KEIN HELD IN SICHT- oder Iason hisst die Segel

 Hongkong, vor acht Jahren

Der Flughafen war voller Menschen und Fung konnte den Mann, den er abholen sollte, noch nicht sehen. Das Flugzeug war vor fünf Minuten gelandet und die Reisenden strömten aus der Passkontrolle. Neue und angekommene Passagiere zwängten sich bereits in den Empfangssaal. Fung kämpfte sich durch die Massen zu einer Telefonzelle, die leider besetzt war. Er konnte seinen amerikanischen Gast also auch nicht anrufen. Fung war für einen Chinesen verhältnismäßig groß, er ragte mit seinem schwarzen Haarschopf über die Menge hinweg. Dennoch konnte er in diesem Getümmel nichts erkennen und so entschloss er sich, am Ausgang zu warten. Als er durch die hohe Eingangshalle lief, hörte er jemanden seinen Namen rufen. Da stand der Wissenschaftler, mit dem Fung die nächsten zehn Monate zusammen an dem neuen Projekt arbeiten sollte. Man hatte ihn gewarnt, denn Michael Sailer sollte ein sehr direkter und redseliger Mensch sein. Dennoch war er eine Koryphäe auf dem Gebiet der Biologie. Fung lief auf ihn zu. Ein  sympathischer Mann winkte ihm entgegen. Michael war das, was man unter einem Durchschnittstypen verstand, abgesehen von seinen stechend blauen Augen, die alles zu durchschauen schienen.

Atemlos erreichte Fung sein Ziel und begrüßte den Kollegen in singendem Englisch: „Mr. Sailer, es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen. Ich habe schon viel von Ihnen gehört. Wenn Sie mir folgen würden?“ Sie gingen nach draußen, wo ihnen sengende Hitze entgegenschlug, und stiegen in ein Taxi. Fung wies den Taxifahrer an, zum Biologischen Institut zu fahren. Michael schwitzte stark und machte einen ziemlich müden Endruck, dennoch plauderte er, als wären sie seit Jahren bekannt: „Ich habe ihren Namen in einem Brief gelesen. Ich möchte Ihnen das Du anbieten. Nennen Sie mich Michael, ich würde Sie gern einfach Fung nennen.“ Fung nickte zum Zeichen seines Einverständnisses. Nachdem Michael seine Familiengeschichte dargelegt hatte und Fung auch etwas über sich zum Besten gegeben hatte, hielt das Taxi vor dem Hauptportal des Instituts. Fung zahlte und sie stiegen aus. Michael wuchtete seinen Koffer aus dem Kofferraum.

