzrasen, keine feuchten Hände- er fühlte sich sicher. Hatte Jeanne mit ihrer Schocktherapie recht gehabt?

Es waren nicht genügend Teller da und nicht ausreichend Besteck. Iason und Jeanne aßen aus dem Topf, die Kinder von seinen einzigen beiden Tellern. Sarah verstreute die Spaghetti geschickt auf Iasons Bettwäsche. John meldete sich nicht. Der Nachmittag brach an. Jeanne schlug vor, in den Zoo zu gehen. Joshua trennte sich nur widerwillig vom Computer.
Iason betrachtete die Angelegenheit äußerst kritisch- dort würden Menschen
sein, außerdem erinnerte ihn jeder Zoo an seinen Vater. Sarah lachte. Jeanne
fragte: „Sie redet wohl nicht viel?“ Joshua antwortete geistesabwesend: „Nö, sie
ist taubstumm.“ „Glaub ich nicht.“ widersprach Jeanne. „Sie versteht doch
eindeutig, was wir sagen.“ Joshua zuckte vielsagend mit den Schultern.

Iason fühlte sich zwar etwas unbehaglich auf Grund der vielen Menschen im Zoo, doch sein Puls ging ruhig, Jeanne war bei ihm und zwei süße Kinder, von denen keine Gefahr ausging. Er trug Sarah auf den Schultern, damit sie die Tiere über die Absperrungen besser sehen konnte. Joshua ging brav an Jeannes Hand, die sich bei Iason untergehakt hatte. Die anderen Besucher beäugten die kleine Familie interessiert,…zwei schwarze Kinder und beide Elternteile weiß…Iason war sich dieser Blicke bewusst und ein Gefühl
des Stolzes stieg in ihm auf, dass ihm den ganzen Nachmittag etwas seines früheren Selbstvertrauens wiedergab.

Auf dem Nachhauseweg nahmen sie die U-Bahn, weil Joshua nicht mehr laufen wollte und Iason schlecht zwei Kinder tragen konnte. Abrupt verließ ihn sein Hochgefühl. Er sackte zusammen zu dem Häufchen Elend, als das er sich sah. Er drückte sich ans Fenster und versuchte die Menschen, die Fremden, zu vergessen. Jeanne sah ihn besorgt an und tätschelte ihm das Knie, dass ihm vor Scham ganz heiß wurde. Ratternd fuhr die U-Bahn in den nächsten Bahnhof ein. Sie stiegen aus und liefen zu Iasons Wohnung.

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