Angenehme Kühle erwartete sie im Inneren des Instituts. Fung ging zügigen Schrittes voraus und Michael folgte ihm. An einer Schleuse ließ Michael seinen Koffer zurück. Beide zogen blaue Schutzhüllen über die Schuhe, setzten Haarnetze aus Papier auf und schlüpften in weiße Kittel, bevor sie die Sicherheitszone betraten. Michael kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Diese Forschungsabteilung erinnerte ihn an einen
Bienenstock, da war ein ständiges Kommen und Gehen von fleißigen Assistenten und Wissenschaftlern. Hinter Unmengen von Sicherheitsglas befanden sich Operationssäle, Labore und Büros in einer Größenordnung, wie Michael es sich nicht in seinen kühnsten Träumen hätte vorstellen können. Fung führte ihn in einen Zuschauersaal, von wo aus man die Obduktion eines riesigen Wolfes beobachten konnte. Michael beobachtete das Geschehen interessiert. „Woher stammt dieses Tier?“ erkundigte er sich. Fung grinste und antwortete in gewohntem Singsang: „Der Wolf wurde in diesem Institut geboren. Eine der wichtigsten Forschungsabteilungen beschäftigt sich hier mit der Erhaltung von aussterbenden Tierarten. Wir haben auch Säbelzahn-, Bali- und Javatiger, einige Arten Thekodontiere, sowie Weißkopf- und Steinadler. Außerdem gibt es eine Abteilung Meeresbiologie. Zwar arbeiten dort hauptsächlich Studenten, aber die Ergebnisse können sich sehen lassen. Mittels Genmanipulation versuchen wir die Überlebenschancen dieser Tiere zu gewährleisten. Es gibt auch eine Einheit, die sich mit der Züchtung ausgestorbener Pflanzen beschäftigt, aber das zeig ich dir ein anderes Mal. Ich denke, du möchtest jetzt lieber deinen Arbeitsplatz sehen.“
Michael nickte und sie verließen den Zuschauersaal. Sie folgten den Gängen, bogen nach links ab, dann wieder nach rechts und noch einmal nach links und standen letztendlich vor einer dreifach verriegelten Stahltür. Fung schloß auf und stieß die quietschende Tür auf. Dahinter befand sich ein in Neonlicht getauchter Raum mit Operationstisch, dem nötigen Zubehör und in einer Nische stand ein Schreibtisch mit einem Computer. Michael war begeistert. „Wow, ich glaube, ich durfte noch nie in einem so komplett ausgestatteten Labor arbeiten. Wie lautet mein erster Auftrag?“ Fung deutete auf ein ovales, schwarzes Ei, das in einem Brutkasten lag. „Dein erster Auftrag ist eins unserer wichtigsten Projekte. Weißt du, was das ist?“ Fung zeigte auf das schwarze Ei und Michael nickte langsam: „Wenn es das ist, was ich glaube, wäre es eine Sensation. Ist es denn hundertprozentig echt?“ Fung sah Michael in die Augen und legte die rechte Hand auf die Brust. „Ich kann auf die Echtheit des Eies schwören. Ich selbst habe es geprüft. Die Röntgenaufnahmen liegen auf dem Schreibtisch. Außerdem haben wir eine Analyse der Schale vorgenommen, sowie einen DNS-Abstrich des Dotters. Die Ergebnisse waren eindeutig. Doch ohne unsere Hilfe wird das Geschöpf niemals überleben. Wir haben eine Infusion gelegt, die dem Embryo die nötigen Vitamine und Mineralien zuführt. Nun sind wir alle gespannt, was deine Forschungen ergeben werden.“ Michael konnte es kaum erwarten, mit seiner Arbeit zu beginnen. Fung erklärte ihm die Einstellungen des Brutkastens, gab ihm das Passwort für das entsprechende Computerprogramm und den Schlüssel für sein Appartement. „Dann sehen wir uns heute abend. Ich koche uns was Schönes.“

Wenige Wochen später knackte die Schale des Eies. Hektisch sprang Michael von seinem Schreibtischstuhl und riss dabei seinen Kaffeepott um, der Kaffee ergoß sich heiß duftend über die Computertastatur. Michael schenkte dem keine Aufmerksamkeit, denn er hockte angespannt vor dem Brutkasten mit einer Kamera in der Linken und beobachtete das einzigartige Schlüpfen seines gezüchteten Drachens. Michael begann sofort mit seinen Untersuchungen. Jede Bewegung des Jungtieres wurde genau von ihm beobachtet, analysiert und archiviert. Mit seiner putzigen Hässlichkeit erinnerte der Miniaturdrache an ein flügelloses Entenküken. Aus den Aufzeichnungen, die Fung ihm überlassen hatte, entnahm Michael, dass der letzte registrierte Drache den Namen Vishnu getragen hatte. Er fand den Namen nicht schlecht und somit nannte er den Babydrachen nach einem seiner Vorfahren.

Vishnu wuchs rasch und fackelte gelegentlich Michaels Unterlagen ab, da er sein Feuer nicht steuern konnte. Die Untersuchungen gingen gut voran und bald hatte Michael in seinem Genie auch erkannt, wie sie die Population der Drachen steigern und dennoch kontrollieren konnten. Fung arbeitete zwar noch immer an einem anderen Objekt, doch jeden Abend aßen sie gemeinsam in Fungs Appartement, wobei sie sich gegenseitig über ihre Forschungen informierten. Entweder kochte Fung etwas asiatisches oder Michael versuchte sich am Herd und behauptete, er habe amerikanisch gekocht.  Fung erzählte gern von seiner Familie, die für Michael eine unfassbare Größe hatte, sodass er nicht die geringste Ahnung hatte, über wieviele Schwestern und Brüder Fung eigentlich sprach.
Er selbst redete am liebsten von seinem Sohn, der in Amerika studierte und den er am meisten vermisste. Im Gegensatz zu Fung verfügte Michael über einen großen Bekanntenkreis, aber wenige Freunde und so gut wie überhaupt keine Familie. Fung konnte einen enormen Freundeskreis sein Eigen nennen. Dennoch ging er selten auf Partys und wenn doch, dann kam er jedesmal nüchtern und früh zurück. Um so mehr war Michael also verwundert darüber, dass Fung in letzter Zeit permanent mit Schrammen an den Armen und im Gesicht nach Hause kam, dennoch fragte er seinen neuen Freund nicht danach, denn Michael vertrat die Ansicht, Fung würde sicher von sich aus darüber sprechen, wenn er es für nötig hielt. Doch Fung sagte nichts dazu. Als er an einem Mittwochabend mit einer stark blutenden Bisswunde nach Hause kam, siegte Michaels Besorgnis und er fragte seinen Gastgeber vorsichtig nach dem Grund für
die böse Verletzung. Fung druckste lange herum, bevor er aufgrund seiner Schmerzen gestand, dass es mit seinem Projekt zusammenhing. Michael schmierte Fungs Wunde mit irgendeiner chinesischen Salbe ein, von welcher Fung behauptete, sie wäre die Einzige, die helfen würde. Trotzdem nahm er dankend eine von Michaels Schmerztabletten ein. „Es ist dieser Wolf, den wir gezüchtet haben. Wir können ihn kaum noch kontrollieren. Er hat eine Stärke und Größe erreicht, die die eines heutigen Wolfes bei Weitem übertrifft. Immerhin konnte ich den Vorstand bisher von der Auswilderung dieses meiner Meinung nach ausgesprochen gefährlichen Tieres abhalten, leider bezweifle ich, dass das noch lange gelingt. Ich mache mir große Sorgen.“
Michael war erstaunt. Deshalb erkundigte er sich nach diesem Stimmungswandel:
„Vor wenigen Wochen hast du noch mit solcher Begeisterung von unserer Arbeit
gesprochen und jetzt hältst du es für gefährlich? Warum denn?“ Fung musste
nicht lange überlegen. „Im Institut gehen merkwürdige Dinge vor, seit ein neuer
Vorstand eingesetzt wurde. Du verdankst diesem Vorstand zwar deinen Arbeitsplatz, doch andere verdanken diesem Vorstand nur ihren Tod.“ Nun wurde Michael hellhörig. „Tod sagst du? Inwiefern?“ Fung schluckte. „Du weißt, dass ich dir das alles gar nicht erzählen dürfte. Das könnte mich meinen Job kosten oder Schlimmeres.“ Michael nickte verstehend und wartete, dass Fung fortfuhr. Letzterer seufzte sagte mit melancholischer Stimme: „Ich liebe die Natur. Ihre Schönheit, diese einzigartige Vielfalt, fantasievolle Gestaltung von Aussehen und Funktion und das in raffinierter Perfektion, das hat mich schon von Kindesalter an fasziniert. Deshalb habe ich Biologie und Chemie studiert. Ich
gäbe mein Leben, wenn es zur Rettung dieser Erschaffung beitragen würde. Noch
während des Studiums bewarb ich mich für einen Assistentenposten in unserem
Institut. Ich wollte unbedingt am Projekt Artemis mitarbeiten.“ Fung hing dem Gedanken nach. Seine Augen glänzten fiebrig. Michael überlegte laut: „Artemis wie die Göttin der Jagd und der Jugend?“ Fung flüsterte unheilvoll: „Artemis, wie die Beschützerin der wilden Tiere. Das ist auch mein Anliegen. Bis auf diese dämliche Wette.“ Michael fragte ratlos. „Was denn für eine Wette? Davon habe ich gar nichts gehört.“ Fung schüttelte bedauernd den Kopf. „Es gibt eine Geschichte, ihr würdet sie Sage nennen, doch wir Chinesen sind ein abergläubisches Volk. Diese Legende handelt von Uschanas und Katscha, zwei verfeindeten Priestern aus der alten Welt. Jedenfalls existieren beide Geschlechter auch heute noch. Und sie haben sich noch immer nicht versöhnt. Dabei heißt es, sie seien Brüder.  Lan Tao Katscha ist im Vorstand und Gregorz Uschanas leitet das Projekt Artemis. Katscha vertritt die Ansicht, aussterbende, beziehungsweise ausgestorbene, Tierarten sollten von der Erdoberfläche verschwunden bleiben. Uschanas hingegen plädiert für die Ansicht, dass der Mensch im Prinzip Schuld an der Ausrottung verschiedener Arten trägt und somit dem Menschen die Aufgabe zufällt, diese Ausrottung zu stoppen oder rückgängig zu machen. Katscha hat mit Uschanas gewettet, dass es ihm nicht gelingen wird, die Tiere der alten Welt, so nennt Katscha die Zeit vor der menschlichen Zivilisation, in die neue Welt, das ist dann die Zeit heute, einzugliedern. Obwohl Uschanas ein exzellenter Wissenschaftler ist, hat er die Wette angenommen. Allerdings spielt Katscha nicht fair.“ Fung seufzte. Michael
war einigermaßen erleichtert. Dass es sich nur um eine Wette handelte, fand er
beruhigend. Indes fuhr Fung fort: „Ich meine, er sabotiert nicht unsere Forschung oder sowas. Ich habe den Verdacht, dass er ganz andere Pläne hat.
Gefährliche Pläne. Pläne, von denen Uschanas nicht den blassesten Schimmer hat,
denn sonst hätte er die Wette niemals angenommen.“ Michael wurde zwar
neugierig, begriff aber die Besorgnis seines Freundes nicht. Was konnte man
denn Gefährliches mit Adlern und Minisauriern anfangen? Fung senkte nun die
Stimme verschwörerisch: „Katscha weiß genau, wie er seine Marionetten bedienen
muss. Wahrscheinlich hältst du es für lächerlich, aber du hast auch nicht
gehört und gesehen, was ich hörte und sah. Katscha will Macht. Und die
Geschöpfe, die wir zum Leben erwecken sind nur Mittel zum Zweck. Weißt du, zu
was dein Drache fähig sein wird, wenn er groß ist? Noch ist er ein Baby, dass
dich mit seinem tapsigen Bewegungen, dem unkontrolliertem Feuerhusten und
seinem unbeholfenem Flügelschlagen amüsiert, aber hast du je darüber
nachgedacht, zu was Vishnu in der Lage ist, wenn er erst Fliegen kann, sein
Feuer steuert und zwanzig Mal so groß ist, wie jetzt? Wenn du dieses Bild vor
Augen hast, dann stell dir nun hunderte von seiner Art vor und du müsstest eine
vage Vorstellung von dem haben, was diese Tiere mit unserer Welt anstellen
könnten. Ginge es ausschließlich um die Drachen, wäre das Problem wohl zu
bewältigen. Jedoch sind es nicht nur Drachen, sondern noch viel mehr Tierarten,
die wir züchten. Das Projekt Artemis beispielsweise arbeitet an einem Wolf, der
aus der griechischen Mythologie bekannt ist: Dem Fenriswolf. Man sagt, er sei
der Wächter der Unterwelt. Außerdem ist eine Chimära entstanden, ein
Mißgeschick der Natur. Katscha liebt so etwas. Gerade diese Vorliebe machte
mich misstrauisch. Deshalb stellte ich Nachforschungen an. Ich stahl
Passwörter, um in mir unzugängliche Dateien einblicken zu können. Ich
versteckte mich im Verwaltungstrakt und konnte so Gespräche mitanhören, die
mich schockierten. Ganz ehrlich: Hältst du es für natürlich, den Minotaurus zu
erschaffen, nur weil eine Legende davon berichtet? Selbst in der Legende bringt
er nur Unheil, was würde passieren, wenn er in Hongkong herumliefe?“ Michael
war beinahe sprachlos und informierte sich verwirrt: „Du meinst diesen
Gladiator mit dem Stierkopf aus dem Labyrinth des Minos auf Kreta? Das ist ja
nun wirklich nur eine Erfindung, kein vernünftiger Wissenschaftler würde
versuchen, einen Mann mit einen Stier zu kreuzen!“ Eifrig nickte Fung. „Eben.
Doch gerade sowas verlangt Katscha von seinen Wissenschaftlern. Die Weißkopfadler
interessieren ihn überhaupt nicht. Ständig fragt er, wie weit du mit dem
Drachen bist und treibt die Auswilderung des Fenriswolfes an, dass es mir Angst
macht. Weißt du, was dieses Tier, ich mag es kaum so nennen, am Tag frisst?“ Er
wartete die Antwort Michaels gar nicht erst ab. „Mindestens drei Ochsen braucht
Attila täglich!“ Fung betonte täglich nachdrücklich. Michael grinste. „Attila, der Hunnenkönig?“ Fung nickte. „Nun ja, Attila ist bekannt für seine Grausamkeit und Machtgier. Deshalb fanden wir den Namen ausgesprochen passend. Allein die Vorstellung, dass eines Tages ein ganzes Rudel seiner Art durch unserer Wälder streift, macht mir Angst. Dazu noch eine feuerspuckende Drachenfamilie und eine Herde mordender Chimäras, schon ist die Katastrophe perfekt.“ Michael dachte darüber nach. Er sah brennende Dörfer und schreiende Menschen. Vishnu eine Gefahr? Er wollte es
nicht glauben, dennoch nagten Zweifel an ihm. Egal, ob ein Lebewesen friedlich
oder ein Gegenstand harmlos schien, ein Mensch konnte es in seinem Ehrgeiz und
seiner Besessenheit zu einer beachtlichen Bedrohung werden lassen. Michael kannte viele solche Beispiele aus der historischen Geschichte, weshalb ihm Fungs Bekenntnisse durchaus glaubhaft erschienen.

Voller Enthusiasmus erwiderte er: „Dann bleibt nur eins zu tun. Wir müssen Katscha das Handwerk legen, bevor er wirklichen Schaden anrichtet. Vielleicht solltest du Uschanas erzählen, was du mir eben berichtet hast. Er würde mit Sicherheit etwas gegen Katschas Pläne unternehmen!“ Fung zuckte resignierend mit den Schultern. „Das ist ja gerade das Problem. Uschanas ist so versessen darauf, diese verdammte Wette zu gewinnen, dass er gegenüber Katschas wahren Absichten vollkommen blind ist. Er würde mir nicht glauben. In seinem Herzen ist Uschanas ein zutiefst religiöser Mann. Die einzige
Unterstützung, die wir uns von ihm erwarten können, ist die, dass er für uns
betet. Wenn jemand Katscha in seinem Wahnsinn aufhalten soll, dann sind wir
das.“ Michael nickte geistesabwesend. Er dachte an seinen Sohn, der alles war,
was er hatte. Für ihn würde er sein Leben geben. Könnte er es denn
verantworten, dass eines Tages durch einen dummen Zufall sein eigenes Fleisch
und Blut einem Fenriswolf oder einem Drachen zum Opfer fiel? Wohl kaum. Deshalb
sicherte er Fung auf der Stelle seine Unterstützung gegen Katscha zu.

Gleich am nächsten Morgen begannen sie, Pläne zu schmieden, wie sie Katscha aufhalten konnten. Die Sachlage war simpel. Es musste lediglich ein neutrales Vorstandsmitglied von Katschas Wahnsinn überzeugt werden. Wenn das geschehen war, sollte eben dieses Mitglied ein Misstrauensvotum einlegen und Katscha konnte unter optimalen Umständen einfach abgesetzt werden. Somit wäre das Problem beseitigt. Fung wollte in Erfahrung bringen, welcher Mitarbeiter ihre Anforderungen erfüllte, während Michael unterdessen Beweismaterial gegen Katscha sammeln sollte, um diesen seiner Machenschaften zu überführen.

Wenige Tage nach diesem Gespräch war Fung tot. Laut den Informationen, die Michael darüber bekam, war es ein Arbeitsunfall. Doch nach allem, was er mittlerweile wusste, konnte er dem nicht recht glauben. Nachdem er Fungs Angehörige und einige seiner engsten Freunde über den tragischen Tod informiert hatte, hielt er es für sicherer, nach
Amerika zurückzukehren. Zwar wusste Michael sehr genau, dass das Problem damit
nicht aus der Welt war, doch tot konnte er schließlich nichts mehr erreichen,
weshalb es ihm intelligenter erschien, seinen Auftrag von Amerika aus
fortzusetzen. Er freute sich trotz allem sehr auf seine Rückreise, er sähe
seinen Sohn wieder und würde wieder als Professor an der Uni lehren. Leider
hatte er Katschas Machtgier weit unterschätzt, denn sobald Michael im Flugzeug
saß, organisierte Katscha bereits seinen Abgang.

Als Vorstandsmitglied stand es Lan Tao Katscha zu,
seine ständige Entscheidungsgewalt in allen Bereichen des Forschungsinstituts
zu nutzen, was er auch tat. Nachdem er eine Absage der chinesischen Regierung
zur Auswilderung seiner Geschöpfe erhalten hatte, tobte er vor Wut. Doch konnte
ihn auch das nicht aufhalten. Er schiffte seine Kreaturen in Länder mit weniger
umständlichen Bestimmungen ein und machte sich das Warschauer Abkommen zur
Erhaltung aussterbender Arten zu Nutze. Die zukünftigen Heimatländer seiner
tödlichen Kreaturen empfingen ihn sogar noch mit Handkuss, aus Dankbarkeit
darüber, dass er sie erwählt hatte, um den mystischen Tieren ein neues Heim zu
bieten.

Katscha mochte verrückt sein, aber dumm war er
jedenfalls nicht. Er besaß Diplome auf mehren Gebieten, die er alle samt mit
Magna cum laudum abgeschlossen hatte. Sein Genie allein war gefährlich genug,
doch gepaart mit seinem brillianten Menschenverstand und seinem irrwitzigen
Wahnsinn nahm es beängstigende Dimensionen an. Da er sich des Risikos, das von
Michael Sailer ausging, selbstverständlich bewusst war, zögerte er nicht, seine
Handlanger Li und Maoh anzurufen. „Tötet ihn. Sobald ihr das erledigt habt,
ruft mich an, dann geb’ ich euch weitere Anweisungen.“

Noch am selben Abend saßen die beiden Männer im Flugzeug nach Eureka. Sie erreichten ihr Ziel nur allzu schnell. Einer der Beiden rief ihren Auftraggeber an. „Ist erledigt, Boss.“ Katscha kam kein Lob von den Lippen. Vielmehr plante er im selben Moment die Ansiedlung seiner Kreaturen in Eureka, da Li und Maoh sowieso gerade vor Ort waren. Nicht mehr lange und die Welt wäre sein. All seine Träume und Wünsche erfüllten sich langsam und am meisten daran belustigte ihn die Tatsache, dass sein Erzfeind derjenige gewesen war, der seinen Plan ins Rollen gebracht hatten. Uschanas war noch immer ahnungslos und mit Michael Sailers Tod war auch die letzte Schwachstelle ausgemerzt. Katscha wollte keine Fehler machen, deshalb beauftragte er Li und Maoh: „Bleibt, wo ihr seid, wir sind mit dieser Stadt noch nicht fertig. Er könnte es schon jemanden erzählt haben. Behaltet die Sache im Auge. Wie habt ihr ihn beseitigt?“ Der Killer antwortete mit unverhohlenem Stolz in der Stimme: „Wir haben ihn auf einem Platz inmitten von Menschen erwischt. Li hat ihn vom Dach aus erschossen. Kein Verdacht fällt auf uns.“ Katscha überlegte, wie er am besten verhindern konnte, dass Uschanas Wind von seinem Vorhaben bekam und verurteilte nur aus diesem Grunde ganz Eureka zum Untergang.

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